mini|327x327px|Schrägluftbild von Freiburg Rieselfeld, Blickrichtung Südosten Das Projekt Stadt & Frau („Frauen planen und bauen - nicht nur für Frauen“) ist ein Wohnmodellprojekt für feministische Planungsaspekte in Freiburg im Breisgau, welches komplett von (Fach-)Frauen geplant und umgesetzt wurde. Das Projekt Stadt & Frau auf der Konversionsfläche in Freiburg Rieselfeld wurde von einer Gruppe von Frauen, darunter Architektinnen, ins Leben gerufen. Es ist nur ein Teil einer großen Stadterweiterungsmaßnahme auf dem ehemaligen städtischen Rieselfeld. Im ersten Schritt der Entstehung des Projekts wurde 1991 ein Arbeitskreis aus interessierten Frauen gegründet, später auch ein Verein und eine Genossenschaft, die frauengerechten Wohnraum einforderten. Das Projekt wurde dabei vollständig von Frauen eben jenes Vereines geplant, demnach entsteht ein Projekt unter dem Motto „Frauen planen und bauen - nicht nur für Frauen“. Dieses Projekt ist ein Beispiel für gendergerechte Stadtplanung. Bei städtebaulichen Frauenprojekten sollen besonders die Bedürfnisse der Frauen entsprechend ihrem Lebensalltag eingebracht werden.
Modellprojekt Stadt + Frau Gesamtstädtischer Kontext mini|327x327px|Naturschutzgebiet Freiburg Rieselfeld (westlicher Teil) Freiburg im Breisgau liegt im Südwesten von Baden-Württemberg und ist mit über 230.000 Einwohnern eine Großstadt in Deutschland.Bevölkerung Webseite Stadt Freiburg. Abgerufen am 1. Juli 2021. Freiburg ist von einem kontinuierlichen Bevölkerungswachstum geprägt, weshalb die Stadt im vergangenen Jahrzehnt die neuen Stadtviertel Rieselfeld und Vauban gebaut hat, um den Bedarf an Wohnraum decken zu können.Wolfgang Frey: Freiburg Green City - Wege zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung.2013, S. 46. Der Stadtteil Rieselfeld liegt im Westen von Freiburg. Auf dem rund 300 ha großen Gelände wurden früher die Abwässer der Stadt „verrieselt“. Durch die Modernisierung der Stadtentwässerungsmethoden wurde dieses Verfahren eingestellt und 1986 das Rieselfeld geschlossen. Danach lag die Fläche einige Jahre brach.Klaus Humpert: Stadterweiterung: Freiburg Rieselfeld: Modell für eine wachsende Stadt.1997, S. 14. Der westliche Teil des Rieselfelds wurde, mit rund 250 ha, zu einem Natura 2000 Gebiet erklärt und steht heute unter Naturschutz.Wolfgang Frey: Freiburg Green City - Wege zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung.2013, S. 70. Die restliche Fläche wurde als neuer Stadtteil in Freiburg geplant, in dem heute über 10.000 Menschen leben.Wolfgang Frey: Freiburg Green City - Wege zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung.2013, S. 68. Infolge des hohen Wohndrucks in der Stadt Freiburg sind die Grundstücksparzellen kleiner geschnitten ebenso ist vornehmlich Geschosswohnungsbau vorgesehen, um im Stadtteil Wohnungen für alle Einkommensschichten entstehen zu lassen.Wolfgang Frey: Freiburg Green City - Wege zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung.2013, S. 75.Klaus Humpert: Stadterweiterung: Freiburg Rieselfeld: Modell für eine wachsende Stadt.1997, S. 15. Der Stadtteil verfügt über einen Stadtbahnanschluss und Einrichtungen für den täglichen Bedarf, außerdem bietet er viele Arbeitsplätze. Dort soll ein lebenswerter Raum für alle entstehen, mit dem sich die Menschen identifizieren können.Wolfgang Frey: Freiburg Green City - Wege zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung.2013, S. 76–77. In diesem Fall wurde besonders an die Frauen gedacht und es wurde versucht ein Stadtteil auch aus der Sicht von Frauen zu bilden.Der neue Stadtteil Freiburg-Rieselfeld. Ein gutes Beispiel nachhaltiger Stadtteilentwicklung Projektgruppe Rieselfeld. Abgerufen am 9. Mai 2021, S. 1. Dadurch ist tatsächlich ein Stadtteil für alle entstanden. Das Projekt Stadt & Frau befindet sich am östlichen Eingang des Stadtteils Rieselfeld.
