mini|Das Werk Richard Lindner in Rötha

Das ehemalige, am 1. April 1883 gegründete Pelzveredlungs-Unternehmen Richard Lindner, Rauchwaren-Zurichterei und -Färberei, hatte seinen ursprünglichen Firmensitz und die Produktionsstätte im sächsischen Rötha. Gegründet wurde es von dem Rauchwarenhändler Carl Friedrich Theodor Lindner († 2. November 1909) unter der ebenfalls weitergeführten Firmenbezeichnung „C. F. Th. Lindner“. Wie fast alle der größeren Pelzveredler hatte auch Lindner ein Büro mit Annahmestelle im Welt-Pelzhandelszentrum des Leipziger Brühl.

Das Spezialgebiet des Unternehmens war die Schwarz-Färberei, hauptsächlich von Lammfellen. Das Färben mit Blauholzfarben hatte es zum „höchsten Grad der Vollendung“ entwickelt. Die Unternehmen Lindner gehörten mit zu den ersten deutschen Pelzveredlungsbetrieben, denen es in der Zeit des Ersten Weltkrieges (1914 bis 1918) gelang, ein den französischen und belgischen tiefschwarzen Kaninfellen gleichwertiges bis besseres Produkt herzustellen. Im Jahr 1928 hieß es: „Wie Richard Lindner als erste Färberei vor vielen Jahren die jetzt allgemein angewendeten Ursolfarbstoffe einführte, so erschien die Fa. auch in den Inflationsjahren bahnbrechend. [...] Als erste Färberei färbte Richard Lindner Zickel auf die weltbekannten neuen Farben und schuf somit den neuen preiswerten Artikel Kid.“

Allgemein Der Leipziger Brühl hatte bis zum Zweiten Weltkrieg den Ruf als „Weltstraße der Pelze“. Er war die bedeutendste Straße der Stadt. Einige Zeit erwirtschafteten die dort ansässigen Unternehmen der Rauchwarenbranche den größten Anteil der Steuereinnahmen Leipzigs. Um Leipzig herum hatten sich außerdem produzierende Gewerbe der Pelzbranche angesiedelt, vor allem Rauchwarenzurichtereien, die Pelzfelle gerbenden Betriebe. In der Umgebung von Leipzig befanden sich Anfang des 20. Jahrhunderts fast 50 Pelzzurichtereien.Stöckig & Co., Dresden, Pelzmode-Katalog. Wahrscheinlich 1912, S. 33. Allein in Rötha gab es später rund 35 Kürschner und Zuricht- und Veredlungsbetriebe.Peter Krischunas: Das Geschäft mit dem Pelz - Rötha: Kürschnermeister Udo Meinelt ist einer der letzten seiner Zunft / Waren sehr gefragt. In: Leipziger Volkszeitung, 24. Dezember 2011.

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 verlor der Brühl einen Teil seiner Weltgeltung. Die Pelzgroßhandelsunternehmen hatten, anders als die Pelzzurichtereien, überwiegend jüdische Inhaber, die ihre Betriebe jetzt aufgeben mussten oder ins Ausland verlegten und sich dort zum Handelsboykott gegen Deutschland verpflichteten. Mit ihnen gingen die meisten internationalen Geschäftsverbindungen verloren, der Zweite Weltkrieg (1939–1945) brachte, bis auf die Wehrmachtsaufträge, einen weiteren Abschwung. Nach Ende des Krieges verließen die meisten Firmeninhaber den sowjetisch besetzten Teil Deutschlands, da sie in der sozialistischen DDR mit ihren Unternehmensenteignungen für sich keine Zukunft mehr sahen. In Frankfurt am Main bildete sich für einige Jahrzehnte mit dem Pelzhandelszentrum Niddastraße ein neuer Pelzhandelsschwerpunkt, in seiner Weltbedeutung dem Brühl vergleichbar.

Die Pelzzurichtereien und Pelzfärbereien waren auf Grund ihrer Betriebsstruktur eigentlich nicht zu verlagern. Einige große Unternehmen gründeten sich zusätzlich neu in der Bundesrepublik; für die Pelzzurichtung bildete sich jedoch kein, auch nur annähernd mit Leipzig vergleichbares Zentrum. Soweit die Ursprungsbetriebe des Pelzhandels in der DDR nicht aufgegeben wurden, gingen sie zusammen mit den meisten übrigen Pelzveredlungsstätten in staatliche oder halbstaatliche Betriebsformen über.

Firmengeschichte Bereits 1897 werden für den Leipziger Raum als größere Rauchwarenfärbereien für fremde Rechnung zwei Unternehmen der Familie Lindner genannt: Die Rauchwarenfärberei C. F. Th. Lindner in Rötha, sowie Richard Lindner in Wahren als Spezialist für Phantasiefarben (Skunks, Opossum etc.).Jean Heinrich Heiderich: Das Leipziger Kürschnergewerbe. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der hohen philosophischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg, Heidelberg 1897, S. 84.

mini|„C. F. Th. Lindner. Blauholz-Schwarzfärberei Leipzig“. Karakulschafe und Darstellung der Lockentypen.

