Augustin Bernher, auch Augustine oder Austin Bernehere u. ä. (* um 1525/30 in Hohentengen; † 1565 in Southam, Warwickshire) war ein reformierter Schweizer Theologe, der während der Verfolgungen unter Königin Maria I. von England die heimliche protestantische Gemeinde in London leitete und viele Verurteilte zu ihrer Hinrichtung begleitete.
Leben
Herkunft mini|Rheinbrücke von Hohentengen, Blick auf Kaiserstuhl und (im Hintergrund) Fisibach. Im Vordergrund die Kapelle St. Antonius und Burg Rotwasserstelz, Stich von Johannes Stumpf, 1548
Augustin Bernher bezeichnete sich 1552 selbst als „Helvetius (= Schweizer)“,Hugh Latimer: Fruitfull sermons. hrsg. von „Augustinus Bernerus“. In: George Elwis Corrie (Bearb.): The Works of Hugh Latimer. (The Parker Society). University Press, Cambridge 1844, S. 446 (Google-Books). auch in einer Steuerliste aus der Regierungszeit von Königin Elisabeth I. von England wird er 1562 als „Austin Bernhere, Swiss subject“ aufgeführt.Eintrag vom am 9. Mai 1562; Great Britain. Public Record Office: Calendar of the patent rolls preserved in the Public Record Office. Elizabeth. Band II: 1560–1563. His Majesty’s Stationery Office, London 1948, S. 460 (Google-Books). Sein Geburtsort Hohentengen (auch „Thiengen; Dengen der Hochenkirchen“In Tengen, außerhalb der Stadtmauern Kaiserstuhls auf der anderen Rheinseite, lag die Hohe, d. h. zum bischöflichen Tafelgut gehörende Pfarr-Kirche St. Maria der Pfarrei Kaiserstuhl; dies beeinflusste die Variante Hohen(kirchen)-Tengen des Ortsnamens; Franziska Wenzinger Plüss: Kaiserstuhl. Kirchliches Leben in einer mittelalterlichen Kleinstadt. In: Argovia. Jahresschrift der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau, 1992, 104, S. 85–163, bes. S. 88–98; e-periodica.ch (PDF). o. ä.) am Hochrhein,Christian Roder: Archivalien aus dem Amtsbezirke Waldshut (Klettgau und Wutachthal). In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 41 (1887), S. M-108–M-122, bes. S. M-108–M-110 (Google-Books); Exkurs zum Namen bei Helmut Naumann: Die Gründung der Stadt Kaiserstuhl. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 118 (1970), S. 67–88, bes. S. 85–88 u. a. der heute direkt an der Schweizer Grenze im deutschen Bundesland Baden-Württemberg liegt, gehörte seit 1294 zum Hochstift Konstanz. Er war Teil der Vogtei Rötteln mit Sitz in der Schweizer Gemeinde Kaiserstuhl auf dem unmittelbar gegenüberliegenden Rheinufer. Kaiserstuhl war seit der Eroberung des Aargaus durch die Eidgenossen 1415 zugleich auch der Sitz eines äußeren Amtes der eidgenössischen Grafschaft Baden mit Ansprüchen auf die Kirchspiele Kadelburg, Lienheim und Hohentengen, was immer wieder zu Konflikten führte. Der Schweiz galten die „ennetrheinischen“Schweizerdeutsch: „jenseits des Rheins gelegen“. Gemeinden Lienheim, Hohentengen und Herdern als „Schirmverwandte“ (Salva-Guardia-Privileg),Christian Roder: Archivalien aus dem Amtsbezirke Waldshut (Klettgau und Wutachthal). In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 41 (1887), S. M-108–M-122, bes. S. M-108–M-110 (Google-Books). die zu Kriegszeiten beschützt wurden.Staatsarchiv Aargau (AA/2810 Ennetrheinische Dörfer II: Hohentengen, Lienheim, Herdern). Die Eidgenossen beanspruchten in diesen rechtsrheinischen bischöflich-konstanzischen Dörfern das Mannschaftsrecht (Aushebungsrecht).Johannes Gisler: Die Stellung der acht alten Orte zum Konstanzer Bistumsstreit. 1474–1480. Universitätsverlag, Freiburg (Schweiz) 1956, S. 22.
