Der Schach-Weltpokal 2023 (offiziell: FIDE World Cup 2023) fand zwischen dem 29. Juli und dem 26. August 2023 in Baku, Aserbaidschan, statt. Dies war eine Abkehr von der Tradition der FIDE, nach der das Land, in dem die Schacholympiade 2024 stattfindet (Ungarn), den Weltpokal hätte veranstalten sollen.
Den Gesamtsieg sicherte sich der erstgesetzte Spieler der Setzliste, Ex-Weltmeister Magnus Carlsen. Im Finale setzte er sich im Schnellschach-Tie-Break gegen R. Praggnanandhaa durch. Den dritten Platz sicherte sich Fabiano Caruana gegen Nicat Abasov. Die beiden Finalisten sowie der Drittplatzierte waren damit für das Kandidatenturnier für die WM 2024 qualifiziert. Da Carlsen im Januar 2024 auf seinen Platz im Kandidatenturnier verzichtete, rückte Abasov für ihn nach.
Parallel zu diesem für alle Geschlechter offenen Weltpokal (an dem aber nur Männer teilnahmen) fand am selben Ort der Schach-Weltpokal der Frauen 2023 statt. Frauen-Weltmeisterin Ju Wenjun war als einzige Frau für den offenen Weltpokal qualifiziert, verzichtete jedoch auf ihren Startplatz und nahm stattdessen am Weltpokal der Frauen teil.
Ablauf und Organisation Preisgeld und Setzliste An dem Turnier, das im K.-o.-System ausgetragen wurde, nahmen – wie schon beim Weltpokal 2021 – 206 qualifizierte Spieler der Weltspitze teil. An die Sieger der jeweiligen Runde wurde gemäß Punkt 4.8 der Regularien ein Preisgeld von insgesamt 1.834.000 US-Dollar ausgeschüttet. Nach Punkt 4.1 erhielten die 50 bestgewerteten Spieler nach Setzliste zusätzlich ein Freilos für die 1. Runde, sodass sich über die Rundenzahl folgende Verteilung ergab:
Runde Teilnehmerzahl Preisgeld 1. Runde 156 Spieler 2. Runde 128 Spieler (78 Gewinner der ersten Runde und 50 topgesetzte Spieler) 3. Runde 64 Spieler 4. Runde 32 Spieler Achtelfinale 16 Spieler Viertelfinale 8 Spieler Halbfinale 4 Spieler (4. Platz) (3. Platz) (2. Platz) (Gewinner) Spiel um Platz 3Finale 2 Spieler2 Spieler
Die Paarungen wurden anhand der FIDE-Weltrangliste ermittelt, wobei in Runde 1 der höchstgesetzte Spieler gegen den Spieler mit der geringsten Elo-Zahl antrat. Falls der höhergesetzte Spieler stets gewinnt, ergibt sich daraus ein Turnierbaum, bei dem die bestgesetzten Spieler im Finale stehen. Hätte sich der Weltmeister dazu entschlossen, am Turnier teilzunehmen, hätte dieser die Setzlistenposition 1 erhalten (siehe Abschnitt 4.2). Da Ding Liren seine Teilnahme jedoch absagte, blieb diese Regel ungenutzt.
Zeitkontrolle und Tie-Break Jedes Match wurde als Mini-Zweikampf ausgetragen. Zunächst wurden zwei Partien mit klassischer Zeitkontrolle gespielt, d. h. 90 Minuten für die ersten 40 Züge, gefolgt von 30 Minuten für den Rest der Partie. Zusätzlich gab es einen Zeitzuschlag von 30 Sekunden ab dem ersten Zug (siehe Abschnitt 4.4 der Regeln). Sollte das Match nach zwei Partien nicht entschieden sein, wurde ein Tie-Break notwendig. Dazu wurden nach Abschnitt 4.7 der Regularien jeweils zwei Partien mit geringerem Zeitumfang gespielt, zunächst im Schnellschachformat (25 min für die ganze Partie; 10 s Zeitzuschlag ab Zug 1), dann im verkürzten Schnellschach (10 min für die ganze Partie; 10 s Zeitzuschlag ab Zug 1) und schließlich im Blitzschach (5 min für die ganze Partie; 3 s Zeitzuschlag ab Zug 1). Sollte weiterhin kein Sieger feststehen, wurden solange einzelne, verkürzte Blitzpartien (3 min für die ganze Partie; 2 s Zeitzuschlag ab Zug 1) gespielt, bis ein Sieger feststand.
