Die Forschungsanstalt Graf Zeppelin (gegründet 1937; aufgelöst 1945) war eine deutsche Forschungseinrichtung für militärische Luftfahrt- und Waffentechnik, der das Reichsluftfahrtministerium unter Hermann Göhring eine große Bedeutung für die erfolgreiche Kriegsführung des nationalsozialistischen Regimes beimaß. Leiter des Instituts wurde der damalige Professor für Luftfahrt der Technischen Hochschule Georg Madelung.
Geschichte Vorläuferinstitute Die Luftfahrtforschung in Stuttgart begann 1910 an der Königlich Technischen Hochschule Stuttgart unter Leitung von Alexander Baumann (1875–1928). Nach Baumanns Tod 1928 wurde sein Lehrstuhl für Luft- und Kraftfahrtwesen aufgeteilt. Georg Madelung (1889–1972) übernahm das Flugtechnische Institut der Technischen Hochschule Stuttgart (F.I.S.T.) und Wunibald Kamm (1893–1966) das Forschungsinstitut für Kraftfahrtwesen und Fahrzeugmotoren an der Technischen Hochschule Stuttgart (FKFS).
Das F.I.S.T. wurde ab 1936 auf Betreiben von Göhring massiv ausgebaut. Georg Madelung spielte dabei eine große Rolle. Er zog sich das führende Personal für die spätere Forschungsanstalt an der TH Stuttgart heran. mini|Ehemaliger Fliegerhorst in Nellingen auf den Fildern (heute: Scharnhausen)
Militärische Forschungseinrichtung Die Forschungsanstalt Graf Zeppelin (FGZ) wurde seit 1937 von Georg Madelung im Zinsholz auf der Gemarkung Ruit aufgebaut. Sie war dem F.I.S.T. angeschlossen. Das FGZ diente jedoch ausschließlich militärischen Zwecken und hatte keinen Lehrbetrieb. Dort befasste man sich zum Beispiel mit der Konstruktion von Bomben, Torpedostabilisierung (Superkavitation), Unterwasserdetonationen, der Konstruktion von Flugzeug-Katapulten oder Fallschirmen zur Verzögerung von Flugzeugen und Bergung von Flugkörpern. Für die Superkavitation baute Hans-Günther Snay eine Versuchsanlage mit Wassertank und Pressluftkanone.
Im Auftrag des Reichsluftfahrtministeriums wurden von der Forschungsanstalt Graf Zeppelin im Alatsee neue Abfangjäger getestet, wovon Wrackteile zeugen. Ein menschlicher Zeitzeuge aus Füssen, ein Hirte auf der Saloberalm, bezeugte diese Versuche. Von 1945 bis 1954 war der Alatsee daher amerikanische Sperrzone.
Ab 1942 wurde in dem aufgelassenen Steinbruch der Firma Baresel in Vaihingen an der Enz eine Außenstelle der Forschungsanstalt Graf Zeppelin eingerichtet, wo im Auftrag der deutschen Rüstungsindustrie Versuche mit dem Katapult der V-1 unter dem Projektnamen Fi 103 unternommen wurden. Es wurden durch ein original Heinkel-Katapult statt der Flugkörper gleich schwere Eisenklötze gegen die Wand des Steinbruchs geschossen. Dabei wurden Geschwindigkeit sowie Beschleunigungs- und Druckverlauf im Katapult gemessen und aufgezeichnet.
Zur Forschungseinrichtung gehörte auch der Fliegerhorst Nellingen auf den Fildern (heute Ostfildern), der auf einem ehemaligen Gestütsgelände errichtet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Fliegerhorst bis 1992 von den Amerikanern unter dem Namen Nellingen Barracks als Kaserne genutzt.
Aufbau der Forschungsanstalt
Abteilung Hochfrequenztechnik Die Abteilung für Hochfrequenztechnik beschäftigte sich unter Richard Feldtkeller mit der Entwicklung von Torpedos. So wurde etwa an einer Abstandspistole für Torpedos geforscht. Dabei handelte es sich um einen Zündmechanismus, der nicht durch den Aufprall auf die Schiffshülle, sondern durch das Magnetfeld eines Schiffes gezündet werden sollte. In der Praxis waren diese Art von Waffen bis dato unzuverlässig. Dagegen sollte durch die Forschung Abhilfe geschaffen werden.
Des Weiteren wurde daran geforscht, Panzerbekämpfung durch Hochfrequenztechnik zu ermöglichen. Dafür sollten Bordkanonen beim Überfliegen eines Panzers durch magnetische Zündung ausgelöst werden. Die entwickelte Lösung hatte jedoch das Problem, dass ein Flugzeug 6 m über dem Panzer hätte fliegen müssen, damit die Zündung ausgelöst hätte werden können, was mit einer enormen Selbstgefährdung einher gegangen wäre.