Ausbildung in Zürich 1546 empfahl der Konstanzer Reformator Ambrosius Blarer dem Antistes (Vorsteher) der Zürcher reformierten Kirche Heinrich Bullinger seinen Neffen Johann Ulmer und einen gewissen Augustin, mit dem Johann einige Jahre in der Region Thurgau in einem Haushalt gelebt hatte, zur weiteren Ausbildung.Brief von Ambrosius Blarer vom 26. Oktober 1546; Reinhard Bodenmann, Alexandra Kess, Judith Steiniger (Bearb.): Heinrich Bullinger Werke, 2. Abt. Briefwechsel, Bd. XVIII. Theologischer Verlag, Zürich 2017, Nr. 2644, S. 184–187; Zürich Staatsarchiv (E II 357,664 bullinger-digital.ch). Kurz nach ihrer Ankunft in Zürich versuchte Bullinger den Verkauf von 56 Büchern aus der Bibliothek von Werner Steiner durch Johannes Fries für 23 Gulden an Johann und Augustin zu vermitteln.Briefe von Heinrich Bullinger vom 30. November und 18. Dezember 1546; Reinhard Bodenmann, Alexandra Kess, Judith Steiniger (Bearb.): Heinrich Bullinger Werke, 2. Abt. Briefwechsel, Bd. XVIII. Theologischer Verlag, Zürich 2017, Nr. 2697 und 2719, S. 340–344 und 412–415.Brief von Ambrosius Blarer vom 16. Dezember 1546; Reinhard Bodenmann, Alexandra Kess, Judith Steiniger (Bearb.): Heinrich Bullinger Werke, 2. Abt. Briefwechsel, Bd. XVIII. Theologischer Verlag, Zürich 2017, Nr. 2716, S. 404–409; Zürich Staatsarchiv (E II 357,749r + 733r + 612r bullinger-digital.ch). Augustin Bernher war 1546/47 in Zürich ein Schüler von Johann Wolf.
Studium in Tübingen und Oxford Am 6. September 1547 immatrikulierte sich „Augustinus Bernerus Tinganiensis (= aus Tengen)“ in Tübingen.Heinrich Hermelink (Barb.): Die Matrikeln der Universität Tübingen, Bd. I 1477–1600. Kohlhammer, Stuttgart 1906, S. 332, Nr. 72; zu „Tinganiensis = Hohentengen“ vgl. Register zu den Matrikeln der Universität Tübingen 1477–1600. Kohlhammer, Stuttgart 1931, S. 75 und 148. Rektor der vorwiegend lutherisch ausgerichteten Universität Tübingen war zu diesem Zeitpunkt der reformierte Gräzist und Jurist Melchior Volmar, der eine rege Korrespondenz mit Heinrich Bullinger und Ambrosius Blarer unterhielt und um 1530 in Orléans und an der Universität Bourges die Genfer Reformatoren Théodore de Bèze und Johannes Calvin unterrichtet hatte. Auch der reformierte Theologe Paul Phrygio († 1543) hatte seit 1535, letztlich in der Nachfolge Blarers, in Tübingen gewirkt.Karl Theodor Keim: Ambrosius Blarer, der schwäbische Reformator. Chr. Besler, Stuttgart 1860, S. 69 und 94 (Google-Books). 1548 waren Balthasar Käuffelin und Erhard Schnepf die einzigen Professoren an der theologischen Fakultät.
Nach dem Augsburger Interim, das auch Martin Bucer nach England getrieben hatte, wechselte Augustin Bernher im Herbst 1548 an die Universität OxfordBrief von Johann Ulmer aus Oxford an Heinrich Bullinger vom 27. November 1548; siehe auch Postskript Ulmers zu einem Brief von Bartholomew Traheron vom 31. Dezember 1548; Parker Society (Hrsg.): Epistolae Tigurinae de rebus potissimum ad Ecclesiae Anglicanae reformationem pertinentibus conscriptae A. D. 1531–1558. John William Parker, Cambridge 1848, Nr. CLXXXVI, S. 252–254; vgl. S. 213. und wohnte mit seinem Freund Johann UlmerBriefe von Augustin Bernher aus Bexterley vom 31. Mai 1552 und von Johann Ulmer aus Oxford vom 9. August 1552 an Heinrich Bullinger; Parker Society (Hrsg.): Epistolae Tigurinae de rebus potissimum ad Ecclesiae Anglicanae reformationem pertinentibus conscriptae A. D. 1531–1558. John William Parker, Cambridge 1848, Nr. CLXXVIII, S. 239, und Nr. CCXVI, S. 301. bei Bartholomew Traheron (Benthalmai Outis) († um 1558).1537 bei Bullinger in Zürich, 1551–1553 Dean der Kathedrale von Chichester, nach 1555 marianischer Exulant in Frankfurt am Main und Wesel; Philippe Denis: Les églises d’étrangers en pays rhénans (1538–1564). (Bibliothèque de la Faculté de philosophie et lettres de l’Université de Liège 242). Les Belles Lettres, Paris 1984, S. 221 u. a.Arnold Lätt: Austin (Augustin) Bernher, ein Freund der englischen Reformatoren. In: Zwingliana 6,6 (1936), S. 327–336, bes. S. 327f. Es dürfte sich bei ihm um Ulmers von Ambrosius Blarer bereits 1546 erwähnten Freund „Augustin“ handeln. Eine Schwester Bernhers war mit dem Pfarrer Alexander Schmutz d. Ä. (* um 1490/95; † 1544) in Leutmerken verheiratet, einem Neffen von Blarer.Erich Trösch: Schmutz, Alexander. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS) (online, abgerufen am 18. Juli 2021).
