mini|Monique Bosco um 1984 Monique Bosco (geboren als Monika Boscovitz oder Boscowitz am 8. Juni 1927 in Wien; gestorben am 17. Mai 2007 in Montreal, Kanada) war eine franko-kanadische Dichterin, Schriftstellerin, Journalistin und Hochschullehrerin österreichischer Herkunft. Sie gilt als „Wegbereiterin der Moderne in der Literatur des Québec“Gouvernement du Québec (Hg.): Prix du Québec - Prix Athanase David, récipendiaire und als einzige jüdische Schriftstellerin österreichischer Geburt, die im Québec ein literarisches Werk in französischer Sprache schuf.

Leben Kindheit und Jugend Die Familie Boscovitz lebte in Wien bereits in zweiter Generation in der Heinestraße 4 im Zweiten Bezirk. Der Vater, Robert Boscovitz, war Direktor der Holzvertriebs A.G. Wiener Adreßbuch 1925: 144a Wegen des anschwellenden Antisemitismus in Österreich beschlossen die Eltern bereits 1931, nach Frankreich umzusiedeln. Dort kam es zur Scheidung: Während der Vater Robert allein nach Dorval im kanadischen Québec auswanderte, blieb Mutter Stella Boscowitz, geborene Manasse, mit der vierjährigen Tochter in Paris. Diese besuchte dort die französischen RegelschuleVölkl, Yvonne: "Contrecoups involontaires – Solitude entraînée par la guerre dans Un amour maladroit et La femme de Loth de Monique Bosco", in: Student Journal of Canadian Jewish Studies, Bd. 3, Nr. 1 (2009): 4. Nach Kriegsbeginn und während der Okkupationszeit schlossen sich mehrere Ortswechsel an, über die teils konkurrierende Angaben vorliegen. Im Jahr 1942 gelangten Mutter und Tochter nach Marseille, wo es ihnen, als Katholikinnen getarnt, möglich war, sich der Verhaftung und Deportation durch die deutschen Besatzer zu entziehen. In dem hybriden Buch Babel-Opéra (1989) hat Bosco diese Phase mit der biblischen Geschichte des Manasse verwoben reflektiert. Während dieser zwölf gewesen sei, als er König wurde (2 Kön. 21.1) „bin ich jetzt fünfzehn. Meine Mutter heißt Stella. Und dennoch werden weder sie noch ich einwilligen, den Davidstern zu tragen, gelb, schwarz umrandet, wie ein Zeichen der Trauer. Ich habe abgeschworen, den Namen den man mir gab, geändert. Myriam Manassé ist zu Marianne Mésange geworden“Babel-Opéra, Shoah I, Éditions Trois, Laval 1989: S. 43.

Auswanderung nach Kanada, Studium und berufliche Laufbahn

Im Anschluss an den Krieg hatte Bosco ihren Schulabschluss in Frankreich nachholen können. Nach einem Besuch bei ihrem Vater entschied sich Bosco, nach Montreal umzusiedeln. An der Université de Montreal hat sie französische Literaturwissenschaft bis zum Abschluss mit einer maîtrise 1951 studiert: Die Qualifikationsarbeit hatte Lehrstuhlbegründer Arthur Sideleau betreut. Sie war der Entwicklung des Kleopatra-Themas in der französischen Tragödie von Étienne Jodelle bis Delphine Girardin gewidmetÉvolution du thème de Cléopâtre dans la tragédie française entre 1552-1847, mémoire de maîtrise, 1951, bibliographiert in Sauvage, Emmanuelle: "Répertoire des mémoires et thèses déposés au Département d’études françaises de l’Université de Montréal (1934-1998)", Collection «Cahiers de recherche», Nr. 13, Montreal, Centre des études Québecoises 1998: S. 15, lfde. Nr. 133. Ihre zwei Jahre später eingereichte Doktorarbeit betreute der katholische Essayist und Priester Ernest Gagnon (1905–1978). Sie behandelte die Einsamkeit im franko-kanadischen Roman und war damit eine der ersten Studien zur Literatur des Québec überhauptBosco, Monique: L’isolement dans le roman canadien-français, thèse de doctorat, 1953, xvi, 205 p. Dir.: Ernest Gagnon. Cote: UdeM L.S.H. PQ 35 U54 1953 v.016; Microfilm, bibliographiert in Sauvage, Emmanuelle: "Répertoire des mémoires et thèses déposés au Département d’études françaises de l’Université de Montréal (1934-1998)", Collection «Cahiers de recherche», Nr. 13, Montreal, Centre des études Québecoises 1998:, S. 16, lfde. Nr. 134. Das darin enthaltene Kapitel zu deren Kurzroman Le Torrent (1947/50) war die erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem Werk der Autorin Anne Hébert Falardeau, Jean-Charles: "Recherche D’une Voix: Le Canada français par sa littérature", in: Canadian Literature, Nr. 11, 1962, S. 10. Mit dieser hat Bosco eine enge Freundschaft unterhalten. Bei ihrer Rückkehr aus Europa war Hébert zunächst bei Bosco untergekommen. Später bestimmte sie Bosco zur Nachlassverwalterin.Watteyne, Nathalie: "Anne