Die Schlacht von Saumur fand im letzten Abschnitt der Schlacht um Frankreich während des Zweiten Weltkriegs statt. Offizieranwärter der französischen Schule der Panzertruppen in Saumur („École de cavalerie de Saumur“) besetzten unter ihrem Kommandeur, Oberst Charles Michon, an der Loire bei Saumur, Gennes, und Montsoreau Verteidigungsstellungen gegen die vorrückenden Verbände der Wehrmacht. Zwei Tage konnte hier mit Unterstützung durch Angehörige versprengter Einheiten der deutsche Angriff aufgehalten werden.
Da die Schlacht nach dem Aufruf von Marschal Pétain vom 17. Juni 1940, dem zufolge die Franzosen die Waffen niederlegen sollten, stattfand, wird sie häufig als erster Akt des französischen Widerstands („Résistance“) gegen die deutsche Besetzung bezeichnet.
Hintergrund mini|Moderne Karte von Saumur und Umgebung In der ersten Juniwoche 1940 gab Oberst Michon auf Anweisung von General Maxime Weygand, der die deutschen Wehrmachtseinheiten aufhalten wollte, den Kadetten den Befehl, Verteidigungspositionen am südlichen Ufer der Loire einzunehmen, obwohl es nicht nahe lag, dass die Deutschen hierher gelangen würden.
In der Nacht vom 8. auf den 9. Juni fand ein Angriff der Luftwaffe auf den Bahnhof von Saumur statt, bei dem drei Menschen getötet wurden.
Am 13. Juni wurde Paris zur offenen Stadt erklärt und in Tours an der Loire fand ein Treffen des Obersten Anglo-Französischen Kriegsrats mit Churchill und dem französischen Premierminister Paul Reynaud statt. Am 14. Juni verließ die französische Regierung Tours und floh nach Bordeaux, Truppen der Wehrmacht marschierten in Paris ein. Am 15. Juni trat Reynaud zurück und Philippe Pétain wurde Premierminister. Am nächsten Morgen bat Pétain Deutschland über den spanischen Botschafter um einen Waffenstillstand und gab dies über das Radio bekannt.
Beteiligte Einheiten
Auf deutscher Seite war es die 1. Kavallerie-Division, die einzige berittene Kavallerie-Division des deutschen Heeres (alle anderen waren bereits auf gepanzerte Fahrzeuge und Panzer umgestellt), die in der Gegend von Saumur vordrang. Die Division verfügte über 10.000 Mann, einige motorisierte Fahrzeuge, Panzerwagen, Artillerie und die üblichen Unterstützungseinheiten.
Auf französischer Seite standen die Kadetten der Schule der Panzertruppe. Der größere Teil waren junge Soldaten, die drei Monate zuvor eingetreten waren. Geführt wurden sie von älteren Kadetten, die als Unteroffiziere eingesetzt wurden, und dem Lehrpersonal der Schule (Offiziere). Zurückweichende Männer versprengter Einheiten wurden zur Verstärkung der Verteidigung gesammelt, so dass insgesamt rund 2.160 Mann zur Verfügung standen.
An der Schule der Panzertruppen in Saumur gehörte es zum Jahresausbildungsprogramm, die Verteidigung entlang der Loire zu üben; vier Brücken und eine Front von 40 km waren dabei zu halten. Im Handbuch der französischen Armee wurden dafür 80.000 Mann und mehrere Artillerie-Divisionen veranschlagt. Als die Lage im Juni 1940 tatsächlich entstand, hatten die Verteidiger außer den 2.160 Mann mit ihren Gewehren: zehn alte 25-mm-Geschütze, 35 Maschinengewehre, drei Panzerwagen aus dem Ersten Weltkrieg, vier 81-mm-Mörser, sieben 60-mm-Mörser und zwei 75-mm-Artilleriegeschütze. Durch die Übernahme aus zurückweichenden Verbänden kamen fünf Hotchkiss-Panzer H39 und drei Panzerwagen Panhard 178 hinzu.Macnab (zusammengefasst)
Verteidigungsplan
Die Front war im Westen von der Stadt Gennes am Südufer der Loire, die über zwei Hängebrücken über eine Insel mit dem Nordufer verbunden war, begrenzt. Das Nordufer bestand aus einem Deich, der sich über die gesamte Länge der 40 km langen Front nach Osten erstreckte und hinter dem sich ein niedrigeres Überflutungsgebiet befand. Kleine, in den Felsen des Südufers gebaute Dörfer mit Blick auf den Fluss und eine Reihe von Inseln im Fluss kennzeichneten die 20 km bis Saumur, das über eine weitere steinerne Doppelbrücke zur Insel Offard verfügte und vom alten Schloss überragt wurde. Östlich von Saumur führte eine Eisenbahnlinie über eine Brücke, die in einen Tunnel in den Felsen am Südufer führte. Weitere 20 km weiter östlich, entlang derer sich mehrere kleine Dörfer befanden, die ebenfalls in die Felsen gebaut waren und den Fluss und weitere kleine Inseln überblickten, lag die Stadt Montsoreau, in der sich eine weitere Brücke über den Fluss befand und die die östliche Begrenzung der Frontlinie darstellte.
