Die jüdische Gemeinde in Košice (, , , neulateinisch Cassovia) bildete sich erst nach 1843. In diesem Jahr wurden die streng gehandhabten Aufenthaltsbeschränkungen für Juden in Košice aufgehoben. Dies führte zu einem starken Anwachsen der jüdischen Bevölkerung der Stadt.

Geschichte Bis 1840 Schon im 15. Jahrhundert lebten jüdische Familien in Košice. 1484 wurde ein Jude Mandl (Mendel) erwähnt, der 450 Gulden erhielt. 1524 ernannte König Ludwig II. den Juden Isaac zum Leiter der Košicer Münze.

In Košice waren die Gilden sehr aktiv. Diese verhinderten zusammen mit dem Magistrat der Stadt die Ansiedlung von Juden, speziell von jüdischen Händlern. Viele Juden waren daran interessiert, in Košice Handel zu treiben. Sie ließen sich in den Dörfern rund um Košice nieder und betraten die Stadt nur tagsüber, um dort ihre Geschäfte abzuwickeln.

So kam es, dass in Rozhanovce, 6 km nordöstlich von Košice, eine größere jüdische Gemeinde entstand, die über eine Synagoge und einen jüdischen Friedhof verfügte. Die Synagoge wurde 1930 bei einem Brand vernichtet, der jüdische Friedhof besteht noch. Auch in Veľká Ida, 16 km südwestlich von Košice, bildete sich eine jüdische Gemeinde. Sie hatte ebenfalls eine Synagoge, ein einfaches Gebäude mit Satteldach. Diese ist eine der ältesten erhaltenen Synagogen der Slowakei. Sie existiert nur noch als Ruine und ist im Verschwinden begriffen.

Die Landedlen förderten die Ansiedlung von Juden, weil sie dadurch willkommene Steuereinnahmen hatten. Außerdem dienten die Juden als Händler für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Die Juden pendelten zwischen ihren Wohnsitzen auf dem Land und der Stadt und brachten die Waren auf die städtischen Märkte. Košice lag auf einer Haupthandelsroute, die Galizien mit Budapest verband. Das machte diese Stadt besonders anziehend für die jüdischen Kaufleute.

Ende des 18. Jahrhunderts begann sich diese Situation besonders durch die Josephinischen Reformen zu verändern. Auch die nicht-katholischen Konfessionen erhielten nun immer mehr Rechte.

mini|Košice, Krmanova ul. 6, Mikwe 1840 bis 1914 Košice gehörte bis 1918 zu Ungarn. 1840 beschloss der ungarische Landtag ein Gesetz, das den Juden freies Siedlungsrecht im ganzen Land gewährte. Ausgenommen von diesem freien Siedlungsrecht waren nur einige Bergwerksstädte. Diese Ausnahme benutzte Košice, um den Juden weiterhin den Aufenthalt in der Stadt zu verbieten. Košice berief sich dabei auf die Nähe zu den Zlatá-Idka-Bergwerken und bezeichnete sich als Bergwerksstadt.

mini|Alte Synagoge in Košice, Zvonárska Die Juden klagten deswegen vor der Ungarischen Königlichen Kammer. Dort bekamen sie recht und es wurde entschieden, dass Košice nie eine Bergwerksstadt gewesen war. 1841 ließen sich die ersten jüdischen Händler in der Stadt nieder. 1843 wurde die jüdische Gemeinde gegründet und beim Magistrat registriert. Ihr erster Rabbi war Marton Kohn aus Rozhanovce. Die Betstube wurde in einem gemieteten Haus eingerichtet. 1844 kaufte die jüdische Gemeinde Land für einen jüdischen Friedhof. Die Juden siedelten sich im südlichen Teil der Stadt und in den südlichen Vorstädten an. Sie erwarben in der Zvonárska Straße (Glockenmacher-Straße) ein Speichergebäude. Es wurde zu einer Synagoge ausgebaut. Auf dessen südlicher Seite an der Krmanova Straße entstand ein rituelles Bad, das zu den ältesten erhaltenen Mikwaot in der Slowakei gehört. Es besteht aus einer Halle mit einer dreistöckigen Galerie und Treppen mit Metallgeländern über dem rituellen Wasserbecken. Auch Teile der ursprünglichen Heizung sind erhalten.

