Unter Gefühlsethik (auch bekannt unter der Bezeichnung Moral-Sense-Theorie) werden Theorien zusammengefasst, die (moralischen) Gefühlen im Prozess der moralischen Urteilsbildung und bei der Erfassung moralischer Wahrheiten eine epistemisch und meta-ethisch entscheidende Rolle zusprechen. Wichtige Beiträge zur Moral-Sense-Theorie wurden im Zuge der Schottischen Aufklärung von Anthony Ashley Cooper (1671–1713), Francis Hutcheson (1694–1746), David Hume (1711–1776) und Adam Smith (1723–1790) entwickelt. Moderne Vertreter der Moral-Sense-Theorie sind beispielsweise Jonathan Haidt und Michael Slote.

Grundlagen Alle Vertreter dieser Theorie teilen die Überzeugung, dass Handlungen im Allgemeinen und moralische Handlungen im Besonderen weniger durch vernünftige Vorüberlegungen und viel mehr durch Affekte und moralische Gefühle motiviert werden. Menschen besitzen, dieser Theorie folgend, neben dem Tastsinn, dem Geschmackssinn und allen weiteren empirischen Sinnen auch einen moralischen Sinn. Analog zu allen anderen Sinnen, können Menschen mit dem Moralsinn unmittelbar spüren, ob ein Sachverhalt oder eine Handlung moralisch tadelnswert oder lobenswert ist. Die Theorien unterscheiden sich in der Ansicht darüber, ob Menschen mit ihrem Moralsinn universell gültige moralische Normen erkennen können, oder ob sie über subjektive Moralsinne verfügen, die sich je nach Sozialisation und Kulturraum unterscheiden.

Die Moral-Sense-Theorie ist eine Auslegungsvariante des moralischen Sentimentalismus, die entweder annimmt, dass das moralische Denken vornehmlich auf Gefühle zurückzuführen ist, oder dass moralische Tatsachen durch Gefühle erkannt werden können, oder dass menschliche Gefühlsregungen und moralische Fakten erkennbar miteinander korrelieren. Darüber hinaus können viele Auslegungen der Moral-Sense-Theorie auch dem ethischen Intuitionalismus zugerechnet werden, einer epistemologischen Annahme, wonach bestimmte moralische Wahrheiten intuitiv als wahr erkannt werden können.

Historische Hintergründe Als Schottische Aufklärung wird die intellektuelle Hochkultur im Schottland des 18. Jahrhunderts bezeichnet. Während in Schottland zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine vergleichsweise große Armut herrschte, kam es durch die Acts of Union 1707 zum Anschluss an das britische Empire. Als Folge zog der politische Betrieb weitestgehend nach London um, die intellektuellen und kulturellen Eliten verblieben hingegen weiter in Schottland und konnten sich in größerer Freiheit entwickeln. Die Zunahme von Handelspartnern in den amerikanischen Kolonien führte im Verlauf des 18. Jahrhunderts zudem zu einem wirtschaftlichen Aufschwung und durch eine rege Zu- und Auswanderung wurde auch der kulturelle Reichtum Schottlands gemehrt. Insgesamt gab es fünf Universitäten in Schottland (St. Andrews, Glasgow, Edinburgh, King’s College, Marischal College), deren Zugang im Vergleich zu anderen europäischen Universitäten preiswerter war. An diesen Universitäten etablierte sich zudem das pädagogische Konzept, dass Professoren nicht mehr alle Fachbereiche unterrichteten, sondern fachspezifisch arbeiteten. Die Konsequenz daraus war eine intellektuelle Hochkultur, deren Wirken anhand vieler Errungenschaften technischer und geisteswissenschaftlicher Natur erfasst werden können. Beispiele dafür sind die Entstehung der Encyclopædia Britannica (1768–71), die wegweisende Ausdifferenzierung neuer Forschungsbereiche wie der Soziologie durch Adam Ferguson und der Geologie durch James Hutton, und die wissenschaftlich und praktisch professionalisierte medizinische Lehre und Forschung. Auch wichtige philosophische Theorieerweiterungen in der Erkenntnistheorie und der Ethik prägen die Schottische Aufklärung.

Abgrenzung zum ethischen Rationalismus und zum moralischen Egoismus Die Philosophen der Schottischen Aufklärung grenzen sich mit der Moral-Sense-Theorie vom ethischen Rationalismus sowie dem moralischen Egoismus ab. Im Kontrast zu einer rationalen Ethik, schreiben sie den empirischen Methoden eine zentrale Rolle in der Ethik zu und kritisieren, dass viele beobachtbare Phänomene im Prozess der moralischen Urteilsbildung nicht vollständig durch rationale Theorien erklärt werden können. Der populärste Vertreter des ethischen Rationalismus, gegen den sich Moral-Sense-Theoretiker wie David Hume abgrenzten, war Rene Descartes. Descartes argumentiert in seinen Meditationes de prima philosophia (1641), dass Menschen mithilfe ihres Verstandes objektiv Relationen und Tatsachen in der Welt erkennen und dadurch moralisch passende von unpassenden Handlungen unterscheiden könnten. Die Moral-Sense-Theorie bezweifelt hingegen, dass moralische Wahrheiten Objekte sind, die mit der Vernunft erkannt werden können. Auch bezweifeln sie, dass Menschen sich allein aufgrund von Verstandesinhalten zu Handlungen motivieren können.

