mini|hochkant|Ines Wetzel: Selbstbildnis (1930) Ines Wetzel ist der Künstlername von Christina Josephina Holthof, verheiratete Wetzel, in zweiter Ehe verheiratete Mai (geboren am 7. März 1872 in Frankfurt am Main; gestorben am 13. Februar 1938 in Berlin). Sie war eine deutsche Malerin und Grafikerin des Expressionismus und Mitglied der Künstlervereinigung Novembergruppe. Darüber hinaus engagierte sie sich in der frühen Frauenbewegung: Von 1907 bis 1912 war sie Vorsitzende der Frankfurter Ortsgruppe des Bundes für Mutterschutz.
Leben Familie Die Eltern von Christina Josephina Holthof waren Caroline und Carl Joseph Holthof. Die Mutter war eine geborene Schneider (geboren am 5. Juni 1839 in Mainz; gestorben am 1. Februar 1922 in Frankfurt). Die Eltern hatten am 16. April 1870 in Frankfurt am Main geheiratet. Ines Wetzel war das mittlere von drei Kindern. Ihr älterer Bruder, nach dem Vater Carl Joseph benannt, wurde am 2. Oktober 1870 geboren. Ihre jüngere Schwester, Auguste Justine, am 5. Oktober 1875. Sie starb am 29. Oktober 1930 in Frankfurt. Die Familie war katholisch. Christina Josephina wurde einen Monat nach ihrer Geburt, am 10. April 1872 im Frankfurter Dom getauft, ihre Taufpatin war Josefine Schneider.
mini|hochkant|Heinz Wetzel (Photogravüre um 1899) Ihr Vater Carl Holthof war Jurist und von 1864 bis 1871 Redakteur der Frankfurter Zeitung. Wie viele seiner Kollegen geriet er aus presserechtlichen Gründen immer wieder mit den Behörden in Konflikt, insbesondere zu Beginn der preußischen Besetzung Frankfurts im Jahr 1866. Er war im Frankfurter Stadtrat als Politiker aktiv und von 1877 bis 1878 Mitglied des Deutschen Reichstags für die nationalliberale Deutsche Volkspartei.
In erster Ehe war Ines Wetzel verheiratet mit dem Maler Friedrich Heinrich Wetzel, genannt Heinz Wetzel (geboren am 18. November 1858 in Kayna; gestorben am 8. Mai 1913 in Frankfurt am Main). Die Hochzeit fand am 7. Dezember 1892 in Frankfurt am Main statt. Aus der Ehe stammte ein Sohn, Hans Hellmuth Wetzel, der am 13. September 1893 in Frankfurt geboren wurde. Heinz Wetzel leitete ab 1885 die Fachklasse für Malerei an der Frankfurter Kunstgewerbeschule in der Neuen Mainzer Straße 49. Sein älterer Bruder Carl Wetzel (1856–1940) unterrichtete dort Bildhauerei. Das Ehepaar wohnte zunächst in der Schweizerstraße 55, dann 1896 in der Wolfsgangstraße 80 in der Nachbarschaft von Ferdinand Luthmer, dem Direktor der Kunstgewerbeschule. 1897 zogen sie in die Untermainanlage 9 und schließlich ab 1904 in die Straße Im Trutz Frankfurt 20. Ines und Heinz Wetzel reisten gemeinsam, auch mit Sohn Hellmuth, zu Erholungsaufenthalten in die nähere Umgebung. So etwa 1908 zur Kur nach Bad Homburg. Die Ehe wurde am 16. Dezember 1912 rechtskräftig geschieden und schon ein Jahr später, am 8. Mai 1913, starb Heinz Wetzel.
Am 11. September 1913 heiratete sie in Berlin zum zweiten Mal, den jüdischen Arzt Ernst Mai (geboren am 20. Oktober 1878 in Hanau). Laut der Eheurkunde war das Paar zu dieser Zeit in der Kurfürstenstraße 85 in Berlin wohnhaft. Ernst Mai war ab 1910 in Berlin als Facharzt für Innere und Nervenkrankheiten tätig. Seine Eltern waren Berta Mai (geborene Speier) und der Kaufmann David Mai. Er war das dritte von vier Geschwistern, darunter der 1874 geborene Chemiker Ludwig Mai und die Schwester Minna Flake. Flake war laut Heiratsurkunde von Ernst Mai und Christina Josefine Mai Trauzeugin bei der Eheschließung.Heiratsregister Berlin III 1913 Ein weiterer Trauzeuge war der Chirurg Paul Zander. Ernst Mai wurde, ebenso wie seinem Bruder, durch das NS-Regime nach 1933 der Doktorgrad entzogen. Beide wurden im Jahr 2011 durch die Universität Würzburg öffentlich rehabilitiert. Während der Kriegsjahre des Ersten Weltkriegs war Ernst Mai laut Kriegsrangliste als Oberarzt in Bayern stationiert: 1914 in Hof und Ingolstadt und 1917 in Regensburg und Augsburg. In dieser Zeit muss Ines Wetzels Gemälde Bayerische Landschaft mit Häusern (1917) entstanden sein, das der Novembergruppe zugerechnet wird.
