mini|Werner Schneidratus (1962)Nachlass W. Schneidratus im Eigentum von Oswald Schneidratus in Berlin, Urheber unbekannt Werner Schneidratus (* 10. September 1908 in Karolinenhof bei Berlin; † 6. Februar 2001 in Berlin) war ein deutsch-sowjetischer Bauingenieur, Architekt und Hochschullehrer. Er war der Sohn des Architekten Oswald Schneidratus und dessen Ehefrau Elisabeth Schneidratus geb. Kamischke und emigrierte 1924 im Alter von 16 Jahren zusammen mit seiner Familie in die UdSSR.
Von 1928 bis 1932 studierte Werner Schneidratus „Architektur und Bauingenieurwesen“ an der Moskauer Technischen Hochschule (MWTU), arbeitete als Architekt in verschiedenen Städten der UdSSR und war seit 1934 Oberstleutnant der Reserve in der Roten Armee.
1937 wurde er im Zuge des Großen Terrors unmittelbar nach der Hinrichtung seines Vaters verhaftet und zu zehn Jahren Arbeitslager im fernöstlichen Kolymagebiet verurteilt. Zwei Jahre nach seiner 1947 erfolgten Entlassung wurde er erneut verhaftet und lebenslänglich nach Sibirien verbannt, wo er die ebenfalls verbannte Ukrainerin Jaroslawa Salik heiratete und wo auch ihr Sohn Oswald Schneidratus im Jahre 1951 geboren wurde.
Nach seiner Rehabilitierung 1955 siedelte er mit Familie in die Deutsche Demokratische Republik über. Werner Schneidratus wurde hier ein renommierter Architekt, Hochschullehrer und Mitglied der Bauakademie der DDR.
Biografie Bildung und akademische Laufbahn 1914–1923: Berlin, Grundschule und Gymnasium, Relegation wegen verbotener „kommunistischer Tätigkeit“ 1924: Stadt Engels, Hauptstadt der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, Abendschule mit Abitur 1924–1928: Berufsausbildung und Tätigkeit als Fräser im Werk Dynamo in Moskau 1928–1932: Studium an der Moskauer Technischen Hochschule (MWTU), Fakultät Bauwesen, Abschluss als Diplomingenieur für IndustriebauDiplom Nr. 28-145 vom 9. Februar 1932 der „Moskauer Technischen Hochschule“ (MWTU) (russ.), Nachlass W. Schneidratus 1934 – 18. November 1937: Aspirantur und Assistenzprofessur an der „Allunionsakademie für Architektur“, Moskau (Verhaftung zehn Tage vor dem geplanten Verteidigungstermin seiner Dissertation) 1954: Berufung zum Mitglied der „Sowjetischen Akademie für Architektur“ 1956: Bund der Architekten der DDR (BdA/DDR), Mitglied des Bundesvorstands 1962: Ernennung zum Professor und zum ordentlichen Mitglied der Bauakademie der DDR.
In Deutschland, 1908 bis 1924 und 1932/1933 Werner Schneidratus wurde 1908 in Berlin-Karolinenhof geboren. Als Kind erlebte er die Leiden der Zivilbevölkerung und die Hungersnöte im Ersten Weltkrieg in Berlin. Etwas Erleichterung verschafften die Besuche einschließlich Mittagessen beim Großvater Oswald Schneidratus, der als leitender Kartograf des Deutschen Generalstabs eine Sonderversorgung mit Nahrungsmitteln erhielt.
Legale und illegale antifaschistische und politische Tätigkeit Sein Vater, der Architekt Oswald Schneidratus, war im Ersten Weltkrieg als Kriegsgegner zum Dienst an der Westfront verurteilt worden. Er beteiligte sich an der Novemberrevolution 1918, wurde Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates Berlin-Schöneberg/Friedenau, trat 1919 in die KPD ein, wurde KPD-Stadtverordneter in Berlin-Friedenau und Regionalkommandeur (Kommandeur Gr. IV) des illegalen M-Apparats der KPD.
mini|Werner Schneidratus, Bescheinigung der Jugendorganisation, Moskau 1928 (Russisch)Übersetzung aus dem Russischen: Moskau, 7. August 1928, Bestätigung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Jugendinternationale über die Mitgliedschaft von Werner Schneidratus im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands, Zelle Berlin-Friedenau seit März 1923 sowie die illegale Tätigkeit von Oktober 1923 bis 1924 (Ausreise in die UdSSR). (Originaldokument, Privatarchiv Schneidratus; Aufbewahrung und Übersetzung: Oswald Schneidratus in Berlin). Werner Schneidratus beteiligte sich bereits als Jugendlicher aktiv an der legalen und illegalen Tätigkeit der KPD. Eine am 7. August 1928 vom Büro der Kommunistischen Jugendinternationale in Moskau ausgestellte Bescheinigung bestätigt: die Tätigkeit für den Kommunistischen Jugendverband Deutschland (KJVD) in Berlin-Friedenau, den Einsatz als illegaler Kurier im Oktober 1923 (während der Aufstandsvorbereitungen zum „Deutschen Oktober“), Teilnahme am Hamburger Aufstand (er lernte hierbei Ernst Thälmann kennen), die illegale Tätigkeit 1924 als „Mitglied der Initiativgruppe…“ der KJVD-Zelle in Berlin-Friedenau (was zur Relegation vom Gymnasium führte).
