Das Götterorakel ist eine Sonderform des Orakels (von lateinisch oraculum „Götterspruch, Sprechstätte“; zu orare „sprechen, beten“). Es bezeichnet im Alten Ägypten eine Technik zur Wahrsagung (Divination, Mantik), die mittels Erkennen des göttlichen Willens der Unterstützung in schwierigen Lebenslagen diente. Das entsprechende Ritual beinhaltete die Befragung eines Orakels im Sinne eines göttlichen Urteils. Im Unterschied zum Omen als göttliche Botschaft in zufälligen Naturbetrachtungen oder Träumen ging die Initiative hier vom Menschen aus, der sich im Rahmen einer Prozession oder per Brief an eine Gottheit wenden und diese um Rat ersuchen konnte. Entsprechend fiel die Antwort je nach Person, Anliegen und äußeren Umständen unterschiedlich aus.Alexandra von Lieven: Divination in Ägypten. Berlin 1999, S. 78. Ob dem Urteil Folge geleistet wurde oder nicht, lag wiederum im Ermessen des Fragenden und der Beteiligten.

Die enge Verbindung der ägyptischen Götter mit dem Orakel äußert sich mitunter in Epitheta wie denen des Gottes Heka, dem der Titel „Herr der Orakel, Herr der Offenbarungen, der vorhersagt, was geschehen wird“ zukommt.Übersetzt nach Robert K. Ritner: Ancient Egyptian Magical Practice. Chicago 1993, S. 36–37 mit Anmerkung 167.

Im Alten Ägypten konsultierten Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten diese Methode zur Weissagung. So konnten sich prinzipiell Bürger, höhere Beamte und Priester sowie Könige mit ihren jeweiligen Belangen an ein Götterorakel wenden.Alexandra von Lieven: Das Orakelwesen im Alten Ägypten. In: Mythos 10. vom 24. September 2016, S. 25.

Die antiken Quellen stammen zu einem Großteil aus der Arbeitersiedlung Deir el-Medina im Süden von Theben-West, wo Orakelbefragungen im Rahmen von Götterprozessionen durchgeführt wurden. Hier lebten die Arbeiter und Handwerker, welche die Felsgräber der Pharaonen im nahegelegenen Tal der Könige erbauten.

Chronologische Entwicklung Prozessionen zu Ehren von Gottheiten wurden bereits im Alten Reich durchgeführt. Felsinschriften aus der 6. Dynastie im oberägyptischen Wadi Hilal nahe der Siedlung Elkab belegen etwa Auszüge in die Wüste zu Ehren der Göttin Nechbet, wenn auch ohne Hinweise auf ein Götterorakel in diesem Kontext.

mini|hochkant|Die Arbeitersiedlung Deir el-Medina in Theben-West, Ägypten

Eine Inschrift aus der späten 5. Dynastie im Sinaï berichtet von einer königlichen Expedition zum Abbau von Türkis, dessen dortiges Vorkommen womöglich der Sonnengott Re nach Befragung vorhergesagt haben könnte. Da jedoch auch hier nicht ausdrücklich von einem Götterorakel die Rede ist, liegen nicht hinreichend Beweise zur Bestätigung dieser Theorie vor.Alexandra von Lieven: Divination in Ägypten. Berlin 1999, S. 117.

Der früheste sichere Beleg für ein Götterorakel stammt aus der Regierungszeit der Königin Hatschepsut im frühen Neuen Reich der 18. Dynastie und betrifft die ägyptische Königsideologie. Sie und ihr Nachfolger Thutmosis III. nutzten den Gottesspruch als legitimatorisches Mittel hinsichtlich der eigenen Herrschaft und Außenpolitik.

In der Amarnazeit kam der Orakelkult unter König Amenophis IV. (Echnaton), zum Erliegen, da die von ihm an die Spitze aller ägyptischen Götter gesetzte Strahlensonne Aton kein eigenes Orakel besaß. Ein solches erübrigte sich, da sämtliche Entscheidungen des Herrschers als Lenkungen des Gottes höchstselbst interpretiert wurden.Alexandra von Lieven: Divination in Ägypten. Berlin 1999, S. 84.

