mini|Kastell- und Wachturmkette in Zentralschottland sowie Verlauf der Militärstraße (85 n. Chr.) mini|Münzportrait des Vespasian Die Kastelle von Cargill waren Hilfstruppenlager des zentralschottischen Limes, sie befanden sich auf dem Gemeindegebiet (Parish) von Cargill in der Grafschaft Perthshire, in der heutigen Council Area Perth and Kinross in Schottland.

In der Nähe des Zusammenflusses von Tay und Isla lokalisierte man die Standorte zweier römischer Lager, von denen sich noch geringe Reste erhalten haben. Sie scheinen im späten 1. Jahrhundert n. Chr. aber nur relativ kurz, weniger als ein Jahrzehnt, mit Soldaten besetzt gewesen zu sein. Die bisherigen Funde bestätigen ihre Besetzung in flavischer Zeit. Sie endete wohl noch vor 90 n. Chr., dem Zeitpunkt als sich die Römer wieder entlang der Forth-Clyde Linie verschanzt hatten. Die Befestigungen hatten den Zweck, den Schutz der Straßenbrücke über die Isla und die Nachrichtenweitergabe zum Legionslager Inchtuthil zu gewährleisten. Welche Einheit der römischen Armee in Cargill stationiert war, ist unbekannt. Das archäologische Bodendenkmal besteht aus zwei Befestigungsanlagen und einer Gruppe von prähistorischen Rundhäusern, die alle noch anhand von Bewuchsmerkmalen auf Luftbildern sichtbar sind.

Name und Lage Der Ortsname Cargill hat keltische Wurzeln und bedeutet vermutlich „Weiße Festung“. Die Gemeinde Cargill liegt 14 km nördlich der Stadt Perth landeinwärts von der Ostküste Schottlands. Das Kohortenkastell befand sich ca. 270 m östlich des Kleinkastells. Es stand auf einer ca. 45 m hohen Anhöhe südlich der Isla (Castlehill), einige hundert Meter von der Mündung in den Tay entfernt, am Fuß des sogenannten Strathmore-Höhenzuges. Die Bodendenkmäler liegen heute auf landwirtschaftlich genutztem Land, etwa 500 m nordwestlich der Hatton Farm, am linken Ufer der Isla. Von dort aus konnte man Richtung Nordwesten gut auf die Militärstraße sehen. Nahe der heutigen Stadt Perth überspannte in römischer Zeit eine Brücke den Tay, von dort führte die Militärstraße der Gask Ridge weiter nach Norden, immer entlang dem Ostufer des Flusses, bis zu den Festungen bei Cargill, wo sie auch die Isla auf einer Brücke überquert haben muss. Von dort aus zweigte ein Strang zum Legionslager Inchtuthil () ab. Tumuli und Überreste von megalithischen Strukturen wurden an verschiedenen Orten beobachtet; die Reste des römischen Lagers, sehr gut an seinen Gräben erkennbar, und Fragmente eines Aquädukts, das vom Lager zu einem nahen Wasserlauf führte, befinden sich in der Nähe (500 m) des Zusammenflusses von Tay und Isla, an der Kreuzung der heutigen Autostraße A93 mit der C435. Eine römische Straße, etwa 6 m breit und mit groben runden Steinen gepflastert, passierte von Norden nach Osten den nahegelegenen Weiler Burrelton. Obwohl vom aufgehenden Mauerwerk des Kohortenkastells und der (mutmaßlichen) Islabrücke oberirdisch nichts mehr zu sehen ist, kann seine aufgeschüttete Plattform von der Nebenstraße zur römischen Signalstation am Black Hill gut ausgemacht werden. Der Grund für die Errichtung an dieser Stelle liegt auf der Hand, da eine direkte Sichtverbindung zum Wach- bzw. Signalturm bestand und von dort aus bei Gefahr die Besatzung in Inchtuthil alarmiert werden konnte. Die römischen Straßen führten im SW zum Kastell Bertha (), im NO zum Kastell Cardean (), nach Inchtuthil und im SW nach Grassy Walls ().

