mini|320px|Übersichtskarte der relativen Bedeutung der Religion nach Land. Basierend auf der weltweiten Umfrage von 2006–2008 der Gallup Organization.
Religiosität oder Religiösität bezeichnet als Fachbegriff (im deutschen Sprachraum) die aus tiefer Ehrfurcht vor der Ordnung und Vielfalt in der Welt entstehende, universale menschliche Empfindung, dass alles letzten Endes auf einer ganzheitlichen, jedoch transzendenten (nicht erklär- oder beweisbaren) Wirklichkeit beruht. Hinzu kommt die Fähigkeit oder Eigenschaft, sich im Erleben, Denken, Fühlen und Handeln auf diese Transzendenz zu beziehen, häufig verbunden mit dem inniglichen Wunsch nach Erleuchtung und immer mit der Hinwendung zu einer konkreten Religion.Hans-Ferdinand Angel: „Von der Frage nach dem Religiösen“ zur „Frage nach der biologischen Basis menschlicher Religiosität“. In: Christlich-pädagogische Blätter. Nr. 115, 2002, Wien, . S. 86–89.Karl R. Wernhart: Ethnische Religionen – Universale Elemente des Religiösen. Topos, Kevelaer 2004, ISBN 3-7867-8545-7. S. 28–32.Julia Haslinger: Die Evolution der Religionen und der Religiosität. In: SocioloReligiosität in Switzerland: Sociology of Religion, Online-Publikation, Zürich 2012. S. 3.Stefan Tobler: Jesu Gottverlassenheit als Heilsereignis in der Spiritualität Chiara Lubichs. Walter de Gruyter, Berlin 2003, ISBN 978-3-11-017777-0. S. 22–25.Frank Baldus u. a.: Denkmodelle. Auf der Suche nach der Welt von morgen. Nunatak, Wuppertal 2001, ISBN 3-935694-01-6, S. 53.
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird allein dieser Bezug auf eine bestimmte Religionslehre in Lebensführung, sozialem Miteinander und Sinnsuche mit der Verwendung des Adjektives religiös ausgedrückt, während die persönliche Erfahrbarkeit der transzendenten Wirklichkeit – auch unabhängig von religiösen Dogmen – eher als spirituell bezeichnet wird. In der englischsprachigen Literatur werden die beiden Begriffe häufig nicht unterschieden.Harald W. Reichelt: Heil und Heilung im Buddhismus und Christentum. Religions-und kulturvergleichende Studie von Religiosität und Spiritualität, Dissertation an der Universität Wien, 2013, PDF, S. 20, 26, 35.
Religiosität entspringt dem individuellen Streben nach Sinnfindung, Welterklärung und ExistenzorientierungFranz Austeda: Lexikon der Philosophie. 6., erweiterte Auflage, Verlag Brüder Holline, Wien 1989, ISBN 3-85119-231-1. S. 309. und basiert auf der angeborenen kognitiven Fähigkeit zur Kategorisierung. Demnach könnte man sie auch verkürzt als „transzendenten Sinn“ für die „Kategorie des Numinosen“ bezeichnen. Dieser „Sinn“ gehört wie Musikalität oder Intelligenz zu den komplexen neurobiologischen Phänomenen, die zwangsläufig auch mit der Frage verbunden sind, welchen evolutionären Vorteil diese Phänomene dem Menschen brachten. Trotz der enormen Vielfalt der existierenden Religionen lassen sich universale Elemente des Religiösen finden, die in allen Kulturen identisch sind und auf die grundlegende „Fähigkeit zur Religiosität“ des Menschen zurückgeführt werden.Karl R. Wernhart: Ethnische Religionen – Universale Elemente des Religiösen. Topos, Kevelaer 2004, ISBN 3-7867-8545-7. S. 10–24. Der Molekularbiologe Dean Hamer glaubt in diesem Zusammenhang in dem Gen VMAT2 eine angeborene Ursache für das religiöse Empfinden des Menschen gefunden zu haben. Die Stichhaltigkeit seiner Theorie ist allerdings umstritten.Ein Gen als Quelle des Glaubens (FAZ.net vom 8. Dezember 2004); abgerufen am 12. September 2010 Der Soziologe Thomas Luckmann sieht den Ursprung jeglicher Religiosität im mentalen Phänomen der Transzendenzerfahrungen, die von Augenzeugen seit jeher als besonders eindrückliche Bewusstseinserweiterungen geschildert werden und kulturunabhängig immer den gleichen Grundmustern gleichen.Eckart Ruschmann: Transzendieren zur Transzendenz, in Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 3 (2), 2013, pdf, S. 245–249, 251–252, 255. Abgerufen am 24. Oktober 2021.
