Ralf Binswanger (* 9. Mai 1940 in Kreuzlingen) ist ein Schweizer Psychiater, Psychoanalytiker, Sexualwissenschaftler und kommunistischer Aktivist.Lob der materialistischen Dialektik. In: Werkblatt. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik. Nr. 50, 2003, S. 13–19; korrigierte und autorisierte Version, abgerufen am 6. Mai 2026.

Leben Ralf Binswanger stammt aus einer Familie bekannter Psychiater und Ökonomen: Der Neurologe und Psychiater Otto Binswanger ist sein Urgroßonkel, Ludwig Binswanger sein Großonkel. Der Ökonom Hans Christoph Binswanger ist ein Onkel zweiten Grades. Der Ökonom Hans Peter Binswanger-Mkhize ist einer seiner drei jüngeren Brüder.Binswanger Familienarchiv Kreuzlingen, betreut von Andreas Binswanger, dokumentiert die Geschichte der Psychiaterfamilie und des ehemaligen Sanatoriums "Bellevue".

Er wuchs in der familieneigenen, privaten psychiatrischen Klinik Bellevue in Kreuzlingen auf, als deren administrativer Leiter sein Vater Werner bis zum frühen Tod 1957 tätig war. Seine Mutter Dagny Margarete, geb. Thorell, war eine Tochter des schwedischen Politikers Edvard Thorell.

Er studierte Medizin in Lausanne und Zürich mit Abschluss und Promotion 1967. Danach war er Assistenzarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli und ab 1971 an der Psychiatrischen Poliklinik des Universitätsspitals Zürich, von 1973 bis 1979 Oberarzt daselbst. In seiner Funktion als Assistenz- und Oberarzt baute er einen Dienst für Psychotherapie und Psychiatrie in Gefängnissen des Kantons Zürich auf.Konzepte und Aufbau des Gefängnispsychiatrischen Dienstes und Versuch einer politischen Einschätzung. In: Robert Lewinsky, Hans Reller (Hrsg.): Wir haben ja Psychiater. Limmat-Verlag, Zürich 1983, S. 11–28 und S. 157–178. Seit 1973 ist er Spezialarzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH in Zürich.

Politisierung Während seiner Tätigkeit als Gefängnispsychiater von 1971 bis 1979 setzte er sich mit dem Problem der Isolationshaft in der Schweiz auseinander. Diese bezeichnete er in mehreren Publikationen als Folter.Isolationsfolter? In: Schweizerische Ärztezeitung. Nr. 58, S. 165–166. Und: Wird in der Schweiz gefoltert? AI Info. Heft 10, S. 3–9; Heft 11, S. 6–12; Heft 12, S. 8–14 (als Broschüre Folter in der Schweiz?, Amnesty International (Hrsg.), Schweizer Sektion, Bern, o. J.) und mit Werner Brandenberger: Zum Problem langdauernder Untersuchungshaft. (PDF; 8,9 MB) In: Schweizerische Zeitschrift für Strafrecht (ZStrR). Band 91, Heft 4, 1975, S. 406–420, abgerufen am 6. Mai 2026. Wegen der fortwährenden Verschärfung der Haftbedingungen legte er 1980 alle Funktionen im Zusammenhang mit dem Strafvollzug nieder und trat dem Komitee gegen Isolationshaft bei, einer der Vorläuferorganisationen des 1992 gegründeten Revolutionären Aufbaus Schweiz. In dieser Organisation ist er bis heute aktiv. Unter anderem war er federführend an der Ausarbeitung einer Lesehilfe für alle drei Bände von Marx’ Kapital beteiligt.Karl Marx‘ Das Kapital zum Selbststudium. Website des Revolutionären Aufbaus Schweiz, abgerufen am 4. Juni 2026.

Seine Auffassung des Verhältnisses von Marxismus und Psychoanalyse legte er in Binswanger 1985Die Währung in der Psychoanalyse und die Währung in der Politik. In: Journal des Psychoanalytischen Seminars Zürich, Sondernummer zur Tagung vom 30. November – 1. Dezember 1985 «Institutionalisierung – Desinstitutionalisierung». 1985, S. 12f., 2003 sowie 2021 Mit Monika Gsell: Zu den beiden Gedankensträngen im Masochismus-Buch. In: Le Soldat, Judith: Freiwillige Knechtschaft. Masochismus und Moral. Judith Le Soldat Werkausgabe, Band 4, Stuttgart-Bad Cannstatt 2021, ISBN 978-3-7728-2684-9, ISBN 978-3-7728-2680-1, S. 18–79. dar.

