Commoning (von ; von cum und munus; engl. to common; dt. etwa gemeinsames Tun, Gemeinschaffen) bezeichnet selbstorganisiertes und bedürfnisorientiertes gemeinsames Produzieren, Verwalten, Pflegen und / oder Nutzen. Dabei bringen die Beteiligten ihre Fähigkeiten ein und bestimmen miteinander über Art und Umfang des Umgangs mit den Ressourcen und Produkten. Commoning benennt somit jene sozialen Praktiken, die sich als „ebenbürtiges Miteinander im gemeinsamen Tun“Britta Acksel, Johannes Euler, Leslie Gauditz, Silke Helfrich, Brigitte Kratzwald, Stefan Meretz, Flavio Stein, Stefan Tuschen: Commoning: Zur Kon-struktion einer konvivialen Gesellschaft. In: Frank Adloff, Volker M. Heinz (Hrsg.): Konvivialismus. Eine Debatte. transcript, Bielefeld 2015, ISBN 978-3-8376-3184-5, S. 133–145, hier S. 133 (blog.transcript-verlag.de). beschreiben lassen. Durch das einhergehende Pooling und den Zugriff mehrerer auf die gleichen Ressourcen bietet Commoning das Potential für Klimaschutz und Ressourcenschonung.
Historischer Kontext Während sich der Begriff Commons bereits in Manifesten und Pamphleten findet, die sich gegen die Privatisierung von Land und Wäldern durch die enclosure acts des 17. Jahrhunderts wehren,Gerrard Winstanley: The True Levellers Standard Advanced: Or, The State of Community Opened, and Presented to the Sons of Men., 1649. hat der Begriff Commoning – obwohl historisch verbürgt – bisher keinen Eingang in die Lexika gefunden. Die Betonung des Praktischen, die sich in diesem Begriff ausdrückt, ist einerseits das Ergebnis historischer Forschung und andererseits Ausdruck der zunehmenden Relevanz des Praxisbegriffs in den Gesellschaftswissenschaften.
Der Satz „There is no commons without commoning“ wird dem Historiker Peter Linebaugh zugeschrieben:Friederike Habermann: Ecommony. UmCARE zum Miteinander. Ulrike Helmer, Sulzbach am Taunus 2016, ISBN 978-3-89741-386-3, S. 25 (PDF).
Linebaugh zeigt, dass die kapitalistische Marktwirtschaft nicht naturwüchsig aus früheren Formen des Tauschhandels erwachsen ist, sondern erst durch systematische Einhegungen von Gemeingütern und Aneignungen durch Privateigentümer möglich wurden. Der Widerstand der ländlichen Bevölkerung gegen die Umwandlung von Commons und Allmenden in privates Eigentum wurde teils mit massiver Gewalt gebrochen.Hartmut Zückert: Allmende: Von Grund auf eingehegt. In: Silke Helfrich, Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat. transcript, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-8376-2835-7, S. 158–164. (PDF) Die auf diese Weise ihrer Lebensgrundlage beraubten Menschen waren gezwungen ihren Lebensunterhalt durch Lohnarbeit zu sichern. Die vormals in lebendige (Re-)Produktionszyklen eingebundene Natur wurden zur Ressource für einen profitorientierten Markt. Die Philosophin Eva von Redecker schreibt dazu:
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gewannen Commons und Commoning wieder an Bedeutung. Das hängt mit zunehmenden Krisenerscheinungen des Kapitalismus und der dadurch ausgelösten Suche nach Alternativen zusammen. In zahlreichen Debattenbeiträgen wird Commoning als Kernelement einer anderen Lebens- und Produktionsweise verstanden. Damit beginnt der Begriff als gemeinsamer Bezugspunkt unterschiedlicher disziplinärer und emanzipatorischer Bewegungen verwendet zu werden, um Ideen einer freien und zukunftsfähigen Gesellschaft zu formulieren.Bini Adamczak: Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2017, ISBN 978-3-518-12721-6.
