mini|Hille mit Marlies Göhr beim Training, 1979 (Foto: Peter Liebers für ADN, im Bundesarchiv) Horst-Dieter Hille (* 31. Juli 1933 in Züllichau; † 28. November 2002 in München) war ein deutscher Leichtathletiktrainer.Lebensdaten nach Eintrag Hille, Horst-Dieter in Klaus Amrhein: Biographisches Handbuch zur Geschichte der deutschen Leichtathletik 1898–2005, Leichtathletik-Fördergesellschaft, Darmstadt 2005, zugänglich über das World Biographical Information System Online. Er wurde bekannt als Trainer im Kurzstreckenlauf der Frauen in der DDR in den 1970er und 1980er Jahren; so trainierte er Weltrekordlerinnen, Olympiasiegerinnen und Weltmeisterinnen wie Renate Stecher, Marlies Göhr und Bärbel Wöckel. Diese Erfolge waren jedoch durch Doping unterstützt. In Aussagen vor der Staatsanwaltschaft Erfurt 1999 räumte Hille seine aktive Beteiligung am Dopingprogramm der DDR ein.

Leben

Ausbildung und erste Erfolge

Hille machte eine Lehre als Maschinenschlosser im Landmaschinenbau Torgau. Während dieser Zeit war er Turner bei der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Chemie Torgau. Am Barren wurde er 1951 Jugendmeister von Sachsen-Anhalt. In diesem Jahr delegierte die BSG Torgau ihn zum Studium nach Leipzig. Er absolvierte zunächst zwei Jahre Arbeiter-und-Bauern-Fakultät, studierte dann sechs Semester Sportwissenschaft an der Deutschen Hochschule für Körperkultur und erreichte dort den Abschluss als Diplom-Sportlehrer. Nach seinem Studium wurde er 1956 als Leichtathletiktrainer nach Rudolstadt zur dortigen SG Dynamo geschickt. Als Nachwuchstrainer war er an der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) Bad Blankenburg tätig, für die Dynamo Rudolstadt damals die Patenschaft innehatte. 1959 wurde er Mitglied der SED. Ab 1961 war er Trainer beim SC Motor Jena, zuständig für den Nachwuchsbereich im Sprint.Horst Schiefelbein: Maschinenschlosser, Tempotrainer, Nationalpreisträger: Horst-Dieter Hille/DDR. In: Erlebt – erzählt. Von Marita Koch bis David Rigert. Sportverlag, Berlin 1981, S. 132–143, hier: S. 132–135, 141; siehe auch den DEFA-Film Sprintermacher. Der SC Motor Jena erhielt ab Anfang der 1960er Jahre nach und nach die Patenschaft für die Kinder- und Jugendsportschule Bad Blankenburg.René Wiese: Erfolge nach Plan: Sportclubs und Kinder- und Jugendsportschulen. In: Jutta Braun, Michael Barsuhn (Hrsg.): Zwischen Erfolgs- und Diktaturgeschichte. Perspektiven der Aufarbeitung des DDR-Sports in Thüringen. Die Werkstatt, Göttingen 2015, S. 146–195, hier: S. 171f. Hille konzentrierte sich nun zunehmend auf den Frauennachwuchs in den Sprintdisziplinen und besonders in der 4-mal-100-Meter-Staffel. Nach eigenen Angaben profitierte er dabei besonders von den Erfahrungen von Max Schommler, dem Trainer von Christa Stubnick, und Heinz Birkemeyer, dem Trainer von Gisela Köhler (spätere Gisela Birkemeyer), beide Medaillengewinnerinnen bei den Olympischen Sommerspielen 1956 in Melbourne.Horst Schiefelbein: Maschinenschlosser, Tempotrainer, Nationalpreisträger: Horst-Dieter Hille/DDR. In: Erlebt – erzählt. Von Marita Koch bis David Rigert. Sportverlag, Berlin 1981, S. 132–143, hier: S. 134.

Ein Foto zeigt Hille 1963 an der KJS Bad Blankenburg mit der Weiblichen Jugend A, die in diesem Jahr den Pokal bei den Deutschen Jugendmeisterschaften der DDR gewann.Foto auf der Seite Deutsche Rekorde und Bestleistungen der „Ehemaligen Kinder & Jugendsportschulen (KJS)“. Hille trainierte dort unter anderem Bärbel Schrickel (spätere Bärbel Struppert), Renate Meißner (spätere Renate Stecher), Brigitte Geyer (spätere Brigitte Steinhardt) und Ingrid Schmidt (spätere Ingrid Brendel), die 1965 den DDR-Jugendtitel in der 4-mal-100-Meter-Staffel errangen,Horst Schiefelbein: Maschinenschlosser, Tempotrainer, Nationalpreisträger: Horst-Dieter Hille/DDR. In: Erlebt – erzählt. Von Marita Koch bis David Rigert. Sportverlag, Berlin 1981, S. 132–143, hier: S. 135. bei den Europäischen Juniorenspielen 1966 auch international erfolgreich warenBrigitte Geyer gewann den Titel über 100 Meter, Schrickel, Meißner und Geyer mit Christina Heinich auch die Staffel. Siehe European Junior Championships (Women) auf der Seite gbrathletics.com. und von 1967 bis 1973 mehrfach bei DDR-Meisterschaften der Frauen in dieser Disziplin siegten.Siehe Leichtathletik-DDR-Meisterschaften (4x100 m – Damen) auf sport-komplett.de sowie DDR-Meisterschaften in der Leichtathletik auf sport-record.info. Beim Meistertitel 1967 lief noch Brigitte Zetzsche statt Ingrid Schmidt, 1969, 1971 und 1973 liefen die vier in der angegebenen Besetzung.

