mini|Gedenkblatt für Karl Liebknecht von Käthe Kollwitz, 1920 Die Morde an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, führenden Mitgliedern der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), wurden während der Niederschlagung des Spartakusaufstands am 15. Januar 1919 von rechtsgerichteten, konterrevolutionären Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützen-Division verübt.
Da KPD und USPD die von den Mehrheits-Sozialdemokraten geführte Reichsregierung, insbesondere Reichswehrminister Gustav Noske, für dieses Verbrechen mitverantwortlich machten, führten diese ersten politischen Morde in der Weimarer Republik zu einer dauerhaften Spaltung der linken Kräfte.
Vorgeschichte mini|„Feindliche Aktivitäten – Die deutsche Revolution geht weiter – Rosa Luxemburg, das Hirn von „Spartakus“ während der Revolution“, Akte des US-Kriegsministeriums, 1917–1918. mini|Plakat an Litfaßsäule in Berlin, 1918 Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht stiegen im Zuge der Novemberrevolution zu den beiden einflussreichsten Führern der neugegründeten KPD auf, die für eine Sozialisierung der Großindustrie und die Errichtung einer Räterepublik eintraten, wie sie ähnlich im Jahr zuvor durch die Oktoberrevolution in Russland errichtet worden war. Schon im Dezember 1918 waren zahlreiche großformatige Plakate gegen sie in Berlin zu sehen, unter anderem mit der Aufforderung „Schlagt ihre Führer tot! Tötet Liebknecht!“.Illustrierte Geschichte der Deutschen Revolution, Berlin 1929, S. 241, mit Faksimile Ebenfalls wurden unzählige Handzettel mit dem gleichen Inhalt, unter anderem durch die Antibolschewistische Liga, verbreitet.Wolfram Wette: Gustav Noske. Eine politische Biographie. Düsseldorf 1987, S. 313. Es gab erhebliche Meinungsverschiedenheiten zur MSPD, die im Rat der Volksbeauftragten eine provisorische Regierung führte. (In der sozialdemokratischen Zeitung Vorwärts wurde zum Beispiel Liebknecht wiederholt als „geisteskrank“ bezeichnet.Illustrierte Geschichte, S. 238.) Am 4. Januar 1919 polemisierte Max Weber (DDP) in einer Rede in Karlsruhe: „Liebknecht gehört ins Irrenhaus und Rosa Luxemburg in den Zoologischen Garten“.
Seit dem 5. Januar 1919 versuchten Karl Liebknecht und andere Organisatoren mit dem Spartakusaufstand eine Regierungsübernahme nach russischem Vorbild zu erreichen. Die bevorstehenden Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar lehnten sie ab. Es gab Massendemonstrationen und die Besetzung von Redaktionsgebäuden mehrerer Zeitungen, wie des sozialdemokratischen Vorwärts und des linksliberalen Berliner Tageblatts.
mini|Erklärung der Provisorischen Regierung gegen den Spartakusaufstand („Die Stunde der Abrechnung naht!“), 9. Januar 1919 mini|Karl Liebknecht an Gräbern von Getöteten, 1918/19 Der regierende Rat der Volksbeauftragten, der zu diesem Zeitpunkt nur noch aus SPD-Vertretern bestand, veröffentlichte am 9. Januar eine offizielle Stellungnahme gegen den Aufstand mit dem abschließenden Satz „die Stunde der Abrechnung naht“.Illustrierte Geschichte, 1929, S. 277., Faksimile, im Deutschen Reichsanzeiger vom 9. Januar 1919, mit unterzeichnenden Namen Ebert, Scheidemann, Noske Die SPD-Regierung verbündete sich mit dem Militär und rechten Freikorps und schlug den Aufstand bis zum 12. Januar 1919 blutig nieder. Hauptverantwortlicher war der neue Reichswehrminister Gustav Noske („Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht!“).
Unter Zivilisten und Militärangehörigen kursierten Gerüchte, dass auf die „Spartakistenführer“ Kopfgelder ausgesetzt worden seien.Gietinger, Leiche, 1995, S. 25 f.; Illustrierte Geschichte, S. 293 f. Am 14. Januar erschien in einem Mitteilungsblatt für die sozialdemokratischen Regimenter Reichstag und Liebe ein Artikel mit der Drohung, dass „schon die nächsten Tage“ zeigen würden, dass nunmehr auch mit den „Häuptern der Bewegung […] Ernst gemacht wird.“Illustrierte Geschichte, S. 296.
Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg lebten in dieser Zeit an verschiedenen Orten versteckt. Seit dem 14. Januar 1919 wohnten sie bei dem Kaufmann Siegfried Marcussohn und dessen Frau, einer Freundin Luxemburgs, in der Mannheimer Straße 43 (jetzt 27) in Wilmersdorf. Dort verfasste Karl Liebknecht seinen letzten Artikel Trotz alledem! für die KPD-Zeitung Die Rote Fahne.Trotz alledem! in Die Rote Fahne vom 15. Januar 1919 Text
Am Abend des 15. Januars hatte sich Rosa Luxemburg schlafen gelegt. Wilhelm Pieck war in die Wohnung gekommen und brachte gefälschte Ausweispapiere für die beiden.Wilhelm Pieck: Erinnerungen an die Novemberrevolution und die Gründung der KPD, in: Vorwärts und nicht vergessen! Erlebnisberichte aktiver Teilnehmer der Novemberrevolution 1918/19, Berlin 1958, S. 29–78, S. 73., mit seiner Darstellung der Ereignisse Gegen 20.30 Uhr klingelte der Hauswirt an der Wohnungstür und fragte nach Liebknecht und Luxemburg. Obwohl deren Anwesenheit verleugnet wurde, kamen fünf Mitglieder einer Wilmersdorfer Bürgerwehr in die Wohnung und nahmen die beiden sowie Pieck mit.Giesinger, Leiche, 1995, S. 31; Jeder Beteiligte der Bürgerwehr erhielt später eine Belohnung von 1.700 Mark vom Vorsitzenden des Wilmersdorfer Bürgerrates. Die Information über den Aufenthalt der Gesuchten kam möglicherweise von Nachbarn im Haus.
Ermordung von Karl Liebknecht Karl Liebknecht wurde zunächst zur Wilmersdorfer Cecilienschule gebracht. Von dort rief ein Angehöriger der Bürgerwehr in der Reichskanzlei an und informierte den stellvertretenden Pressechef Robert Breuer über die Festnahme. Dieser kündigte einen Rückruf an, der aber angeblich nicht erfolgte.Gietinger, Leiche, 1995, S. 31. Daraufhin brachten Angehörige der Bürgerwehr Liebknecht gegen 21:30 Uhr per Automobil zum Eden-Hotel an der Ecke Budapester Straße/Kurfürstenstraße in Tiergarten, dem Hauptquartier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Diese stand unter der Führung von Generalleutnant Hofmann und war erst seit diesem Tag in Berlin.
Der anwesende Erste Generalstabsoffizier Waldemar Pabst übernahm den Gefangenen und verhörte ihn. Danach telefonierte er mit dem Reichswehrminister Gustav Noske (SPD). Dieser forderte ihn auf, mit dem verantwortlichen General Walther von Lüttwitz Kontakt aufzunehmen, um seine Zustimmung zur Tötung der beiden Gefangenen zu bekommen, worauf Pabst aber verzichtete, da er vermutete, diese nicht zu erhalten. Pabst behauptete, dass Noske dann die geplante Ermordung der beiden durch Pabst gebilligt habe. („Dann müssen Sie selbst wissen, was zu tun ist.“)Gietinger, Leiche, 1995, S. 111; so die Behauptung von PabstHorst von Pflugk-Harttung hatte im Januar 1932 in einem Interview in Norwegen behauptet, Noske habe die Erschießung Liebknechts ausdrücklich befohlen. Als Noske öffentlich widersprach (vgl. Ludwig Wachtel, in Tidens Tegn vom 4. Februar 1919), ließ Pflugk-Harttung mitteilen, dass der Journalist ihn „missverstanden“ habe. Gietinger, Leiche, 1995, S. 130 f.
Eine Gruppe von Marineoffizieren unter der Führung von Kapitänleutnant Horst von Pflugk-Harttung übernahm den Gefangenen. Sie verließen in einfachen Mannschaftsuniformen gekleidet gegen 22:45 Uhr durch den Seitenausgang zur Kurfürstenstraße das Hotel. Beim Verlassen wurde Liebknecht von Hotelgästen bespuckt, beschimpft und geschlagen.Gietinger, Leiche, 1995, S. 34 f. Als er im Auto saß, schlug der Jäger Otto Runge zweimal mit einem Gewehrkolben von hinten auf seinen Kopf, der zu bluten begann. Auf das anfahrende Automobil sprang der Leutnant Rudolf Liepmann auf, der über die Absicht des Transportes nicht informiert war. Die Fahrt ging in den nahegelegenen Tiergarten. Dort hielt der Fahrer an einer Stelle, „wo ein völlig unbeleuchteter Fußweg abging“ an, und behauptete, das Fahrzeug habe eine Panne.Emil Julius Gumbel: Vier Jahre politischer Mord, Berlin 1922, S. 11, mit dieser Beschreibung, auch in Die Rote Fahne vom 12. Februar 1919, S. 1 Karl Liebknecht wurde aufgefordert, zu Fuß weiterzugehen. Er wurde von vorne und seitlich von jeweils zwei Offizieren bewacht, von hinten von drei. Nach wenigen Metern wurde er am Ufer des Neuen Sees „aus nächster Nähe“ von hinten erschossen.Ergebnis der Leichenschau. In Illustrierte Geschichte der Deutschen Revolution, Berlin 1929, S. 306 Schüsse gaben Kapitänleutnant Horst von Pflugk-Harttung, Leutnant zur See Heinrich Stiege, Oberleutnant zur See Ulrich von Ritgen und der nicht zum Kommando gehörende Leutnant Rudolf Liepmann ab.Gietinger, Leiche, 1995, S. 113. Anwesend waren außerdem Hauptmann Heinz von Pflugk-Harttung, Leutnant zur See Bruno Schulze sowie der Jäger Clemens Friedrich als einziger Nicht-Offizier.Klaus Gietinger: Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere, Hamburg 2008, S. 126.
