Der Ratzeburger Gobelin-Zyklus ist eine Serie von elf großen Tapisserien in Ratzeburg. Er wurde in den Jahren 1914 bis 1919 in der „Schlesischen Werkstätte für Kunstweberei“ der Bildwirkerin Wanda Bibrowicz entworfen und begonnen und von 1919 bis 1921 in ihren „Werkstätten für Bildwirkerei Schloss Pillnitz“ vollendet. Nach zwei Ausstellungen in Berlin und Altona erreichten die Wandteppiche ihr Ziel Ratzeburg am 18. Januar 1922 und wurden am 16. November 1922 im Sitzungssaal des dortigen Kreishauses eingeweiht. Der zwölfte Ratzeburger Wandteppich mit dem Bismarckwappen wurde 1924 nachgeliefert. Der Ratzeburger Gobelin-Zyklus bestimmt noch heute den Raumeindruck im Sitzungssaal des Alten Kreishauses in Ratzeburg.
Geschichte Vorgeschichte Planung mini|(Altes) Kreishaus am Ratzeburger Markt; früher: Lauenburgisches Landeshaus In den Jahren 1909/1910 wurde das von 1726 bis 1728 erbaute Lauenburgische LandeshausDas Alte Kreishaus – ein Haus der Geschichte. (Digitalisat); Hans-Georg Kaack: Von der Regierungskanzlei zum Kreishaus am Markt. In: Kreis Herzogtum Lauenburg (Hrsg.): 1726 Regierungskanzlei – 1982 Kreishaus am Markt. Rondeshagen 1982, S. 4–16. umgebaut und erhielt einen neuen Sitzungssaal. Für die innere Ausgestaltung des Raumes wurden 5.000 M ausgegeben, doch die Wände blieben zunächst kahl.
Der Landrat Emil Mathis schilderte im weiteren Verlauf des Briefes die Finanznot des Kreises, seitdem dieser unter preußischer Verwaltung stand. Nachdem das Herzogtum Sachsen-Lauenburg nicht nur die Verzinsung und Tilgung der Abfindungssumme an Österreich zu leisten hatte, sondern auch noch auf die Zolleinnahmen, insbesondere auf den Elbzoll, seit 1871 verzichten musste und schließlich die vollen Lasten eines Landeskommunalverbandes zu tragen hatte, schien es angemessen, für die Ausschmückung des Sitzungssaales – dafür kamen zwei Wände von 12 m und 6,20 m Länge in Betracht – eine Staatsbeihilfe zu beantragen.
Zur Begutachtung und Beratung besichtigte am 7. April 1911 der Regierungsbaurat Schmidt den Saal. Man kam überein, dass auf der 6,20 m langen Stirnwand, dem Platz hinter dem Vorsitzenden, die Erbhuldigung Lauenburgs an König Wilhelm I. am 26. September 1865 in der Ratzeburger St. Petri-Kirche dargestellt werden sollte, „da der Anschluss des Herzogtums Lauenburgs an die Krone Preußens das bedeutendste Ergebnis seiner Geschichte darstellt.“Brief des Landrats an den Regierungspräsidenten vom 19. April 1911, LAS 301/3188.
Für die lange Seitenwand und die dem Vorsitzenden gegenüberliegende Wand erschien „die Darstellung und bildliche Erhaltung der zeitigen landschaftlichen Schönheiten Lauenburgs für die Nachwelt durch die Wiedergabe der drei lauenburgischen Städtebilder und zweier Dorfbilder ... als besonders geeignet und erwünscht“.
Der Kreis erklärte, dass er sich an den Honorarkosten für das Huldigungsgemälde nicht beteiligen könne. Müsste sich der Kreis an den Kosten beteiligen, so wollte er ein anderes Projekt für diese Wand in Angriff nehmen, das billiger werden würde, da es hierbei nicht auf figürliche Genauigkeit ankomme.
Dieses Gemälde sollte folgende historische Komplexe umfassen:
Christianisierung und Germanisierung mit Heinrich dem Löwen Heinrich von Badewide „Aussiedlung“ der Slawen einwandernde Holländer und Westfalen
Als der Minister der geistlichen und Unterrichts-Angelegenheiten mitteilte, „daß eine Berücksichtigung des Antrages für die nächste Zeit leider nicht in Aussicht genommen werden kann“,Brief des Ministers an den Regierungspräsidenten in Schleswig vom 15. Juni 1911, LAS 301/3188. schien das ganze Projekt gescheitert.