„Das Revival der Commons“Marek Korczynski, Andreas Wittel: The Workplace Commons: Towards Understanding Commoning within Work Relations. In: Sociology, Band 54, Nr. 4, 2020 S. 711–726, hier S. 714, doi:10.1177/0038038520904711. in den 2000er Jahren wird durch zwei vorausgehende Entwicklungen erklärlich. Zum einen heben die Forschungen von Elinor Ostrom, die sich mit der nachhaltigen Nutzung von natürlichen Allmende-Ressourcen befassen und für die sie 2009 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, neue Kooperationsformen „jenseits von Markt und Staat“Elinor Ostrom: Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Staat und Markt. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, ISBN 3-16-146916-X. ins öffentliche Bewusstsein. Zum anderen entsteht mit der bis in die 1980er Jahre zurückreichenden Bewegung der Freien Software eine neue Form der digitalen Commons, die um die Jahrtausendwende mit Open Source und der Entstehung der Wikipedia ihren Durchbruch hatte. Insbesondere die digitalen Commons waren von der Hoffnung begleitet, dass mit neuen internetgestützten Kooperationsformen auch eine neue Produktionsweise jenseits der kapitalistischen entstehen könne.Stefan Meretz: LINUX & CO. Freie Software – Ideen für eine andere Gesellschaft. AG SPAK Bücher, Neu-Ulm 2000, ISBN 3-930830-16-7.Eben Moglen: Anarchism Triumphant: Free Software and the Death of Copyright. In: First Monday, Band 4, Nr. 8, 1999. Die Untersuchung der neuen Potenziale für eine gesamtgesellschaftliche Verallgemeinerung war explizites Ziel des Oekonux-Projekts. Die digitalen Commons weisen darauf hin, dass Commons auch großmaßstäblich möglich sind, weil die Menschen durchaus bereit sind, die Früchte ihrer Arbeit großzügig zu teilen, wenn die Rahmenbedingungen dies sinnvoll erscheinen lassen und die Kommunikations- und Informationstechnologien dafür bereitstehen.Pekka Himanen: Die Hacker-Ethik und der Geist des Informations-Zeitalters. Riemann, München 2001, ISBN 978-3-570-50020-0.Volker Grassmuck: Freie Software. Zwischen Privat- und Gemeineigentum. 2., korrigierte Auflage. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2004, ISBN 3-89331-569-1 (pdf). Die Hoffnung, dass durch die digitale Vernetzung für eine Vielzahl von Lebensbereichen neue Formen des Teilens und Kooperierens entstehen könnten, hat sich nur punktuell erfüllt. Diverse Sharing-Modelle und Communities wurden durch den sogenannten Plattformkapitalismus kommerzialisiertStefan Gruber, Anh-Lin Ngo: Die umkämpften Felder des Gemeinschaffens. In: Arch+. An Atlas of Commoning – Orte des Gemeinschaffens. Jg. 51. S. 4–5. und „Widersprüche in die [...] Praxis des Commoning einführte“, da sich User wie bisher verhielten, aber Plattformen zumeist nicht demokratisch organisiert waren und Beiträge kommodifizierten. Darin zeigte sich die Fähigkeit des Kapitalismus, sich alternative Modelle des Wirtschaftens einzuverleiben. In diesem Spannungsfeld nutzen Commons-Theoretiker den Begriff „Commoning“ im Sinne einer kritischen Theorie der Gesellschaft, der einerseits als Beschreibungs- und Analysekategorie fungiert, andererseits emanzipatorische und alternative Formen des Produzierens und Zusammenlebens aufzeigen kann.
Begriffsbildung Der ressourcen-, güter- und institutionenorientierte Ansatz der Commonsforschung, wie er von Elinor Ostrom in direkter Kritik an Garrett Hardins „Tragedy of the Commons“ entwickelt wurde, eröffnete innerhalb der Wirtschaftswissenschaften das Feld für eine Vielzahl von Fallstudien zu den Commons und institutionalisierte diese in der International Association for the Study of the Commons (IASC). Mit dem Begriff Commoning und der Verschiebung des Fokus auf Praktiken und Praxis entwickelt sich die Commonstheorie zu einer Politischen Ökonomie und Gesellschaftstheorie. Die Bestimmung des Begriffs steht vor der Herausforderung, die unterschiedlichen Ressourcen, Bedingungen und Handlungslogiken der Felder zu berücksichtigen, in denen sich Commoning jeweils vollzieht. In dieser Lesart und Perspektive löst der Begriff die institutionen- und güterzentrierte Ausrichtung der Ostrom-Schule ab und überwindet, auch praktisch, grundlegende Dichotomien.Friederike Habermann: Ecommony. UmCARE zum Miteinander. Ulrike Helmer, Sulzbach am Taunus 2016, ISBN 978-3-89741-386-3, S. 23 (PDF).