Im Turnier galt nach Punkt 4.5 zusätzlich die Sofia-Regel, was bedeutet, dass ein Remis vor dem 30. Zug von Schwarz nur durch Stellungswiederholung oder Patt reklamiert werden kann. Sonst ist eine Vereinbarung der Spieler zum Remis erst nach dem 31. Zug möglich.
Zeitplan Die Runden 1 bis 3 wurden nacheinander gespielt, wobei für jede Runde drei Tage eingeplant waren; jeweils zwei Tage für die klassischen Partien und ein Tag für mögliche Tie-Break-Matches. Vor der 4. Runde fand ein Ruhetag statt (siehe Abschnitt 4.9). Wie bereits 2021 wurde das Finale und das Spiel um Platz 3 im gleichen Format gespielt, wie das restliche Turnier. Noch beim Weltpokal 2019 war das Finale auf vier klassische Partien angesetzt.
Qualifikation
Es konnten sich sieben Vertreter aus Deutschland über die Schach-Europameisterschaften qualifizieren: Neben Daniel Fridman, Niclas Huschenbeth und Rasmus Svane waren der Vize-Europameister von 2021 Vincent Keymer und der Europameister von 2022 Matthias Blübaum dabei. Über die Europameisterschaft 2023 stießen noch Alexander Donchenko und Frederik Svane zu den deutschen Qualifikanten. Zudem hat Dmitrij Kollars die Wildcard des DSB erhalten. Mit insgesamt acht Deutschen waren so viele beim Weltpokal vertreten wie noch nie.
Aus Österreich konnte sich über die EM 2023 nur Valentin Dragnev qualifizieren, aus der Schweiz konnte sich kein Spieler qualifizieren. Aufgrund von Nachrückerregelungen und Nominierungsplätzen durch die Schacholympiade kamen Markus Ragger und Felix Blohberger zu den österreichischen Qualifikanten hinzu.
Ende Mai 2023 veröffentlichte die FIDE eine provisorische Liste mit Teilnehmern. Insgesamt verlief die Qualifikation gemäß Abschnitt 2 der Regularien nach den unten beschriebenen Kriterien. Am 4. Juli 2023 veröffentlichte die FIDE dann den vollständigen Turnierbaum und damit eine Liste aller Teilnehmenden. Es blieb zu vermuten, dass die Auffüllungen und Ersetzungen mit dem Rückzug aller armenischen Spieler vom Turnier zusammenhängt (siehe Bergkarabachkonflikt).
Kriterien Teilnehmer I amtierender Weltmeister GM Ding Liren II 4 Halbfinalisten desWeltpokals 2021 GM Jan-Krzysztof Duda GM Sergei Karjakin GM Magnus Carlsen GM Wladimir Fedossejew III amtierende Weltmeisterin GM Ju Wenjun IV amtierender U20-Juniorenweltmeister GM Abdulla Qədimbəyli Va jeder Kontinentalverband erhält3 garantierte Plätze zur Vergabe3x Afrika3x Amerika3x Asien3x Europa Qualifikationsplätze werden über kontinentale Meisterschaften und Zonenturniere vergeben:
Zonenturniere: Vb 8 Plätze der Kontinentalverbändeentsprechend der besten achtJunioren (Spieler unter 20 Jahren) nachWeltrangliste vom Januar 20221x Amerika3x Asien4x Europa Vc 60 Plätze der Kontinentalverbändeentsprechend der Weltranglistevom Januar 20221x Afrika7x Amerika12x Asien40x Europa VI 13 höchstgewertete Spieler ausder Weltrangliste vom Juni 2023 VII 1 Spieler der ACP-Tour 2022 die ACP verzichtet auf ihren Startplatz VIII 100 71 Spieler, nominiert von den besten Nationennach Endtabelle der Schacholympiade 2022 IX 4 Spieler, nominiert vom FIDE-Präsidenten X 2 Spieler, nominiert vom Organisator GM Eltac Səfərli GM Aydın Süleymanlı
Spieler, deren Namen durchgestrichen sind, waren bereits auf andere Weise qualifiziert oder verzichteten auf eine Teilnahme und wurden daher ersetzt. Die genannten Titel stammen vom jeweiligen Qualifikationszeitpunkt.
