Auf der Straße gilt unser Gesetz: Arabische Clans – Ein Insider erzählt seine Geschichte ist ein im September 2020 erschienenes Buch, das das Leben von Khalil O., einem in Berlin lebenden Mitglied eines arabischstämmigen Clans, nachzeichnet. Das Buch hat starke Züge eines autobiographischen Entwicklungsromans, der den Weg Khalil O.s vom Intensivtäter zum Sozialarbeiter beschreibt. Es wurde von der Journalistin Christine Kensche auf der Grundlage von Gesprächen mit Khalil O., die sich über zwei Jahre erstreckten, verfasst und erlangte aufgrund seines Realitätsbezugs und seiner soziologischen und politischen Relevanz im Kontext der Clan-Kriminalität Aufmerksamkeit.
Inhalt Handlung Khalil O.'s Familie entstammt einer arabischen Enklave in der Provinz Mardin in der Türkei, die Volksgruppe nennt sich selbst Mhallami. In den 1940er Jahren siedelten sie aufgrund der mit den Kurdenaufständen verbundenen Restriktionen in der Türkei nach Beirut in den Libanon über, wo sie nach 1970 in den dortigen Bürgerkrieg gerieten. 1978 kamen Khalil O.s Eltern mit Verwandten als Flüchtlinge über Ost-Berlin (damals DDR) und West-Berlin in die BRD. Khalil O. wurde in einem Dorf in Süddeutschland geboren. Dort begann er in Reaktion auf die patriarchalischen Strukturen seiner Familie und der misslingenden Integration in der Schule nach dem Leitmotiv zu leben, dass Recht immer der Stärkere habe. Nach der Scheidung seiner Eltern – ein in dieser Gemeinschaft zu dieser Zeit ungewöhnliches Ereignis – zog er mit seinem Vater und den Geschwistern nach Berlin, wo sich auch andere Mitglieder des Clans sammelten. Während sein Vater auf dem Bau arbeitete, geriet der Jugendliche schnell ins kriminelle Milieu („Das Erste, was mir in unserer neuen Nachbarschaft auffiel, war ein Typ mit fetter Goldkette, der so breit ging. Ich dachte nur: ‚Geil! Das will ich auch.‘“). Er beteiligte sich an Diebstählen und Raubüberfällen und begann erst im Kleinen und dann in immer größerem Stil mit Haschisch und Haze zu handeln. Dabei kam ihm die Ausweitung seines Verwandten- und Bekannten-Netzwerkes zugute, die aus seiner arrangierten Heirat mit einer aus Nordrhein-Westfalen stammenden jungen Frau seiner Volksgruppe resultierte. Er war damals 18 Jahre alt und hatte die Schule ohne Abschluss verlassen. Als er anfing, mit Kokain zu handeln, wurde er selbst schwer drogensüchtig und stürzte ab. Es gelang ihm aber, durch Selbstentzug der Sucht zu entkommen – da war er 23 Jahre alt. Mit der Unterstützung eines Freundes machte er auf einer Förderschule das Abitur nach. Ein Maschinenbaustudium brach er ab und wechselte zum Studium der Sozialarbeit. Während des Studiums und danach betreute er straffällige Berliner Jugendliche.
An die Darstellung des Werdegangs von Khalil O. schließt sich eine Beschreibung von dessen Erfahrungen als Sozialarbeiter und seine Meinung zum richtigen Umgang der öffentlichen Organe mit jungen Männern aus dem Clan-Milieu an. Er warnt vor einem inkonsequenten Verhalten aus falsch verstandener Toleranz.
Personen Khalil O. ist das Pseudonym des zum Zeitpunkt der Veröffentlichung 38-jährigen Protagonisten und Koautors des Werkes.
Weltbild Das Buch zeichnet ein deutliches und nicht verharmlosendes Bild der Kriminalität in den clanhaften arabischen Großfamilien, betont aber auch die Diversität in ihnen. Der Protagonist beschreibt die Grundstrukturen seiner eigenen Großfamilie wie folgt: Ich bin und war nie ein Pate […] So eine Figur gibt es in meiner Familie nicht. Wir sind nicht die Mafia […] Es wird so getan, als ob es in jedem Clan eine klare Hierarchie gibt und jeder seine Aufgabe hat. Klar sind unsere Familien patriarchalisch und hierarchisch organisiert. Aber es ist nicht immer so, dass der Vater der Oberchef ist und alle klauen schickt. Mein Vater ist seit 40 Jahren in Deutschland und hat immer hart gearbeitet. Er hatte nicht ein Verfahren, nicht mal wegen Schwarzfahrens, nichts. […] Das Wort „Clan“ finde ich aber problematisch. Es klingt nach einer geschlossenen Front, wie eine Wikingerhorde. Eine Familie ist aber keine starre Einheit. Ich würde sagen, in 80 Prozent der arabischen Großfamilien gibt es Leute, die ihre Finger in irgend etwas drin haben, seien es Drogen, Einbrüche, Schutzgeld oder Prostitution. Auf 100 Leute kommen vielleicht zehn, die kriminell sind, und zehn, die im Gefängnis sitzen. Die restlichen 80 leben ganz normal und gehen arbeiten. Die Kriminalität, die im Buch beschrieben wird, ist (noch) nicht von der durchorganisierten, quasi-industriellen Art der Kriminalität der Mafia. Dies mag aber lediglich im geringen Alter der aus der jüngeren Migration entstandenen Kriminalität begründet sein; die Anlagen zur Reifung einer Regionen, Länder und Kontinente überspannenden Organisation sind in der Erzählung deutlich zu erkennen.