Im Katalog zur Internationalen Pelzfach-Ausstellung (IPA) des Jahres 1930 wurden inzwischen drei in der Pelzbranche tätige, sächsische Unternehmen Lindner aufgeführt, von denen zwei Betriebe auf der IPA Muster von zubereiteten und gefärbten Fellen zeigten: Lindner & Co. GmbH, Rötha, Rauchwaren-Zurichterei und Färberei, „Spezialität: Schmaschen und Lammfelle auf Nutria-Imitation“ C. F. Th. Lindner G.m.b.H., Schwarz-Färberei, Leipzig und Rötha Richard Lindner, Rauchwaren-Zurichterei und Färberei, Bunt- und Modefarben, Wahren und Leipzig, Nikolaistraße 18.IPA – Internationale Pelzfachausstellung, Internationale Jagdausstellung Leipzig 1930 – Amtlicher Katalog. S. 111, 209, 218, 268, 281.

Unternehmensgründung Im April 1883 gründete Carl Friedrich Theodor Lindner eine Rauchwaren-Zurichterei und -Färberei im leipzignahen Rötha. Im März 1885 erhielt Johannes Richard Ludwig Lindner Prokura für das Unternehmen C. F. Th. Lindner.Deutscher Reichsanzeiger, Fol. 681. Abgerufen am 23. Juni 2021. Zur selben Zeit schied der Gründer, Carl Friedrich Theodor Lindner, aus einem anderen Unternehmen aus, der Firma Frommhold & Lindner, dessen dadurch alleiniger Inhaber firmierte anschließend weiter als J. W. Frommhold.Deutscher Reichsanzeiger, Nr. 59 vom 10. März 1885, 6. Beilage, S. 2. Abgerufen am 21. Juni 2021. Eine andere Prokura, für Otto Albert Paul, erlosch im Mai 1885.Deutscher Reichsanzeiger, Nr. 127 vom 29. Mai 1895, 5. Beilage, S. 2. Abgerufen am 21. Juni 2021.

Th. Lindner Am 14. Oktober 1892 wurde „Th. Lindner in Rötha, Inhaber Karl<sic!> Friedrich Theodor Lindner in Leipzig“, in das Handelsregister eingetragen.Deutscher Reichsanzeiger, Fol. 109, 14. Oktober 1892. Abgerufen am 24. Juni 2021. Im Oktober 1892 erlosch die Prokura des Kaufmanns Paul Emil Merkel, einem Schwager von Arthur Kurt Lindner (Margarete Merkel, geborene Lindner, war eine Schwester von Curt Lindner),States Immigration Officer at Port of Arrival, New York, June 8th, 1929. und die Firma Th. Lindner verschmolz mit der Firma C. F. Lindner.Deutscher Reichsanzeiger, Nr. 240 vom 8. Oktober 1912, 5. Beilage, S. 4. Abgerufen am 21. Juni 2021. Paul Emil Merkel erhielt am 20. März 1905 Prokura für Th. Lindner.Zentral-Handelsregister für das Deutsche Reich. (Nr. 76 A.), S. 1, 20. März 1905. Abgerufen am 23. Juni 2021.

Zum 25. Mai 1903 wurde ein Patent durch Th. Lindner & Co. in Nauen angemeldet, für eine Schutzvorrichtung für landwirtschaftliche Maschinen, besonders Dreschmaschinen.Patente. In: Zentral-Handelsregister für das Deutsche Reich, Nr. 14 A. 18. Januar 1904, S. 1. „45c L 18 200“. Abgerufen am 28. Juni 2021 Am 26. Juni 1937 ist im Reichsanzeiger veröffentlicht, dass die Gesellschaft Th. Lindner & Co. in Nauen aufgelöst und die Firma erloschen ist.Zentralhandelsregisterbeilage zum Reichs- und Staatsanzeiger Nr. 154 vom 8. Juli 1936, S. 6. Abgerufen am 28. Juni 2021.

Richard Lindner Im Jahr 1912 zeigt eine Anzeige der Firma Richard Lindner, Rauchwaren-, Fell- und Produktenhandlung, Dampf-Rauchwaren-Zurichterei und Färberei, den Fabrikkomplex in Wahren. Lager, Kontor und Annahmestelle befanden sich jedoch im Pelzzentrum, Brühl 25. Im Adressbuch desselben Jahres ist ein Kürschner Richard Lindner in Leipzig auf der Gohliser Straße 1 verzeichnet.Sammlungen Sächsische Adressbücher Saxonica. Abgerufen am 24. März 2021.

Im Jahr 1914, zu Beginn des Ersten Weltkrieges, bot sich das Unternehmen Rich. Lindner, Leipzig, Brühl 25I in einer amerikanischen Fachzeitschrift als Pelzfärber für Schwarz und alle Fantasiefarben an, mit der Spezialität Zobelfarbe auf Fehrücken- und Fehwammenfutter, „amerikanischer Farbstoff“.Anzeige in Fur Trade Review, November 1914, S. 30.