Abteilung Aerodynamik In der Abteilung Aerodynamik beschäftigte sich Helmut Heinrich von 1943 bis 1945 mit der Weiterentwicklung von Leitflächenschirmen. Dabei handelte es sich um Fallschirme, die einen geringen Öffnungsstoß haben und ein pendelfreies stabiles Flugverhalten aufweisen sollten. Leitflächenschirme wurden in den letzten Kriegstagen bei Bomben, Torpedos und Minen eingesetzt. Damit konnte man auf starre Leitwerke verzichten und so mehr Kriegsmaterial in einem Bomber transportieren.
Des Weiteren sollten Klappleitwerke für Bomben entwickelt werden, die beim Transport keinen Platz wegnehmen und das Leitwerk beim Abwurf herausgezogen wird.
Personal
Abteilungsleiter am FGZ Folgende Abteilungsleiter waren am FGZ tätig:
Georg Madelung (Institutsleitung 1937–1945) Richard Feldtkeller (Abteilung Hochfrequenztechnik) Helmut Heinrich (Ingenieur) (stellvertretender Abteilungsleiter der Aerodynamischen Abteilung ab 1939, Aerodynamische Abteilung 1940–1945) Ulrich Hütter (Abteilung Konstruktion 1943–1945) Rudolf Isermann (Abteilung Flug- und Abwehrversuche 1937–1945) Theodor Knacke (Stellvertretender Leiter der Aerodynamischen Abteilung 1941–1943, Abteilung Fallschirmentwicklung 1943–1945) Dietrich Rühle (Aerodynamische Abteilung 1939–1940, Abteilung Endballistik 1942–1945) Hans-Günther Snay (Abteilung Einschussbecken und Sprengphysik 1938–1945)
Sonstige Mitarbeiter Am Institut arbeiteten Ingenieure, Wissenschaftler, technische Zeichnerinnen, Rechnerinnen und Lehrlinge. Zudem arbeiteten eine Vielzahl von Technikern an der Reparatur und Vervollkommnung der Testmodelle. Zu nennen sind außerdem der Mediziner und Meteorologe Konrad Büttner, der Bauphysiker Karl Gösele sowie die Architekten Paul Stohrer und Günter Wilhelm. Zwangsarbeiter Da das Personal des FGZ zunehmend in den Krieg eingezogen wurde, wurden deren ehemalige Positionen mit Zwangsarbeitern aus Italien und Russland besetzt. Genaue Informationen darüber liegen jedoch nicht vor. Allein 1945 zählte man 80 Italiener, 32 Russen und 10 Ostarbeiterinnen.
Umnutzung ab 1945
Am 24. Mai 1948 wurde auf einem Teil des Areals der ehemaligen Forschungsanstalt Graf Zeppelin von der amerikanischen Militärregierung die „Jugend- und Sportleiterschule Ruit“ gegründet.
Die Schule sollte gemäß der amerikanischen Siegermacht die Erziehung der Deutschen zur Demokratie vorantreiben. Ziel war es, jungen Menschen die Werte einer demokratischen Gesellschaftsordnung und den friedfertigen Umgang mit fremden Nationalitäten oder Andersdenkenden zu vermitteln. Zunächst ging es dabei um musische Erziehung, politische Bildung und Sport. Davon ist schließlich der Sport übrig geblieben. Hans Gabler machte daraus ab 1955 die „Sport-und Jugendleiterschule Nellingen/Ruit“ und legte den Grundstein für die Fußballhäuser I und II, in denen Fußballprofis wie Uli Hoeneß, Jürgen Klinsmann, Helmut Roleder, Gerhard Heinze und Ottmar Hitzfeld übernachteten oder auch ausländische Fußball-Mannschaften wie FK Dukla Prag oder Dynamo Kiew ins Trainingslager gingen. In den 70er Jahren wurde die Anlage zu einer der fünf größten Sportschulen der Bundesrepublik ausgebaut.
Trivia In dem Kriminalroman "Seegrund", einem Kluftinger-Krimi, haben die Autoren Volker Klüpfel und Michael Kobr die Mythen, die um das Testgelände Alatsee gesponnen wurden, vom „Blutenden See“ und vom „Nazigold“ in die Handlung eingebaut.
Literatur Die Reihenfolge der aufgelisteten Literatur entspricht dem Datum der Veröffentlichung. Ernst-Heinrich Hirschel, Horst Prem, Gero Madelung: Aeronautical Research in Germany – from Lilienthal until today. Springer-Verlag, Heidelberg und New York 2004. (Auszüge bei Google Books)
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Forschungsinstitut in Stuttgart Kategorie:Forschungseinrichtungsgründung 1937 Kategorie:Ehemalige Forschungseinrichtung Kategorie:Aufgelöst 1945