Nach der Flucht in die UdSSR 1924 war Werner Schneidratus in den Jahren 1932/1933 wieder in Berlin und hier im Ingenieurbüro der sowjetischen Handelsvertretung tätig. Am 27. Februar 1933, dem Tag des Reichstagsbrands, wurde er von einem SA-Trupp verhaftet und in das Polizeipräsidium am Alexanderplatz (alte Stadtvogtei) gebracht, konnte von dort jedoch fliehen. Versteckt auf einem Handelsschiff gelangte er von Danzig nach Leningrad.
In der vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA) vor Kriegsbeginn und in der Anfangszeit des Zweiten Weltkriegs zusammengestellten Sonderfahndungsliste UdSSR wurden aufgeführt: 136. Schneidratus, Elise, geb. Kamischke, 26.2.90 Berlin, RSHA IVA1. 137. Schneidratus, Oswald, 13.8.81 Berlin, Bauingenieur, RSHA IVA1. 138. Schneidratus, Werner, 10.9.08 Berlin, RSHA IVA1.
Die in diesen Listen aufgeführten Personen waren beim Einmarsch zu verhaften und gegebenenfalls zu erschießen. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Liste war Oswald Schneidratus bereits in der UdSSR erschossen worden, Elisabeth (falscher Vorname in der Liste) und ihr Sohn Werner Schneidratus zu Lagerhaft verurteilt.
Nach der Rückkehr in die DDR erfolgte 1959 die offizielle Anerkennung von Werner Schneidratus als Verfolgter des Naziregimes und Kämpfer gegen den Faschismus. Als Bürge bestätigte Robert Siewert dessen illegale antifaschistische Tätigkeit.
In der UdSSR, 1924 bis 1955 mini|Zentrale der Aktiengesellschaft Orga-Metall, Moskau (errichtet 1927/1928) 1924 drohte in Berlin die Verhaftung seines Vaters, und Werner Schneidratus emigrierte gemeinsam mit den Eltern und seiner jüngeren Schwester Ilse im August 1924 in die UdSSR.
Während seines Studiums beteiligte sich Werner Schneidratus im Rahmen seiner Diplomarbeit für den Studiengang Industriebau an der Moskauer Technischen Hochschule (MWTU) an der Errichtung des Gebäudes für die Zentrale der AG Orga-Metall. Dieser von seinem Vater Oswald Schneidratus 1927/1928 projektierte Bau war das erste Gebäude in der Formensprache des Bauhauses auf dem Territorium der UdSSR und steht nach seiner Sanierung unter Denkmalschutz. Nach seinem Studium in Moskau war Werner Schneidratus als Architekt und Stadtplaner sowie als Assistenzprofessor an der Moskauer „Allunionsakademie für Architektur“ tätig.