Ein wichtiger Aspekt des Romans ist der Spannungsbogen zwischen dem Eingebettetsein in die Großfamilie – mit ihren Sitten und Traditionen und der Ehre als mächtigem Ordnungsprinzip – und der Einsamkeit, die den Protagonisten umgibt, als sich die Zweifel regen. Im Kapitel „Gangster-Burnout“ wird diese Einsamkeit thematisiert: Ich hätte mich gerne jemandem anvertraut, aber ich wusste nicht, wem. Marwa war zwar nicht blöd und hatte eh längst gecheckt, was ich so trieb, aber das offen anzusprechen ging einfach nicht. Vor meiner Frau versuchte ich wenigstens ein Minimum Anstand zu wahren […] Wer sonst? Mit meinem Vater konnte ich nicht reden. Meine Stiefmutter erzählte alles meinem Vater. Und meine Brüder hätten mich nur ausgelacht. Es galt Gebot Nummer zwei: Du darfst niemals Schwäche zeigen! Ein anderes zentrales Motiv ist die Möglichkeit des Lebens in Rechtschaffenheit. Es wird von Beginn des Romans an durch den Vater personifiziert. Dieser ist einfacher Arbeiter und möchte mit den kriminellen Machenschaften seines Sohnes nichts zu tun haben. Vielmehr bestraft er ihn in seiner Jugendzeit, wenn er von neuen ungesetzlichen Handlungen erfährt. Auf den Vater scheint das Geld und der damit verbundene Status keinen Reiz auszuüben. Obwohl er dem Sohn ein moralisches Vorbild ist, bleibt es ihm andererseits verwehrt, auf seinen Sohn zuzugehen und ihm ein Gesprächspartner zu sein. Auch Khalils Frau Marwa steht für moralische Integrität, aber sie bleibt passiv, hält allerdings zu ihm, während sich der Wandel in seinem Leben vollzieht. Die Wende schafft er mit der Unterstützung durch Birol, einem jungen, integren Mann, der sich am Rande der Gang-Gesellschaft bewegt. Diesem kann sich Khalil O. öffnen und so die Sprachlosigkeit durchbrechen.
Eng mit einem Leben in Rechtschaffenheit verknüpft ist für Khalil O. das Abstreifen des Zwangs und der Last, ständig eine Rolle spielen zu müssen. Für die Erlangung von persönlicher Authentizität spielt die Erfahrung von Nahbarkeit, Engagement und Toleranz der Lehrer in der Schule, in der er das Abitur nachmacht, eine zentrale Rolle. Auf S. 221 heißt es über diese Zeit: Rückblickend muss ich sagen, die Zeit auf dieser Schule war die beste meines Lebens. Ich kam in den Flow und wurde ruhiger und kontrollierter. Und das Geilste war: Ich musste keine Rolle mehr spielen. Diese Erfahrung versucht er als Sozialarbeiter seinen jugendlichen Klienten zu vermitteln. Auf. S 230 ist dies so formuliert: Ich wollte mit kriminellen Jugendlichen arbeiten und ihnen zeigen, dass es eigentlich viel entspannter ist, ein normals Leben zu führen, weil du nicht ständig Angst haben musst. […] Legaler Reichtum schmeckt anders. Man geht auch anders damit um, es fühlt sich einfach besser an. Er spricht auch die Frage an, wie viel Nähe ein Sozialarbeiter zulassen soll. Er selbst profitierte in hohem Maße von der Nahbarkeit seiner eigenen Lehrer. Deswegen und aufgrund seiner eigenen Erfahrungen als Sozialarbeiter positioniert er sich gegen eine distanzierte Professionalität. So liest man auf S. 237: Ich mache wirklich viel für die Jugendlichen, was über meine Arbeit hinausgeht. Ich verschaffe ihnen Jobs, ich lade sie zum Essen ein, sie haben meine private Handynummer und können mich jederzeit anrufen, wenn sie ein Problem haben. