Faust. Der Tragödie dritter Teil ist ein satirisches Theaterstück von Friedrich Theodor Vischer aus dem Jahr 1862. In ihm fasst der bedeutende Theoretiker der Ästhetik seine lebenslangen kritischen Goethestudien in der Form einer umfänglichen Parodie zusammen, die auch eine Kritik der Goethephilologie und der Literaturwissenschaft überhaupt ist.
Der Untertitel des Werks lautet: Treu im Geiste des zweiten Theils des Götheschen Faust gedichtet von Deutobold Symbolizetti Allegoriowitsch Mystifizinsky. Auf Grund seiner langjährigen Beschäftigung mit Johann Wolfgang Goethes Faust-Dichtung parodiert Vischer Goethe – insbesondere dessen Faust II – auf stilkritischer, figuren- und motivkritischer, zeitkritischer und selbstkritischer Ebene. 1886 erschien eine zweite, umgearbeitete und vermehrte Auflage, in der Vischer – vor allem durch das ausgedehnte Nachspiel – den Bezugsrahmen in literatursatirischer Hinsicht ausweitet, indem er damalige Interpretationen und Interpreten der Faustdichtung Goethes karikiert.
Programmatik des Titelblatts Augenscheinlich handelt es sich um eine Fortsetzung des Goetheschen Faust II. Dies wird nicht nur lapidar durch die Nummerierung ausgedrückt, sondern vor allem durch den Zusatz Treu im Geiste des zweiten Theils des Götheschen Faust. Vischer hält sich in vielfältiger Weise an diese Bekundung. Bis hierher erscheint das Titelblatt durchaus als ernst zu nehmen, es könnte eine poetische Fortsetzung der Goetheschen Dichtung folgen; der Bruch, durch welchen dieser Geist als Ungeist enttarnt wird, wird erst durch die Bekanntgabe einer pseudonymen Autorschaft herbeigeführt: gedichtet von Deutobold Symbolizetti Allegoriowitsch Mystifizinsky.
Deutobold erinnert, was die Namenbildung betrifft, an den allegorischen Lumpen des Mephistopheles Raufebold, der im 4. Akt des Faust II während der Schlacht zwischen Kaiser und Gegenkaiser neben Habebald und Haltefest mit auf Seiten des Kaisers kämpft. Namenkundlich betrachtet geht die Namensendung -bold aus dem alten Namenelement -bald mit der Bedeutung kühn hervor. Im Deutschen Universallexikon wird darauf hingewiesen, dass -bold eine Person bezeichnet, die „gerne und häufig etw. macht – seltener etw. ist“. Ohne hier der von Vischer karikierten Sinnhuberei verfallen zu wollen, könnte man Deutobold am ehesten mit kühn Deutender übersetzen – für eine Charakterisierung Vischers durchaus brauchbar. Neben diesem spielerischen Umgang in der Namenbildung und dem auf die Interpretenwut abzielenden Unterton zeichnet sich Vischers Pseudonym weiterhin dadurch aus, dass es ihm gestattet, vorübergehend eine bestimmte Rolle einzunehmen – wie sich zeigen wird, wenn man das Motto der Parodie in diese Betrachtung miteinbezieht.
Das Motto Und allegorisch, wie die Lumpen sind, sie werden nur um desto mehr behagen rundet die Programmatik des Titelblattes ab, indem es einerseits eine Zugehörigkeitsbestimmung in sich trägt, zum anderen zu Spaß und Ironie einlädt. Ursprünglich sind es Verse des Mephistopheles, mit welchem er die Ankunft der drei Gewaltigen kommentiert. Analog sind die Verse als Motto der Parodie freilich auch auf die allegorischen Figuren des Pseudonyms anwendbar, wodurch klar wird, dass sie dem Teil von jener Kraft zugehörig sind, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Die Rolle, die Vischer hinter seiner „Pseudonymen-Quadriga“ (Mahal 1981, S. 55) einnimmt, verknüpft man sie mit Vischers Betrachtungen über das Wesen des Bösen, ist hier die des Gesellen Der reizt und wirkt, und muß, als Teufel schaffen (Faust I, V. 343). Dies erhärtet sich durch einen Brief Vischers an Julius Ernst von Günthert (aus Zürich, o. J.), in welchem er mitteilt:
Göthes Bild ist uns durch das altersschwache, unerquickliche Machwerk zweiter Teil Faust getrübt. Ich wollte dies Machwerk durch grobe, Aristophanisch cynische, doch auch hanswurstmäßig gutmütige Satire totmachen, von Göthes ursprünglich reinem echten Dichterbild wegätzen (…) ich wollte die Deutschen befreien von dem Alb, womit dieses lästige Produkt der Senilität auf ihnen liegt, an dem sie sich zergrübeln (Julius Ernst von Günthert: Friedrich Theodor Vischer. Ein Charakterbild. Allen Freunden gewidmet, Stuttgart: Bonz 1889, S. 8).