Die Ramessidenzeit (19. und 20. Dynastie) bedeutete mit dem Wiederaufleben der ägyptischen Tradition in Religion und Kult eine Blütezeit des Götterorakels. Während es in Staatsangelegenheiten als politische und juristische Entscheidungshilfe genutzt wurde, befragten beispielsweise die Bewohner von Deir el-Medina zumeist den thebanischen Hauptgott Amun in privaten wie rechtlichen Angelegenheiten. Die sogenannte persönliche Frömmigkeit steht sinnbildlich für das damalige Bedürfnis nach individueller Zuwendung zur Götterwelt. Diese religiöse Strömung bewirkte, dass private Bittsteller ihr Anliegen an jede beliebige Gottheit richten konnten, der sie sich in besonderem Maße verbunden fühlten. Dies belegen die sogenannten Gottesbriefe, die sporadisch aus der 20. Dynastie erhalten sind und in denen sich einzelne Personen gezielt an eigens gewählte Gottheiten wenden. Weiterhin nimmt die ägyptische Weisheitsliteratur in Form diverser Lebenslehren Bezug auf den korrekten Umgang mit Orakelsprüchen.Alexandra von Lieven: Divination in Ägypten. Berlin 1999, S. 85–86.

links|mini|hochkant|Ohrenstele im Ägyptischen Museum Leipzig mini|hochkant|Stele des Mose im Roemer- und Pelizaeus-Museum, Hildesheim

Ein weiteres Medium zur Kontaktaufnahme mit einem individuell gewählten Gott sind die sogenannten Ohrenstelen aus dem Neuen Reich, durch die Gebete und Dank für deren Erhörung bekundet wurden. In seinem Hauptkultort Memphis wurden solche Stelen vornehmlich dem Schöpfergott Ptah geweiht, der das Epitheton „der die Bitten erhört“ trug. Derselbe Titel kommt Amun-Re im Osttempel von Karnak an der Rückseite des Haupttempels zu. Die Kultkapelle diente dem Herantragen persönlicher Gesuche an den König und die Gottheit in der Hoffnung auf göttliche Gerechtigkeit. Auch Privatobjekte bezeugen die enge Gottesbindung im Neuen Reich: So zeigt etwa die sogenannte Stele des Mose (Hildesheim, Roemer- und Pelizaeus-Museum; Inv.-Nr.: PM 374) aus der 19. Dynastie die Entlohnung eines gleichnamigen Soldaten mit Ehrengold für seinen Militärdienst durch Ptah, „der die Bitten erhört“ und Ramses II.

Auch in der Dritten Zwischenzeit zogen die jeweiligen politischen Autoritäten Gottesentscheide zu Rate. Im thebanischen Gottesstaat der 21. Dynastie begründeten die Hohepriester des Amun auf diese Weise ihre Entscheidungen. Die Libyerkönige der bubastidischen 22. Dynastie bezogen gleichfalls Orakelbeschlüsse in die Staatslenkung ein. Auch in der kuschitischen 25. Dynastie nutzten Könige wie etwa der im nubischen Reich von Napata regierende Aspelta Gottesentscheide, um sich als rechtmäßige ägyptische Regenten darzustellen.

Nach der erneuten Wiederherstellung des Zentralstaats in der Spätzeit setzten die Saïten der 26. Dynastie dies fort. Vermehrt wurde die Kommunikation mit den Göttern mittels heiliger Tiere hergestellt, deren Verhalten Priester dahingehend interpretierten, dass sich die Gottheit in auserwählte Vertreter einer Spezies einlebte und diese steuerte. Dieses mystische Verständnis manifestierte sich insbesondere in lokal praktizierten Stierkulten. Ein Götterorakel lag hierbei nur dann vor, wenn ein bestimmtes Verhaltensmuster des Tieres gezielt herbeigeführt wurde. Zufällige Beobachtungen sind aus heutiger Sicht als Omina einzustufen. Welcher Fall in pharaonischer Zeit vorlag, ist nicht nachzuweisen.Alexandra von Lieven: Divination in Ägypten. Berlin 1999, S. 79.

Von der Beliebtheit des Götterorakels im privaten Bereich zeugen im ganzen Land verteilte Orakelstätten, von denen mitunter der Gelehrte Herodot berichtet.Herodot, Historien 2,83; 2,133; 2,152; 2,155; 2,174. Vielfach sind aus dieser Zeit Orakelfragen auf Papyrus sowie die bereits im Neuen Reich aufkommenden Gottesbriefe erhalten.

mini|hochkant|Tempel des Amun-Orakels in Siwa, Ägypten

In der Ptolemäerzeit prägten Orakelstätten weiterhin die religiöse Kultpraxis. Nach der Eroberung Ägyptens im Jahr 332 v. Chr. suchte Alexander der Große das Orakel des Zeus-Ammon in Siwa auf, wenn auch der genaue Zweck der Befragung unklar ist.Franziska Naether: Die Sortes Astrampsychi. Problemlösungsstrategien durch Orakel im römischen Ägypten. Tübingen 2010, S. 50. Griechische Bürger befragten im thebanischen Deir el-Bahari die nach ihrem Tod vergöttlichten Weisen Imhotep und Amenophis (Sohn des Hapu), während die Schreiber demotischer und magischer Papyri diese Art der Divination in ihre Schriften einbezogen.Alexandra von Lieven: Divination in Ägypten. Berlin 1999, S. 93–94.