Ersetzungen Ersetzungen innerhalb eines Qualifikationsweges wurden bereits behandelt. Zusätzlich kam es zu pfadübergreifenden Absagen, wobei die Absagen von Ding Liren, Sergei Karjakin und Ju Wenjun allesamt an Nachrücker aus der Elo-Liste vom Juni 2023 übergingen. Absage Nachnominierung GM Ding Liren GM Nodirbek Abdusattorov GM Sergei Karjakin GM Parham Maghsoodloo GM Ju Wenjun GM Santosh Gujrathi Vidit kein armenischer Repräsentant über Weg VIII GM Məhəmməd Muradlı
Turnierverlauf Runde 1 In der ersten Runde trafen die Spieler aufeinander, die nicht bereits durch ein Freilos in die zweite Runde gesetzt waren. Einzig Eric Hansen und Christopher Yoo konnten nicht rechtzeitig anreisen und verloren damit kampflos ihr Match. In vielen der 76 Begegnungen konnten sich die Favoriten, wie Abhimanyu Puranik, Javohir Sindarov oder Alexandr Fier durchsetzen. Auch alle deutschen Spieler erreichten ohne Tie-Break die zweite Runde.
Der Österreicher Felix Blohberger konnte nach der verlorenen ersten Partie seine Chancen nutzen und durch einen Sieg den Tie-Break erreichen. Nach je einem Weißsieg im Schnellschach verlor er jedoch zwei Partien in Folge und schied aus. Ähnlich spannend verlief das Match zwischen Valentin Dragnev und Ori Kobo. Die erste Partie gewann Dragnev, da Kobo nun aber zwingend gewinnen musste, um nicht auszuscheiden, versuchte er alles, um die zweite Partie zu gewinnen. Tatsächlich konnte er eine Gewinnstellung mit Läufer gegen Bauer erreichen, doch Dragnev fand eine Verteidigung und reklamierte nach der 50-Züge-Regel im 160. Zug und über 6 Stunden Spielzeit ein Remis, das ihn in die nächste Runde brachte. Auch Markus Ragger hatte in seinem Duell gegen Kareim Wageih Schwierigkeiten und musste nach zwei Remisen ebenfalls in den Tie-Break, wobei ein Sieg nach spannendem Doppelturmendspiel in der ersten Partie die Entscheidung zugunsten des Österreichers brachte.
Für Aufsehen sorgte der jüngste Teilnehmer des offenen Turniers, Ediz Gürel, der seine Weißpartie gegen Velimir Ivić in nur 28 Zügen nach knapp 2 Stunden durch ein exzellentes Läuferopfer gewinnen konnte. Ivić konnte jedoch ausgleichen und das anschließende Stechen für sich entscheiden. Auch der Schacheuropameister von 2017, Ivan Šarić, geriet durch ein wirkungsloses Qualitätsopfer in Bedrängnis. Sein Gegner, der fast 500 Elo-Punkte schwächere Dante Beukes, musste sich jedoch trotz seines Vorteils in Zeitnot mit einem Remis begnügen. Dasselbe Schicksal ereilte auch Haruna Nsubuga, der in seiner Schwarzpartie im Angriff nach dem Damentausch nicht die richtige Fortsetzung fand und ebenfalls remisierte. Beide verloren danach ihre zweite Partie und schieden aus. Überraschend konnten sich u. a. Ivan Schiţco, Gianmarco Leiva oder Pablo Salinas Herrera in klassischer Bedenkzeit gegen ihre höher gesetzten Gegner durchsetzen.
Runde 2 In Runde 2 trafen die 78 Erstrundengewinner mit den 50 gesetzten Spielern zusammen. Bereits nach den klassischen Matches verabschiedeten sich einige Favoriten aus dem Turnier, wie bspw. Şəhriyar Məmmədyarov, Nodirbek Abdusattorov und Sam Shankland, die ihre Weißpartie gegen die deutlich niedriger gewerteten Tin Jingyao, Vahap Şanal und Ivan Schiţco verloren. Auch Alexander Grischtschuk schied im Sudden Death gegen den Iraner Bardiya Daneschwar aus.
Aus deutscher Sicht war die Runde durchwachsen. Fridman schied gegen einen starken Nikita Witjugow aus. Huschenbeth, Kollars und Frederik Svane erreichten durch zwei Unentschieden ihre Tiebreaks, wobei Huschenbeth und Kollars durch ein Unentschieden in der zweiten Tiebreak-Partie in die nächste Runde hätten einziehen können. Schlussendlich schieden alle drei jedoch aus dem Turnier aus. Vincent Keymer, Matthias Blübaum und Rasmus Svane setzten sich souverän gegen ihre Gegner durch, während das Match von Alexander Donchenko bis zum Sudden Death ging. Nach wechselhaftem Kampf sicherte sich Donchenko das Weiterkommen. Die verbliebenen Österreicher schieden ebenfalls im Tiebreak aus.
Runde 3