Eine im November 1939 in Kraft getretene Verordnung ermöglichte den Betroffenen, die durch Auswirkungen des Krieges zahlungsunfähig geworden waren, die Eröffnung eines sogenannten „Kriegsausgleichsverfahrens“ zu beantragen. Paragraph 9 der Verordnung schloss allerdings Juden von einer derartigen Antragstellung aus.2021.ns-quellen.at: Verordnung über das Kriegsausgleichsverfahren. Abgerufen am 5. Juli Am 2. Januar 1943 veröffentlichte die Zeitschrift „Der Rauchwarenmarkt“: „Das Kriegsausgleichsverfahren über das Vermögen der offenen Handelsgesellschaft in Firma Richard Lindner, Rauchwarenzurichterei und -Färberei in Leipzig C 1, Nikolaistraße 18, persönlich haftende Gesellschafter: Kaufmann Alfred Farl in Leipzig N 22, Magdeburger Straße 27, und Kaufmann Otto Günther in Leipzig N 26, Rittergutsstraße 23, wird hiermit aufgehoben, nachdem der Ausgleichsverwalter angezeigt hat, daß die Schuldnerin den Termin vom 10. Juli 1940 angenommen und am 23. April 1940 bestätigten Ausgleich erfüllt hat.“Leipzig C 1. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 1/2, Leipzig, 2. Januar 1943, S. 7.

Gleichzeitig, am 2. Januar 1943, wurde mitgeteilt: „Richard Lindner, Rauchwarenzurichterei und -Färberei, Nikolaistraße 18. Die KG ist aufgelöst. Die persönlich haftenden Gesellschafter Paul Alfred Farl und Ferdinand Otto Günther sowie 2 Kommanditistinnen sind ausgeschieden. Kaufmann und Rauchwarenhändler Kurt Heise in Leipzig ist Inhaber. Der Übergang der im Betrieb des Geschäfts entstandenen Verbindlichkeiten ist beim Erwerbe des Geschäfts durch Kurt Heise ausgeschlossen. Einzelprokura erhielt: Johanna led. Wagner, Leipzig. Die Firma ist zufolge Verschmelzung mit der Firma Kurt Heise geändert und lautet jetzt: Richard Lindner/Kurt Heise.“'Der Rauchwarenmarkt, 2. Januar 1943, S. 7. Unter diesem Doppelnamen inserierte die Firma anschließend in der Zeitung „Der Rauchwarenmarkt“ in der Rubrik „Leipziger Commissionäre“. Die Firma C. F. Th. Lindner, Leipzig und Rötha, war weiterhin ebenfalls mit einem Inserat als Pelzveredlungsbetrieb vertreten.

C. F. Th. Lindner Die Leipziger Geschäftsadresse der 1920 als Zweigniederlassung bezeichneten Firma C. F. Th. Lindner in Leipzig im Jahr 1912 war Brühl Nr. 22, im Jahr 1922 Brühl Nr. 46–48.

Im September 1912 wurde veröffentlicht: „Die Firma C. F. Th. Lindner in Leipzig: Carl Friedrich Theodor Lindner ist als Inhaber – infolge Ablebens – ausgeschieden. Gesellschafter sind Margarete verehel. Merkel, geb. Lindner, in Böhlen, der minderjährige Kaufmann Walter Georg Max Lindner in Rötha, der Diplomingenieur Arthur Curt Lindner daselbst und der Kaufmann Paul Emil Merkel in Böhlen. Die Gesellschaft ist am 1. November 1911 errichtet worden. Die Prokura des letzteren ist erloschen. Die beiden zuerst Genannten sind von der Vertretung der Gesellschaft ausgeschlossen. Das Handelsgeschäft wird als Zweigniederlassung des nach Rötha verlegten Hauptgeschäfts fortgeführt.“Deutscher Reichsanzeiger, Nr. 230 vom 26. September 1912, 5. Beilage, 21. September 1912: S. 1, „auf Blatt 6181“. Abgerufen am 21. Juni 2021. Zum Jahresbeginn 1920 wurde eingetragen, dass Margarete verehel. Merkel als Gesellschafterin aus der Zweigniederlassung in Leipzig als Gesellschafterin ausgeschieden ist.Deutscher Reichsanzeiger, Nr. 12 vom 15. Januar 1920, 3. Zentral-Handelsregister-Beilage, 26. Februar 1927, S. 4 „Auf Blatt 6181“. Abgerufen am 21. Juni 2021.

Im Februar 1927 wurde beim Amtsgericht für C. F. Th. Lindner aus Rötha ein Färbemuster in das Musterregister eingetragen: „1 Fellmuster mit gefärbten halben Grotzen (herstellbar in wagerechter, senkrechter, spitzer, bogenförmiger und beliebig schräger Anordnung) versiegelt, Flächenmuster“, mit einer Schutzfrist von drei Jahren.Deutscher Reichsanzeiger, 3. Beilage, vom 4. März 1927. 26. Februar 1927, angemeldet am 9. Februar. Abgerufen am 23. Juni 2021.