Da Religiosität immer auf eine bestimmte Religion bezogen ist,Ulrich Hemel: Artikel Religiosität im Lexikon der Religionspädagogik. Neukirchener Verlagsgesellschaft, Neukirchen-Vluyn 2001, ISBN 978-3-7887-1745-2. Sp. 1841 xx. ist der Glaube (an diese Lehre) ein synonymer Begriff für Religiosität. In der Religionssoziologie wird die Bezeichnung oftmals nicht klar vom (christlichen) Glauben getrennt, und in der Theologie wird Religiosität spezifisch christlich definiert. Die „transzendente Empfindung“ kann jedoch ebenso zu anderen Weltanschauungen führen.Albert Einstein: Mein Glaubensbekenntnis. Schallplattenaufnahme im Auftrag der Deutschen Liga für Menschenrechte, Berlin / Caputh 1932. Labelcodes 7782, 7783. Die Wissenschaft, die sich konkret mit der Religiosität des Menschen befasst, ist die Religionspsychologie.Hans-Jürgen Fraas: Die Religiosität des Menschen: ein Grundriss der Religionspsychologie. Auflage, Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen 1990, ISBN 3-525-03274-9. S. 9.
Das Phänomen der Religiosität steht am Beginn der Geschichte der Religionen und in diesem Zusammenhang auch der frühesten ethischen und moralischen Fundamente menschlicher Gesellschaften. Ein religionsloses Volk ist der heutigen Religionsethnologie nicht bekannt. Alle Kulturen besitzen heilige Objekte in irgendeiner FormJosef Franz Thiel: Religionsethnologie, erschienen in: Horst Balz, James K. Cameron, Stuart G. Hall, Brian L. Hebblethwaite, Wolfgang Janke, Hans-Joachim Klimkeit, Joachim Mehlhausen, Knut Schäferdiek, Henning Schröer, Gottfried Seebaß, Hermann Spieckermann, Günter Stemberger, Konrad Stock (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie, Band 28: „Pürstinger - Religionsphilosophie“. Walter de Gruyter, Berlin, New York 1997, ISBN 978-3-11-019098-4. S. 560–565. und unterscheiden zwischen einem sakralen (heiligen) und einem profanen (weltlichen) Bereich. Émile Durkheim vertrat die Auffassung, dass das Sakrale Ausdruck der Verehrung des kollektiven Lebens sei. Insofern hat die Religiosität auch eine wichtige soziale Komponente.Marvin Harris: Kulturanthropologie – Ein Lehrbuch. Aus dem Amerikanischen von Sylvia M. Schomburg-Scherff, Campus, Frankfurt / New York 1989, ISBN 3-593-33976-5, S. 283. Ebenfalls liefert die Geschichte zahllose Beispiele, dass die Religiosität – in diesem Sinne der Wunsch nach einer unumstößlichen göttlichen Ordnung – den Menschen für ideologisch missbrauchte Religionsauslegungen leichter zugänglich macht.Hoimar von Ditfurth: Wir sind nicht nur von dieser Welt. 9. Auflage, dtv, München 1993 (1. Ausgabe 1981), ISBN 3-423-30058-2. S. 210. Kannibalismus, Hexenverfolgung oder religiöser Fundamentalismus belegen, wie die Verantwortlichkeit der Menschen ins Numinose verlagert wird, um Taten zu rechtfertigen, die normalerweise nicht akzeptiert würden.
Definitionsversuche Es gibt keine allgemeingültige Definition für Religiosität. Für Johann Gottfried Herder war sie einfach der Ausdruck für das echte religiöse Gefühl.Karl R. Wernhart: Ethnische Religionen – Universale Elemente des Religiösen. Topos, Kevelaer 2004, ISBN 3-7867-8545-7. S. 28.
