mini|Der königliche Held im Kampf gegen ein mythisches Wesen auf einem Relief in Persepolis. Das Symbol für die Identität des „persischen Mannes“ ist ebenso auf etwa einem Drittel der Tontafeln zu finden. mini|Elamische Tontafel mit Siegel von Qasr-i Abu Nasr. Es wird vermutet, dass die Tontafel ursprünglich aus dem Festungsarchiv von Persepolis stammt und 1933/34 zu ihrem Fundort gebracht wurde. Der Abdruck des Rollsiegels befindet sich auf der Rückseite der Tafel. Es zeigt einen Helden, der ein geflügeltes Löwenwesen auf beiden Seiten an seinem Hinterbein hält. Ca. 500 v. Chr. New York, Metropolitan Museum of Art 36.30.62; siehe Besprechung in: Wouter F. M. Henkelman, Charles E. Jones, Matthew W. Stolper: The Qasr-i Abu Nasr Tablet (= Arta 2006.003). Online mini|Das Siegel des Kyros I. wurde auf der Tontafel PFS 0093 gefunden
Die Verwaltungsarchive von Persepolis wurden 1933 entdeckt und veränderten das Bild vom Achämenidenreich grundlegend. Die Tontafeln aus Persepolis bestehen hauptsächlich aus zwei Archiven und werden nach ihren Fundorten als Festungsarchiv und Schatzhausarchiv von Persepolis bezeichnet. Sie beschreiben die Tätigkeit der regionalen Verwaltung von Persepolis während der Regierungszeit von Dareios I. um 500 v. Chr.
Eine neue Sicht auf das Achämenidenreich Die Hauptquellen über die Achämeniden waren bis zur Entdeckung der Verwaltungsarchive von Persepolis Schriften wie die Historien des Herodot, die griechisch-makedonischen Alexanderhistoriker (Geschichtsschreiber zu Alexander dem Großen und dem Alexanderzug) und Referenzen in der hebräischen Bibel, die alle ein Bild der alten Perser aus einer bestimmten Perspektive vermitteln.Gil Stein: A Heritage Threatened: The Persepolis Tablets Lawsuit and the Oriental Institute (= Oriental Institute Publications. News & Notes). Chicago 2007; D. M. Lewis: Persepolis Fortification Texts. In: Heleen Sancisi-Weerdenburg, Amélie Kuhrt: Achaemenid History IV: Centre and Periphery. Proceedings of the Groningen 1986 Achaemenid History Workshop. Leiden 1990, S. 2–6. Von den Achämeniden selbst stammen als wichtige Quellen die Behistun-Inschrift, die Inschriften von Naqsch-e Rostam, Gandschnāme, u. a., die zu einem geschichtlichen Bild der Achämeniden führten, das im Gegensatz zu den Assyrern, Babyloniern und den Elamern stand und bisher als Bruch in jeder Hinsicht in der Region interpretiert wurde.Mark B. Garrison: Beyond Auramazda and the Winged Symbol. In: Wouter F. M. Henkelman, Céline Redard (Hrsg.): Persian Religion in the Achaemenid Period. Wiesbaden 2017, S. 188–189.
Die Archive von Persepolis sind eine primäre Informationsquelle aus dem Innern des Reichs. Das Festungsarchiv liefert Daten und Bilder zur Arbeitsorganisation, der Aktenverwaltung, dem Status von Arbeitern, der regionalen Demographie, der Finanzpolitik, der Religion, dem Verkehrsnetz und den Beziehungen zwischen staatlichen Institutionen und privaten Parteien.Wouter F. M. Henkelman: The Other Gods Who Are: Studies in Elamite-Iranian Acculturation based on the Persepolis Fortification Texts (= Achaemenid History. Band 14). Leiden 2008, S. 65. Der Inhalt der Tontafeln wirkt im Einzelnen unscheinbar und gewinnt erst im Vergleich mit anderen Texten an Bedeutung. Mit dem inhaltlich angelegten Kategoriensystem von Richard Hallock lassen sich wiederum andere Gruppeninhalte vergleichen und in den letzten Jahrzehnten hat sich ein komplexes Bild von der Gesellschaft unter den Achämeniden herausgeschält, das bis dahin unbekannt war.Richard Hallock: Persepolis Fortification Tablets (= Oriental Institute Publications. Band 92). Chicago 1969, S. 3 und 13.
