Die Operation Kikusui () war eine Serie von Selbstmordangriffen der Streitkräfte des Japanischen Kaiserreiches gegen die Flotte der Alliierten während der Schlacht um Okinawa im Pazifikkrieg. Diese Angriffe auf Schiffe aus den USA und Großbritannien waren ein Teil der japanischen Operation Ten-gō. Der Name der Operation „Kikusui“ () war eine Reminiszenz an das Kriegsbanner (Hata-jirushi) des Samurai Kusunoki Masashige, der sich in aussichtsloser Lage für den Tennō opferte.
Hintergrund mini|links|Junge Kamikaze-Piloten mini|Insel Okinawa
Nach der Schlacht in der Philippinensee im Juni 1944 war die Kaiserlich Japanische Marine kurz vor der vollständigen Vernichtung. Sie befand sich nicht mehr in der Lage, den Angriffen der von den Vereinigten Staaten geführten Flotte der Alliierten effektiven Widerstand zu leisten. Das sogenannte 'Marianen-Truthahnschießen' hatte gezeigt, dass der Ausbildungsrückstand der japanischen Piloten so immens war, dass 'normale' Luftangriffe gegen die zahlen- und ausbildungsmäßig weit überlegenen US Piloten eine sehr geringe Chance hatten, Erfolge zu erzielen. Am 19. Oktober 1944 sagte der Oberkommandierende der 1. Luftflotte auf den nördlichen Philippinen Ōnishi Takijirō:
mini|USS St. Lo nach dem Einschlag eines Kamikaze am 25. Oktober 1944 mini|USS Intrepid CV-11 kurz vor dem Einschlag eines Kamikaze am 25. Oktober 1944 Ōnishi Takijirō wird deshalb auch „Vater der Kamikaze“ genannt. Im Oktober 1944, meldete auch die offizielle japanische Nachrichtenagentur Dōmei Tsushin () schon, dass ein Fluglehrer namens Takeo Tagata in Taiwan Piloten für Selbstmordangriffe, die allerdings Spezialangriffe genannt wurden, ausbildete.
Während der See- und Luftschlacht im Golf von Leyte hatten japanische Kamikazeflugzeuge erfolgreich den Geleitflugzeugträger St. Lo versenkt. Außerdem hatten Kamikazeflugzeuge die Träger Lexington und die Intepid schwer beschädigt. Diese Erfolge überzeugten das Japanische Hauptquartier von der Wirksamkeit der Kamikazeangriffe und als die Task Force 58 im März 1945 begann, Angriffe auf die Insel Kyushu zu fliegen und damit klar war, dass die Alliierten auch schon die Meere um die japanischen Inseln beherrschte, entschied das Hauptquartier, dass diese Art der Kriegführung eine geeignete Lösung sei, die sich ständig verschlechternde Situation zu wenden. Als Ergebnis wurden massive Kamikazeangriffe gegen die US-Navy geplant.
Zu dieser Zeit verfügte die japanische Marine über rund 2000 Flugzeuge, die die Ryūkyū-Inseln, zu denen auch Okinawa gehört, erreichen konnten. Trotz der vorbereitenden Angriffe von US-Trägerflugzeugen, die auf japanischen Flugplätzen an Flugzeugen in der Umgebung großen Schaden zugefügt hatten, waren dies:
300 Maschinen in der 1. Luftflotte unter Vizeadmiral Ōnishi Takijirō auf Formosa, 800 in der 3. Luftflotte unter Vizeadmiral Teraoka Kinpei um Tokio auf Honshū, 600 in Vizeadmiral Ugaki Matomes 5. Luftflotte auf Kyushu und 400 in Vizeadmiral Minoru Maedas 10. Luftflotte auf Honshu.
Erste Angriffe Da der japanischen Führung bewusst war, dass die nachsten alliierten Ziele die Ryūkyū-Inseln sein würden, beschlossen sie einen Präventivangriff auf den US-Flottenstützpunkt in Ulithi mit 24 mit Sprengstoff beladenen Yokosuka-P1Y-Flugzeugen, die von vier Flugbooten geführt wurden, auszuführen. Die Aktion wurde jedoch zurückgerufen als irrtümliche Geheimdienstinformationen darauf hinwiesen, dass es in Ulithi nur einen US-Flugzeugträger gab, während es tatsächlich acht waren. Am folgenden Tag wurde ein weiterer Versuch unternommen, aber nur elf Flugzeuge erreichten Ulithi, wobei ein Bomber den Flottenträger Randolph beschädigte.
Als zwischen dem 18. und 20. März 1945 US-Trägerflugzeuge einen Angriff auf japanische Maschinen begonnen hatten, wurden rund 50 Kamikaze-Flugzeuge gegen die Flugzeugträger gestartet. Allerdings gelang es nur einen schweren Treffer auf dem Flottenträger Franklin zu erzielen und weniger schwere Treffer auf den Flottenträgern Essex, Wasp und Enterprise.