Die gemeinsame Bezugsgröße des Commoning ist der Widerstand gegen Kommerzialisierung, Kapitalisierung und Profitinteressen sowie die Umkehrung der Einhegung und Aneignung der Commons durch den Markt/StaatSilke Helfrich, David Bollier: Frei, fair und lebendig. Die Macht der Commons. Bielefeld 2019. mit seiner rechtlichen Privilegierung des Privateigentums. Wie dieser Transformationsprozess gelingen kann, wird unterschiedlich diskutiert. In dem Podcast „Frontiers of Commoning“ lotet David Bollier mit unterschiedlichen Interviewpartner, die Potentiale des Commoning und die sozialen, gesellschaftlichen und politischen Widerstände gegen Commoning und Commons aus.
In ihrem Buch Ecommony platziert Commons-Forscherin Friederike Habermann den Begriff Commoning an zentraler Stelle, um eine Reihe von Dichotomien zu kritisieren, die Commoners hinterfragen und überwinden wollen. Sie zeigt, dass sich Commoning mit den landläufigen Bedeutungen und Zuordnungen kaum erfassen lässt, weil dieser Begriff nicht in der Binarität fußt, die unser Nachdenken über uns und die Welt geprägt haben. Im Commoning ergibt zum Beispiel der Gegensatz von Freiheit und Abhängigkeit, so wie er in der westlichen/abendländischen Denktradition verstanden wird, keinen Sinn.Friederike Habermann: Ecommony. UmCARE zum Miteinander. Ulrike Helmer, Sulzbach am Taunus 2016, ISBN 978-3-89741-386-3, S. 149 (PDF).
Die Angewiesenheit aufeinander und die Fähigkeit der Menschen zu kooperieren gewinnen im Commoning eine positive Bedeutung und münden in eine Praxis und Organisationsform, in der sich die individuellen Unterschiede der Menschen in Form verschiedener Beiträge zu einer gemeinsamen Reproduktivität verbinden. Von der Kritik von Commonstheoretikern an Identitätskategorien sollte nicht auf einen anzustrebenden Kollektivismus geschlossen werden. Als ein Aushandlungsprozess, bei dem sich sowohl die einzelnen Akteure, aber auch das Gemeinschaftliche entwickeln und verändern, ist Commoning ein dynamischer lebendiger Prozess:
Auch die Entgegensetzung von kollektiv versus individuell, von altruistisch versus egoistisch, von Natur versus Kultur verlieren im Commons-Universum ihren Sinn. In der Folge wird auch die Bedeutung von Begriffen wie Gerechtigkeit, Arbeit, Faulheit revidiert bzw. obsolet. So fordert Friederike Habermann eine Neubestimmung der Begriffe jenseits der Tauschlogik.Friederike Habermann: AUSGETAUSCHT! Warum gutes Leben für alle tauschlogikfrei sein muss. Ulrike Helmer, Sulzbach am Taunus 2018, ISBN 978-3-89741-424-2.
Vertreter des Commonismus verstehen Commoning als zu Geld und Markt alternative, potenziell gesellschaftlich verallgemeinerbare Koordinationsform und erkennen Commoning im aktiven Widerstand gegen Konzern- oder Staatsmacht, deren Vorhaben und Politik. Die in emanzipatorischen Bewegungen entwickelten Organisationsformen werden als sozial-symbolische Formen des Commoning verstanden. Als materielle Formen sehen sie konstitutive Praktiken des Commoning in Solidarischen Landwirtschaften, im Mietshäuser Syndikat und anderen Commons-Projekten. Erst eine Ablösung der hegemonialen Koalition aus Markt und Staat und die Durchsetzung des Commoning auch als gesellschaftliche Vermittlungsform kann den Kapitalismus überschreiten.Simon Sutterlütti, Stefan Meretz: Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, über Utopie und Transformation neu nachzudenken. VSA-Verlag, Hamburg 2018, ISBN 978-3-89965-831-6 (commonism.us).