Ende Mai 1551 beabsichtigte Augustin Bernher noch, in neun oder zehn Monaten mit Johann Rudolf Stumpf und Christoph Froschauer d. J. über Frankreich in die Schweiz zurückzukehren.Brief von Johann Rudolf Stumpf an seinen Vater Johannes Stumpf vom 26. Mai 1551; Esther Frances Mary Hildebrandt: A study of the English protestant exiles in Northern Switzerland and Strasbourg 1539–47 and their role in the English Reformation. (diss. phil.). E-Theses, Durham 1982, S. 235f mit S. 255 Anm. 11 und S. 366. Er wurde dann jedoch durch John Hooper als Amanuensis (Sekretär) an den Hofprediger und früheren Bischof von Worcester Hugh Latimer vermittelt. Anders als Ulmer blieb Bernher dauerhaft in England und unterstützte dort die Protestanten während der Verfolgung unter Königin Maria I.Benjamin Richings: Narrative of the Persecutions and Sufferings of the Two Martyrs, Robert Glover & Mrs. Lewis, of Mancetter, Warwickshire. With Some Account of Their Friend Augustine Bernher, Rector of Southam, and Other Eminent Martyrs and Confessors. 2. Auflage L. & G. Seeley / Macintosh, London 1842, bes. S. viii–xii und 123–170 (Google-Books; 1. Auflage 1833 Google-Books).
Sekretär des Hugh Latimer Als Sekretär von Hugh Latimer hielt sich Augustin Bernher einige Male in Baxterley im Norden der Grafschaft Warwickshire auf. Dort wohnte Robert Glover (1522–1555) of Mancetter mit seiner Frau Mary (1535–1580) – einer Nichte von Hugh Latimer – in Baxterley Hall.Frederick Leigh Colvile: The Worthies of Warwickshire who Lived Between 1500 and 1800. H.T. Cooke & son, London 1870, S. 35f und S. 310–313 (Google-Books); Susan Wabuda: Shunamites and Nurses of the English Reformation. The Activities of Mary Glover, Niece of Hugh Latimer. In: William J. Sheils, Diana Wood (Hrsg.): Women in the Church. Blackwell, Oxford 1990, S. 335–344; . Wenige Meilen entfernt lebte dessen ältester Bruder John Glover (1513–1555) of Mancetter mit seiner Frau Agnes in Mancetter Manor (bei Atherstone). Auch Joyce Lewis (* vor 1533; † 1557), die einzige Tochter von Thomas Curzon Esq. (* um 1490; † 1541) of Croxall, und ihren zweiten Ehemann Thomas Lewis († 1558) of Mancetter lernte Bernher dort kennen. Bernher stenografierte Predigten mit,Arnold Lätt: Austin (Augustin) Bernher, ein Freund der englischen Reformatoren. In: Zwingliana 6,6 (1936), S. 327–336, bes. S. 328f. die 1552 von Latimer im evangelischen Kreis um die Herzogin von Suffolk Katherine Willoughby, 12. Baroness Willoughby de Eresby, in ihrem Schloss Grimsthorpe Castle, in Bexterley und der Umgebung (Grafschaft Lincolnshire) gehalten wurden. Es handelte sich um sieben Predigten zu den Bitten des Vaterunsers () und neun Predigten über die Evangelien- oder Epistellesung der Sonntage von Ende Oktober bis Mitte Dezember. Bernher veröffentlichte die Sammlung 1562 zusammen mit älteren, teilweise bereits gedruckten Predigten Latimers aus den Jahren 1537 bis 1550 nach dessen Tod. In der Veröffentlichung kritisierte Bernher die Umsetzung der Auflösung der englischen Klöstergüter von 1536 durch Heinrich VIII., die nicht für Bildungszwecke oder zur Verbesserung der Verkündigung genutzt wurden, sondern in die Hände der Grundbesitzer gefallen waren:Certayn godly sermons, made vppon the lords Prayer, preached … before … Lady Katherine, Duches of Suffolke, … 1552. Ausgabe John Day, London 1562, S. 4; . Stewart Mottram: Ruin and Reformation in Spenser, Shakespeare, and Marvell. University Press, Oxford 2019, S. 33 f. (Google-Books; eingeschränkte Vorschau).