alternativtext=Renault R6 passiert Michelin-Verkehrszeichen|mini|Michelin-Verkehrszeichen an einer Landstraße Michelin-Verkehrszeichen (frz. Panneaux Michelin) sind aus Eisenbeton (heute Stahlbeton genannt) gefertigte Verkehrszeichen, Wegweiser und Hinweistafeln, hergestellt vom französischen Unternehmen Michelin. Diese wurden ausschließlich in Frankreich verwendet. Zu den aktuellen Verkehrszeichen in Frankreich, siehe: Bildtafel der Verkehrszeichen in Frankreich.

Vorgeschichte André Michelin begann im Jahre 1908, sich mit dem Thema Verkehrssicherheit auseinanderzusetzen. Die steigende Anzahl an Automobilen und die damit verbundenen Verkehrsunfälle veranlassten ihn, durch die Verwendung besonderer Verkehrszeichen auf Gefahrenstellen aufmerksam zu machen. Hierbei orientierte er sich am Vorbild Großbritanniens.

Anlässlich der internationalen diplomatischen Konferenz am 11. Oktober 1909 in Genf wurde erstmalig der Versuch unternommen, Verkehrszeichen zu vereinheitlichen. Neun Nationen fanden einen Konsens, durch festgelegte Symbole auf Hindernisse aufmerksam zu machen. Diese ersten Piktogramme waren die „Doppelwelle“, um Straßenschäden anzukündigen, der „Lattenzaun“, um auf einen Bahnübergang hinzuweisen, das „Geschwungene Z“ zur Ankündigung von Kurven und das „X“, um auf Kreuzungen hinzuweisen. In Frankreich sollten diese ersten Zeichen in runder Ausführung gefertigt werden, damit sie sich deutlich von Wegweisern unterscheiden ließen. Das eingeführte „X“ hatte jedoch noch keinen Bezug auf Vorfahrtsregelung, man verständigte sich an Kreuzungen durch Handzeichen.

Auf Initiative Michelins wurden ab 1910 Ortstafeln angefertigt, die neben dem Ortsnamen mit dem Zusatz Veuillez ralentir (bitte verlangsamen) sowie mit dem Hinweis Attention aux enfants (Achtung Kinder) versehen waren. Rückseitig bedankte man sich freundlich mit dem Wort Merci (Danke) bei den Ortsauswärtsfahrenden. Die Abmessung dieser Zeichen war etwa 60 mal 100 cm. So entstanden bis 1914 rund 30.000 Ortstafeln, welche unentgeltlich an die Gemeinden ausgeliefert wurden. Werbewirksam trugen sie auch den Vermerk Don de Michelin (gestiftet von Michelin) im Schild.

Das Ministerrundschreiben vom 9. August 1919 legte den Grundstein erster offizieller Verkehrszeichen. Insbesondere durften auf Hinweisen zu Gefahrenstellen nur noch die 1909 in Genf festgelegten Piktogramme verwendet werden. Die Finanzierung mit Rückgriff auf mögliche Spender oblag dem Touring Club de France, dem französischen Automobilclub. Gefertigt wurden diese Verkehrshinweise bis zu diesem Zeitpunkt aus emailliertem Eisen, welches sich leider als sehr schlagempfindlich und anfällig für Korrosion erwies.

1922 bekamen Nationalstraßen eine generelle Vorfahrtsberechtigung. Dies führte im Allgemeinen zu einem Anstieg der Verkehrsunfälle, da nicht immer klar war, welchen Status die kreuzende Straße besaß. 1927 wurde die bereits im Jahr zuvor festgelegte Regel des Rechtsvortritts in die französische Straßenverkehrsordnung aufgenommen. Die Regel priorité à droite (rechts vor links) erwies sich aber gerade an Hauptverkehrsstraßen als hinderlich, und es mussten Verkehrszeichen zur Vorfahrtsregelung an Kreuzungen geschaffen werden. Der Bedarf an Verkehrszeichen wuchs.

Entwicklung Nach dem Ersten Weltkrieg begann André Michelin selbständig mit der Suche nach einem beständigeren Material zur Herstellung von Hinweistafeln. Als Trägermaterial einer dauerhaften Beschilderung schien das witterungsbeständige Lavagestein des nahgelegenen Zentralmassivs als geeignet. In einem Brandverfahren sollten ähnlich dem Emaillieren Ton- und Oxidfarben zur Darstellung auf die Trägerplatte aufgeschmolzen werden. Das Rohmaterial fand Michelin unweit seines Hauptsitzes Clermont-Ferrand in der Nähe von Volvic und Mont-Dore im Zentralmassiv.

