Hans-Otto Ramdohr (* 13. August 1902 in Hannover; † 3. Februar 1969 in Lübeck) war ein SA-Führer in Schlesien, Leutnant der Abwehr und Ausbilder von Werwolf-Untergrundkämpfern.
Herkunft und Familie Hans-Otto Gottfried Ludwig Anton Ramdohr war Sohn des aus Aschersleben stammenden Generalmajors Georg Otto Ramdohr und dessen in Köln geehelichter Gattin, Antonie (Toni) Marie Charlotte Kammerich.persönliche Mitteilung des Dr. Grzegorz Bębnik vom 14. Juli 2021Webseite, Stammbaum Kammerich. (Abgerufen am 27. Juli 2021) Nach 1918 besaß die Familie einen Gutshof, gelegen auf einer Anhöhe bei Ratzeburg, dessen Bewirtschaftung Hans-Ottos Schwester Lotte um 1932 im Alleingang verwaltete. Um 1931 stiftete die Familie historische MünzenLauenburgische Heimat, Heft 3 1931, Zeitschrift des Heimatbundes Herzogtum Lauenburg e. V. (1931/3 -101); Online-Eintrag. (Abgerufen am 20. Juli 2021) an ein dortiges Heimatmuseum, und im Mai 1931 übergab Hans-Otto Ramdohr außerdem noch einige prähistorische bronzene Fundstücke.Lauenburgische Heimat, Heft 4 1931, Online-Eintrag, PDF (Abgerufen am 20. Juli 2021) mini|Hans-Otto Ramdohr, Führer der SA-Standarte 271 in Hindenburg, 1935
Leben Vor 1934 Ramdohr besuchte zunächst ein humanistisches Gymnasium, trat ab 1914 in ein Kadettenkorps in Berlin-Lichterfelde ein und machte um 1918 das Abitur. Er soll eine Ausbildung oder ein Studium der Forstwirtschaftlaut Erinnerungen Lieselotte Fürst-Ramdohr, deren Bruder Hans Ramdohr (1912–1989) um 1931 im nahegelegenen Mölln als Getreidehändler ausgebildet wurde und recht häufig bei den Verwandten in Ratzeburg zu Gast war. absolviert haben und erhielt einen Abschluss als „staatlich geprüfter Landwirt“. Da er von Historikern manchenorts auch als EsteAndreas Weigelt, Klaus-Dieter Müller, Thomas Schaarschmidt und Mike Schmeitzner (Hrsg.): Todesurteile sowjetischer Militärtribunale gegen Deutsche (1944–1947). Eine historisch-biographische Studie (Vandenhoeck & Ruprecht Güttingen 2015), S. 380 (Digitalisat mit eingeschränkter Vorschau bei Google Books, abgerufen am 20. Juli 2021), ISBN 978-3-647-36968-6 bezeichnet wird, ist es nicht unwahrscheinlich, dass er schon 1919 mit dem Freikorps Roßbach im Baltikum war.
1920 gehörte Ramdohr als Fahnenjunker der Arbeitsgemeinschaft Roßbach an. Im August 1920 wurde Ramdohr während eines Treffens auf dem Bahnhof Stettin von Edmund Heines über die von Heines durchgeführte Erschießung eines Angehörigen der Arbeitsgemeinschaft namens Willi Schmidt informiert, der verdächtigt wurde, den Verrat von Waffenverstecken der Arbeitsgemeinschaft an alliierte Überwachungskommissionen oder Kommunisten zu beabsichtigen. Nachdem die Tat Jahre später zur Kenntnis der Behörden gelangt war und Heines und andere Tatbeteiligte in einem vielbeachteten Feme-Prozess wegen Mordes angeklagt wurden, nahm Ramdohr als Zeuge am zweiten Stettiner Fememordprozess vom März 1929 teil.Geheimes Staatsarchiv: Rep. 84a, Nr. 55033: Urteil des Landgerichts Stettin gegen Heines und Genossen vom 13. März 1929, S. 60.
Nachweislich war er Fahnenjunker-Unteroffizier im Freikorps Roßbach 1921 bei Aufständen in Oberschlesien und soll das Schlesische Bewährungsabzeichen II. Klasse erhalten haben. Juni 1925 bis April 1926 diente er in Eutin als Schütze in der 6. Kompanie des 6. Infanterie-Regiments.Diese 6. Kompanie stand in der Tradition des kaiserlichen Infanterie-Regiments 163 Seit 1925 war er zudem SA-Mitglied und in der Folgezeit Führer verschiedener SA-Standarten in Schlesien, wo er zumindest seit 1931Adressbuch Gleiwitz 1931 (online bei Silesian Digital Library, Katowice) wohnhaft war.