Es wurden Vorbereitungen getroffen, um die Brücken zu zerstören, über die Flüchtlinge nach Süden strömten.Macnab, S. 66 Die Kadetten wurden in Gruppen von etwa 20 Mann eingeteilt. Vier oder fünf solcher Gruppe bildeten einen Trupp. Jede Gruppe hatte einen Auftrag, wobei einige statisch waren, während andere in Reserve standen und Transportmittel erhielten, um in bedrohte Gebiete eilen zu können.Milliat, S. 160 Jede Brücke wurde mit einer Gruppe Kadetten, einer Abteilung von Tirailleuren, einer 25-mm-Kanone, zwei Mörsern und einem schweren Maschinengewehr gesichert. Zwischen je zwei Brücken befanden sich je zwei Trupps Kadetten. Die Kommunikation wurde über das zivile Telefonsystem und einige alte Funkgeräte hergestellt. Zum Leidwesen der Verteidiger war der Pegel des Flusses niedrig und mehrere Sandbänke und kleine Inseln waren freigelegt. Nicht für die unmittelbare Sicherung benötigte Männer wurden mit ihrer Ausrüstung nach Süden zurückgezogen, ebenso wie 800 Pferde der Kavallerieschule und der bekannten Reitschule Cadre Noir. Flüchtlinge, die den Fluss überquert hatten, wurden ebenfalls in den Süden gebracht.Macnab, S. 75
Der Bürgermeister von Saumur stellte Überlegungen an, die Stadt nicht zu verteidigen; alle Städte mit mehr als 20.000 Einwohnern seien zu „offenen Städten“ erklärt worden.Milliat, S. 23 Saumur war zudem voller Flüchtlinge. Die Armee wollte die Stadt jedoch verteidigen. Marschall Pétain hatte auf sein Angebot, die Waffen niederzulegen, von den Deutschen keine Antwort erhalten. Er sandte eine Nachricht, die der früheren Weisung widersprach und besagte, dass Frankreich den Kampf nicht aufgegeben und die Waffen nicht niedergelegt habe.Macnab, S. 87 Am 18. Juni um 21.00 Uhr ging im Hauptquartier Les Grandes Brises, 800 m östlich des Schlosses von Saumur, telefonisch die Warnung ein, dass sich die Wehrmachtseinheiten 20 km nördlich von Saumur befänden.Milliat, S. 31
Schlacht
Zentrum mini|Moderne Karte von Saumur Die Spitzen der 1. Kavallerie-Division der Wehrmacht erreichten die Loire bei Saumur kurz vor Mitternacht am 18. Juni mit Spähtrupps auf Motorrädern mit Beiwagen, gefolgt von gepanzerten Fahrzeugen. Ein französisches 25-mm-Geschütz erzielte hier den ersten Treffer.Macnab, S. 94 Die Franzosen sprengten kurz nach Mitternacht die Pont Napoleon in Saumur, um 01.15 Uhr die Brücke von Montsoreau und um 03.00 Uhr morgens zerstörten 1.700 Kilogramm Melinit die Eisenbahnbrücke östlich von Saumur.Redier, S. 60
Im Morgengrauen des 19. Juni näherte sich ein deutsches Stabsfahrzeug der zerstörten Brücke von Saumur, ein deutscher und ein französischer Offizier stiegen aus und näherten sich der Brücke unter weißer Flagge. Die Franzosen eröffneten aus unbekannten Gründen das Feuer, der Wagen wurde zerstört und die beiden Offiziere blieben tot liegen. Die Deutschen zogen daraufhin ihre Artillerie zusammen, um die Stadt zu beschießen. In den folgenden zwei Tagen schlugen 2.000 Granaten in Saumur ein. Zahlreiche alte Gebäude wurden zerstört, die Zivilbevölkerung kam zu Schaden und versteckte sich in den (Wein-)Kellern. Das Hauptquartier wurde am Abend 3 km nach Westen in die Auberge de Marsoleau in der Nähe des Flugplatzes verlegt.Macnab, S. 102