Die Schaffung witterungsbeständiger Tragelemente führte Michelin schnell zum bereits 1867 durch Joseph Monier patentierten Eisenbeton, welcher sich quasi in jede gewünschte Form bringen ließ. Hieraus sollten solide Schilderträger entstehen, in welche die durch das Brandverfahren hergestellten Schildertafeln aus Lavagestein eingesetzt und mit Beton vergossen werden konnten.

Parallel suchte Michelin nach einer Möglichkeit, an Kreuzungen gezielt Informationen an die Kraftfahrer weiterzugeben. Die Idee war ein Eckpoller (frz. Bezeichnung: Borne d’Angle), auf welchem die Fahrtrichtungen und Entfernungen zu den Ortschaften zentral angegeben werden konnten. Der Borne d‘Angle sollte das Augenmerk des Autofahrers an der Kreuzung fokussieren. Gleichzeitig ersparte man sich die Aufstellung von bis zu acht Einzelwegweisern. 1918 begann eine zehnjährige Studie, in der insgesamt vier verschiedene Bautypen des Borne d’angle erprobt wurden. Hierbei wurden die mit der Aufschrift emaillierten Lavasteinplatten auf einen aus Eisenbeton gefertigten Fuß würfelförmig aufgesetzt. Das spitze Dach ließ Regenwasser abfließen und machte den Borne d’angle zu einem witterungsbeständigen Objekt. Das im Départment Deux-Sèvres verwendete Modell mit gerundetem Betonfuß (Eisenbeton) setzte sich letztlich durch.

Um Wegweiser und Hinweistafeln an Häuserwänden zu positionieren, wurden Befestigungssysteme entwickelt, zur freistehenden Aufstellung kamen Schilderträger mit Standfuß zum Einsatz, welche ebenfalls durch Moniereisen unterstützt waren. In ähnlicher Bauweise wurden nun auch Ortsschilder produziert. Auch die Produktion von Gefahr- und Verbotszeichen wurde in diesen Jahren erweitert.

Fertigung Herstellung der Schilderplatte alternativtext=Michelin-Wegweiser von 1928 an einer Häuserwand|mini|Wegweiser von 1928 als Wandplatte Das im Zentralmassiv gewonnene Rohmaterial aus Lavagestein wurde dort in Blöcken zu etwa vier Tonnen aus dem Berg gesprengt und zur Weiterverarbeitung vorbearbeitet. Die nun quaderförmigen Blöcke wurden in einem Mehrfachsägewerk (parallel angeordnete Sägeblätter) zu Platten von 15 mm Stärke gesägt. Aufgrund der Härte des Gesteins erlaubte der Sägeprozess nur einen Vortrieb der Maschine von etwa 5 mm pro Stunde, sodass sich ein Sägeprozess von 5 Tagen und Nächten je Block ergab. Gesägt wurde mit einem Gemisch aus Wasser und Fontainebleau-Sandstein, welches unterhalb der Maschine aufgefangen und wieder oben aufgegeben wurde. Um die Maschine nicht zu schädigen, musste das genaue Mischungsverhältnis von Wasser zu Sand eingehalten werden. Die Lavasteinplatten wurden anschließend mit Carborundum-Schleifscheiben unter einem Wasserstrahl auf die gewünschte Größe und Form zugeschnitten. Aus einem Lavasteinblock entstanden etwa 500 Rohplatten. Die industrielle Herstellung emaillierter Lavasteinplatten und Schilderträger begann 1928.alternativtext=Abbruch eines Michelin-Verkehrszeichens mit eingesetzter Schilderplatte und Moniereisen|mini|Querschnitt Schilderträger mit Schilderplatte

Im Stammwerk Michelin-Cataroux in Clermont-Ferrand wurde die Beschriftung aufgebracht. Hierzu wurden die Lavasteinplatten zunächst mit Dampf gereinigt und anschließend mit einem Dichtungsmittel perfekt geglättet. Im Anschluss wurde weiße Farbe mit einer Druckluftpistole aufgebracht. In Elektroöfen, deren Temperatur konstant bei 900 °C gehalten wurde, erfolgte der Einbrand der weißen Grundfarbe zu einer aufgeschmolzenen Glasur. Nach dem ersten Brand mussten die Lavasteinplatten abgekühlt werden und wurden zur Weiterverarbeitung in die Grafikwerkstatt überstellt.

Parallel zum ersten Brand wurden dort die Designs entworfen und Schablonen zur Aufbringung der Beschriftung angefertigt. Die Anfertigung der Schablonen erfolgte an speziellen Arbeitstischen, auf welchen Metallschablonen der einzelnen Buchstaben und Symbole über Elektromagnetismus arretiert werden konnten. Die nach dem Ausschneiden entstandene Schablone zeigte nun das genaue Design der späteren Tafel.alternativtext=Datum-Ort-Bib auf einem Michelin-Verkehrszeichen|mini|Codierung von Michelin-Verkehrszeichen

Im nächsten Arbeitsschritt wurde blauer bzw. roter Farbstoff nach Vorlage der Schablone aufgebracht. Überschüssiges Farbpulver wurde abgebürstet, sodass letztlich nach Entfernung der Schablone die genaue Beschriftung übrig blieb. Im zweiten Brand wurde die Beschriftung auf die weiße Grundfarbe aufgeschmolzen.