Aufstieg in der SA Zum 1. August 1932 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.272.214)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/33681271 und war SA-Sturmführer. 1933 war er Obersturmbannführer in der SA-Standarte 38 in Glatz. Im Zuge von Ereignissen des Röhm-Putsches wurde er im Juli 1934 wohl für einige Zeit von der Gestapo in Haft genommen, da er „stark an Exzessen beteiligt“ gewesen sein soll.Grzegorz Bębnik: Sokoły kapitana Ebbinghausa. Sonderformation Ebbinghaus w działaniach wojennych na Górnym Śląsku w 1939 r. Libron / IPN Kattowitz (2014), Seite 227-238, ISBN 978-83-7629-759-0 / 978-83-65148-06-3
Bald konnte er jedoch in der SA weiter aufsteigen, und so war er ab Oktober 1934 Standartenführer (Oberst) der SA-Standarte 271 in Hindenburg„Der Oberschlesische Wanderer“, 19. März 1935, Seite 5: Standartenführer Ramdohr verlässt Hindenburg (online sbc.org.pl, abgerufen am 2. Oktober 2021) und ab März 1935 der SA-Standarte 63 in Oppeln. 1936 trat er aus der evangelischen Kirche aus und wurde in offiziellen Dokumenten als „gottgläubig“ geführt.
Anschlag in Orzesche 1939 1938 schließlich war er Führer der SA-Standarte 22Der Oberschlesische Wanderer, 1938, Jg. 111, Nr. 134, Seite 10 (online sbc.org.pl, abgerufen am 2. Oktober 2021) in Gleiwitz. Er wohnte dort in der Jahnstraße 9Gleiwitzer Heimatkalender 1940 für das Gleiwitzer Land, 1939, S. 122; der ihm unterstellte und mit Kriegsverbrechen in Verbindung gebrachtePolnische Webseite des Instituts für Nationales Gedenken przystanekhistoria.pl. (Abgerufen am 20. Juli 2021) Sturmführer Karl Rolle (vermutlich † ca. 1945 KZ Buchenwald), ein vorbestrafter Gewalttäter, wohnte in der dortigen Spitzwegstraße 13. Am 12. Februar 1938 nahm Ramdohr im Haus Oberschlesien mit dem Führer der SA-Brigade 17, Richard Aster, an einer Besprechung über eine SA-Siedlung in Eichenkamp teil.Der Oberschlesische Wanderer, 1938, Jg. 110, Nr. 43, S. 5 (online)
Ab 1939 war er zudem an Aktionen für die Breslauer Dienststelle der Abwehr, Abteilung II (Sabotage und Zersetzung der Wehrkraft im Feindesland), beteiligt und war diesbezüglich (wohl zur Instruktion) im April 1939 in Berlin.Der Oberschlesische Wanderer, 1939, Jg. 112, Nr. 109, 21. April 1939, Seite 6 Ramdohr leitete eine Sonderformation für verdeckte Diversionsaktionen im polnischen Teil von Oberschlesien, wobei er Weisungen der Kampforganisation „Ebbinghaus“ (eines berüchtigten FreikorpsPolnische Webseite des Instituts für Nationales Gedenken przystanekhistoria.pl. (Abgerufen am 20. Juli 2021) aus bewaffneten Zivilistengruppen, unter Hauptmann Ernst Ebbinghaus) befolgte.Grzegorz Bębnik (IPN Katowice): Członkowie niemieckich grup dywersyjnych z Gliwic i ziemi gliwickiej i ich działania w 1939 r. Artikel zu deutschen Diversions-Gruppen bei Gleiwitz 1939 (online als PDF (224kb)). Abgerufen am 25. Juli 2021. Am ersten Kriegstag erlitten die Freischärler der Formation Ebbinghaus im Kampf gegen reguläre polnische Verbände Verluste von 174 Toten und 133 Verwundeten und zogen sich aus direkten Gefechten zurück.Kampftagebuch der 3. Grenzschutz-Abteilung (Kattowitz) vom 1. September 1939 (Fragment), S. 79, siehe G.Bębnik: Członkowie niemieckich grup dywersyjnych... S. 54
Am 3. September 1939 wurde ein fingierter Anschlag mit Schusswaffen auf den in der Kleinstadt Orzesche im Kreis Pleß stationierten Stab des VIII. Armeekorps durch vermeintlich unbekannte TäterGrzegorz Bębnik (IPN Katowice): Członkowie niemieckich grup dywersyjnych z Gliwic i ziemi gliwickiej i ich działania w 1939 r. Seite 54 angeordnet, um einen Vorwand für nachfolgende Säuberungen in diesem Gebiet zu konstruieren. Mit einer solchen Aktion sollten nicht die regulären Wehrmachtsangehörigen belastet werden, und man griff daher auf Ramdohrs Einheit zurück.
