Die Werkstätten für Bildwirkerei Schloss Pillnitz waren von 1919 bis 1954 eine von dem KünstlerpaarKatarzyna Sonntag: Ein Künstlerpaar. Max Wislicenus und Wanda Bibrowicz zwischen Kunst und Kunstgewerbe am Anfang des 20. Jahrhunderts. Exposé zum Promotionsprojekt. Dresden 2019 (Onlinefassung). Wanda Bibrowicz und Max Wislicenus betriebene Kunstweberei in Pillnitz bei Dresden. Sie wurde auf Empfehlung des Dresdener Stadtbaurats Hans Poelzig und gefördert vom Sächsischen Wirtschaftsministeriums als Nachfolgerin der Schlesischen Werkstätte für Kunstweberei eingerichtet.

Geschichte Interesse des Freistaates Sachsen Angebot des Sächsischen Wirtschaftsministeriums Das Sächsische Wirtschaftsministerium war nach dem Ende des Ersten Weltkrieges daran interessiert, die Entwicklung der Textilindustrie in Sachsen zu fördern. Nach kurzen Blütezeiten in Renaissance und Barock sollte erneut eine Teppichwirkerei in Dresden etabliert werden.Lediglich zwei Bildwirker-Persönlichkeiten spielten eine besondere Rolle: Der Niederländer Seger Bombeck, der im 16. Jahrhundert in Leipzig sowohl für den Leipziger Rat als auch für die sächsischen Fürsten arbeitete, und Pierre I Mercier, ein nach Berlin ausgewanderter Hugenotte. Er arbeitete für den preußischen Hof und kam 1714 auf Bestreben Augusts des Starken nach Dresden.

Der Dresdener Stadtbaurat Hans Poelzig schlug dafür Wanda Bibrowicz, Ober-Schreiberhau, und Max Wislicenus, Breslau, vor. Beide Künstler hatten aufgrund ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage über einen Wechsel ihrer Arbeitsorte nachgedacht, denn im verarmten Nachkriegsschlesien war es schwer, wenn nicht gar unmöglich, ohne staatliche Unterstützung eine Werkstatt zu führen, die künstlerischen Ansprüchen genügen sollte.

Jahre später bemerkte Wanda Bibrowicz in einer Rede im Kulturbund am 8. Mai 1949 zu dieser Zeit:

Dieser Standort bot die größtmögliche Nähe zu Dresden, seinen Kunstschätzen und Künstlern. Die Verhandlungen verliefen schnell, wenn auch nicht ohne Komplikationen. Bereits im Herbst 1919 siedelte Bibrowicz mit zwei Schreiberhauer Weberinnen und ihren Webstühlen in die erste Etage des Küchenflügels im Neuen Palais von Schloss Pillnitz über. Mutter und Schwester begleiteten sie auch hierher. Die damaligen Verhältnisse waren einfach und der Enthusiasmus war groß:

Max Wislicenus folgte Anfang 1920 und bezog mit seiner Familie ein Haus in Hosterwitz, fünfzehn Gehminuten vom Schloss entfernt.

Zum Auftakt: Ausstellung in Dresden

Als Auftakt und zur Vorstellung ihrer Arbeiten in Dresden ermöglichte der Sächsische Kunstverein in seinen Räumen an der Brühlschen Terrasse in den Monaten Januar und Februar 1920 eine erste große Ausstellung der beiden Künstler. Mit ihren Teppichen und Entwürfen aus den Jahren 1904 bis 1920 füllten sie sämtliche Räume, wie Bibrowicz berichtete. Unter den Ausstellungsstücken befanden sich auch die in der Schlesischen Werkstätte für Kunstweberei gefertigten Tapisserien für das Ratzeburger Kreishaus, deren letzter gerade in Pillnitz fertiggestellt worden war.

Start in Pillnitz mini|Signet der Werkstätten für Bildwirkerei Schloss Pillnitz Der Start in Pillnitz war verheißungsvoll. Internationale Gäste besuchten in großer Zahl die Werkstätten. Beide Künstler hatten die Vorstellung, nicht nur eine Werkstätte mit Ausbildungsmöglichkeiten für Weberinnen, sondern eine Webereischule zu gründen, in der umfassende künstlerische und handwerkliche Fähigkeiten gleichermaßen gefördert und vermittelt werden. Damit wollten sie an ihre gemeinsamen erfolgreichen Jahre in Breslau anknüpfen.

Anfangs waren bis zu 20 Weberinnen beschäftigt, die in den Räumen des Erdgeschosses die sogenannten Gebrauchswaren wie Mantelstoffe, Kissen und Decken webten oder in den Atelierräumen der ersten Etage an Wandteppichen arbeiteten. Neben den Ateliers gab es repräsentative Ausstellungsräume.