Die Archive mit ihren Texten und Siegeln zeigen ein Bild einer aufstrebenden Weltmacht, die einerseits tief eingebettet war in das Vermächtnis von Assyrern, Babyloniern und Elamern und andererseits diese Traditionen mit den eigenen zu einer Synthese kreativ weiterentwickelte.Salvatore Gaspa: State theology and royal ideology of the Neo-Assyrian Empire as a structuring model for the Achaemenid imperial religion. In: Wouter F. M. Henkelman, Céline Redard (Hrsg.): Persian Religion in the Achaemenid Period. Wiesbaden 2017, S. 171; Mark B. Garrison: Beyond Auramazda and the Winged Symbol. In: Wouter F. M. Henkelman, Céline Redard (Hrsg.): Persian Religion in the Achaemenid Period. Wiesbaden 2017, S. 223–224; Wouter F. M. Henkelman: Humban & Auramazda. In: Wouter F. M. Henkelman, Céline Redard (Hrsg.): Persian Religion in the Achaemenid Period. Wiesbaden 2017, S. 319.
Eine neue Sicht auf Elam in seiner späten Periode Mit den Texten des Verwaltungsarchivs lässt sich vermuten, dass die Achämeniden unter anderem das Verteilungsnetz von Elam übernommen und ausgebaut haben. Dementsprechend müsste die bisherige Annahme, dass Elam 646 v. Chr. von der Bildfläche verschwunden ist, revidiert werden, da die Achämeniden nur Strukturen übernehmen konnten, die zu ihrer Zeit noch existierten.
Mehrere Elemente der Verwaltung, die aus Quellen der Neuelamischen Periode bekannt sind, tauchen in ähnlicher Form in der Verwaltung von Persepolis auf. Das Archiv beschreibt die Sammlung von Einnahmen in Form von Getreide, Vieh, Obst, Wein und Bier aus einer großen Region unter der Aufsicht einer zentralen Verwaltung. In den Tontafeln vertritt eine Person namens Parnakka die Krone und hat eine Position inne, die derjenigen eines Beamten aus den elamischen Quellen ähnelt. Eine vergleichende Untersuchung hat ergeben, dass die verwendeten Begriffe ein im Kern übereinstimmendes Verteilsystem aus verschiedenen Perspektiven reflektieren.Wouter F. M. Henkelman: The Other Gods Who Are: Studies in Elamite-Iranian Acculturation based on the Persepolis Fortification Texts (=Achaemenid History. Band 14). Leiden 2008, S. 19.
Die wirtschaftliche Unterstützung von elamischen und persischen Gottheiten im Umkreis von Persepolis wird durch das Verwaltungsarchiv ausgewiesen. Für Ausgaben für Gottheiten von anderen Völkern wie zum Beispiel denjenigen der ortsansässigen Babylonier gibt es keine Belege. Das lässt die Schlussfolgerung zu, dass unter den Achämeniden Teile der Religion aus der Tradition von Elam zur volkseigenen Religion gezählt wurden und eine kulturelle Annäherung, wenn nicht sogar Verschmelzung, stattgefunden hat.Wouter F. M. Henkelman: The Other Gods Who Are: Studies in Elamite-Iranian Acculturation based on the Persepolis Fortification Texts (= Achaemenid History. Band 14). Leiden 2008, S. 351.