Im Kampftagebuch der 3. Grenzschutz-Abteilung vom 3. September findet man einen entsprechenden Vermerk: „...Die Sektion Grenzschutz befiehlt der Organisation Ebbinghaus, das Gebiet um Orzesche mit Hilfe von etwa 300 Männern zu säubern. Sie sind mit Autos zum Oberkommando des VIII. Armeekorps zu verbringen, um dort im Kampf eingesetzt zu werden und ihre Flügel gegen die zahlreichen Partisanen zu sichern...“
Ramdohr wurde am 4. September 1939 zusammen mit seinen 300 Freischärlern in die Nähe der Stadt transportiert und führte die geplante Säuberung durch, der etwa 23 ZivilistenGrzegorz Bębnik (IPN Katowice): Członkowie niemieckich grup dywersyjnych z Gliwic i ziemi gliwickiej i ich działania w 1939 r. Seite 55 zum Opfer fielen.Ramdohr war wohl an der Inszenierung des vermeintlichen Zwischenfalls beteiligt. Am selben Tag, dem 4. September, wurden alle Einwohner auf dem Marktplatz von Orzesche versammelt, und unter aktiver Beteiligung von örtlichen NS-Sympathisanten wurden insgesamt 23 Personen selektiert, die als Feinde des "Deutschtums" galten. Nachdem diese im Keller des örtlichen Forstgebäudes gefangen gehalten worden waren, verbrachte man sie am folgenden Tag in einen nahegelegenen Wald. Dort wurden sie von Mitgliedern der Sonderformation erschossen. Am nächsten Tag wurde ein Bericht von Gleiwitz zur Dienststelle der Abwehr Breslau geschickt, in dem zu lesen war: „...Standartenführer Ramdohr, ein Mitglied der K [Kampf] Organisation, meldet durch [Agent] VC 1219, dass in Orzesche alles in Ordnung sei und der Einsatz tadellos geklappt habe.“ (Quelle: Grzegorz Bębnik (IPN Katowice): Członkowie niemieckich grup dywersyjnych z Gliwic i ziemi gliwickiej i ich działania w 1939 r. Artikel zu deutschen Diversions-Gruppen bei Gleiwitz 1939)
Weitere Aktivitäten bis 1945 In der zweiten Septemberhälfte 1939 wurde in der Gleiwitzer Kaserne von Ramdohrs SA-Standarte eine Abwicklungsstelle für Freischärler der am 8. September aufgelösten Sonderformation mit dem Zweck eingerichtet, diesen Dienstzeugnisse auszustellen. Im Februar 1940 hielt Ramdohr als SA-Standartenführer auf einem Volksgemeinschaftsabend (im Eichendorff-Lyceum Gleiwitz) der NSDAP Reden über die Notwendigkeit der vormilitärischen Erziehung und weltanschaulichen Prägung der Bevölkerung.Der Oberschlesische Wanderer, 1940, Jg. 113, Nr. 46, Seite 4
Einer Einberufung zum Frontdienst vom 3. Mai 1940 entwich Ramdohr mit einer Bewerbung bei der Abwehr, was ihm die Kritik höherer Vorgesetzter der SA-Gruppe Schlesien einbrachte, die ihn aufforderten, wie andere Mitglieder seiner SA-Standarte an der Front zu dienen, und auch seine bisherige Kooperation mit der Abwehr missbilligten.Brief Georg Dzwiza, Führer der Untergruppe/Brigade 18 der SA an das Gerichtsamt der Obersten SA-Führung, 29. Okt. 1940 1942 war Ramdohr als Sabotagespezialist der 17.Armee (Abwehr II bei Ic AOK 17) zugeordnet. Hierzu reichte er dort am 9. Mai 1942 (vor seinem Offizierslehrgang) ein Memorandum mit dem Titel Erfahrungen bei Aufstellung und Einsatz von K- und S-TruppeBAMA Freiburg RW 49/142 ein, das er jedoch mit seiner höheren SA-Rangbezeichnung als Standartenführer und nicht mit seinem niedrigeren militärischen Rang bei der Abwehr (Feldwebel) unterzeichnete.
Nachstehend ein Auszug aus dem Erfahrungsbericht von Standartenführer Ramdohr, in dem er eindeutig darauf hinweist, wie für die S (Sabotage) Arbeit ausgebildete Männer unauffällig „beseitigt“ (sprich ermordet) werden sollten.
„Falls Leute ausgeschieden werden müssen, bei Gehorsamsverweigerung oder gar Verrat, diese ohne Aufsehen abtransportieren, als Versetzung in Arbeitslager getarnt, und hierbei beseitigen.“
Die 17. Armee stieß da nach im Sommer 1942 im Rahmen des „Unternehmens Edelweiß“ südlich von Rostow am Don auf den Kaukasus vor. Abwehroffizier im Ic-Stab im Stab des AOK 17 war Oberstleutnant Siegfried Hoefs (gefallen am 16. Juli 1944). Ihm unterstanden die Frontaufklärungsverbände der 17. Armee.Andrej Angrick, Besatzungspolitik und Massenmord - Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941-1943, Hamburger Edition, 2003, ISBN 3-930908-91-3, S. 654.