Erfolgs- und Dopingjahre

Um 1969 oder 1970, so Hilles Aussage vor der Staatsanwaltschaft Erfurt 1999, sei er erstmals von Manfred Höppner mit dem Anliegen konfrontiert worden, „leistungsfördernde Mittel“ an Läuferinnen auszugeben. Es handelte sich um das anabole Steroid Oral-Turinabol. Er habe als Trainer nicht von der Verbandskonzeption abweichen können und die Tabletten, die er von den Ärzten erhalten habe, an diejenigen Athletinnen weitergereicht, die ihm die Ärzte bezeichnet hätten.Thomas Purschke: „Die alte Gift-Liste gilt unverändert.“ In: Gerbergasse 18, Heft 41, 2006, S. 23–26, hier: S. 24. Ebenso: Hanns Leske: Der Einfluß der SED und des Ministeriums für Staatssicherheit auf den Sport in der Leichtathletik und im Fußball in der Sportstadt Jena. online. Auch: Jutta Heess, Markus Völker: Die falschen Rekorde. In: taz vom 23. Dezember 2005, online.

1969 begann der internationale Aufstieg von Renate Stecher, der nicht nur sie, sondern auch Hille als ihren Trainer weltbekannt machte. Noch als Renate Meißner gewann sie bei den Leichtathletik-Europameisterschaften 1969 in Athen eine Silbermedaille im 200-Meter-Lauf und Gold mit der 4-mal-100-Meter Staffel. Zwei Jahre später, bei den Europameisterschaften in Helsinki, siegte sie über 100 Meter und 200 Meter und holte Silber mit der Staffel. Bei den Olympischen Spielen in München 1972 erkämpfte sie auf beiden Sprintstrecken Gold, jeweils in neuer Weltrekordzeit; die Staffel, an der mit Bärbel Struppert noch eine zweite Sprinterin aus Hilles Jenaer Gruppe beteiligt war, erreichte – hinter der Auswahl der Bundesrepublik – Silber. Stecher lief über 100 Meter sechsmal Weltrekord, darunter die erste handgestoppte Zeit unter 11 Sekunden (1973), und über 200 Meter zwei Weltrekorde.Jörg Hahn: Biografie. Hall of Fame des deutschen Sports.

mini|Hille mit Marlies Göhr, 1979 (Foto: Peter Liebers für ADN, im Bundesarchiv) Hille wurde Lehrwart für Frauensprint im Deutschen Verband für Leichtathletik (1971) und verantwortlicher Trainer für die DDR-Auswahlstaffel.ADN-Reportagedienst, 31. Oktober 1979: Ein Zentrum schneller Frauen. Horst-Dieter Hille: Größter Feind des Trainers ist die Selbstzufriedenheit. Nachlesbar in der Beschreibung zum Bild 183-U1031-0300, Deutsches Bundesarchiv. 1974 und 1975 kamen in seine Jenaer Trainingsgruppe weitere starke Sprinterinnen: Bärbel Eckert (spätere Bärbel Wöckel), Marlies Oelsner (spätere Marlies Göhr) und Ingrid Brestrich (spätere Ingrid Auerswald). Bei den Leichtathletik-Europameisterschaften 1974 in Rom siegte die 4-mal-100-Meter-Staffel der DDR mit zwei Läuferinnen aus Hilles Sprinterinnengruppe, Bärbel Eckert und Renate Stecher, in neuer Weltrekordzeit; in den Einzelwettbewerben über 100 und 200 Meter gewann Stecher jeweils Silber. Die Olympischen Spiele in Montreal 1976 verliefen für Hilles Sprinterinnen noch erfolgreicher: Bärbel Eckert holte Gold, Renate Stecher Bronze über 200 Meter, über 100 Meter erkämpfte Stecher Silber. In der 4-mal-100-Meter-Staffel erreichte das DDR-Team Gold, nunmehr mit drei Jenaer Läuferinnen: Oelsner, Stecher und Eckert. Hille erhielt nach den Spielen in Montreal als Teil eines Kollektivs um den Leiter des Forschungsinstituts für Körperkultur und Sport Hans Schuster den Nationalpreis der DDR I. Klasse für Wissenschaft und Technik für „hervorragende wissenschaftliche und wissenschaftsorganisatorische Leistungen auf dem Gebiet des Leistungssports“.Zum Nationalpreis und Schusters Rolle siehe Brigitte Berendonk: Doping-Dokumente. Von der Forschung zum Betrug. Springer, Berlin/Heidelberg 1991, S. 95.