Hébert, Chronologie" Ihr sei „eine Schlüsselrolle unter den Autorinnen in Anne Héberts Umfeld“ zugekommen, stellte Laure Miranda anhand einer Auswertung der wechselseitigen Zueignungen fest.Miranda, Laure: Les enseignements de la bibliothèque personnelle de l'écrivaine Anne-Hébert : une analyse quantitative, thèse de maîtrise, Université de Sherbrooke, 2011 Einen Ruf an die Universität erhielt Bosco 1962, zunächst als Assistenzprofessorin, ab 1968 als außerplanmäßige und schließlich ab 1977 als ordentliche Professorin.Le Devoir, Les Prix du Québec, 9. Dezember 1996, S.C9 Bis zu ihrem Ruhestand im Jahr 1998 unterrichtete sie dort französische Literatur – und betreute insgesamt 30 Magister- und DoktorarbeitenSauvage, Emmanuelle: "Répertoire des mémoires et thèses déposés au Département d’études françaises de l’Université de Montréal (1934-1998)", Collection «Cahiers de recherche», Nr. 13, Montreal, Centre des études Québecoises 1998:97. Zahlreiche ihrer Studentinnen und Studenten reüssierten später selbst mit literarischen Werken. Schon während des Studiums hatte Bosco aber auch journalistisch für Radio-Canada gearbeitet. Angestellt war sie beim Sender von 1952 bis 1959. Anschließend hielt sie sich anderthalb Jahre in Europa aufHurtubise, Claude (Hg.): Les Écrits du Québec Bd. XV: 174. Mitte der 1970er-Jahre ließ sie für die Konzeption größerer Sondersendungen zu literarischen Themen die Zusammenarbeit mit dem Sender wiederaufleben. Während ihrer Arbeit an der Fakultät war sie außerdem als Kolumnistin fürs Literaturmagazin MacLean’s tätig und schrieb für die Tageszeitung Le Devoir von 1962 bis 1964 eine wöchentliche Radio- und Fernsehchronik.Pavlovic, Myrianne:"Bibliographie de Monique Bosco", in Voix et Images, Band 9, Nr. 3, Frühjahr 1984: S. 55–82, hier 58-69 Als Reporterin hat sie für La Presse in einer großen Artikelserien das Leben im Israel des Jahres 1961 geschildert, einschließlich ihrer Eindrücke vom Eichmann-Prozess. Für dieselbe Zeitung erkundete sie 1977 die Aufbruchstimmung der USA kurz nach dem Amtsantritt von Präsident Jimmy Carter. Gleichzeitig erschien ab 1961 ihr umfangreiches literarisches Werk. Politisch situierte sich Bosco sowohl durch ihr literarisches Schaffen als auch durch die journalistischen Medien, für die sie tätig war, im Umfeld der Stillen Revolution, die sich für das Recht der Selbstbestimmung des Québec und die Trennung von Kirche und Staat einsetzte. Insbesondere die laizistische Bildung in der französischen Muttersprache war ein Ziel. Im Sinne des späteren Premierministers Pierre Trudeau lehnte sie separatistische Bestrebungen ab. Bosco war zudem stark feministischMoisan, Clément und Hildebrand, Renate: Ces étrangers du dedans. Une histoire de l'écriture migrante au Québec (1937-1997), Éditions Nota Bene, Laval 2001: S. 111 und zugleich in der Civil Rights-Bewegung solidarisch engagiert. Gemeinsam mit der in Kanada berühmten TV-Journalistin Judith Jasmin war sie am 22. April 1964 in New York inhaftiert worden, weil sie dort bei der Eröffnung der Weltausstellung für die Abschaffung der Rassentrennung demonstriert hatten"Judith Jasmin et Monique Bosco sont arrêtées à New York, La Presse, 24. April 1964, S. 1. Bosco übernahm zwar Mitte der 1970er-Jahre zusammen mit der US-amerikanischen Künstlerin Mary Meighs und der kanadischen Schriftstellerin Marie-Claire Blais die Patenschaft für eine geflüchtete Familie aus VietnamCentre de recherche interuniversitaire sur la littérature et la culture québécoises (CRILQ): "Hommage à Monique Bosco", 16. Oktober 2007, online. Jenseits davon lebte sie alleine, Tatsache, die sie in Confiteor als Akt feministischer Revolte gegen Gott und die durch ihn ausgedrückte patriarchale Ordnung ausdeutet: „Denn selbst wenn du uns gelehrt hast, dass der Mensch eine Gefährtin braucht, die du schufst, habe ich diese Bestimmung der treuen Begleiterin oder Dienerin nie erfüllen können. Ich klage mich an des Ungehorsams und ich weiß, dass man sich in den Archen sämtlicher Sintfluten, die du, uns zu bestrafen ersonnen hast, auf dem Fallreep nur als Pärchen einfinden darf. Ich aber schreite allein voran und klage mich dessen an. Aber zu meiner Verteidigung muss ich anführen, dass ich es nicht hätte anders machen können.“Confiteor, Montreal, Hurtubise 1998: 113-114 Nur wenige Wochen vor ihrem 80. Geburtstag starb Monique Bosco in Montreal am 17. Mai 2007.