Die Moral-Sense-Theorie richtet sich ebenfalls gegen den moralischen Egoismus, der insbesondere durch Thomas Hobbes Werk Der Leviathan (1651) und in Bernard Mandevilles Bienenfabel (1714) vertreten wurde. Sowohl Hobbes als auch Mandeville gehen davon aus, dass alle Menschen grundsätzlich durch egoistische Motive zum Handeln motiviert werden. Von dieser Annahme ausgehend entwerfen beide eine rationale Ethik. Indem Menschen miteinander Vertragsverhältnisse eingehen, sich zu Staatsgemeinschaften zusammenschließen und versuchen, ihre soziale und wirtschaftliche Lage zu verbessern, würden sie, so die Idee des moralischen Egoismus, einen Mehrwert schaffen, der für alle Menschen in der Gemeinschaft vorteilhaft sei. Die Vertreter der Moral-Sense-Theorie lehnen diese Perspektive aufgrund empirischer Beobachtungen entschieden ab. Zur Begründung werden entweder Fallbeispiele angeführt, in denen Personen wissentlich gegen ihr eigenes Interesse zu handeln scheinen, oder es werden auf soziale Gefühle wie Mitleid, Erbarmen und Sympathie verwiesen, die Handlungen motivieren, ohne egoistisch zu sein.

Klassische Moral-Sense-Theorien Francis Hutcheson Francis Hutcheson kann als früher Vertreter der klassischen Moral-Sense-Theorie eingeordnet werden. Seine grundlegende Idee ist es, neben den bekannten menschlichen Sinnen wie dem Tastsinn oder den Geruchssinn, die Existenz weiterer Sinne, wie den ästhetischen Sinn und den moralischen Sinn anzunehmen. Analog zu dem Geruchssinn, mit dem Menschen den Geruch einer Sache unmittelbar wahrnehmen können, ermöglicht es nach Hutcheson der Moralsinn das moralisch Gute unmittelbar zu erkennen. Das moralisch Gute ist in Hutchesons Terminologie eine Qualität in „Handlungen [...] die Billigung und Liebe für ihren Urheber hervorruft, und zwar seitens derer, die nicht zwangsläufig einen Vorteil durch die Handlung erhalten.“ Im Gegensatz dazu ist das moralisch Schlechte eine Qualität einer Handlung, die Missbilligung für ihren Urheber auslöst, selbst bei denen, die von der Handlung nicht betroffen sind. Laut Hutcheson besitzen alle Menschen dasselbe natürliche Moralgefühl, dass sich nicht durch kulturelle und pädagogische Einflüsse verändern lässt.

Das moralische Gefühl der Liebe gegenüber einer handelnden Person und deren Charaktereigenschaften empfinden Menschen nur dann, wenn sie diesen Personen auch die Intention des Wohlwollens unterstellen können. Eng damit verknüpft ist die Ansicht, dass sich das Wohlwollen einer Handlung im besten Fall in einem persönlichen oder gesellschaftlichen Nutzen niederschlägt. Dieser Intention folgend entwickelt Hutcheson ein Nützlichkeitsprinzip, das in der Folge von den Grundvätern des Utilitarismus (Jeremy Benthams Nützlichkeitskalkül) aufgegriffen werden wird.„Erwarten wir gleiche Grade von Glück als Ergebnis der Handlung, dann steht die Tugend in Proportion zur Anzahl der Personen, auf die das Glück sich erstreckt (hier kann die Würdigkeit oder moralische Bedeutung von Personen die Anzahl ausgleichen) […] Das heißt, diejenige Handlung ist die beste, die das größte Glück der größten Anzahl zeitigt, die schlechteste ist die, welche in gleicher Weise Unglück verursacht.“Das Nützlichkeitsprinzip erlaubt es Hutcheson die moralische Güte alternativer Handlungsoptionen rechnerisch abzuwägen. Jede Handlung, die entweder durch eine gute Intuition (Wohlwollen) motiviert ist oder die im Ergebnis mehr Gutes als Übel erzeugt, kann diesem rechnerischen Prinzip folgend als moralisch gut bewertet werden. Umgekehrt wird jede Handlung, die mehr Übel als Gutes erzeugt oder die durch niederträchtige Intentionen motiviert ist, als moralisch schlecht bewertet werden. Aufgrund der klaren Trennung von Handlungsintentionen und Handlungsergebnissen ist es mit Hutchesons Moral-Sense-Theorie möglich, auch wenig talentierte Menschen mit guten Intentionen als tugendhaft zu beurteilen.

David Hume In seinem ethischen Hauptwerk „Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral“ von 1751 verfolgt David Hume das Projekt, alle als allgemein moralisch anerkannten menschlichen Eigenschaften empirisch zu erfassen und aus diesen Eigenschaften universell gültige Moralprinzipien abzuleiten. Mit der sogenannten „sehr einfache Methode“ untersucht Hume, ob einzelne Eigenschaften des menschlichen Gemütes in historischen Quellen, in Reiseberichten, im allgemeinen Sprachgebrauch oder in der Reflexion als tugendhaft oder als lasterhaft wahrgenommen werden. Die ermittelten Tugenden unterteilt Hume in vier Kategorien: Eigenschaften, die Menschen persönlich nützlich sind, Eigenschaften, die anderen nützlich sind, Eigenschaften, die Menschen persönlich unmittelbar angenehm sind und Eigenschaften, die anderen unmittelbar angenehm sind. Es können viele Begründungen angeführt werden, so Hume, warum diese empirisch feststellbaren Eigenschaften gesellschaftlich als Tugenden anerkannt werden. Beispielsweise könnte die Nützlichkeit einer Handlung von einer Gesellschaft als Grund aufgefasst werden, diese Handlung als tugendhaft zu beurteilen. Hume lehnt diese rationalistische Begründungsfigur jedoch ab, weil der Nutzenwert einer Handlung ihm zufolge keinen moralischen Wert besitze, der sich empirisch nachweisen ließe.