Entstehungsprozess von Stadt & Frau Die Stadterweiterung für das Rieselfeld wurde durch einen Gemeinderatsbeschluss entschieden. Dabei wurde die Fläche für die Bebauung auf 78 ha eingegrenzt und der Rest des Feldes unter Landschaftsschutz gestellt. Im Anschluss wurde für das Gebiet ein städtebaulicher Ideenwettbewerb ausgelobt. Unter anderem sollte durch den Wettbewerb sichergestellt werden, dass das Verhältnis von gefördertem zu finanziertem Wohnungsbau gleichwertig ist. Eine weitere Besonderheit war, dass bereits im Auslobungstext Aussagen über eine frauen- und kindgerechte Planung im Stadtteil unternommen wurden. Im weiteren Verlauf sollte die Frauen- und Kindegerechtigkeit eines der Hauptziele für den Ideenwettbewerb werden.Klaus Humpert: Stadterweiterung: Freiburg Rieselfeld: Modell für eine wachsende Stadt.1997, S. 34–35. Aufgrund der positiven Grundlage durch die frauen- und kinderfreundliche Planung im Zuge des Wettbewerbs und einem feministischer geprägten Stadtplanungsamt wurde es interessierten Frauen leichter gemacht ihre Ideen umzusetzen. Es gab eine Gruppe von Frauen aus den verschiedensten Berufsgruppen, die sich für die Beteiligung von Frauen an der Planung aussprachen. Diese machten bereits seit 1990 drauf aufmerksam, dass die weiblichen Betrachtungsaspekte in der Stadtplanung immer noch nicht berücksichtigt werden. Die Hauptargumentation stützte sich drauf, dass Frauen aufgrund dessen, dass sie sich dort am meisten aufhalten, Wohnexpertinnen sind. Trotz dieser Expertise werden immer noch nicht genügend Frauen im Stadtplanungssektor beschäftigt.Klaus Humpert: Stadterweiterung: Freiburg Rieselfeld: Modell für eine wachsende Stadt.1997, S. 182. Mit diesem Grundgedanken wurde 1990 ein Arbeitskreis für frauengerechtes Wohnen gegründet. Als dann 1991 bis 1992 der städtebauliche Ideenwettbewerb folgte, arbeitete der Arbeitskreis einen frauenorientierten Kriterienkatalog, für eine Entwicklung des neuen Stadtteils aus. Ein Jahr später organisierte der Arbeitskreis ein Seminar mit dem Titel „Frauenorientierte Prozessplanung“. Daraufhin wurden die Zielvorstellungen des Arbeitskreises, einen eigenen Teil des neuen Stadtteils zu bebauen, ausgeführt.Ruth Becker: Frauenwohnprojekte- keine Utopie! Ein Leitfaden zur Entwicklung autonomer Frauen(wohn)räume mit einer Dokumentation realisierter Projekte in Deutschland.2009, S. 528.
Planungsprozess Verein Stadt & Frau e. V. Die Architektinnen des Vereins arbeiteten gemeinsam mit anderen interessierten Frauen stellvertretend für die späteren Bewohnerinnen ein Gesamtkonzept für alle drei Bauabschnitte mit Wohnungserschließung und Parkierung aus. Für den ersten und den zweiten Bauabschnitt wurden Vorentwürfe gefertigt und dann Bauträger für das gesamte Projekt gesucht. Die weiteren konkreten Schritte wurden durch die Gründung des Vereins Stadt & Frau e. V. im Jahr 1993 unternommen. Dieser gründete sich aus dem Arbeitskreis, wobei die Beteiligten die Chance sahen, den erarbeiteten frauenorientierten Kriterienkatalog in die weitere Bürgerbeteiligung einfließen zu lassen. Dadurch bot sich die konkrete Chance, die Ideen an einem Bauprojekt anwenden zu können. In der folgenden Zeit war es für den Verein von besonderer Relevanz, durch Öffentlichkeitsarbeit und Informationsveranstaltungen Präsenz zu zeigen. Durch professionelle Unterstützung von Fachfrauen wurden dann im Mai 1994 fünf Grundstücke für das Projekt reserviert. Bis dahin war die Finanzierung noch nicht geklärt, aber die Stadt Freiburg unterstützte das Projekt mit einer professionellen Begleitung, die bei planungsrechtlichen Fragen