Am 7. Mai 1913 wiederholte der Landrat seinen Antrag beim Regierungspräsidenten. Am 14. Februar 1914 teilte der Minister das Ergebnis der Sitzung der Landeskunstkommission vom 20. Januar 1914 mit, „den Saal mit Wandteppichen nach Entwürfen von Fräulein Wanda Bibrowicz zu schmücken; die Künstlerin ist Inhaberin der Schlesischen Werkstätte für Kunstweberei in Ober-Schreiberhau i. Rsg. und somit in der Lage, auch die Ausführung der Gobelins zu übernehmen. Der Vorschlag der Landeskunstkommission findet meinen vollen Beifall, da er auf die Neubildung eines Kunstzweiges hinzielt, der einst in hoher Blüte stand.“ Wenn der Kreis sich mit einer derartigen Gestaltung einverstanden erklärt, so könnte die Sache weiter verfolgt werden. Der minimale Eigenbeitrag zu den Kunstwerken dürfte 4.000 M zuzüglich der Kosten für die Bespannung allerdings nicht unterschreiten. Der Kreis erklärte sich damit einverstanden.
Entwurf für die Raumausstattung Wegen der Gestaltung des Sitzungssaals im Kreishaus in Ratzeburg im Regierungsbezirk SchleswigDer Kreis Herzogtum Lauenburg gehörte damals zum Regierungsbezirk Schleswig: http://www.territorial.de/schleswh/rbschles.htm ! der preußischen Provinz Schleswig-Holstein wandte sich 1914 die Bezirksverwaltung mit der Bitte an Hans Poelzig, den Direktor der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe Breslau, gemeinsam mit Max Wislicenus und Wanda Bibrowicz einen Entwurf für die Raumausstattung einschließlich einer Gruppe von Wandbehängen auszuarbeiten. Im Hinblick auf die schlichte Architektur des holzverkleideten Saals schlug der Breslauer Akademiedirektor einen Gobelinfries entlang dreier Wände (mit Ausnahme der Fensterwand) mit Darstellungen aus der Geschichte Ratzeburgs und seiner Umgebung vor. Noch im selben Jahr erhielt Wanda Bibrowicz einen entsprechenden Auftrag. Sie unterhielt seit 1911 mit einigen Schülerinnen eine eigene Galerie und Webwerkstatt in Schreiberhau (Szklarska Poręba), arbeitete aber weiter mit Wislicenus zusammen. Dieser war sicherlich an der Vorbereitung der Kartons beteiligt, auch wenn die Werke nur die Signatur von Bibrowicz tragen. So entstand eine äußerst repräsentative Gobelin-Folge auch als Werk der Breslauer Kunstschule, die allerdings erst in den zwanziger Jahren, nach dem Umzug des Künstlerpaars nach Pillnitz, vollendet wurde. Piotr Łukaszewicz: Die Breslauer Akademie für Kunst und Kunstgewerbe unter dem Direktorat Poelzigs. In: Jerzy Ilkosz, Beate Störtkuhl (Hrsg.): Hans Poelzig in Breslau. Architektur und Kunst 1900–1916. Wroclaw / Delmenhorst 2000, S. 33–50, hier S. 46.
Mit Schreiben vom 15. Juni 1914 äußerte sich Hans Poelzig gegenüber dem Lauenburger Landrat zu der Frage, wie er sich die Ausschmückung des Saales durch Gobelins denke. Er riet von jeglichem Porträtbild ab und schlug einen durchgehenden Fries mit Wandteppichen, geschaffen von Wanda Bibrowicz, zu lauenburgischen Motiven vor:
Beauftragung Am 27. Juli 1914 erfolgte die Auftragserteilung an Wanda Bibrowicz durch den Minister. Am 8. Oktober 1915 wurde das Honorar mit 35.000 M festgelegt, am 14. April 1919 erfolgte eine Erhöhung auf 38.000 M.
Die Arbeit an den Teppichen erstreckte sich über die ganze Zeit des Ersten Weltkriegs und war auch 1920 noch nicht beendet. 1919 sah sich das Unternehmen gezwungen, seine Werkstatt in Schreiberhau aufzugeben und ins „Ausland“ abzuwandern. Auf Vorschlag von Hans Poelzig, der inzwischen Baurat in Dresden geworden war, wurden Wanda Bibrowicz und Max Wislicenus 1919 vom Sächsischen Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie nach Dresden berufen, wo sie die „Werkstätten für Bildwirkerei Schloss Pillnitz“ einrichten sollten.
Die Sächsische Gesandtschaft betonte, dass das Unternehmen von Anfang an auf schwachen Füßen gestanden habe und „dem Untergang geweiht“ sei.