1926 verzeichnet das Handbuch des Kunstmarktes eine Adresse für Ines Wetzel am Lützowplatz 13 in Berlin, ebenso Dresslers Kunsthandbuch aus dem Jahr 1930, das sie dort mit einer „Stubenmalerpraxis“ als Malerin und Griffelkünstlerin verzeichnet. Das Amtliche Fernsprechbuch für Berlin und Umgebung des Jahres 1932 weist als ihre Adresse Lützowplatz 21 aus, das von 1934 die Anschrift Lützowplatz 25 und das von 1936 schließlich die Adresse, die ihrer Sterbeurkunde zu entnehmen ist: Lützowplatz 23. Unter dieser Anschrift und der gleichen Rufnummer ist auch ihr Ehemann – Ernst Mai – eingetragen.
Ines Wetzel starb im Alter von 66 Jahren am 13. Februar 1938 in Berlin in ihrer Wohnung. Die Meldung im Standesamt übernahm die „ledige Photographin Hildegard Holthof“, die der Sterbeurkunde zufolge ebenfalls am Lützowplatz 23 wohnte. In der Sterbeurkunde ist Ines Wetzel unter dem Namen Christina Josephine Mai (geschiedene Wetzel, geborene Holthof) verzeichnet. In der deutschen Exilzeitung Pariser Tageszeitung vom 5. März 1938 erschien eine kurze Notiz, wonach sie in Berlin an den Folgen einer langen schweren Krankheit verstorben sein soll.
Verfolgung und weiteres Schicksal von Familienangehörigen Ernst Mai emigrierte am 18. April 1939 nach Frankreich, noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Seine Schwester Minna Flake hatte sich um Visa für die USA für sich und ihre Familie bemüht. Sie flohen zunächst nach Südwestfrankreich, wo sie in Kontakt zur Familie von Erich Cohn-Bendit standen. Mit Hilfe von Walter Friedländer und dem Emergency Rescue Committee (ERC) gelang es ihnen, die erforderlichen Visa für die USA zu erhalten. An Bord der Lourenco Marques erreichte Ernst Mai auf einer Überfahrt von Lissabon aus, die am 27. Januar begann, am 8. Februar 1941 New York. Seine Schwester gelangte erst an Bord der Duc D’Aumale, zwei Monate später, in die USA. Ernst Mai starb drei Jahre später, am 8. November 1944, in New York.Ernst Mai. mappingthelives.org
Hellmuth Wetzel, der Sohn von Ines Wetzel, war Dichter und Journalist. Zusammen mit Johannes Junack, mit dem er zusammen als Redakteur beim Deutschen Nachrichtenbüro arbeitete, gründete er 1933 nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten die Widerstandsgruppe „Stille Front“. Die Aktivitäten der Gruppe wurden jedoch aufgedeckt, und am 15. Februar 1938 erfolgten 54 Verhaftungen. Johannes Junack kam am 9. September 1940 im KZ Sachsenhausen zu Tode, offizielle Todesursache war „Herzschwäche“.DocID: 4121194 (Johannes Junack). Arolsen Archives. Hellmuth Wetzel wurde am 6. September 1940 aus dem KZ Sachsenhausen in das KZ Dachau überführt und kam dort am 4. Dezember 1940 zu Tode, offizielle Todesursache war „Lungenentzündung Kreislauf“.DocID: 10780687 (Helmut Wetzel). Arolsen Archives. Er wurde am 31. Juli 1941 beerdigt.Listenmaterial Sachsenhausen Arbeitskopien Ordner 41 In: Arolsen Archives In einem Leserbrief im August 1947 schilderte seine geschiedene Frau, Johanna Wetzel, in der jüdischen Exilzeitung Aufbau die Entstehung und Bedeutung dieser Gruppe, deren erstes Mitglied nach ihren Angaben Wilhelm Laverrenz gewesen sein soll.