und der Verwaltung helfen sollte. Innerhalb des Vereins waren auch Architektinnen tätig, die dann zusammen mit anderen interessierten Frauen an einem Gesamtkonzept für die späteren drei Bauabschnitte arbeiteten. Diese Pläne beinhalteten bereits konkrete Überlegungen zur Wohnungserschließung oder Parkierung. Für den ersten und den zweiten Bauabschnitt wurden sogar schon Vorentwürfe gezeichnet. Im nächsten Schritt galt es, einen Bauträger zu finden, da der Verein die Finanzierung nicht selbstständig tragen konnte. Nachdem dieser gefunden war, wurde eine Vereinbarung zwischen Verein und Bauträger beschlossen, die vorsah, den Planungsauftrag an die Architektinnen aus dem Verein zu vergeben. Die Architektinnen Renate Bert, Charlotte Smuda-Jeschek, Ursula E. Müller und Ingeborg Thor-Klauser arbeiteten als Architektinnengemeinschaft Bert, Müller, Smuda-Jeschenk gemeinsam mit dem Büro Thor-Klauser an der weiteren Planung für den ersten und zweiten Bauabschnitt.Ruth Becker: Frauenwohnprojekte- keine Utopie! Ein Leitfaden zur Entwicklung autonomer Frauen(wohn)räume mit einer Dokumentation realisierter Projekte in Deutschland.2009, S. 524. Für die Freiraumgestaltung wurde die Landschaftsarchitektin Mathilde Laccarino-Kirchner eingebunden. Für den dritten Bauabschnitt schrieb die Stadt Freiburg einen Realisierungswettbewerb vor, welcher dann von den Architektinnen aus dem Verein Stadt & Frau e. V. und dem Bauträger ausgeschrieben wurde. Die Ausschreibung des Wettbewerbs war so gestellt, dass dieser sich ausschließlich an Fachfrauen richtete und auch die Jury bestand, die Mitglieder des Bauträgers ausgenommen, aus Frauen. Dadurch war dieser Architekturwettbewerb der erste, der sich ausschließlich an Architektinnen richtete.Ruth Becker: Frauenwohnprojekte- keine Utopie! Ein Leitfaden zur Entwicklung autonomer Frauen(wohn)räume mit einer Dokumentation realisierter Projekte in Deutschland.2009, S. 524. Das Büro evaplan aus Karlsruhe konnte den Wettbewerb im Jahr 1996 für sich entscheiden.Klaus Humpert: Stadterweiterung: Freiburg Rieselfeld: Modell für eine wachsende Stadt.1997, S. 184. Im Rahmen des Projekts wurde frühzeitig ein Belegungsplan für die Wohnungen erstellt. Dadurch wurden die zukünftigen Mieter unmittelbar in den Planungsprozess mit eingebunden, was viele Vorteile, aber auch Nachteile mit sich brachte. Zu den Vorteilen gehörte, dass durch die umfangreiche Beteiligung der zukünftigen Mieter besser auf deren Bedürfnisse eingegangen werden konnte. Es wurden dazu Umfragen erstellt und der Verein Stadt & Frau e. V. veranstaltete viele Informationsabende, Bewohnertreffs, Info-Stände. Ebenso wurden Presseberichte herausgegeben. Durch das frühzeitige Einbinden sollte ein soziales Netzwerk und eine starke Nachbarschaftsgemeinschaft zwischen den zukünftigen Bewohnern entstehen.Ruth Becker: Frauenwohnprojekte- keine Utopie! Ein Leitfaden zur Entwicklung autonomer Frauen(wohn)räume mit einer Dokumentation realisierter Projekte in Deutschland.2009, S. 527. Ein bedeutender Nachteil der frühzeitigen Beteiligung waren die vielen Ungewissheiten für die Mieter, die erst im Verlauf des Projekts behoben werden konnten.Wolfgang Frey: Freiburg Green City - Wege zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung.2013, S. 92. Infolgedessen haben nur rund 70 Prozent der ursprünglichen Interessentinnen den langen Planungsprozess von rund dreieinhalb Jahren durchgehalten und sind schlussendlich eingezogen.Barbara Zibell; Anke Schröder: Auf den zweiten Blick. Städtebauliche Frauenprojekte im Vergleich.2004, S. 85.
Wohnungsbaugenossenschaft Stadt & Frau e.G.