Im Folgenden einige Definitionsversuche:
Monika Jakobs: Religion und Religiosität als diskursive Begriffe in der Religionspädagogik. In: Zeitschrift für Religionspädagogik. 2. Jahrgang 2002, Heft 1. S. 76. Monika Jakobs (Theologin, Germanistin, Politikwissenschaftlerin und Soziologin) Ulrich Hemel: Religiosität. In: Zeitschrift für Religionspädagogik. 2. Jahrgang 2002, Heft 1. S. 9. Ulrich Hemel (katholischer Theologe) Stefan Tobler (protestantischer Theologe) Anagarika Govinda: Lebendiger Buddhismus im Abendland. 1. Auflage, Scherz, München 1986, ISBN 978-3-442-12609-5, S. 17. Anagarika Govinda (Interpret des Buddhismus und Daoismus) Albert Einstein (theoretischer Physiker)
Neben der Gleichsetzung mit dem Begriff des Glaubens wird Religiosität häufig synonym zu der Bezeichnung Spiritualität (im weiteren, Konfessionen und Religionen übergreifenden Sinn) verwendet. Gegen eine Gleichsetzung beider Begriffe sprechen allerdings die Ergebnisse von Interviews und Umfragen, in denen Befragte sich selbst als „spirituell, aber nicht religiös“Thorsten Stegemann: Ich bin eher spirituell als religiös …. Telepolis. 11. März 2012Tatjana Schnell: . Universität Innsbruck. 24. Juni 2014 oder als „religiös, aber nicht spirituell“Anton A. Bucher: Moderne Sinnsuche. Spektrum der Wissenschaft. 4. Februar 2011, S. 18.Das Gottes-Gen. Bild der Wissenschaft. 16. August 2005 bezeichnen. Kirchennahe Autoren behaupten, dass Frömmigkeit ein Synonym für Spiritualität sei und dass beide Begriffe immer auf konkrete Religion(en) bezogen seien. Tatsächlich gibt es auch nicht gebundene Formen der Spiritualität, die sich auf Glaubensgemeinschaften, -inhalte und -formen beziehen, welche von Kritikern als „Bastel-Religionen“ abgewertet werden.Stefanie Rosenkranz: Geister, Gurus und Gebete. In: „Der Stern“. 26. November 2009; zitiert nach: "Stern" über Bastel-Religionen in Deutschland. pro. Christliches Medienmagazin. 26. November 2009Der moderne Mensch und seine spirituelle Suche. Interview mit Michael Sievernich. Goethe-Universität Frankfurt am Main. 28. Juli 2016 Seit Jahrhunderten befürworten Freimaurer das, was heute „Spiritualität“ genannt wird, lehnen aber Religionen, Religiosität und Gläubigkeit ab.Hans A. Fischer: Ist Spiritualität noch zeitgemäß?. Freimaurer-Loge St. Johann am Rhein. Schaffhausen. März 2010
In vielen neueren empirischen Studien wird Religiosität nicht mehr explizit definiert. Der Begriff wird daher häufig „offen und alltagssprachlich verwendet, wodurch sich eine gewisse Unschärfe ergibt, die einer enormen Vielfalt religiöser Einstellungen, Denk-, Lebens- und Verhaltensweisen Rechnung trägt“.Nikolaus Janovsky, Mirjam Hoffmann: Religiosität und Glaube, in: Lebenswelten der Jugendlichen in der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino 2021, hrsg. von EVTZ Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino, 2022, S. 72.
Begriffsgeschichtliches Der Begriff entstand im 18. Jahrhundert mit dem philosophischen Interesse von Aufklärung, Idealismus und Romantik, eine hinter allen Erscheinungsformen der unterschiedlichen Religionen gemeinsame Basis aufzuweisen. Diese Tradition des homo religiosus wurde im 20. Jahrhundert von den Religionswissenschaftlern Rudolf Otto und Mircea Eliade fortgeführt. Entschieden nüchterner interpretierte hingegen Max Weber bestimmte religiöse Phänomene, etwa das des „asketischen Protestantismus“.
Gegenwärtig spricht man vor allem im deutschsprachigen Raum dann von Religiosität bei einem Menschen, wenn beim ihm ein „tragender Grund“ vorhanden ist (bzw. von außen betrachtet zu sein scheint), der aber wohl immer seltener in einer persönlichen Gottesbeziehung besteht, während man sich im angelsächsisch-skandinavischen Bereich in der Tradition William James’ zur Lösung der Sinnprobleme mehr an religiösen Erfahrungen orientiert.
Weitere Aspekte des Begriffes Religiosität lassen sich durch Begriffe wie „Volksfrömmigkeit“ mit einer breiten Verankerung im Brauchtum („Volksreligion“ innerhalb der „Volkskirchen“, „Aberglaube“) zeigen. Dies macht sich oft an der Frage einer Gemeinschaft von Gläubigen fest: loser Treff – individuell („die Natur ist meine Kirche“), Kirche – Sekte – Staatskirche. Am Beispiel des Fortbestehens vorchristlicher Glaubensinhalte und -praktiken („Aberglaube“) im „christlichen Abendland“ wird deutlich, dass zu keinem Zeitpunkt alle „Gläubigen“ tatsächlich alles geglaubt haben, was sie nach kirchlicher Auffassung hätten glauben müssen. Hieraus ergibt sich das methodische Problem, zu ermitteln, was Menschen zu einer bestimmten Zeit (zumal der Inquisition, der Hexenverfolgung, allgemeiner: des Fehlens von Religionsfreiheit) in einer bestimmten Region wirklich geglaubt haben.
Wurzeln individueller Religiosität