Im Mai 1920 war noch ein Teppich zu weben, doch die mannigfaltigen Schwierigkeiten ließen dieses Projekt für nicht durchführbar erscheinen.
Die Sächsische Gesandtschaft bat daher im Auftrag des Sächsischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung einer Honorarerhöhung von etwa 20.000 M zuzustimmen. Die fertiggestellten Teppiche hätten in der Zwischenzeit ohnehin bereits eine erhebliche Wertsteigerung erfahren. Der pekuniäre Wert wurde mit mindestens 150.000 M beziffert. Danach wollte der Regierungspräsident beim Kreis nachfragen, ob er gewillt sei, sich an der Honorarerhöhung zu beteiligen.
Anfang Juli 1920 stellte Wanda Bibrowicz eine überschlägige Rechnung über die noch ausstehenden Kosten auf. Danach hatte sie noch 16 m2 Teppich zu weben. Für den Quadratmeter wären 800 M Lohnkosten in Anschlag zu bringen, für das Material insgesamt etwa 1.920 M, so dass sich ihre Forderung auf 14.720 M belief, wobei ihre eigene Arbeit aber immer noch unterbezahlt bliebe. Am 21. Juli 1920 teilte Landrat Schönberg mit, dass der „Kreisausschuß vorbehaltlich der Zustimmung durch den Kreistag bereit wäre, sich im Verhältnis unserer bisherigen Bewilligungen zu den veranschlagten Gesamtkosten ... an der bewilligten Honorarerhöhung zu beteiligen“.
Bislang hatte der Kreis etwa 11 %, 4.000 M, für die Kosten bewilligt. Im Oktober 1920 war das Preußische Ministerium bereit, das Honorar um 9.000 M zu erhöhen, allerdings müsse der Kreis davon 1.160 M übernehmen, das entsprach 12 %, die der Kreistag am 20. November 1920 auch genehmigte. Die Akten geben keine weiteren Hinweise, ob noch ein weiteres Mal eine Honorarerhöhung stattgefunden hat, so dass davon ausgegangen werden kann: Die im Sitzungssaal des Kreishauses befindlichen Wandteppiche haben 44.000 M gekostet.
Verantwortung Der Preußische Minister der geistlichen und Unterrichts-Angelegenheiten übertrug mit Schreiben vom 8. Oktober 1915 die Verantwortung für die Ausschmückung des Sitzungssaales des Kreishauses in Ratzeburg mit Wandteppichen dem Landrat „auf Grund der in der Verhandlung vom 22. Juli begutachteten Entwürfe und Webeproben“. Weiter heißt es in dem Schreiben:
Trotz dieser Bevollmächtigung des Landrats wandte sich der Minister mit Schreiben vom 30. August 1918 nochmals an Wanda Bibrowicz:
Dass Max Wislicenus eine Mitverantwortung für das Figürliche der Ratzeburger Wandteppiche zugetraut und zugemutet wurde, lag an seiner eigenen Familiengeschichte: Sein Vater Hermann Wislicenus hatte den Sommersaal der Kaiserpfalz Goslar von 1877 bis 1890 mit Bildern aus Geschichte und Sage ausgemalt, die das Kaisertum der Hohenzollern in die Tradition der römisch-deutschen Kaiser stellten. Im Bild Hofhaltung Friedrichs II. in Palermo:Datei:Hofhaltung Friedrichs II. in Palermo.jpg hatte er in diskreter Weise sich selbst und seinen Sohn Max unter den Versammelten dargestellt. Max Wislicenus lebte mit diesen Bildern, Wanda Bibrowicz vereinfachte sie und gestaltete sie künstlerisch dem verwendeten Material entsprechend so um, dass sowohl ihr eigenes Können in der Malerei gefordert wurde als auch die Bildwirkerei als ihr eigenwilliges Kunst- und Handwerk zugleich zum Zuge kam. Bei der Gestaltung der Wappen nahmen beide Künstler außerdem die Hilfe eines Heraldikers und die detaillierten Unterlagen des Kreises zu den Wappenformen in Anspruch.
Ausstellungen außerhalb Ratzeburgs Kunstgewerbemuseum Berlin mini|Plakat zur Berliner Ausstellung der Wandteppiche für das Kreishaus in Ratzeburg Im Oktober 1921 wurden die Wandteppiche des Ratzeburger Gobelin-Zyklus noch vor ihrem Eintreffen in Ratzeburg im Kunstgewerbemuseum Berlin ausgestellt. Darüber berichtete die Tägliche Rundschau in einem Artikel vom 15. Oktober 1921, unterzeichnet von R. Neubauer unter der Überschrift „Aus dem Kunstleben“, nicht eben begeistert: