Lucie Bernardo, geboren als Johanna Maria Sandfuchs (* 3. Oktober 1883 in Stuttgart; † 10. August 1956 in Berlin-FriedrichshainStandesamt Friedrichhain von Berlin, Hauptstadt der DDR, Sterbeurkunde Nr. 1350 vom 14. August 1956 (Landesarchiv Berlin)) war eine deutsche Soubrette und Lachkünstlerin.

Leben und Wirken Lucie Bernardo zog spätestens 1906 für eine Heirat nach Berlin.Standesamt Berlin XI, Heiratsurkunde Nr. 815 vom 21. Juni 1906 (Landesarchiv Berlin)Berthold Leimbach: Tondokumente der Kleinkunst und ihre Interpreten 1895–1945. Selbstverlag, Göttingen 1991 Die Heiratsurkunde nennt als Beruf Artistin, sie war aber auch – wohl im Anschluss an eine Gesangsausbildung – als Soubrette am Theater tätig, erstmalig in der Spielzeit 1911/12 als Ensemblemitglied des Berliner Walhalla-Theaters.Neuer Theater-Almanach 1912, Berlin 1911, S. 948 Hier wurde sie als Partnerin bekannter Sänger in Duetten eingesetzt und trat zum Beispiel mit dem Konzertsänger Erich Schröter, dem Gesangskomiker Hermann Wehling, dem Tenor Max Kuttner und anderen bekannten Künstlern auf,z. B. mit dem Wiener Tenor Jacques Rotter, mit dem sie im April 1912 bei Homokord Duette als “Mizzi Bernhard” aufnahm. Vgl. Schneidereit 3, S. 1189. aber auch solistisch. Neben der Operette pflegte sie das Couplet und das leichte, frivole Chanson, das Brettl-Lied.vgl. Titel wie “Von hinten und von vorn” auf Beka 30 317 (08.1918), “Röschen, zeig’ deine Höschen” auf Beka 30 584 (08.1920) oder “Max, nimm die Hand von der Schoßbluse weg!” auf Favorite 351-I (mx. 31 303, 08.1921), bei Zwarg, Phonomuseum, PDF Zu ihrem Repertoire zählten Werke von Komponisten wie Leo Fall, Jean Gilbert, Léon Jessel, Walter Kollo, Paul Lincke, Rudolf Nelson, Hugo Hirsch, Georg Jarno und Rudolf Thiele. Sie sang zudem einige durch die Berliner Diseuse Claire Waldoff bekannt gewordene Lieder.z.B. ihr freches Couplet “Nach meine Beene is' ja janz Berlin verrückt”, das Walter Kollo 1911 komponiert hat, ihr Soldaten-Marschlied “Da kann kein Kaiser und kein König 'was bei machen” von 1915, oder Jean Gilberts Lied vom “Herrn Meyer und seinem Reiher” von 1913, vgl. Liste bei wiki.org Eine im Hinblick auf die Jazzrezeption in Deutschland interessante Zusammenarbeit mit der aus belgischen und niederländischenDutch and Belgian musicians in Germany: Louis de Vries (tp), Henri van den Bossche (tb), Alphonse van Asbroek (cl, s), Joop de Leur (p), Bob Kierberg (dr, ld), vgl. Begleittext zu youtube und Lange S. 18 und 28 Musikern zusammengesetzten Kapelle The Excellos Fiveweitere Aufnahmen der band auf ‘Grammophon’ bei youtube (Blue Evening Blues), youtube (In the Land of shady Palm trees) und youtube (You're so near and yet so far) gelang ihr 1925; hier lachte sie mit den Instrumenten um die Wette.Beispiele Grammophon 20 381 Die fidelen Tiroler und Jazzband aus Krähwinkel.

Nach dem Ersten Weltkrieg begann sie, sich nach einem überraschenden Erfolg mit ihrer Lachszene Theaterfimmel als Lachkünstlerin zu spezialisieren. Sie trat in Kastans Panoptikum und am Berliner Apollo-Theater auf. Ihre Lachdarbietungen band sie dabei in humoristische Szenen ein, zum Beispiel trat sie auch anlässlich von Geburtstagen, Kindstaufen oder Silvesterfeiern auf. Häufig war Martin Martens ihr Partner, der zum Teil als Verfasser der Texte sowie als Komponist der Musik fungierte.

Bernardo nahm schon früh auf Edison-Cylindern auf; später besprach bzw. „belachte“ sie viele Grammophonplatten, oft in Szenen zusammen mit dem Musiker Otto Rathke, mit dem sie auch auf der Bühne zu sehen war.vgl. dazu Artikel bei grammophon-platten.de Die wohl erfolgreichste war Die mißglückte Jugendzeit, welche als „Lachplatte“ um die Welt ging.Original Lach-Aufnahme Beka No. 30590 [D 204 X], aufgen. 6. August 1920, später auch auf Beka B.3727, vgl. dismarc.org, Zwarg Phonomuseum, PDF, S. 45 Sogar in Amerika war sie als The OkeH Laughing Recordvgl. vocaltracks.de auf dem Label des Deutschamerikaners Otto Heinemann bekannt. Noch zu Beginn der 1930er Jahre wurde die „Original Lach-Aufnahme“, inzwischen elektrisch neu aufgenommen, im Lindström-Katalog geführt.als Gloria G. O. 13 324 (von Beka-Matrize 38674, vgl. dismarc.org) Ihr Erfolg rief ein eigenes Genre von Kleinkunstdarbietungen ins Leben.

Nach einem frühen Versuch mit einem Tonbild bei der Deutschen Mutoskop- und Biograph GmbH (Berlin) 1907/08Die Macht des Walzers. Deutschland 1907/1908. Originaltitel (DE) Die Macht des Walzers, Abschnittstitel (DE) Ein Rendez-vous, Abschnittstitel (DE) Nach dem Balle. Tonbild : Tänzerische Darbietung eines Schauspieler-Pärchens, begleitet von einem Salonorchester. Das Pärchen tanzt immer wilder und zerlegt dabei die Einrichtung. Produktionsfirma: Deutsche Mutoskop- und Biograph GmbH (Berlin). Vgl. Besprechung von Marco Koch bei filmforum-bremen.de sowie “Der komische Kintopp”, cinegraph 10 und GECD #9226. wurde Bernardo erst wieder in der Tonfilmzeit als Darstellerin beim Film beschäftigt, allerdings nur in kleineren Nebenrollen.

Lucie Bernardo war von 1906 bis 1933 verheiratet mit dem Artisten und Konzertagenten Richard Martin Tschacher (1880–1933)Standesamt Berlin XI, Heiratsurkunde Nr. 815 vom 21. Juni 1906Gott grüß die Kunst! in: Neuer Vorwärts vom 24. September 1933, S. 7 und ab 1946 mit dem Artisten Oskar Teske (1875–1959).Standesamt Berlin-Mitte, Sterbeurkunde Nr. 2900 vom 22. Dezember 1959 für Friedrich Oskar Teske Sie starb am 10. August 1956, von ihrem Publikum völlig vergessen, verarmt in einem Ostberliner Krankenhaus.

Filmografie 1908: Die Macht des Walzers. Tonbild [mit Martin Martens] 1934: Die bunte Platte, Kurz-Spielfilm (28 min.)R Walter Schmidt. Mit Grete Weiser und dem Orchester von Will Glahé, vgl. filmportal.de 1935: Die selige Excellenz.R Hans H. Zerlett, vgl. filmportal.de 1936: Arzt aus Leidenschaft.R Hans H. Zerlett, vgl. filmportal.de 1940: TraummusikR Géza von Bolváry, vgl. filmportal.de (dort nicht erwähnt, vgl. aber Berthold Leimbach: Tondokumente der Kleinkunst und ihre Interpreten 1895–1945. Selbstverlag, Göttingen 1991.)

Tondokumente (Auswahl) Duette

Lucie Bernardo, Sopran, und Hans Bondy, Tenor: Die Liebeslaube (Karl L.Hoschna, 1877–1911) Edison Amberol 15 229, 1912anzuhören bei ucsb.edu Duett [Lucie Bernardo und ? ] mit Orchesterbegleitung: Hab'n wir uns nicht mal kenn'n gelernt? Walzerlied aus der Operette Filmzauber (Walter Kollo) Melodia Record Platte[sic] (G. B.) 1 G 37 M (mx. 1008 M)anzuhören bei gramofon.hu Konzertsänger Schröter und Frl. Lucie Bernhardo mit Berolina-Orchester: Fräulein Schwindelmeier. Duett. Berolina Record No. 1090 Lucie Bernardo, Sopran & Max Kuttner, Tenor : Kind, ich schlafe so schlecht. Duett aus „Filmzauber“ (W. Kollo), Janus-Record Nr. 1236 (mx. 4951), 1912 Lucie Bernardo (Sopran), Hermann Wehlin (Tenor) mit Orchester: Warum nimmste denn den Hut? Duett aus: Die Reise um die Erde in 40 Tagen (Text von Julius Freund, Musik von Jean Gilbert) Zonophone Record 17480 / Kat. Nr. 524 309, (Matrix Nr. 12950 r), Berlin, 1913anzuhören bei archive.org

Solo

Lucie Bernardo mit Orchesterbegleitung: Das Lied vom Autoliebchen. Walzerlied aus der Posse “Autoliebchen” (Gilbert) Melodia Record Platte[sic] (G. B.) 1 G 37 M (mx. 1007 M), 1912anzuhören bei gramofon.hu Lucie Bernardo mit Orchesterbegleitung: Da kann kein König und kein Kaiser was ‘bei machen. Soldatenlied (Text: Claire Waldoff) Beka No.30139, Berlin. 1917 Lucie Bernardo: Lottchens Geburtstag / Kinderlied. Homocord Liliput 0015 [Format 15 cm], 1925 Lucie Bernardo mit Orchesterbegleitung: Wo hast du denn bloß hingefaßt? Couplet (Musik: Arthur Steinke, Text: Dr. Leopold Seewald) Artiphon No. 2036 Lucie Bernardo mit Orchesterbegleitung: Humsti Bumsti. Humoristisches Couplet (Carl Clön) Kalliope K 365 (mx. Zw 3151) [auch: Aste Schallplatte No. 60215, Stradivari G 365]

Unter dem Pseudonym Käthe Kiesewitz bzw. Fränze Kiesewitzvgl. Chr. Zwarg, ODEON Matrix Numbers – xBe 250 – 9999 (Berlin), PDF, S. 26, 28, 29. gecoverte Lieder von Claire Waldoff für Odeon

Da kann kein König und kein Kaiser was ‘bei machen. Soldatenlied (Text: Claire Waldoff) Käthe Kiesewitz mit Orchester. 1916. G 311 126 (mx. xBe 1596) Mein Franz von de Franzer G 311 131 (mx. xBe 1594) Er is nach mir janz doll G 311 132 Ach Jott wat sin wir Weiber dumm (W. Kollo) G 311 176 Nach meine Beene is ja janz Berlin verrückt (W. Kollo – F.W. Hardt) G 311 178 (mx. xBe 1680) Klärchen aus dem Gartenhaus (TuM. Harry Senger) G 311 179 (mx. xBe 1681) Wenn der Bräutigam mit der Braut so mang de Felder jeht G 311 181 Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren. Ein Soldatenmarschlied (TuM. J. F. Rollers) G 311 182 (mx. xBe 1671) Was liegt bei Lehmanns unterm Apfelbaum? G 311 183