Vom Psychodrama zu Psychoanalyse und Sexualwissenschaft Die Ausbildung zum Psychodramatiker absolvierte Binswanger bei Grete Leutz in Überlingen, Zerka T. Moreno in Beacon (New York) und Ann Hale in Toronto. In den 1970er bis 1980er Jahren gehörte er zu den Pionieren des Psychodramas in der Schweiz.Interview mit Ralf Binswanger: Don’t touch a functioning system! In: Z Psychodrama und Soziometrie. Nr. 13, 2014, S. 245–248.

Die Ausbildung zum Psychoanalytiker absolvierte Binswanger am Psychoanalytischen Seminar Zürich (PSZ), wo er seit Anfang der 1980er Jahre auch als Dozent unterrichtet. Zu seinen Spezialitäten gehören Traumseminare. Mit Träumen arbeiten. In: Journal für Psychoanalyse. Nr. 58, 2017. Er ist seit 1980 in eigener Praxis als Psychoanalytiker und Supervisor tätig. Seine publizistische Tätigkeit fokussierte sich zunächst auf die Interpretation und Weiterentwicklung der Konzepte des Psychoanalytikers Fritz Morgenthaler – bei dem er von 1978 bis 1984 in Analyse warWerkblatt. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik. Nr. 46, 2001, S. 12. – auf den Gebieten Dialektik,Zur Praxis der Dialektik in der Psychoanalyse. In: Werkblatt. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik. Nr. 51, 2003, S. 3–23. psychoanalytische Technik,Erinnern – Rekapitulieren – Durcharbeiten. Psychoanalytische Deutungsmuster am Beispiel des 9.Kapitels von Morgenthalers Technik. In: Werkblatt, Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik. Nr. 68, 2012, S. 49–75. Und: Lesehilfe zu Fritz Morgenthaler: Technik. Zur Dialektik der Psychoanalytischen Praxis. 2005. In: Mediathek des Psychoanalytisches Seminar Zürich, abgerufen am 6. Mai 2026. TraumDream Diagnostics: Fritz Morgenthaler’s Work on Dreams. In: The Psychoanalytic Quarterly. Volume 85, Issue 3, July 2016, S. 727–757. und Sexualität.Kritik der Plombentheorie. In: Journal für Psychoanalyse. Schwerpunktthema: Fritz Morgenthaler. Psychosozial-Verlag, Giessen, Doppelnummer 45/46, 2005/2006, S. 339–342. Und: (K)ein Grund zur Homosexualität: Ein Plädoyer zum Verzicht auf psychogenetische Erklärungsversuche von homosexuellen, heterosexuellen und anderen Orientierungen. In: Journal für Psychoanalyse. Nr. 57, 2016, S. 6–26.

Zum zwanzigsten Todestag von Morgenthaler initiierte er 2005 den internationalen Kongress „Traum-Technik-Sexualität“.Die Kongressbeiträge sind abgedruckt in: Journal für Psychoanalyse. Schwerpunktthema: Fritz Morgenthaler. Psychosozial-Verlag Giessen, Doppelnummer 45/46, 2005/2006.

Eigenständige Arbeiten betreffen Aspekte der Freud’schen Partialtriebtheorie und Neurosenlehre,„Die Neurose ist sozusagen das Negativ der Perversion“ – die bekannte Formel neu interpretiert. In: Psyche – Z Psychoanal. Jg. 65, Nr. 8, 2011, S. 673–698. eine Neuformulierung des Perversionsbegriffs,Reconsidering Perversion – a Conceptual Proposal. In: Journal für Psychoanalyse. Supplement zu Nr. 57, 2017, S. 1–34. einen Vorschlag zur Integration von Freuds Strukturtheorie in seine Traumtheorie (mit Lutz Wittmann)Mit Lutz Wittmann: Freuds Traumtheorie aus der Perspektive seines Spätwerks. Zur Integration des strukturellen Gesichtspunkts. In: Psyche – Z Psychoanal. Jg. 78, Nr. 8, 2024, S. 673–705. doi: 10.21706/ps-78-8-673. Englische Version: Freud’s dream theory from the perspective of his later work: On integrating the structural point of view into Freud’s dream theory. In: International Journal of Dream Research. Volume 19, Nr. 1, 2026, S. 140–149; doi: 10.11588/ijodr.2026.1.114468. ferner (mit Monika Gsell) ein konzeptuelles Modell zur Klärung der Diskurse über SexualitätMehr Klarheit beim Reden über Sexualität. Ein dynamisches Modell zur Strukturierung sexualwissenschaftlicher Diskurse. In: Z Sexualforsch. Volume 34, Nr. 1, 2021; doi: 10.1055/a-1365-0154, S. 15–27. und GenderSexualität und Gender: Das gleiche Modell für beides? In: texte. psychoanalyse. ästhetik. kulturkritik. Jg. 41, Nr. 1, 2021, S. 78–98..