Aufträge der öffentlichen Hand Wie bei der Errichtung der Werkstatt durch das Wirtschaftsministerium zugesichert, erhielten die Künstler kontinuierlich Aufträge der öffentlichen Hand. Hier sind besonders zwei großformatige Teppiche für die Stadt Dresden, „Fantasie“ und „Kraft“, nach Entwürfen von Wislicenus zu nennen.Entwürfe im Besitz der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Kunstgewerbemuseum, Nachlass Bibrowicz/Wislicenus.

Es entstanden weitere Arbeiten nach seinem Entwurf, zum Beispiel eine „Ceres“ für die Landwirtschaftliche Schule in Meißen, drei Teppiche für die Akademie der Technik in Chemnitz, ein Teppich „Arbeit“ für Schwarzenberg und ein Teppich für das Rathaus in Plauen. Weitere Aufträge waren die „Tiere im Grünen“, auch „Sachsenteppich“ genannt, für das sächsische Wirtschaftsministerium und der „Heilige Hubertus“ für die Forstakademie in Tharandt.

Beteiligung an Ausstellungen Neben diesen Auftragsarbeiten gab es während dieser Jahre immer wieder Beteiligungen an nationalen und internationalen Ausstellungen, unter anderem in New York, Amsterdam, Kopenhagen, Stockholm und wiederholt in München und Berlin. Studienreisen führten sie nach Venedig, Florenz, Paris, Kopenhagen und Prag, aber auch regelmäßig in verschiedene Städte Schlesiens.

Angeregt durch ihren direkten Arbeitsort webte Wanda Bibrowicz mit ihren Weberinnen nach einer Zeichnung von Wislicenus einen Elbdampferhttps://www.elbdampfer-hamburg.de/ mit 100 Lichtern, die sich im Wasser spiegelten. Sie selbst entwarf einen Teppich mit der Ansicht des Pillnitzer Wasserpalais’ mit Springbrunnen des Lustgartens und blühender Yucca. Über den Verbleib des Ersteren ist nichts bekannt, Letzterer befindet sich heute in Südamerika.Ewa Maria Poradowska-Werzler: Im Kreis der Kunst von Wanda Bibrowicz, Breslau 2001, S. 116.

Beurteilung in den Fachzeitschriften In den zeitgenössischen Zeitschriften wie Der Kunstwart oder Deutsche Kunst und Dekorationhttps://d-nb.info/012613878 fanden die Pillnitzer Werkstätten in den Zwanziger und beginnenden dreißiger Jahren ebenfalls rege Aufmerksamkeit, so wiederholt in der Zeitschrift Die Kunst. Monatshefte für freie und angewandte Kunst.https://d-nb.info/012613894 Neben einer Vielzahl repräsentativer Abbildungen ist in dem Artikel Die Bildwirkerei der Pillnitzer Werkstätten unter anderem Folgendes zu lesen:

Neben der ausführlichen Beschreibung einiger Werke und deren zugrundeliegenden Kompositionsprinzipien vergleicht die Autorin auch beide Persönlichkeiten:

Felix Zimmermann schrieb in der Dekorativen Kunst: „Es lebt ein Poet in Wanda Bibrowicz, der ein Bilderbuch voll Naturatems und entrückten Gestaltenzaubers an die Wände webt!“Felix Zimmermann: Die Wandteppiche der Wanda Bibrowicz. On: Die Kunst. Monatshefte für freie und angewandte Kunst. 42. Band: Angewandte Kunst der „Dekorativen Kunst“. XXIII. Jahrgang. F. Bruckmann, München 1920, S. 313–319, hier S. 314.

Und der Kunsthistoriker Alfred Schellenberg urteilte 1925:

Finanzielle Probleme Trotz dieser Erfolge und der öffentlichen Anerkennung hatten die Pillnitzer Werkstätten für Bildwirkerei seit Beginn fast ständig mit finanziellen Problemen zu kämpfen:

Für Wanda Bibrowicz und Max Wislicenus waren ausschließlich künstlerische Gesetze maßgebend. Da jeder Teppich nur einmal ausgeführt wurde, forderte dieses Prinzip ständig neue Entwürfe, neue Zusammenstellungen der Farben – ein schwieriges und zeitaufwendiges Verfahren, das sich zwangsläufig in hohen Preisen niederschlug.