Lachplatten

Lucie Bernardo, mit Otto Rathke tp.: The OkeH Laughing Record. OkeH 4678-A, 1922. Ursprünglich Beka 30 590 Lucie Bernardo: Die Gesangsprobe. Odeon 308 480 (mx. Be 2682)anzuhören bei archive.org ; eine Odeon-Platte mit einer Aufnahme des dänischen Schauspielers Carl Fischer erschien dort gekoppelt mit Bernardos “Gesangsprobe”, vgl. Aagard Nr. 133 Lucie Bernardo mit Ensemble: Das Abenteuer eines Betrunkenen (Lachplatte). Polyphon 31 286 / 2-23 322 (mx. 1226 ax), 1924anzuhören bei youtube Lucie Bernardo mit Jazz-Orchester [= The Excellos Five]: Jazzband aus Krähwinkel / Lucie Bernardo. Deutsch. Komik. Grammophon 20 381 / B 46649 (mx. 3810 ar), 1925vgl. dismarc.org ; anzuhören auf youtube. Das Musikstück ist I'm Gonna Bring A Watermelon To My Girl To-Night von Con Conrad und Billy Rose. Lucie Bernardo mit Jazz-Orchester [= The Excellos Five]: Die fidelen Tiroler / Lucie Bernardo. Deutsch. Komik. Grammophon 20 381 / B 46650 (mx. 3811 ½ ar), 1925vgl. dismarc.org

Kabarett, Parodie

Lucie Bernardo mit Ensemble: Auf dem Gutshofe (Bearbeitung M. Martens) Tri-Ergon T.E.5038-B (mx. 0660), 1928. Lucie Bernardo mit Ensemble: Total meschugge (Eine lustige Kabarett-Szene) (Bearbeitung M. Martens) Tri-Ergon T.E.5039-A (mx. 0663), 1927 Lucie Bernardo mit Ensemble: Er liebt michMelodie "Last Night on the back Porch" (Musik : Carl Schraubstader, engl. lyrics by Lew Brown); erschien auch in den USA mit deutschem Refrain als "Sie liebt mich" [dort von male vocalist Adolf Engel gesungen] auf Victor 77 627 (mx. B.30463) im Okt. 1924, vgl. victor-library bei ucsb.edu (Bearbeitung E. Beuth) Tri-Ergon T.E.5039-B (mx. 0665), 1927 Lucie Bernardo mit Ensemble und Orchester: Opern-Parodie. Eine Oper in 6 Minuten (Bearbeitung M. Martens), 1. u. 2. Teil. Tri-Ergon T.E.5486-A (mx. 02146) und -B (mx. 02147), 1929. Veröfftl. 1930.vgl. Lotz, Tri-Ergon Discographie, bei lotz-verlag.de

Literatur René Aagard (Hrsg.): Carl Fischer, en illustreret diskografi. Samlet af René Aagaard 2009. PDF bei diskographer.dk Horst H. Lange: Jazz in Deutschland. Die deutsche Jazz-Chronik 1900–1960. Colloquium Verlag, Berlin 1966. Berthold Leimbach: Tondokumente der Kleinkunst und ihre Interpreten 1895–1945. Selbstverlag, Göttingen 1991. Rainer E. Lotz: German Ragtime and Prehistory Of Jazz. Vol. 1 The Sound Documents. Verlag: Storyville Publications & Co. Ltd. 1985, ISBN 0-902391-08-9. Hier S. 170. Kaspar Maase und Wolfgang Kaschuba (Hrsg.): Schund und Schönheit. Populäre Kultur um 1900. Böhlau, Köln 2001, ISBN 3-412-15800-3. Neuer Theater-Almanach Bd. 24 (1913), S. 315-316 u. 717. Jörg Schöning, Thomas Brandlmeier (Hrsg.): Die deutsche Filmkomödie vor 1945: Kaiserreich, Weimarer Republik und Nationalsozialismus. Verlag Cinegraph, 2004, ISBN 978-3-88377-792-4, S. 30. Wolfgang Schneidereit: Discographie der Gesangsinterpreten der leichten Muse von 1925 bis 1945 im deutschsprachigen Raum: Eine Discographie mit biographischen Angaben in drei Bänden. Band 3: Ethel Reschke bis Slobodan Zivojnovic. Verlag BoD, 2019, ISBN 978-3-7528-2843-6, 556 Seiten. Heribert Schröder: Tanz- und Unterhaltungsmusik in Deutschland 1918–1933. Verlag für Systematische Musikwissenschaft, Bonn 1990.