Literarisches Schaffen Weniger als Technik zu überleben, sondern als nahezu identisch mit dem Leben hat Bosco das Schreiben in dem kurzen essayistischen Text „Écrire, écrire“ aufgefasst. Sie hat es damit als geprägt, aber nicht determiniert vom Trauma dargestellt: „«Leben, leben», und leben und schreiben, und schreiben und schreiben, als ob das allein uns, an manchen Tagen, erlauben würde, ein bisschen zu leben, ein bisschen besser zu atmen, auf jeden Fall freier, schreiben, so, wie man Land schreit, wenn man lange, wie ein Schiffbrüchiger während der Sintflut ziellos umhertrieb, einer wahren Sintflut, die alles überschwemmt hat, und wir strengen uns an, artige kleine Sätze zu bauen voller guter und schöner Gefühle, oh ja, denn die Erfahrung der Sintflut und der Vernichtung hat uns endlich unsere Endlichkeit begreifen lassen, und, dass die Tage und die Nächte unserer Zeit knapp bemessen sind“"Écrire, écrire", in Moebius, Nr. 78, Herbst 1998: 11. Sowohl für ihre jahrzehntelange Lehrtätigkeit an der Universität als auch für ihr literarisches Gesamtwerk war Monique Bosco 1996 mit dem staatlichen Prix Athanase-David geehrt worden. Sie habe damit „zur Wahrnehmbarkeit weiblicher Stimmen beigetragen“ hieß es in der Begründung des MinisteriumsLe Devoir, "Les Prix du Québec", 9. Dezember 1996: C3. Das Œuvre umfasst je nach Zählung 16 Romane, Kurzgeschichtensammlungen und Selbstporträts in Buchlänge, 8 Gedichtbände sowie das Theaterstück Le cri de la folle enfouie dans l’asile de mort, das 1978 von Madeleine Gérôme mit Musik von Gabriel Charpentier für Radio-Canada als Hörspiel produziert und für den Prix Italia nominiert worden warSterling, Christopher H.: The Museum of Broadcast Communications – Encyclopedia of Radio, New York, London, Fitzroy Dearborn 2004, Bd. 1 S. 454. Bosco hat das Werk als „Oratorium für eine Stimme“ rubriziert und als Versuch bezeichnet, „die weibliche Verzweiflung mit Tränen, Schluchzern und einfachen Worten auszudrücken“Le cri de la folle enfouie dans l’asile de mort in Hurtubise, Claude (Hg.): Écrits du Canada Français, Bd. 43, Montréal, Hurtubise 1981: 30. Für eine von Charpentiers Clara-Kurzopern, hat Bosco zudem ein Libretto mit dem Titel Clara on the Bridge verfasst, über dessen Aufführungsgeschichte bislang nichts bekannt wurdeIngraham, Mary I.: "Something to Sing About: A Preliminary List of Canadian Staged Dramatic Music Since 1867" in: Intersections: Canadian Journal of Music / Intersections : revue canadienne de musique, Bd. 28, Nr. 1, 2007, S. 28<ref>La Presse, 30. sept. 1984: 71</ref>. Auffällig ist, dass Bosco mit ihren Werken stets die Gattungsgrenzen thematisierte und damit unterminierte: Die „Fragen der Romantechnik“ vernachlässige sie „mit einer bemerkenswerten Hartnäckigkeit“, hatte sie dementsprechend in Mea culpa bekannt: „Ja, ja, er ist bemerkenswert starrsinnig, mein Wille, alles so zu machen, wie es mir in den Sinn kommt, dorthin zu gehen, wo es mir passt ohne irgendein Rezept anzuwenden.“Mea culpa, Montreal, Hurtubis 2001: 11