Forschungsgeschichte Die Festungsanlagen wurden erstmals 1941 von einem Angehörigen der Royal Air Force, Flight-Lieutenant Eric Bradley, ausgemacht, der während des Krieges auf dem Scone Airfield als Fluglehrer stationiert war. Er konnte jedoch wegen der damaligen Knappheit an Filmmaterial keine Fotos aufnehmen, fertigte aber eine präzise Lageskizze seiner Entdeckungen an. Diese sind in einem Brief aus dem Jahr 1941 erhalten geblieben (heute im Perth Museum). Beide archäologische Stätten wurden seitdem mehrmals vom Flugzeug aus fotografiert und ihre Positionen konnten bei einer Grabung in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre und in den 1960er Jahren vom Archäologen John Kenneth St. Joseph bestätigt werden. 1977 wurde das Gelände von einem Team der Cambridge University Collection of Air Photos (CUCAP) erneut aus der Luft aufgenommen, dabei konnte ein Großteil des Verlaufes der Verteidigungsanlagen ausgemacht werden. Das Kohortenkastell wurde teilweise von St. Joseph in den 1980er Jahren ergraben. Leider wurde darüber nie ein detaillierter Bericht veröffentlicht. Es wurden nur kurze Anmerkungen abgedruckt, die auf eine etwas komplexere Baugeschichte hindeuten, die offensichtlich mehrere Wiederaufbauphasen umfasste. Laut Gordon Maxwell könnte das Hilfstruppenkastell während seiner Nutzungszeit sogar bis zu sechs Bauphasen durchlaufen haben. Die Sondierungen in den Jahren von 1980 bis 1981 bestätigten den bislang angenommenen Verlauf des NO-Walls, weiters konnten im Innenbereich Spuren von Holzgebäuden (eines davon mit ziemlicher Sicherheit ein Getreidespeicher) beobachtet werden. Bei letzterem konnten zwei Bauabschnitte unterschieden werden. Unter den römischen Schichten stieß man zudem auf Anzeichen von vorrömischen Ackerfurchen, die Lager standen offenbar auf Ackerland, das zuvor vom Stamm der Venicones bewirtschaftet worden war. Das Kleinkastell wurde 2003 letztmals mittels Bodenradar untersucht. Die Region Strathmore ist jedoch ein No-Go-Area für die Magnetometrie, weil unter anderem der Gletscheruntergrund es den meisten Messgeräten erschwert, brauchbare Daten zu liefern. Die Universität Liverpool konnte aber einen neuartigen Gradiometer erwerben, der mit den dortigen Bedingungen besser zurechtkam. Die Ergebnisse rechtfertigten diesen Aufwand, da zusätzliche Details aufgedeckt wurden, die sich zuvor sowohl der Widerstandsmessung als auch der Luftaufklärung entzogen hatten. Eine weitere geophysikalische Vermessung des Kohortenkastells mit anschließender Feldbegehung wurde 2005 durchgeführt. Die dabei gewonnenen Daten ergänzten die bereits aus den Luftbildern gewonnenen Erkenntnisse.RGP Anual Report 2003

Fundspektrum Nur wenige datierbare Artefakte konnten während der Ausgrabungen geborgen werden, einige Scherben, sog. „Samian Ware“, wurden später durch Zufall in der Nähe des SW-Tors entdeckt. Dies deutet auf die Aufgabe des Kohortenlagers in der Zeitspanne zwischen 85 und 90 n. Chr. hin. Die Funde der Ausgrabungen von St. Joseph wurden noch dazu nie umfassend analysiert, aber seine Notizen hierzu lassen annehmen, dass seine Artefakte ausschließlich aus der flavischen Besatzungszeit stammten, die seiner Meinung nach um die Mitte der 80er Jahre des 1. Jahrhunderts endete. Dieser Datierungsversuch wurde jedoch später durch die Münzfunde ins Wanken gebracht. Die meisten von ihnen stammten aus flavischer Zeit. Dazu gehörten Münzen aus der Regierungszeit des Vespasian (69–79), von denen eine nur wenig Gebrauchsspuren aufwies und somit ein Hinweis auf eine frühere Besetzung der Region um Cargill bzw. auf eine Nutzung des Areals noch vor den Feldzügen des britischen Statthalters Agricola hinweisen könnte. Bei den Feldbegehungen stieß man auf insgesamt 14 Münzen, sechs Stück stammten aus der Regierungszeit des Vespasian, drei aus dem Jahr 71 n. Chr. und zwei aus der Ära des Domitian (81–96). Eine scheint in den späten 70er oder frühen 80er Jahren des 1. Jahrhunderts dort verloren gegangen zu sein. Die meisten Münzen des Vespasian waren zu stark beschädigt, um eine sichere Datierung zu ermöglichen. Zusammen mit ihnen fand man aber auch Münzen des Augustus (31 v. Chr.–14 n. Chr.) und Marcus Antonius. Das Vorhandensein eines Denars des Tiberius (14–37) könnte auf die Anwesenheit von Legionären hinweisen. Die Julisch-Claudischen Denarii waren in Britannien aber bis ins frühe zweite Jahrhundert im Umlauf, die des Marcus Antonius sogar bis ins frühe dritte Jahrhundert. Die wirklich große Überraschung waren aber zwei Münzen des Hadrian (117–138) aus dem 2. Jahrhundert, zwei Exemplare stammten sogar aus dem 3. Jahrhundert. Einige wurden in schon stark abgenutztem Zustand vorgefunden, was auf eine lange Zirkulation vor ihrem Verlust hindeutet, vielleicht auch ein Hinweis auf einen antoninischen (oder möglicherweise auch severischen) Außenposten. Zwei wurden unter Trajan (98–117) und seinem Nachfolger Hadrian geprägt, sie könnten daher im späten ersten oder zweiten Jahrhundert dort verloren gegangen sein. Alles in allem kann man aber davon ausgehen, dass die Münzreihe die Besatzungsperiode des Kastells von den 70er bis in die späten 80er Jahre bestätigen. Des Weiteren konnte 2005 nahe der römischen Festung eine frühbronzezeitliche Axtklinge geborgen werden.Woolliscroft 2005, Informationen von RCAHMS (JRS) vom 9. Dezember 1992, Maxwell/Wilson 1987, Maxwell 1989.