Nach der römischen Machtübernahme 30 v. Chr. kam der Orakelkult in Ägypten allmählich zum Erliegen. Der römische Kaiser Septimius Severus verbot ihn 199 n. Chr. mittels politischem Dekret, da es sich nach seiner Maßgabe um Aberglaube und Scharlatanerei handle. Ähnliche Edikte wurden während der gesamten römischen Herrschaft in Ägypten erlassen. Zwar führte die einheimische Bevölkerung auch weiterhin Götterbefragungen durch, doch geschah dies nur noch exklusiv und im privaten Rahmen.Robert K. Ritner: Ancient Egyptian Magical Practice. Chicago 1993, S. 217–218.

Die letzten Belege für ein Gottesorakel in Ägypten stammen aus koptischen Papyri des 7. und 8. Jahrhunderts n. Chr., die bereits den christlichen Gott anrufen. Sie weisen das Kreuzmotiv sowie die christliche Phraseologie auf, orientieren sich jedoch strukturell in der Abfolge aus Invokation, Frage und Bitte um Antwort an den ägyptischen Anfragen.Franziska Naether: Die Sortes Astrampsychi. Problemlösungsstrategien durch Orakel im römischen Ägypten. Tübingen 2010, S. 383, 401.

Funktionsweise

Prozessionsorakel mini|Die Prozessionsbarke des Amun, Darstellung im Totentempel Ramses’ II. (Ramesseum) in Theben-West nordwestlich von Luxor, Ägypten.

Im öffentlichen Raum fanden Götterorakel ab dem Neuen Reich und bis in die christliche Zeit hinein im Rahmen von Prozessionen anlässlich religiöser Feiertage statt. Hierbei trugen Reinigungspriester (Wab-Priester) das in einem Naos befindliche und unter einem Schleier verborgene Kultbild der Gottheit auf seiner Barke entlang einer Straße, von deren Seiten aus die Menschen zusahen. Die Verkündung von Orakelentscheiden fand vor Tempeleingängen statt, die auf der Route passiert wurden. Solche Akte werden in der ägyptologischen Fachliteratur auch als Barken-Ordale bezeichnet.Franziska Naether: Die Sortes Astrampsychi. Problemlösungsstrategien durch Orakel im römischen Ägypten. Tübingen 2010, S. 42–43. Sie fanden zumeist an den Wochenenden statt, da die Arbeiter über die Woche im Tal der Könige stationiert waren und nur an freien Tagen zu ihren Familien im Dorf zurückkehrten.Benedict G. Davies: Life within the Five Walls. … Wallasey 2018, S. 218.

Die Dorfbewohner befragten neben Amun in vielen Fällen den vergöttlichten Herrscher Amenophis I., der um 1500 v. Chr. regierte und Deir el-Medina gründete. Die Quellen sprechen ihn als „mein guter Herr“ oder „Wesir, der die Wahrheit öffnet“ an. Im Gegensatz zu Götterkultbildern, die fast ausnahmslos in verhüllten Schreinen transportiert wurden, konnte das Bild des Königs offen sichtbar auf einem Schlitten befestigt oder unter einem Baldachin getragen werden.Christina Karlshausen: L’iconographie de la Barque processionnelle divine en Égypte au Nouvel Empire. Leuven 2009, S. 303. Weiterhin befragten die Frauen der Arbeiter zur retrospektiven Traumdeutung die vergöttlichte Mutter Amenophis‘ I. namens Ahmose Nefertari, die ihrerseits Königsgemahlin des Begründers der 18. Dynastie Ahmose I. war.Benedict G. Davies: Life within the Five Walls. … Wallasey 2018, S. 222.

Prinzipiell konnte bei solchen Prozessionen jeder Anwesende nacheinander der Gottheit sein Anliegen vortragen.Alexandra von Lieven: Das Orakelwesen im Alten Ägypten. In: Mythos 10. vom 24. September 2016, S. 24. Dies erfolgte sowohl mündlich als auch schriftlich. War die Frage vorher als Schreiben aufgesetzt worden, verlas sie ein Schreiber, jedoch konnte der Bittsteller sie auch frei formuliert vortragen. Alternativ waren verschiedene Antwortmöglichkeiten auf Tonscherben (Ostraka) oder Papyrusstreifen aufzuschreiben und der Gottheit vorzulegen.Alexandra von Lieven: Divination in Ägypten. Berlin 1999, S. 80. In jedem Fall war eine genaue Schilderung der Angelegenheit dem Gott gegenüber vor dessen direkter Anrufung unerlässlich.Andrea G. McDowell: Jurisdiction in the Workmen‘s Community of Deir el-Medîna. Leiden / Leuven 1990, S. 139.