Lucie Odier (* 7. September 1886 in Genf; † 6. Dezember 1984 ebenda) war eine Schweizer Krankenschwester aus einer prominenten Genfer Patrizierfamilie. 1930 wurde sie in die Versammlung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) gewählt. Odier war damit erst das vierte weibliche Mitglied des Leitungsgremiums in der Geschichte des IKRK. Durch ihr Engagement trug sie dazu bei, der Gleichberechtigung aller Geschlechter in der Organisation – die ihrerseits historisch eine Pionierin des humanitären Völkerrechts ist – den Weg zu ebnen.

Während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in Deutschland und insbesondere während des Zweiten Weltkrieges war Odier als Expertin für internierte Zivilisten eine der Stimmen, die sich innerhalb der IKRK-Führung für eine entschiedene Haltung gegenüber dem NS-Regime und schliesslich zu einer öffentlichen Verurteilung von dessen System der Konzentrations- und Vernichtungslager einsetzten.

Nach ihrem altersbedingten Rücktritt als Mitglied 1961 wurde sie zur ersten Ehrenvizepräsidentin des IKRK ernannt.

Leben

Familiärer Hintergrund und Ausbildung mini|Undatiertes Foto, wahrscheinlich aus den 1920er Jahren (aus den audiovisuellen Sammlungen des IKRK-Archivs) Odier stammte väterlicherseits aus einer Hugenotten-Familie, die zuvor in Pont-en-Royans in der südostfranzösischen Region Dauphiné ansässig war, einem Zentrum des Protestantismus im 16. Jahrhundert. Als Ludwig XIV. 1685 das Edikt von Nantes aufhob, das den Hugenotten seit 1598 religiöse Toleranz und Bürgerrechte gewährt hatte, flohen in den darauf folgenden Jahren rund 20.000 Protestantinnen und Protestanten aus der Dauphiné. Unter ihnen war auch Antoine Odier, Lucie Odiers Ur-Ur-Ur-Großvater. Noch im Teenageralter erwarb er 1714 das Bürgerrecht der Republik und des Kantons Genf, wo er eine Karriere als Händler einschlug. Einige seiner Nachfahren wurden Politiker, so auch Lucies Onkel Édouard Odier (1844–1919), der unter anderem als Abgeordneter in den kantonalen Grossen Rat, den Ständerat und den Nationalrat gewählt wurde.

Lucie Odiers Vater war Albert Octave Odier (1845–1928), der als Bauingenieur zunächst für die Westschweizerische Bahnen (Chemins de fer de la Suisse Occidentale) tätig war und dann eine leitende Position im Genfer Bauamt einnahm. Dort zeichnete er unter anderem verantwortlich für den Neubau mehrerer Brücken, die die Ufer der Rhone mit der Île de Genève und der Île Rousseau verbinden und noch heute Wahrzeichen der Stadt sind. Lucies Mutter Camille Jeanne Louise Chaponnière (1856–1927) kam aus Marseille, wo Lucies Genfer Grossvater als Händler und Richter am Handelsgericht tätig war. Lucie war das fünfte der sieben Kinder von Albert und Camille Odier. Sie wurde in die patrizische Klasse geboren, die sich zum Ende des 19. Jahrhunderts dem Bankwesen und der Philanthropie zuwandte, nachdem sie die absolute Kontrolle über die wichtigsten öffentlichen Ämter von Stadt und Kanton verloren hatte.

Die Familie Odier spielte (und spielt bis heute) eine zentrale Rolle im Genfer Finanzsektor, vor allem über Heiratsverbindungen mit anderen Patrizierfamilien und insbesondere durch die Teilhaberschaft von Charles Odier (1804–1881) an der Bank Lombard, Bonna & Cie in 1830. Diese firmiert seit 2002 als Bank Lombard Odier & Co und ist einer der grössten Akteure im Schweizer Bankwesen. Auf der anderen Seite wählten viele Familienmitglieder eine Laufbahn als Ärzte und Krankenpflegekräfte. Lucie Odier folgte jener Traditionslinie und erlangte ihr Diplom als Krankenschwester im Jahr 1914 an der Schule der Samariter (Ersthelfer).

Erster Weltkrieg mini|US-Soldaten auf der Grippestation in Aix-Les-Bains, ca. 1918 Kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Juli 1914 nahm Lucie Odier auf Empfehlung des Genfer Orthopäden Alfred Machard (der nicht mit dem gleichnamigen französischen Schriftsteller und Schauspieler zu verwechseln ist) eine führende Position im Pflegebereich des Militärkrankenhauses Grand Cercle in Aix-les-Bains auf, einer Gemeinde im französischen Département Savoie, rund 70 km südlich von Genf. Die Hilfslazarette in der Stadt betreuten nicht nur französische Soldaten, sondern auch Angehörige der Streitkräfte der Vereinigten Staaten.