In den folgenden Jahren zogen die Juden aus der Provinz in die größeren Städte, auch in die Königliche Freistädte und die vorher für Juden gesperrten Bergwerksstädte. Dadurch nahmen die Judengemeinden der Provinz zahlenmäßig ab, während die Anzahl der Juden in den größeren Städten sprunghaft anstieg. Besonders die deutschsprachigen bürgerlichen Einwohner der slowakischen Städte standen den neu hinzugezogenen Juden feindlich und kalt gegenüber. Trotz dieser Widerstände erfreuten sich die Juden am kulturellen Leben der Städte. Sie besuchten die Cafés und Theater und sandten ihre Kinder auf die christlichen öffentlichen Schulen. Innerhalb der nächsten Jahrzehnte etablierten sich die Juden in allen großen Städten des Landes. Sie nahmen ihre vollen Bürgerrechte wahr und erwarben den Respekt der Einwohnerschaft. In Košice war die Anzahl der jüdischen Einwohner bis 1880 auf 2854 Personen gewachsen und bis 1910 auf 6723 Personen, was 15,2 % der Stadtbevölkerung ausmachte.

1848 kam es in Košice zu antijüdischen Unruhen. Es wurden jüdische Geschäfte und Wohnhäuser geplündert und das Bethaus wurde geschändet. Ende der 1860er Jahre gründeten die Juden von Košice zahlreiche Geschäfte, Betriebe und Industrieunternehmen.

1860 beschloss die Gemeinde eine neue Synagoge zu bauen. Diese neue Synagoge wurde 1866 nach Plänen von Michael Repasky in der Rákocki-Ring-Straße (heute: Moyzesova-Straße) gebaut. Sie hatte 500 Plätze.

1859 entstand die erste jüdische Elementarschule. 1869 wurde eine größere Schule gegründet, auf die mehrere hundert Kinder gingen. Unterrichtssprache war Ungarisch.

mini|Alter jüdischer Friedhof in Košice 1882 wurde ein jüdischer Friedhof angelegt. Er wurde gemeinsam genutzt, wobei die einzelnen Religionsgruppen eigene abgegrenzte Areale hatten.

Anfang des 20. Jahrhunderts kontrollierten jüdische Geschäftsleute den gesamten Handel von Košice. Das Bankwesen und die Industrie von Košice waren in jüdischer Hand. In den akademischen Berufen waren zahlreiche Juden tätig, zum Beispiel als Ärzte und Rechtsanwälte. Zu dieser Zeit gewann der Zionismus unter den jungen Juden von Košice an Gewicht. Die Stadt wurde zu einem der zionistischen Zentren Ungarns.

1914 bis 1938 Während des Ersten Weltkrieges und in der Zeit danach diente Košice als Zufluchtsort für Juden aus den umkämpften Gebieten. Die jüdische Bevölkerung wuchs bis 1930 auf 11.504 Personen. Dadurch entstand Bedarf für weitere und größere Synagogen.

1915, während des Ersten Weltkrieges, erreichte das Kriegsgeschehen die nördliche Grenze der Slowakei. Deshalb flohen die beiden chassidische Höfe von Rabbi Abraham Schalom Halberstamm (1856–1940) aus Stropkov und von Rabbi Schmuel Engel (1853–1935) aus Radomyśl Wielki nach Košice. Dadurch etablierte sich 1918 eine chassidische Gruppe in Košice, die 1920 eine eigene Synagoge in der Imre-Darvas-Straße (heute: Krmanova-Straße) baute. Das Innere dieser Synagoge wurde 1957 stark verändert, als es von seinem neuen Eigentümer zu einem Labor für Metall-Untersuchungen umgebaut wurde.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges kam Košice 1919 zur neu gegründeten Tschechoslowakei. Während die Juden unter der Herrschaft von Österreich-Ungarn als religiöse Gruppe und Minderheit galten, wurden sie in der Tschechoslowakei als eigene Nationalität betrachtet.

mini|Neologe Synagoge in Košice 1924 veranstaltete die Neologe Gemeinde einen Wettbewerb für eine neue Synagoge. Gewinner war der Budapester Architekt Lajos Kozma. Die Neologe Gemeinde tauschte ihre Synagoge (westliches Gebäude) gegen die Synagoge der Status-Quo-Ante-Gemeinde (östliches Gebäude). Dann riss sie das alte Synagogengebäude der Status-Quo-Ante-Gemeinde nieder und erbaute an seiner Stelle nach Plänen des Architekten Lajos Kozma ein neues großes Gebäude mit Kuppel. Diese neue Neologe Synagoge (jetzt östliches Gebäude) wurde 1927 eingeweiht. Sie bot 1100 Personen Platz. Angeschlossen an die Synagoge wurde eine neologische jüdische Elementarschule.

mini|Neue orthodoxe Synagoge, Puškinova, Architekt Ludwig Oelschläger 1926 wurde nach Plänen des Architekten Ludwig Oelschläger von der orthodoxen Gemeinde eine größere Synagoge in der Puskinova-Straße gebaut, die 800 Personen Platz bot. Sie wurde 1927 eingeweiht. Von 1931 bis 1938 erschienen in Košice die Jüdischen Nachrichten.