Widersprüchliche biografische Angaben In einer Publikation mit Beiträgen der Novembergruppe aus dem Jahr 1928 war das Geburtsjahr 1882 angegeben und als Herkunftsort Frankfurt am Main. Die Berliner Börsen-Zeitung des Jahres 1911 gab bei einer Ausstellungsankündigung als Herkunftsort Wetzels ebenfalls Frankfurt am Main an. Helga Kliemann gab in ihrem Werk über die Novembergruppe aus dem Jahr 1969 als Geburtsort Berlin an. Dresslers Kunsthandbuch aus dem Jahr 1930 bildete das Geburtsjahr 1878 ab.
Ines Wetzel soll nach 1900 ihre künstlerische Ausbildung an der Kunstgewerbeschule und der Kunstakademie München absolviert haben Auch hierzu finden sich keine gesicherten Angaben. Verschiedene Kurzbiografien zu Ines Wetzel (so auch die vorgenannte, aber auch die Archivdatenbank der Akademie der Künste Berlin) führen aus, sie sei „Schülerin der Kunstgewerbeschule und der Akademie München“ gewesen. Die Kunstgewerbeschule Berlin, deren Archiv in die Bestände des Universitätsarchivs der Universität der Künste einging, jedoch verzeichnet weder in den vollständig erhaltenen handschriftlichen Zensurenlisten 1897–1900 noch in den Aufnahmelisten 1900–1917 den Namen Ines Wetzel. Die Studierendenlisten der Kunstgewerbeschule und der Damenakademie München sind im Archiv der Akademie der Bildenden Künste München erhalten. Auch dort findet sich kein Eintrag zum Namen Ines Wetzel um 1900. Frauen waren um 1900 zum Studium an der Akademie der Bildenden Künste München nicht zugelassen. Es ist möglich, dass sie als Gasthörerin teilnahm und daher nicht in den Studierendenlisten verzeichnet ist. Die Information dieser Kurzbiografien ist daher nicht verlässlich oder es gilt sie zumindest noch durch geeignete Belege zu verifizieren. Das Portal Bildindex gibt die Kunstgewerbeschule Berlin an. Beides ist vermutlich falsch. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass Wetzel an der Kunstgewerbeschule Frankfurt studierte – zumal sie 1892 Heinz Wetzel heiratete, der dort die Fachklasse für Malerei leitete.
Die Künstlerin soll 1940 zusammen mit ihrem Sohn deportiert und im Konzentrationslager Dachau ermordet worden sein. Diese Angaben sind allerdings falsch oder irrtümlich durcheinander geraten.
Politisches Engagement Ines Wetzel war Mitglied im Bund für Mutterschutz und von 1907 bis 1912 Vorsitzende der als linksliberal geltenden Frankfurter Ortsgruppe. Nach dem Umzug nach Berlin im Jahr 1912 engagierte sich Ines Wetzel während des Ersten Weltkrieges, wie Helene Stöcker, in der deutschen Friedensbewegung. 1916 tauchte ihr Name neben Edmund Wetzel und Helene Stöcker auf der Mitgliedsliste der Friedensorganisation ‚Zentralstelle Völkerrecht‘ auf, einer Nachfolgeorganisation des im Februar 1916 verbotenen Bundes Neues Vaterland.
Sie unterschrieb den Aufruf der Internationalen Arbeiterhilfe für die deutsche Hungerhilfe, und bildete zusammen mit Käthe Kollwitz ein Komitee, das eine Lotterieaktion unter dem Titel „Deutsche Künstler für das hungernde Rußland“ leitete. Für die Lotterie spendeten beide selbst wie auch namhafte Kolleginnen und Kollegen, darunter Paul Klee, Lyonel Feininger, Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff, Bilder und Grafiken, die gegen ein Los zum Preis von 6 Mark zu gewinnen waren. Weiterhin zeichnete Wetzel 1924 den Aufruf an alle Künstler und geistig Schaffenden in einer Publikation der Berliner Künstlerhilfe aus dem Jahr 1924 unter dem Titel 8 Stunden, die die Einführung des Achtstundentages befürwortete, Wiederabdruck in: Diether Schmidt: Manifeste, Manifeste. Künstlerschriften 1905–1933. Band 1. Fundus Bücher 15–17, Berlin 1965, S. 325 ff. sowie die Protesterklärung gegen die Zerstörung der Fresken Heinrich Vogelers im Barkenhoff Worpswede im Jahr 1927 in Polizeiterror gegen Kind und Kunst. 1928 protestierte sie neben anderen Künstlern gegen den Prozess um Johannes R. Becher und unterzeichnete den Aufruf des Künstlerkomitees gegen Panzerkreuzer und für Volksentscheid.
Werk mini|hochkant|Titelblatt Die Aktion (19. Oktober 1918)