Erster Einsatz der Ōka mini|Fliegende BombeŌka () April 1945 mini|G4M Bomber (Betty) startet eineŌka G4M-10 Der erste, allerdings erfolglose Angriff mit dem speziellen Yokosuka MXY-7 Ōka Selbstmordflugzeug, wurde am 21. März durchgeführt und zeigte die grundlegende Verwundbarkeit des Typs, während er von dem manövrierunfähigen Mitsubishi G4M 'Betty' Bomberumbau getragen wurde. Der Pilot stieg erst dann ein und flog im Gleitflug näher an sein Ziel heran, dann zündete er den Raketenantrieb und stürzte sich mit etwa 960 km/h auf sein Ziel. Diese fliegende Bombe war mit einem 1200 kg Sprengkopf ausgerüstet. Die Ōka war wegen ihrer geringen Größe und der hohen Geschwindigkeit schwer abzuwehren, schon im Gleitflug erreichte sie 650 km/h. Die schwer beladenen Bomber allerdings waren ein relativ leichtes Ziel für die amerikanischen Abfangjäger und so erreichten die Bomber selten die erforderliche Nähe von mindestens 37 km.
Start der Operation Ten-gō Am 20. März 1945 gab das Japanische Hauptquartier den Befehl, die Operation Ten-gō zu beginnen, um die bevorstehende alliierte Invasion Okinawas aufzuhalten. Die Konkurrenz zwischen den Kaiserlich Japanischen Marineluftstreitkräften und den Kaiserlich Japanischen Heeresluftstreitkräften wurde zurückgestellt, auf Kyushu wurden die vorher streng getrennten Luftwaffenstützpunkte gemeinsam benutzt und sogar eine gemeinsame Einheit, die 1. Mobile Landbasierte Luftflotte, wurde geschaffen. Von Kyushu aus starteten, außer der eben erwähnten, die Dritte, Fünfte und Zehnte Luftflotte der Marine und die Sechste Luftarmee und die Luftregimenter 7 und 98 des Heeres. Insgesamt waren über 3.000 Flugzeuge auf Kyushu stationiert, allerdings handelte es sich häufig um schlecht gewartete oder veraltete Maschinen, die überdies hauptsächlich von mangelhaft ausgebildeten Piloten gesteuert werden sollten. Auch aus Korea und von Taiwan aus flogen Maschinen des Heeres nach Okinawa. Die Piloten aus Taiwan benutzten auch Ishigaki-jima und Miyako-jima südlich der Hauptinsel Okinawa als vorgeschobene Flugplätze. Diese Luftstreitkräfte bereiteten sich auf die Operation Kikusui (dies war ein Codename der Marine, das Heer nannte es 'Totaler Luftangriff') vor.
Am 1. April 1945 gab das Japanische Hauptquartier Befehl zum Umbau aller Armee- und Marineflugzeuge zu 'Spezialangriffsflugzeugen'. Das wurde nicht umgesetzt, aber es wurden selbst Flugzeuge, die nie für einen Kampfeinsatz vorgesehen waren, wie die Mitsubishi F1M 'Pete', ein Wasserflugzeug, oder die Kyūshū K11W, ein Trainingsflugzeug, und selbst ein Doppeldecker, die Yokosuka K5Y 'Willow' zu Kamikazeflugzeugen. Am gleichen Tag begannen die Alliierten mit ihrer 'Operation Iceberg', der Landung auf Okinawa. Um den Angriff aufzuhalten, gab die japanische Marine am Morgen des 6. April den Befehl für die 'Operation Kikusui I' aus, gleichzeitig begann die japanische Armee mit dem '1. Totalen Luftangriff'.
Die Kikusui-Operationen
Operation Kikusui I
mini|USS Missouri (BB-63) kurz vor dem Einschlag einer „Zero“ am 11. April 1945 mini|Die beschädigte Yamato mit Schlagseite nach Backbord
Am 6. April 1945 starteten 391 Marine- und 133 Armeeflugzeuge von ihren Basen. 215 Marine- und 82 Armeeflugzeuge waren als Kamikaze geplant. Das Ziel am ersten Tag waren die Zerstörer, die als Radarposten (Radar picket destroyer)Ein Radar picket destroyer ist ein mit Radar ausgestatteter Zerstörer, der dazu verwendet wird, um die Radarerkennungsreichweite für die Seestreitkräfte zu erhöhen, um sie vor Überraschungsangriffen, normalerweise Luftangriffen, zu schützen. Definitionsgemäß muss ein Radarposten in einiger Entfernung von den erwarteten Zielen entfernt sein, um eine Frühwarnung abgeben zu können. So wurde während der Okinawa-Operation ein Ring aus 101 solchermaßen ausgerüsteten Zerstörern aufgebaut. Die meisten waren Schiffe der Gearing-Klasse. in einem weiten Umkreis um Okinawa kreuzten. Weitere Ziele waren die Task Groups 58.1 und 58.3 in Nordosten von Okinawa, sowie die Task Force 57 südlich der Insel. Nur die Geleitträger der Task Force 52 ostwärts Okinawa wurden nicht angegriffen.