Nach dem Rückzug Stechers vom Leistungssport blieben die Sprinterinnen aus Hilles Jenaer Trainingsgruppe unvermindert erfolgreich. Marlies Göhr siegte bei den Leichtathletik-Europameisterschaften 1978 in Prag über 100 Meter und wurde Zweite über 200 Meter, die Staffel mit Göhr erreichte Bronze. Die Olympischen Spiele 1980 in Moskau brachten erneut reichlich Medaillen: Bärbel Wöckel holte Gold über 200 Meter, Marlies Göhr verpasste nur um eine Hundertstelsekunde die Goldmedaille über 100 Meter und musste sich mit Silber begnügen, während Ingrid Auerswald Bronze gewann. Die 4-mal-100-Meter-Staffel, erneut mit drei Jenaerinnen (Wöckel, Auerswald und Göhr), erkämpfte Gold in neuer Weltrekordzeit. Bei den Leichtathletik-Europameisterschaften 1982 in Athen gelang sogar ein Doppelsieg über 100 Meter: Göhr erreichte Gold, Wöckel Silber. Über 200 Meter gewann Wöckel Gold, die neu in Hilles Gruppe gekommene Sabine Rieger (spätere Sabine Günther) Bronze. Auch die Staffel gewann das DDR-Team, mit drei Läuferinnen aus Jena: Wöckel, Rieger und Göhr. 1983 in Helsinki wurde Marlies Göhr Weltmeisterin über 100 Meter, und auch die Staffel errang den Weltmeistertitel (mit Auerswald und Göhr). Göhr stellte drei Weltrekorde über 100 Meter auf; 1977 war sie die erste Frau, die nach elektronischer Zeitnahme unter 11 Sekunden blieb. Diesen Weltrekordlauf nutzte Hille auch als Aufhänger für einen trainingswissenschaftlichen Beitrag in der Zeitschrift Theorie und Praxis des Leistungssports. Die 4-mal-100-Meter-Staffeln der DDR liefen zwischen 1973 und 1985 sogar elf Weltrekorde, jeweils mit ein bis drei Jenaerinnen.

Für die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles versprach sich die DDR daher viel von der Jenaer Trainingsgruppe. Göhr, Wöckel, Auerswald und die Nachwuchsläuferin Ines Schmidt (Ines Geipel), die über die nach Jena verlegte Kinder- und JugendsportschuleJutta Braun: Ines Geipel: Vergifteter Rekord. In: Jutta Braun, Michael Barsuhn (Hrsg.): Zwischen Erfolgs- und Diktaturgeschichte. Perspektiven der Aufarbeitung des DDR-Sports in Thüringen. Werkstatt, Göttingen 2015, S. 83–92, hier: S. 84. 1980 in Hilles Trainingsgruppe gekommen war,Siehe etwa: Jutta Heess und Markus Völker: Die falschen Rekorde. In: taz vom 23. Dezember 2005. Online wurden zum vorbereitenden Höhentraining nach Mexiko entsandt.Gerhard Pfeil: Gegen die Nebelwand. In: Der Spiegel vom 23. April 2006. Online. Doch der Olympiaboykott der Sowjetunion, dem sich die DDR anschloss, zerstörte diese Hoffnungen. Bei den Europameisterschaften 1986 in Stuttgart erreichten die Jenaer Sprinterinnen noch einmal zwei Titel: Marlies Göhr über 100 Meter, die Staffel mit Auerswald und Göhr. 1987 bei den Weltmeisterschaften kam von den Jenaerinnen nur noch Göhr zu einer Medaille, nämlich einer Silbermedaille als Schlussläuferin der Staffel. 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul erreichte die Staffel mit Auerswald und Göhr noch einmal Silber.

Insgesamt werden Hilles Schützlingen sechs Olympiasiege, drei Weltmeisterschafts- und zehn Europameisterschaftstitel zugerechnet.Eintrag Hille, Horst-Dieter in Klaus Amrhein: Biographisches Handbuch zur Geschichte der deutschen Leichtathletik 1898–2005, Leichtathletik-Fördergesellschaft, Darmstadt 2005, zugänglich über das World Biographical Information System Online. Siehe auch: Betreute Stecher, Wöckel und Göhr. Ex-Jenaer Erfolgstrainer Hille gestorben. In: Ostthüringer Zeitung vom 29. November 2002. In seiner Zeit war die DDR die führende Nation im Frauensprint geworden. Auf dem Höhepunkt seiner Erfolge, in den Jahren 1983 und 1984, wurden zwei Filme mit ihm gedreht, die speziell hervorhoben, dass unter seiner Leitung Jena zur dominierenden Stadt im Frauensprint der DDR geworden war. In