Der Tote wurde um 23.15 Uhr als „unbekannte Leiche“ in der Rettungswache gegenüber dem Eden-Hotel abgegeben. Anschließend wurde dem Hauptmann Waldemar Pabst Bericht erstattet.
Ermordung von Rosa Luxemburg miniatur|Rosa Luxemburg, 1918 miniatur|Eden-Hotel, Haupteingang, 1914 Rosa Luxemburg und Wilhelm Pieck wurden gegen 22.00 Uhr in das Eden-Hotel gebracht.Gietinger, Leiche, 1995, S. 111. Dort befragte sie Hauptmann Pabst kurz. Gegen 23.30 Uhr übergab er Rosa Luxemburg dem Oberleutnant Kurt Vogel und einigen einfachen Soldaten. Diese verließen das Hotel durch den Haupteingang, vor dem der Jäger Otto Runge stand, und mit einem Gewehrkolben auf den Kopf der Gefangenen einschlug. Diese sank ohnmächtig zu Boden und erhielt dort einen weiteren Hieb auf den Kopf. Sie wurde in ein Automobil getragen. Nachdem dieses etwa 40 Meter gefahren war, sprang der Leutnant zur See Hermann Souchon auf das linke Trittbrett auf. Er setzte eine Pistole an die linke Schläfe und schoss einmal. Danach verließ er das Fahrzeug wieder und verschwand in der Dunkelheit.
Der Leichnam wurde nun entgegen der ursprünglichen Anweisungen durch Oberleutnant Vogel und die Mannschaft in den Landwehrkanal zwischen Lichtenstein- und Corneliusbrücke geworfen. Dabei wurde ein patrouillierender Soldat auf sie aufmerksam. Diesem erklärten sie freimütig, dass sie gerade Rosa Luxemburg in das Wasser geworfen hatten.
Anschließend wurde Hauptmann Pabst Bericht erstattet. Dieser war verärgert, da die Tötung und die Entsorgung der Leiche anders als geplant abgelaufen war.
Weitere Geschehnisse Presseberichte mini|hochkant|Artikel über den Mord im Reichsanzeiger mini|Die Wachmannschaft des Eden-Hotels am 16. Januar 1919. In der Mitte des Tisches (mit Schnurrbart und Mütze) Otto Runge, der beide Opfer mit dem Gewehrkolben geschlagen hatte. Das vom Pressefotografen Franz Gerlach aufgenommene Bild wurde von Leo Jogiches in seinem Artikel über den Mord in der Roten Fahne am 12. Februar 1919 verwendet. Hauptmann Pabst verfasste ein ausführliches Presse-Kommunique, in dem er angab, Karl Liebknecht sei „auf der Flucht erschossen“ und Rosa Luxemburg „von der Menge getötet“ worden.Gietinger, Leiche, 1995, S. 40 ff., bekanntgegeben durch Presseoffizier Friedrich Grabowski Dieses wurde als erstes in der B.Z. am Mittag und dem 12 Uhr Blatt gemeldet.B.Z. am Mittag vom 16. Januar 1919, S. 1, Text Anschließend berichteten viele Tageszeitungen darüber.
Leo Jogiches recherchierte die Ereignisse detailliert und veröffentlichte seine Erkenntnisse am 12. Februar 1919 in der KPD-Zeitung Die Rote Fahne.[Leo Jogiches:] Der Mord an Liebknecht und Luxemburg. Die Tat und die Täter. In: Die Rote Fahne vom 12. Februar 1919, S. 1 Digitalisat; Die Ereignisse sind detailliert beschrieben, die Darstellung entspricht in fast allen Einzelheiten den späteren Erkenntnissen, nur als Mörder an Rosa Luxemburg wurde fälschlicherweise Oberleutnant Vogel genannt, und nicht Hermann Souchon, was erst später bekannt wurde Die USPD-Zeitung Freiheit deutete am 28. Mai 1919 erstmals auf Hermann Souchon als möglichen Mörder von Rosa Luxemburg.
Beisetzungen mini|hochkant=1.2|Spitze des Trauermarsches bei der Beisetzung von Rosa Luxemburg