Entwicklung Die Kastelle stammen mit ziemlicher Sicherheit aus dem späten ersten Jahrhundert n. Chr., sind also flavisch, wie die Mehrzahl der römischen Befestigungen an der Gask Ridge bzw. Zentralschottland. In Britannien drang die Armee unter Domitian (81–96) bis nach Schottland (Caledonien) vor und etablierte dabei ein dichtes Netz von Garnisonen, das sich über die Forth/Clyde Landenge, weiter nordöstlich von Kastell Camelon () über Kastell Ardoch () , Kastell Strageath (), Kastell Bertha, dem Legionslager Inchtuthil und schlussendlich von Kastell Cardean bis zu seinem nördlichsten Punkt, dem Kastell Stracathro (), erstreckte. Eine zweite Festungslinie, die weiter nördlich angelegt wurde, verlief von Drumquassle über Bochastle und Dalginross nach Fendoch, die sich jeweils am Ausgang eines Hochlandtals (sog. Glen Blocker) befanden. Das Kleinkastell Cargill Mains stand in unmittelbarer Nähe des Kohortenlagers. Obwohl die Lager in Cargill und die Legionsfestung Inchtuthil zweifellos unterschiedlichen Funktionen dienten und vermutlich zeitgleich erbaut wurden, entstand die Kleinfestung wohl zuerst. Römische Keramik (Samian Ware) mit deutlichen Brandspuren, die man später unmittelbar vor dem SW-Tor des Kohortenkastells aufgelesen hatte, bestätigte, dass es wohl nicht über das Jahr 90 n. Chr. hinaus belegt war. Man weiß, dass die flavischen Hilfstruppenkastelle an der Gask Ridge (Camelon, Ardoch, Strageath und Bertha) in der Mitte des 2. Jahrhunderts wieder kurzzeitig besetzt wurden. Hinweise darauf fanden sich auch im Glenblocker-Kastell von Dalginross. Es scheint somit sehr wahrscheinlich, dass auch Cargill zu diesen antoninischen Außenposten gehörte. Es wäre auch eine Erklärung für die ungewöhnlich zahlreichen Bauphasen, die bei den Grabungen festgestellt wurden.

Kastelle mini|Befundskizze (1941–2005) Insgesamt stieß man bei Cargill auf die Reste von zwei römischen Holz-Erde-Befestigungsanlagen samt rudimentärer Infrastruktur. Die Luftaufnahmen zeigen ein umwehrtes Areal von etwa 4,8 Hektar mit einem Annex im Norden. Es gibt Anzeichen dafür, dass sowohl das Kastell als auch der Annex zumindest stellenweise von einem Dreifachgraben mit sogenannten „Papageienschnabel“-Brüchen umgeben waren.

Kohortenkastell Dieses Lager hatte einen rechteckigen Grundriss mit abgerundeten Ecken (Spielkartenform) und bedeckte eine Fläche von etwa 2 ha. Im Nordwesten schloss sich dem Lager ein Zubau (Annex) an, der vermutlich bis zum Flussufer reichte. Es konnte eine Besatzung von rund 500 Mann (Cohors quinquenaria) aufnehmen und verfügte wohl auch über die für frühkaiserzeitliche Hilfstruppenlager standardmäßigen Innengebäude: im Zentrum das Hauptquartier (Principia), das Wohnhaus des Kommandanten (Praetorium), ein oder zwei Getreidespeicher (Horrea) und Mannschaftskasernen (Contubernia), einschließlich Funktionsgebäuden wie Werkstätten (Fabricae), Backstuben (Pistrina) und einer Latrine (Latrina).

Umwehrung