Mit Monika Gsell verbinden ihn zudem Schriften zur psychoanalytischen Theorie und TechnikZu den beiden Gedankensträngen im Masochismus-Buch. In: Le Soldat, Judith: Freiwillige Knechtschaft. Masochismus und Moral. Judith Le Soldat Werkausgabe, Band 4, Stuttgart-Bad Cannstatt 2021, ISBN 978-3-7728-2684-9, ISBN 978-3-7728-2680-1, S. 18–79.Was ist eine ödipale Theorie? Replik auf May Widmer-Perrenouds kritische Überlegungen zu Judith Le Soldats Theorie des Ödipuskomplexes. In: Psyche – Z Psychoanal. Jg. 77, Nr. 2, 2023, S. 153–173. doi:10.21706/ps-77-2-153. der Zürcher Psychoanalytikerin Judith Le Soldat.

Publikationen (Auswahl)

Wird in der Schweiz gefoltert? AI Info. Heft 10, S. 3–9; Heft 11, S. 6–12; Heft 12, S. 8–14 (als Broschüre Folter in der Schweiz? Amnesty International (Hrsg.), Schweizer Sektion, Bern, o. J.). Engineering of Consent. In: Widerspruch. Nr. 8, Dezember 1984, S. 49–60. Versuch einer Konzeptualisierung des psychodramatischen Prozesses. In: Integrative Therapie. Jg. 11, Heft 1, 1985, S. 26–38. Kindliche Masturbation – ein genetischer Gesichtspunkt, insbesondere bei Anorexia und Bulimia nervosa. In: Psyche – Z Psychoanal. Jg. 50, Nr. 7, 1996, S. 644–670. Lob der materialistischen Dialektik. In: Werkblatt. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik. Nr. 50, 2003, S. 13–19; korrigierte und autorisierte Version, abgerufen am 6. Mai 2026. „Die Neurose ist sozusagen das Negativ der Perversion“ – die bekannte Formel neu interpretiert. In: Psyche – Z Psychoanal. Jg. 65, Nr. 8, 2011, S. 673–698. Dream Diagnostics: Fritz Morgenthaler’s Work on Dreams. In: The Psychoanalytic Quarterly. Volume 85, Issue 3, July 2016, S. 727–757. Reconsidering Perversion – a Conceptual Proposal. In: Journal für Psychoanalyse. Supplement zu Nr. 57, 2017, doi:10.18754/jfp.57supp.1, S. 1–34. Mehr Klarheit beim Reden über Trieb, Sexualität und Gender. Grundlagen für die psychotherapeutische Praxis. Unter Mitarbeit von Monika Gsell. Psychosozial-Verlag, Giessen 2024, ISBN 978-3-8379-3236-2. Mit Lutz Wittmann: Freuds Traumtheorie aus der Perspektive seines Spätwerks. Zur Integration des strukturellen Gesichtspunkts. In: Psyche – Z Psychoanal. Jg. 78, Nr. 8, 2024, S. 673–705. doi: 10.21706/ps-78-8-673. Englische Version: Freud’s dream theory from the perspective of his later work: On integrating the structural point of view into Freud’s dream theory. In: International Journal of Dream Research. Volume 19, Nr. 1, 2026, S. 140–149; doi: 10.11588/ijodr.2026.1.114468.

Weblinks Kreuzlinger Persönlichkeiten: Familie Binswanger, Bodensee TV, 30. März 2023, abgerufen am 10. Mai 2026. Historisches Lexikon der Schweiz HLS: Eintrag zu Binswanger, abgerufen am 14. Juli 2021. Karl Marx zum Selbststudium: Lesehilfe Karl Marx‘ Das Kapital., abgerufen am 4. Juni 2026. Aus welchen Quellen schöpfte Fritz Morgenthaler? Ein Gespräch von Paul Parin, Jan Morgenthaler und Ralf Binswanger, Zürich 2003. Verfügbar als PDF; 62,7 KB; abgerufen am 6. Mai 2026 oder online im Werkblatt-Archiv. Lesehilfe zu Fritz Morgenthaler: Technik. Zur Dialektik der Psychoanalytischen Praxis, 2005 (in Überarbeitung), PDF; 210 KB; In: Mediathek Psychoanalytisches Seminar Zürich, abgerufen am 6. Mai 2026. researchgate.net: Ralf Binswanger.

Einzelnachweise

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