Im Dezember 1914 kehrte Odier nach Genf zurück und kümmerte sich dort um Kriegsversehrte, nachdem sich tausende Westschweizer als Freiwillige den französischen Streitkräften angeschlossen hatten. Zugleich pflegte sie Kriegsgefangene, die aus humanitären Gründen in der Schweiz interniert wurden, da sie entweder schwerkrank bzw. -verletzt oder vergleichsweise alt waren. Darüber hinaus übernahm sie Aufgaben zur Versorgung von geflüchteten Zivilpersonen. Schliesslich widmete sie sich nach dem Ausbruch der Spanischen Grippe auch noch um die Opfer der Pandemie.

Zwischen den Weltkriegen mini|Männergesellschaft: die Gründer des IKRK in einer Collage von 1914, einschliesslich Odiers Onkel Édouard Odier (links, zweite Reihe von oben), van Berchems Onkel Édouard Naville (dritte Reihe von oben, rechts) und Suzanne Ferrières Onkel Frederic (Mitte, unten) 1920 ernannte die Genfer Sektion des Roten Kreuzes Odier im Rahmen von Bemühungen zugunsten der sozialen Hygiene (v. a. für die Eindämmung sexuell übertragbarer Erkrankungen durch die Förderung sexueller Aufklärung und Regulierung von Prostitution) zur Direktorin einer Abgabestelle für Medizin an Mittellose (Dispensaire). Dabei kümmerte sie sich als Sozialfürsorgerin auch um die Betreuung von Kindern in den Armenvierteln der Stadt. Zugleich leitete sie ein Programm für hospitierende Pflegekräfte.

Von dieser Tätigkeit aus zog es Lucie Odier offensichtlich zum IKRK, wo sie in die Fussstapfen ihres 1919 verstorbenen Onkels Édouard Odier trat. Der Jurist war eines der ersten IKRK-Gründungsmitglieder gewesen, da er der Organisation schon 1874 – kaum ein Jahrzehnt nach deren Gründung – beigetreten war. Er stieg schliesslich zum Vizepräsidenten des IKRK auf und galt auch als persönlicher Freund von dessen Präsidenten Gustave Ador (1845–1928).

Während der ersten Phase des Chinesischen Bürgerkrieges (1927–1936) verantwortete Odier die Hilfsaktionen, die das IKRK in dem Konflikt unternahm.

Im Juli 1929 repräsentierte sie das IKRK in Montreal auf dem Kongress des Weltbundes der Krankenschwestern und Krankenpfleger, der 1899 als erste internationale Organisation für Gesundheitsfachpersonen gegründet wurde und seinen Hauptsitz in Genf hatte. mini|Undatiertes Foto, wahrscheinlich aus den 1930er oder frühen 1940er Jahren, aus den Sammlungen des Audiovisuellen Archivs des IKRK-Archivs Anfang 1930 wurde Odier schliesslich als Mitglied in die Versammlung des Komitees gewählt. Damit war sie nach Marguerite Frick-Cramer (Mitglied von 1919 bis 1922, danach Ehrenmitglied bis zur erneuten Wahl 1939), Pauline Chaponnière-Chaix (1850–1934) und Suzanne Ferrière (ab 1925) überhaupt erst die vierte Frau, die jemals in das Leitungsgremium des IKRK aufgenommen wurde – 67 Jahre nach dessen Gründung.

In Oktober 1934 reiste Odier mit Frick-Cramer und einer anderen IKRK-Pionierin – Marguerite van Berchem – nach Tokio um das IKRK auf der 15. Internationalen Konferenz der Rotkreuzbewegung zu repräsentieren. Dort stellte Frick-Cramer ihren Entwurf für eine Konvention vor, die inhaftierten Zivilpersonen zumindest die gleichen Rechte zugestehen sollte wie Kriegsgefangenen. Die Konferenz akzeptierte diese Empfehlungen und beauftragte das IKRK, eine diplomatische Konferenz zu organisieren. Diese kam jedoch infolge von Einwänden der Regierungen von Frankreich und des Vereinigten Königreichs nicht zustande.

Odier engagierte sich auch als aktives Mitglied der Florence-Nightingale-Foundation. Die Stiftung wurde 1934 gegründet, um zum Andenken an die Krankenschwester und Sozialreformerin Florence Nightingale (1820–1910) – die Begründerin der modernen westlichen Krankenpflege – Fortbildungsmassnahmen für Pflegekräfte anzubieten.