Der Einbrand wurde zusätzlich handschriftlich mit einem Code für den Standort und mit dem genauen Herstellungsdatum versehen. Code bzw. Datierung waren (sind) im Regelfall in den unteren Ecken rechts und links zu finden. Diese Datierung gibt heute Aufschluss über die Langlebigkeit und bestätigt die Grundidee André Michelins.

Herstellung des Schilderträgers Die Herstellung des Schilderträgers erfolgte zeitgleich in einer anderen Werkstatt. In die Gussformen wurden Moniereisen eingebracht, welche mit Beton vergossen wurden.

Zur Herstellung eines Borne d’angle verwendete man etwa 400 kg Beton, bestehend aus einer Mischung von Zement, grobem Loiresand und feinem Kies. Im ersten Schritt wurden die Moniereisen in die Form eingesetzt, dann die Form des Fußes mit Beton gefüllt. Anschließend wurden die Schilderplatten positioniert. In einem weiteren Schritt wurden die Schilderplatten mit dem Betonfuß vergossen. Durch das Abbinden des Betons entstand eine homogene Verbindung der Schilderplatten mit dem Schilderträger. Die Zeit zum Abbinden betrug 24 Stunden. Nach der Aushärtung erfolgte eine Reinigung und ein Anstrich in weißer Farbe.

Parallel zur Datierung der Schilderplatten begann man in den 1950er Jahren damit, auch die Schilderträger für Wegweiser, Hinweis- und Ortstafeln sowie Verkehrszeichen mit einem Datum zu versehen. Auf der Rückseite befand (befindet) sich reliefartig eingestempelt eine stilisierte Darstellung von Bibendum (kurz Bib genannt), dem Michelin-Mann, welcher das Herstelljahr und einen internen Code in Händen trägt. Aufgrund von Witterungseinflüssen sind die Daten bei heute noch erhaltenen Exemplaren oftmals nicht mehr lesbar. Differenzen zwischen dem Herstellungsdatum der Schilderplatte und dem des Schilderträgers lassen den Schluss zu, dass der Verguss der Schilderplatte nicht immer zeitnah geschah. Es gab (gibt) Exemplare, bei denen die Herstellungsdaten auseinanderlagen.

Montage Die Aufstellung der Beschilderung erfolgte im Regelfall durch zwei Arbeitsgruppen. Die erste war für die Vorbereitung am Aufstellungsort verantwortlich. Sie hob ein Loch mit der erforderlichen Tiefe aus. Je nach Bodenbeschaffenheit mussten Schilderträger unterschiedlich tief eingelassen werden.

Die zweite Arbeitsgruppe führte die Montage durch. Auch schon in den frühen Jahren waren die Teams mit Lastwagen unterwegs, welche mit einem Kran ausgerüstet waren, um alle erforderlichen Bauteile und Werkzeuge handhaben zu können. Die aufzustellenden Tafeln wurden gemäß der Aufstellungsreihenfolge mitgeführt. Werkzeuge und Hilfsstoffe (z. B. Beton) waren griffbereit vorhanden. Diese gute Organisation führte zu einer zügigen Arbeitsweise, welche es erlaubte, die Stadt Sedan in nur zwei Tagen zu beschildern. In Rethel wurden anderthalb Tage, in Vouziers nur 24 Stunden benötigt. Je nach Größe und Ausführung soll das Gewicht herkömmlicher Wegweiser um 500 kg betragen haben.

Vorkriegsgeschichte alternativtext=Vor- und Rückansicht Michelin-Verkehrszeichen|mini|Gefährliche Kurve um 1931 Zum Ende der 1920er Jahre wurden Gefahrzeichen nun durch weißes Piktogramm auf dunkelblauem Untergrund (dreieckig, Spitze oben) eingeführt. Michelin entwickelte einen Schilderträger für dreieckige Schilderplatten. Zwischenzeitig wurde die Darstellung auf weiß mit dunkelblauem Piktogramm umgestellt. Verbotszeichen in runder Ausführung kamen hinzu. 1931 wurde Michelin als Hersteller von Verkehrszeichen in der vom Unternehmen gewählten Bauform offiziell zugelassen. Von nun an wurden die Schilder nicht mehr unentgeltlich geliefert, sondern den Gemeinden und Händlern in Rechnung gestellt. Der Schriftzug Don de Michelin (Sponsor Michelin) entfiel, und es wurde fortan nur noch der Herstellername Michelin genannt.