Der Morgen des 20. Juni war überraschend ruhig; einige Kadetten überquerten die Insel zum Nordufer und fanden es verlassen vor. Man vermutete, dass die Deutschen nach Osten oder Westen verlegt hatten, um andere Übergänge über die Loire zu schaffen, nachdem ihnen der Durchbruch bei Saumur nicht gelungen war.Macnab, S. 121
Westen mini|Gennes, St. Eusèbe In Gennes gab es bis zum 19. Juni keine Anzeichen von deutschen Kampftruppen, bis am Nachmittag und frühen Abend Spähtrupps der Wehrmacht eintrafen. Als sich die Motorradfahrer näherten, wurde die Hängebrücke im Norden der Insel gesprengt. Die Kirche St. Eusèbe aus dem 11. Jahrhundert auf der Anhöhe über der Brücke war ein hervorragender Platz für Beobachtungen und ein guter Standort für ein 25-mm-Geschütz. Um 20.00 Uhr am Abend des 19. Juni trafen deutsche Sturmtruppen am Nordufer ein. Die deutsche Artillerie begann mit der Beschießung der Insel vor Gennes und der Stadt selbst, wobei der Turm von St. Eusèbe zerstört und Teile der Stadt in Brand gesetzt wurden.Macnab, S. 106 Die Wehrmacht griff dann die Insel im Fluss mit Schlauchbooten an, wurde aber bis Mitternacht von den Kadetten und algerischen Schützen zurückgeschlagen. Ein Pionier, der befürchtete, dass seine Sprengladungen durch ein weiteres Bombardement beschädigt werden könnten, sprengte ohne Befehl die südliche Brücke und isolierte somit die Truppen auf der Insel.
Am nächsten Morgen, dem 20. Juni, konnten die Wehrmachtstruppen die wenigen Verteidiger auf der Insel überwältigen, als deren Munition aufgebraucht war, aber es gelang ihnen nicht, von der Insel auf das Südufer der Loire zu gelangen, das immer noch von vier Kadetteneinheiten stark verteidigt wurde.Macnab, S. 109
Die Deutschen bewegten sich flussabwärts in Richtung Westen und suchten nach einem alternativen Übergang. Es gelang ihnen, an einer schwach verteidigten Stelle unter Verlusten einen kleinen Brückenkopf auf dem Südufer zu errichten.
Während sich Verstärkungen auf Gennes zubewegten, um den deutschen Brückenkopf einzudrücken, wurde zwischen Gennes und Saumur ein weiterer deutscher Brückenkopf errichtet, von dem aus der Stadt die Umschließung drohte. Die Kadetten in Gennes, durch zwei Panzer unterstützt, erhielten den Auftrag, den Brückenkopf westlich von ihnen zurückzuerobern. Um 15.00 Uhr konnte der Stadtkommandant von Gennes melden, dass sie trotz hoher Verluste erfolgreich gewesen waren und das linke Ufer der Loire wieder in der Hand der Franzosen war. Die deutschen Verluste bei Gennes betrugen zwischen 200 und 300 Gefallene, Verwundete und Gefangene.Macnab, S. 146
Osten In Montsoreau war es nach der Sprengung der Brücke bis zum Morgengrauen des 20. Juni ruhig. Um 05.00 Uhr morgens versuchten die Deutschen, den Fluss zwischen Montsoreau und Saumur zu überqueren. Es gelang ihnen unter Verlusten, am Südufer bei Le Petit-Puy Fuß zu fassen. Kadetten, die um das Eisenbahnviadukt herum stationiert waren, hinderten sie jedoch am Vormarsch auf Saumur. Drei französische Panzerwagen patrouillierten auf der Uferstraße östlich von Saumur und versuchten, das Einsickern weiterer Verstärkungen der Wehrmacht zu verhindern.Macnab, S. 126 mini|Der Bauernhof Aunis