Während des Spanischen Bürgerkrieges (1936–1939) leitete Odier alle Hilfsaktionen, die das IKRK in dem Konflikt durchführte. Zudem repräsentierte sie das IKRK im Juni 1938 auf der 16. Internationalen Konferenz der Rotkreuzbewegung in London, an der die beiden rivalisierenden Nationalen Rotkreuzgesellschaften aus Spanien teilnahmen.

Auch als das faschistische Königreich Italien von 1935 bis 1937 mit dem Abessinienkrieg einen völkerrechtswidrigen Angriffs- und Eroberungskrieg gegen das ostafrikanische Kaiserreich Abessinien führte, war Odier an den Hilfsaktionen des IKRK beteiligt. Als dieses im März 1936 Berichte des Delegierten und Arztes Marcel Junod über den italienischen Einsatz von Giftgas in Korem erhielt, gehörte Odier zu der Gruppe innerhalb der Führung, die sich für einen öffentlichen Protest einsetzte. Sie traf bereits entsprechende Vorbereitungen, aber letztlich setzte sich die Fraktion um IKRK-Präsident Max Huber durch, die in der Sache letztlich nur einen zurückhaltend höflichen Brief an das Italienische Rote Kreuz schickte.

Wenige Tage nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich am 12. März 1938 erhielt Odier von der im Schweizer Exil lebenden österreichischen Schauspielerin Prinzessin Nora von Starhemberg, die mit dem ehemaligen Vizekanzler und Heimwehrführer Ernst Rüdiger Starhemberg verheiratet war, eine List mit den Namen von 49 Vermissten und / oder Inhaftierten. Allerdings stoppte Präsident Huber alle Bemühungen von Odier und ihrer Kollegin Suzanne Ferrière, beim Deutschen Roten Kreuz nach Informationen über diese Menschen anzufragen.

Zweiter Weltkrieg mini|Gruppenbild mit zwei Damen: Odier, zweite von rechts in der vorderen Reihe mit Max Huber, dritter von links, und Marguerite Frick-Cramer in der hinteren Reihe, vierte von rechts, während eines Treffens mit Vertretern Nationaler Rotkreuzgesellschaften aus nicht-kriegsführenden Ländern (1940) Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs leitete Odier den Aufbau des IKRK-Büros für Nothilfe und später einer ganzen Abteilung für Nothilfe. Dabei arbeitete sie eng mit Renée Bordier (1902–2000) zusammen, die ebenfalls aus einer alten Familie von Bankiers (Bordier & Cie) stammte und 1938 das fünfte weibliche IKRK-Mitglied in der Geschichte der Organisation wurde. Die beiden ausgebildeten Krankenschwestern hatten schon bei der Hilfe für die Opfer des Spanischen Bürgerkrieges kooperiert. mini|Odier (links) und Bordier 1942 Im August 1940 riskierte Odier ihr Leben, als sie mit Marcel Junod während der Luftschlacht um England nach London flog. Dort besuchten sie zwei Wochen lang britische Lager für Kriegsgefangene und inhaftierte Zivilpersonen. Nach ihrer Rückkehr berichtete sie, die britische Behörden hätten kein Vertrauen mehr, dass sich die verfeindeten Achsenmächte an die Genfer Konventionen halten würden. Trotzdem gelang es ihr, sie davon zu überzeugen, ihre Blockade von Nahrungsmittellieferungen an Kriegsgefangene in Deutschland aufzuheben.

Odier galt weithin als Mitglied der Fraktion der Idealisten innerhalb der IKRK-Führung, die jedoch schrittweise an Einfluss gegenüber der Fraktion der "Pragmatiker" einbüsste. Letztere Gruppe wurde von Huber angeführt, der zugleich auch private Geschäfte in der Rüstungsindustrie betrieb. Odier hingegen wurde«in ihrem Kollegium geschätzt für ihren humanitären Geist, ihre Hingabe, ihren gesunden Menschenverstand, ihren Mut und ihre Beharrlichkeit. Diese Eigenschaften machten sie nicht zu einem bequemen, sondern eher zu einem herausfordernden Mitglied. Carl Jacob Burckhardt betrachtete sie als ‹unintelligent und gefährlich eigensinnig in heiklen Angelegenheiten›. […] Odier stellte zahlreiche Male mutigerweise Handlungsweisen in Frage, die ihr nicht richtig erschienen, insbesondere wenn juristische Erwägungen stärker gewichtet wurden als grundsätziche humanitäre Sorgen.»