Um 12:26 Uhr mittags war die Haynsworth das erste Schiff, das getroffen, aber nicht versenkt wurde. Die Zerstörer Bush und Colhoun wurden von Kamikaze versenkt, die Zerstörer Newcomb, Morris und Leutze wurden schwer beschädigt, ebenso der Geleitzerstörer Witter und der Zerstörer-Minensucher Emmons. Schwere Schäden, die zum Ausfall bis Kriegsende führten, hatten die Zerstörer Mullany und Rooks, der Geleitzerstörer Foreman, sowie die Minensucher Rodman und Defense. Das Schlachtschiff North Carolina, der Leichte Kreuzer Pasadena und der Zerstörer Hutchins wurden durch die irrtümliche Beschießung der eigenen Streitkräfte (friendly fire) beschädigt.
Das Schlachtschiff Maryland und zehn weitere Zerstörer wurden am 7. April ebenfalls zu Zielen von Kamikaze. Die US-Navy meldete den Verlust von drei Zerstörern, einem amphibischen Kriegsschiff und drei Munitionstransportern neben zehn weiteren schwer beschädigten Schiffen. Von den 54 Marine-Kamikazes kehren 24 um, rund 30 Kamikazes wurden durch Jagdschutz und Flak abgeschossen.
Am 6. April 1945 lief von Tokuyama (seit 2003 'Shūnan') an der Seto-Inlandsee die Spezialangriffsflotte, bestehend aus dem Schlachtschiff Yamato, dem Leichten Kreuzer Yahagi und 8 Zerstörern unter dem Kommando von Admiral Itō Seiichi in Richtung Okinawa aus. Die Yamato hatte gerade so viel Treibstoff an Bord, um Okinawa zu erreichen – mehr war in Japan nicht aufzutreiben – dort sollte sich das Schlachtschiff im flachen Wasser auf Grund setzen und die amerikanischen Landungsschiffe beschießen.
Schon bald nach dem Auslaufen wurde die Flotte von amerikanischen B-29 Bombern und den U-Booten Threadfin und Hackleback am 6. April auf ihrem Weg nach Okinawa gesichtet und am nächsten Tag von 335 US-Trägerflugzeugen über mehrere Stunden angegriffen. Die Yamato, die Yahagi und vier der acht begleitenden Zerstörer wurden versenkt. In Japan ist diese Schlacht als Seeschlacht von Bou-no-Misaki bekannt.
Die Angriffe durch Kamikaze auf die US-Flotte gingen auch während der Schlacht weiter. Allerdings wurde an dem Tag nur ein zum Minensucher umgebauter Zerstörer und ein Landungsschiff versenkt. Beschädigt wurden neben 3 Zerstörern auch der Träger Hancock und das Schlachtschiff Maryland. Vom 8. April bis zum 11. April ging die Operation Kikusui I weiter und es wurde neben 10 Zerstörern der Träger Enterprise und das Schlachtschiff Missouri beschädigt. Versenkt wurde kein Schiff mehr. Die Gesamtzahl der Opfer auf den versenkten oder beschädigten Schiffen betrug 485 Tote und 582 Verwundete.Die Opferzahlen differieren je nach Quelle. So gibt Jürgen Rohwer bspw. in seiner Chronik des Seekrieges die Zahlen mit 466 Toten und 579 Verletzten an. 310 japanische Flugzeuge konnten von US-Kampfflugzeugen abgeschossen werden und weitere 41 wurden durch Flugabwehrfeuer zerstört.
mini|Schulmädchen aus Chiran winken am 12. April 1945 einem Kamikaze- piloten in einer Nakajima Ki 43
Operation Kikusui II
Die Warnungen vor der zweiten Phase des Angriffs kamen am 11. April. Es sprach sich herum, dass die Warnung von einem gesprächigen, gefangenen japanischen Piloten gekommen sei. Vizeadmiral Marc A. Mitscher, Kommandant der 1st Fast Carrier Task Force, befahl, dass alle Kampfflugzeuge seiner Träger zu entwaffnen sind. Die Tanks sollten entleert und die Maschinen unter Deck gebracht werden, während die Jagdflugzeuge zur lokalen Verteidigung vorbereitet wurden.
Unterdessen war Admiral Raymod A. Spruance, Kommandant der 5. Flotte, so besorgt über die Verwundbarkeit seiner Radarpostenzerstörer, die weit entfernt von der Hauptstärke der Flotte operierten, um frühzeitig vor japanischen Angriffen zu warnen, und bat in höchster Dringlichkeit um die Lieferung von weiteren Flugzeugen und Piloten.