Vielsprachigkeit im Vielvölkerstaat Im Reich der Achämeniden wurden viele Sprachen gesprochen. Um die Einheit sicherzustellen, wurde als Verkehrssprache für die Administration die aramäische Sprache gewählt, die schon seit den Assyrern die gleiche Funktion in der Diplomatie innehatte. Wie die Tontafeln von Persepolis beweisen, ersetzte das Aramäische nicht durchwegs andere Verwaltungssprachen. Die hauptsächlich in elamischer und aramäischer Sprache verfassten Texte auf den Tontafeln stellen dabei ein komplexes sprachwissenschaftliches Phänomen dar, das umso größer ist, als es sich nicht um literarische Texte handelt, sondern Alltagsgeschäfte wiedergibt, deren Inhalt in verschiedenen Sprachen abgelegt wurde. Die Mehrsprachigkeit der Archive reflektiert die vielfältige gesellschaftliche Zusammensetzung von Persepolis, die aus den Texten über Rationen von Arbeitergruppen aus Assyrien, Babylonien, Lykien, Ägypten, Arabien, Griechenland und vielen mehr bezeugt ist.Jan Tavernier: Multilingualism in the Fortification and Treasury archives. In: Pierre Briant, Wouter F. M. Henkelman, Matthew W. Stolper (Hrsg.): L’archive des fortifications de Persépolis - état des questions et perspectives de recherches (=Persika. Band 12). Paris 2009, S. 60, 62–63.
Wie bereits erwähnt ist der größte Teil der Tontafeln in elamischer und aramäischer Sprache geschrieben. Beide Gattungen weisen inhaltlich die gleiche Grundstruktur auf. Der größte Unterschied liegt in den verwendeten Monatsnamen, die auf den aramäischen Tontafeln semitisch und auf den elamischen altpersisch und elamisch sind.Jan Tavernier: Multilingualism in the Fortification and Treasury archives. In: Pierre Briant, Wouter F. M. Henkelman, Matthew W. Stolper (Hrsg.): L’archive des fortifications de Persépolis - état des questions et perspectives de recherches (= Persika. Band 12). Paris 2009, S. 63.
Komplexe Sprachanalysen von heute verbinden Schreibernamen, Siegel, aramäische Randnotizen und Jahreszahlen mit sprachlichen Strukturen und dem Kategoriensystem von Richard Hallock. Sie lassen Abläufe, Wege von Übersetzungen, Beteiligte und deren Rollen innerhalb der Verwaltung sichtbar werden. Die Resultate werden allerdings noch unterschiedlich beurteilt. Eine Interpretation kommt zum Schluss, dass der ursprüngliche Verwaltungsauftrag altpersisch war und von dort ins Aramäische und Elamische übersetzt wurde. Der zwei- oder mehrsprachige teppir entsprach dabei dem akkadischen sepiru und spielte eine entscheidende Rolle an den Schnittstellen, wo die verschiedenen Sprachen zusammentrafen. Entsprechend den verwendeten Sprachen in den Tontafeln gab es in der Verwaltung vor allem zwei Typen von Schreibern. Diejenigen, die die aramäischen Texte schrieben, trugen vornehmlich persische Namen. Die Schreiber der elamischen Keilschrift werden als „persische Knaben, die Texte kopieren“ bezeichnet und arbeiteten in Arbeitsgruppen. Auch bei dieser Gruppe überwiegen persische Namen, aber es werden auch elamische, semitische und babylonische aufgeführt. Bei einzelnen Texten kann nachgewiesen werden, dass der Schreiber in seiner Muttersprache geschrieben hat oder dass der Text eine Transliteration vom Elamischen zum Aramäischen ist.Jan Tavernier: Multilingualism in the Fortification and Treasury archives. In: Pierre Briant, Wouter F. M. Henkelman, Matthew W. Stolper (Hrsg.): L’archive des fortifications de Persépolis - état des questions et perspectives de recherches (= Persika. Band 12). Paris 2009, S. 64–83.
Die iranischen Wörter und Namen in den elamischen und aramäischen Aufzeichnungen sind aufgrund ihrer Verwendung in den Archiven von Persepolis die größte erhaltene Quelle für altiranische Sprachen.Jan Tavernier: Iranica in the Achaemenid Period (c. 550-330 BC). Lexicon of Old Iranian Proper Names and Loanwords, Attested in Non-Iranian Texts (= Orientalia Lovaniensia Analecta. Band 158). Paris 2007. Die Entdeckung einer Aufzeichnung, die in Altpersisch für eine routinemäßige Verwaltungsaufgabe geschrieben wurde, stellt zudem die bisher vertretene Auffassung in Frage, dass die altpersische Sprache nur für kaiserliche Monumentalinschriften verwendet wurde. Matthew W. Stolper: What are the Persepolis Fortification Tablets? (= Oriental Institute Publications. News & Notes). Chicago 2007.
Die Bedeutung der Siegel