Maßnahmen zur Lösung der Probleme Mehrmals wurden die Werkstätten verkleinert. Eine Lösung musste gefunden werden, die dem künstlerischen Anspruch Rechnung trug, aber auch die kaufmännische Seite berücksichtigte. Wanda Bibrowicz:

Dieses Experiment gelang überraschend gut. Vorteil dieser Technik war ein reduzierter Materialverbrauch und durch die geringere Dichte des Gewebes ein niedrigerer Arbeits- und damit Zeitaufwand. Wanda Bibrowicz konzentrierte sich für diese Arbeiten auf gefällige Tierdarstellungen. Jedoch standen im Vordergrund nicht mehr Gruppen verschiedener Tiere, sondern jeweils ein Tier. Die Wandteppiche, bisher nur für öffentliche Institutionen und wohlhabende Kunden bezahlbar, wurden für eine breitere Schicht ein Wandschmuck, „der den Räumen Behaglichkeit und Wärme verleiht, den das gemeine Bild nicht geben kann“.

Trotz dieser technischen Vereinfachung blieb der künstlerische Anspruch bestehen, wobei alle Arbeiten unter ständiger Aufsicht der Künstlerin entstanden. Es musste technisch und farblich einwandfrei sein, auch wenn Materialknappheit und Schwierigkeiten beim Kopieren von Farben die Arbeit komplizierten. Zum Glück standen Wanda Bibrowicz dabei zwei erfahrene Weberinnen zur Seite, die bereits seit den ersten Jahren in ihrer Werkstatt arbeiteten.

Berufung an die Staatliche Akademie für Kunstgewerbe Dresden Im Jahr 1931 erhielt Wanda Bibrowicz das Angebot, eine Webklasse an der Staatlichen Akademie für Kunstgewerbe Dresden zu übernehmen. Ihre Aufgabe sah vor, den bis dahin von dem Textiltechniker Oskar HaeblerHaebler-Eintrag in der Deutschen Nationalbibliothek. geleiteten sogenannten Websaal weiterzuführen. Dort wurde – für alle Studenten zugänglich – Schaftweberei und Bindungslehre unterrichtet. Jedoch wurde durch die Spezialisierung von Wanda Bibrowicz die Bildwirkerei bald zum Hauptfach und bildete eine selbständige Klasse. Neben der „Technik der Bildwirkerei und des Knüpfens“ erhielten die Schüler auch weiterhin die „Grundlagen der Schaftweberei“ vermittelt. Ebenso gehörten „Zeichnen nach der Natur“ sowie „Entwerfen und Anfertigen der Kartons“ zum Unterricht.

Dieses umfangreiche Angebot bedeutete viel zusätzlichen Aufwand für Wanda Bibrowicz, während ihre Berufung als Anerkennung ihrer bisherigen Arbeit in ihrer Pillnitzer Werkstatt verstanden werden kann. Sie selbst bezeichnete es einmal als „schändliches Angebot“, das anzunehmen sie aus rein finanziellen Erwägungen gezwungen war. Aber es gab kaum nennenswerte Privataufträge, ganz zu schweigen von großen öffentlichen Aufgaben, so dass es unklug gewesen wäre, auf ein festes monatliches Gehalt zu verzichten. Damit konnte zumindest die Begleichung der Mietkosten in Pillnitz gesichert werden.

Entwurfslehre für textile Innenraumgestaltung Wanda Bibrowicz führte an der Schule die „Entwurfslehre für textile Innenraumgestaltung“ ein. Ihre Weberzeugnisse orientierten sich am herrschenden Art-déco-Stil und machten vor allem durch die technisch-handwerklich perfekte Umsetzung und die Verwendung attraktiver Materialien wie versilberter und vergoldeter Garne auf sich aufmerksam.

Bei ihren Schülern war die Künstlerin beliebt, jedoch bestand zu ihren Kollegen ein eher distanziertes Verhältnis, das den ehemaligen Direktor des Kunstgewerbemuseums, Wolfgang Balzer, in seinen Erinnerungen aus Anlass des 100. Geburtstages von Max Wislicenus am 17. Juli 1961 zu folgender Bemerkung veranlasste:

Zeit des Nationalsozialismus Umstrukturierungen Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 folgten Umstrukturierungen im Bildungswesen, die auch Auswirkungen auf diese Bildungseinrichtung hatten. Das Lehrpersonal wurde zum Teil entlassen, Stundenzahlen wurden reduziert. Wanda Bibrowicz verlor die Leitung ihrer kleinen Webwerkstätte und ihr Gehalt sank auf 80 Reichsmark im Monat. Hinzu kam eine Atmosphäre der Angst und des Misstrauens. Denunziationen und Beschwerden über politisch unkorrektes und „probolschewistisches“ Verhalten waren nicht selten.

Fragebögen