1938 bis 1945 Infolge des Münchner Abkommens wurde Košice 1938 wieder von Ungarn annektiert. Nun wurden hunderte Juden aus Košice in die Slowakei vertrieben. Andere Juden wurden in einem Zwangsarbeitslager in Garany festgehalten. 1940 verschlechterte die Lage der Juden sich weiter. Geschäfte und Unternehmen wurden arisiert. Jüdische Männer wurden in Zwangsarbeitslager verschleppt oder an der Ostfront in Baukolonnen eingesetzt.

1944 wurde die Stadt von deutschen Truppen besetzt. Die Deutschen richteten auf dem Gelände einer alten Ziegelei ein Ghetto ein, das von ungarischen Gendarmen bewacht wurde. Hierher wurden 12.000 bis 15.000 Juden auch aus der Umgebung von Košice gebracht, darunter auch die Rabbiner der Gemeinden. Bis Juni 1944 wurden alle Juden des Ghettos in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort wurden 2/3 der Deportierten sofort ermordet. Die zurückgelassene Habe der Juden wurde teils von der Bevölkerung von Košice geplündert, teils von den Behörden verteilt. Über den Eisenbahnknotenpunkt Košice wurden fast 380.000 Juden nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

mini|Gedenktafel für die Opfer des Holocaust in der Hlavná mini|Gedenktafel für die Opfer des Holocaust an der Orthodoxen Synagoge An der Stelle des Ghettos in der Alten Ziegelei steht ein Denkmal und in der Hlavná und an der Orthodoxen Synagoge in der Puškinova befinden sich Gedenktafeln für die Opfer des Holocaust.

Nach Kriegsende Von den jüdischen Einwohnern Košices überlebten 3000 Juden den Krieg in Arbeitsbataillonen und im Untergrund. 500 Juden kehrten aus den Lagern zurück. Dabei diente Košice als Anlaufpunkt der zurückkehrenden Juden. Hier gab es die Möglichkeit, eine neue anonyme und individuelle Existenz aufzubauen.

Die 1945 neu gegründete jüdische Gemeinde hatte 4000 Angehörige. In den folgenden Jahren emigrierten viele Juden nach Israel und in die westlichen Staaten. 1968 verließen weitere Juden die Stadt. Nur einige wenige ältere Juden blieben zurück.

Nach 1989, als die Gesellschaft offener und pluralistischer wurde, bildeten sich erneut jüdische Gemeinschaften. Meistens wurden die Juden in Ruhe gelassen und konnten eine friedliche Existenz in materiellem Wohlstand führen.

mini|Neuer Jüdischer Friedhof Košice mit denkmalgeschütztem Taharahaus Vereinzelte antisemitische Vorfälle zeigen allerdings, dass der Antisemitismus in der Slowakei noch nicht ausgestorben ist. So wurde zum Beispiel 2002 der jüdische Friedhof zur Hälfte zerstört, und 135 Gräber wurden geschändet.

Gemeindeentwicklung Jahr GemeindemitgliederAnmerkungen1833 24 Gemeinde Rozhanovce1843 345 1847 399 1850 729 1869 2.178 circa 10 % der Einwohner1880 2.854 1900 5.627 1910 6.723 circa 15 % der Einwohner1921 8.792 1930 11.504 circa 16 % der Einwohner 1941 circa 10.000 1944 (April) 7.900 1944 (Juli) keine 2000 circa 400

Verschiedene jüdische Strömungen in Košice Die Integration der Juden in die großen christlichen Städte hatte auch religiöse Auswirkungen und führte zu den jüdischen Reformbewegungen. Dies führte zu Diskussionen über religiöse und politische Angelegenheiten und zur Entstehung verschiedener religiöser jüdischer Strömungen. Vom ungarischen Staat wurden drei jüdische Richtungen anerkannt: Orthodoxe, Neologe und Status-Quo-Ante. Diejenigen, die sich keiner der entstehenden Strömungen anschlossen, nannten sich „Status-Quo-Ante“ (= Zustand vor der Spaltung in Orthodoxe und Neologe). Sie hatten eine eigene Synagoge. Durch die Nähe der polnischen Grenze wanderten chassidische Juden nach Košice ein.

Die Reformbewegung, die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand, nannte sich in Ungarn „Neolog“. Sie modernisierte den Gottesdienststil, führte Orgel-Musik ein, behielt aber die traditionelle Liturgie und die Geschlechtertrennung bei. Diejenigen, die diese Reformbewegung ablehnten, nannten sich Orthodox. Teil der Orthodoxen waren die Chassiden. Die Orthodoxen, sowohl die Chassiden als auch die Nicht-Chassiden, lehnten die Neologen als Apostaten ab.