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin wie ein Vater für sie. Oder wie Uschie [Anm.: seine frühere Lehrerin] damals für mich. Kollegen sagen zu mir: «Das ist unprofessionell, du ziehst keine Grenze zwischen dir und der Arbeit.» Gut, vielleicht bin ich tatsächlich wie Uschi, Stichwort Nähe-Distanz-Verhalten. Aber nur so erreiche ich die Jungen. Die letzten Kapitel des Buches befassen sich mit seiner Meinung, wie die öffentliche Hand mit gefährdeten jungen Männern aus dem Clan-Milieu umgehen sollte. So heißt es auf S. 235/236: Es gibt nicht den Weg oder die Methode, wie man diese Jungen von der Straße kriegt und halbwechs umgängliche Mitbürger aus ihnen macht. Eine Sache ist aber klar: Kuschelpädagogik zieht da überhaupt nicht. «Demokratische Erziehung» kennen diese Jungen nicht, sie brauchen klare Ansagen. […] In den Schulen beobachte ich, dass Lehrer sich bei bestimmten Nachnamen nicht trauen, die Eltern zum Gespräch zu bestellen, oder Anzeige zu erstatten, wenn ein Schüler gewalttätig geworden ist […] (Ich) weiß, dass diese Lehrer keinen einfachen Job machen, aber sie müssen sich durchsetzen. Auf der juristischen und der politischen Ebene steht er für eine strenge Vorgehensweise. Im Kapitel „Harter Staat“ positioniert er sich so: Wenn der Staat Clan-Kriminalität wirksam bekämpfen will, muss er die Familien an ihrem empfindlichsten Punkt treffen, dem Status […]. Wenn du Geld hast, bist du wer, dann bekommst du Respekt und Anerkennung, dann hast du Macht. Wenn man den Clans das Geld wegnimmt, sind sie niemand mehr, und das tut richtig weh. […] Wir haben alle geguckt, als die Berliner Staatsanwaltschaft 77 Immobilien des Remmo-Clans beschlagnahmt hat. Die Remmos haben jetzt richtig Stress, und das ist das Thema in der Community. Alle warten darauf, wie es weitergeht […]. Die Staatsanwaltschaft muss jetzt liefern. Wenn sie das durchkriegen und die 77 Immobilien tatsächlich einziehen, wäre das ein deutliches Signal für die Clans. Er kontrastiert diese konsequente Vorgehensweise mit den Gefahren durch widersprüchliches Verhalten seitens des Staates. So verweist er darauf, dass viele Clans, aber auch neu ankommende Flüchtlinge, aus Staaten stammen, in denen man den staatlichen Organen misstraue oder sie für schwach halte. Wenn sich dann beispielsweise Strafverfahren bei Vergehen in Deutschland lange hinzögen und oft nur mit Bewährungsstrafen endeten, so erscheine auch der deutsche Staat schwach und ausnutzbar. Beim Prinzip Fördern-und-Fordern dürfe das Fordern nicht zu kurz kommen. Sozialhilfe solle in bestimmten Fällen an eine Arbeitspflicht gebunden sein. Der Staat müsse aber auch die Möglichkeiten des Einzelnen zum Eigen-Engagement zulassen oder schaffen. Hierzu gehöre das Recht auf Arbeit. Dessen mögliche Einschränkung bei der Erteilung von Aufenthaltstiteln bei Flüchtlingen und Schutzbedürftigen könne zu seltsamen Widersprüchen führen, wie er im Kapitel „Machst du was, kriegst du was“ an einem Beispiel aus der Zeit der Flüchtlingskrise erläutert: Die, die auf jeden Fall bleiben werden, sind die Palästinenser aus den Flüchtlingslagern in Syrien. Ausgerechnet die aber werden komplett anders empfangen als die Syrer aus Syrien. […] Die Syrer kriegen einen Aufenthaltstitel, mit dem sie arbeiten können, und wenn der Krieg vorbei ist, werden die, die nichts leisten, wieder abgeschoben. Die Palästinenser können nirgendwohin abgeschoben werden […]. Sie sind Staatenlose […]. Sie werden also bleiben, und das heißt, eigentlich könnte man mit diesen Leuten ganz neu anfangen. Doch sie kriegen keine Arbeitserlaubnis, aber Sozialhilfe. Warum? Die Palästinenser kommen aus dem System «Machst du was, kriegst du was. Machst du nix, kriegst du nix.» Hier werden sie regelrecht dazu erzogen, nichts zu machen oder nur kriminelle Geschäfte.