Höhepunkte seines Wirkens als Architekt: mini|Generalbebauungsplan Moskau, Projekt des Architektur- und Projektierungsbüros des Bezirks Nr. 4 Ostankino (1934/1937)Projekt des Architektur- und Projektierungsbüros des Bezirks Nr. 4 (Ostankino, später Standort des Moskauer Fernsehturmes) im Rahmen des „Generalplans zur Rekonstruktion Moskaus 1934 bis 1937“, des damals größten städtebaulichen Projekts der Welt. Werner Schneidratus war zunächst Mitarbeiter, dann Leiter dieses Architekturbüros (Dokument, Privatarchiv Schneidratus). 1934–1937: Teilnahme an der Umsetzung des „Generalplans zur Rekonstruktion Moskaus“, Leiter der Architektur- und Projektierungswerkstatt des Bezirks Nr. 4 (Ostankino) Architektenverband der UdSSR: Leitung der Sektion für ausländische Architekten; Nach Angaben von Kurt Junghanns zählte die Sektion Ausländischer Architekten im Sowjetischen Architektenverband zwischen 1933 und 1936 etwa 800 bis 1000 Mitglieder. Etwa die Hälfte der ausländischen Architekten seien Deutsche gewesen (Ernst May, Hannes Meyer, Bruno Taut, Fred Forbat, Johann Wilhelm Lehr, Eugen Kaufmann, Kurt Liebknecht, Margarete (Grete) Schütte-Lihotzky, Gerhard Kosel und andere). mini|Gedenktafel für Werner Schneidratus in Tscherkassy/Ukraine (2014)Errichtet aus Anlass des 60. Jahrestags der Gründung der Verwaltung Städtebau und Architektur der Gebietsverwaltung Tscherkassy 1954 bis 2014 (Privatarchiv Schneidratus, Urheber unbekannt; Übersetzung: Oswald Schneidratus). 1938–1941: Werner Schneidratus wurde als Lagerhäftling mit der Leitung der Projektierung und Baudurchführung von vier Werkhallen und des Kraftwerks des Werks zur Produktion von Bergbauausrüstungen in Orotukan beauftragt, einem der Zentren der Goldförderung des Kolymagebietes. Selbst Strafgefangener, hatte er mehrere Tausend inhaftierter und freier Projektanten, Ingenieure und Arbeiter anzuleiten. 1947–1949: Teilnahme am Wiederaufbau von Kiew, Bezirksarchitekt des Gebietes Shitomir, Ukraine 1954–1955: Werner Schneidratus erarbeitete als Chefarchitekt der ukrainischen Stadt Tscherkassy den Generalbebauungsplan dieser Stadt. Bei der Errichtung des in der Nähe befindlichen Krementschuker Staudamms und Wasserkraftwerks war ein großer Teil dieser Stadt im Krementschuker Stausee versunken und musste an anderer Stelle neu errichtet werden.
Verhaftungen und Verurteilungen in der UdSSR, 1937 und 1949 In der Nacht zum 1. November 1937, wenige Tage vor der geplanten Verteidigung seiner Dissertation, wurde Werner Schneidratus im Zuge des „Großen Terrors“ verhaftet. In seinem Antrag an die Generalstaatsanwaltschaft der UdSSR zur Überprüfung seines Falls aus dem Jahr 1953 beschreibt er die Verhöre: „… Während achtmonatiger Ermittlungen (wurde) ich … schweren körperlichen Folterungen ausgesetzt, … zu endlosen Verhören mit „Anwendung körperlicher Gewalt“ gebracht und schließlich – körperlich und geistig vollständig gebrochen, (jeweils 2 bis 3 Personen nahmen an meiner physischen „Bearbeitung“ teil) – gezwungen, eine offensichtliche Absurdität zu unterschreiben – ich hätte an einen vor mir verhafteten deutschen Bekannten Informationen „über die Stimmungen der sowjetischen Intelligenz“ und „über den 10-Jahres-Plan zur Rekonstruktion Moskaus“ weitergegeben… .“Kopie des Antrags von Werner Schneidratus an die Generalstaatsanwaltschaft der UdSSR zur Überprüfung seines Falls (russ.), Tscherkassy, 1953, Nachlass W. Schneidratus.
Entsprechend dem neu ins Strafrecht eingeführten Straftatbestand der „Kontaktschuld“ wurden außerdem die Kontakte zu seinem Vater Oswald (zu diesem Zeitpunkt bereits erschossen) und zum deutschen Architekten Kurt Mayer (verhaftet und verurteilt 1936) als strafverschärfend gewertet. Auf der Grundlage des erfolterten Geständnisses wurde Werner Schneidratus am 26. Mai 1938 von der Sonderversammlung des NKWD wegen „konterrevolutionärer Tätigkeit“ zu 10 Jahren Arbeitslager im Gebiet des sibirischen Flusses Kolyma verurteilt.
Die Haftjahre unterteilten sich in folgende Phasen: von Februar 1937 bis Mai 1938: Untersuchungshaft von Juni 1938 bis September 1938: Transport in Viehwaggons von Moskau zum Straflager von Oktober 1938 bis März 1943: Hauer in Schächten verschiedener Goldgruben im Permafrostboden (erschwerte Bedingungen) von April 1943 bis Juli 1945: Holzfäller im Waldeinschlag von Juli 1945 bis November 1947: Polier einer Baubrigade für Industrie- und Schachtbauten
mini|Werner Schneidratus mit Ehefrau Jaroslawa, geb. Salyk und Sohn Oswald (1951)In der Verbannung in Sibirien; Nachlass W. Schneidratus, Urheber unbekannt. Zwei Jahre nach seiner 1947 erfolgten Entlassung wurde Werner Schneidratus erneut verhaftet, sechs Monate in Einzelhaft gehalten und am 30. Juli 1949 von der Sonderversammlung des Ministeriums für Staatssicherheit der UdSSR wegen der gleichen Anschuldigungen wie 1937 zu einer lebenslänglichen Verbannung in das Gebiet Krasnojarsk in Sibirien verurteilt.