In der hier angesprochenen Weise der Destruktion tritt unverhohlen auch die satirische Wirkungsabsicht der Parodie Vischers heraus, das etablierte „Geschmacksmonopol“ (Böttger 1886) zu brechen, um schließlich zu einer ehrlichen ästhetischen Bewertung des Goetheschen Faust zurückkehren zu können. Im Faust III wird dies von Vischer in der Rolle des Unbekannten ebenfalls thematisiert. Und hier schließt sich denn der Bogen zum Titelblatt: der Unbekannte ist erst mit den allegorischen Figuren des Pseudonyms „ein Mensch“ (Vischer selbst) – gemäß Vischers Interpretation: „Faust Inneres ist der Boden, worauf die allgemeinen Mächte sich bekämpfen, der wahre Schauplatz der tragischen Gewalten. Faust ist mit Mephistopheles ein Mensch und mit dem Herrn auch: der Mensch.“ (F. Th. Vischer: Kritische Gänge, 2. Bd., S. 204)
Vischer, der sich selbst oft in der Lage Fausts empfunden hat, versucht mit seiner Parodie „einen literaturkritischen Kommunikationsprozeß zu initiieren“ (Wende 1995, S. 270) und bezieht sich selbst mit in diesen ein – bis hin zur Höllenfahrt des Unbekannten, hinabgezogen durch die eigenen Kreaturen, die er unter Zuhilfenahme seines Pseudonyms geschaffen hat bzw. die – wie es Mephistopheles im Nachspiel deutlich macht – sich ihm souffliert haben für seines schlechten Dramas Zweck. Vischers doppelte, in sich verschachtelte Tarnung erlaubt es ihm einmal durch die allegorischen Figuren seines Pseudonyms in mephistophelischem Geist zu wirken, zum anderen in der Rolle des Unbekannten als strebender Mensch aufzutreten.
Stilkritik Jugendliches Weltgedicht vs. senile Allegorienzichorie In seinem Buch Goethes Faust von 1875 untersucht Vischer in seinem ersten Abschnitt Die lange Säumnis und ihre Ursachen, welchen Einflüssen Goethe beim Verfassen seines Faustdramas unterlag, warum jene eine Verzögerung bzw. Verschleppung auslösten. Hierbei nimmt Unterpunkt Die erste Ursache: Der Stilwechsel über 100 Seiten ein. Zahlreiche Passagen in diesem Buch würdigen den Jugendstil Goethes, beispielsweise schreibt Vischer:
Goethes Jugendstil und vor allem die freien Reime in seinem Faust, derb, frisch von der Leber, unnachahmlich lebenswahr und nie gemein wahr, blitzend von Geist, unbekümmert, wie scharf die Kontraste des Unheimlichen, Schauderhaften und Komischen aufeinanderstoßen mögen (F. Th. Vischer: Goethes Faust, S. 59).
Vischer, der unbestreitbar […] dem idealistischen Kunstverständnis verpflichtet ist (Scholz 1993, S. 30) und dessen Ästhetik ein Versuch darstellt, den Ertrag der ästhetischen und insbesondere der poetologischen Diskussion der Goethezeit enzyklopädisch zusammenzufassen (Willems 1981, S. 28), schreibt schon 1839:
Im ersten Teil Faust sehen wir das Schwierigste, was ein Dichter leisten kann, die Wandlung der tiefsten und universellsten Ideen in poetisches Fleisch und Blut, durch das Geheimnis der Phantasie gelöst (Vischer: Kritische Gänge, 2. Bd., S. 202).
Hier sprudelt die auf ästhetischer Betrachtung begründete Hochachtung aus jeder Silbe, der erste Teil ist ihm eine Schöpfung von absolutem poetischen Werte (Martini 1978, S. 79). Allerdings mit Einschränkungen, denn auch im Besten ist ein Haar. Vischer tadelt beispielsweise die Willkür Goethes, mit der er eine Anzahl von Xenien meist ephemeren satyrischen Inhalts in eine ernste, tiefe Tragödie wirft, bezeichnet diese Einstreuung von satirischem Häckerling in der echten und wirklichen Poesie als fremdes zersetzendes Element. Als einen der Gründe, warum Goethe diesen nach Vischers Ansicht verwerflichen Akt begeht, nennt er Goethes Verachtung des jugendlichen Fauststils, welche er aus einem Brief Goethes an Schubarth (1820) ableitet:
von diesen Irrtümern – die seinem Helden im zweiten Teil vorbehalten sind – sagt dann der Brief, der arme Mensch (Faust) dürfte sich edler, würdiger, höher in sie verlieren, als im ersten gemeinen Teile geschieht. Gemein: dies kann unmöglich bloß auf die Schlichtheit der Verhältnisse in seinem ersten Lebensgang sich beziehen, Goethe kann Gretchen nicht gemein nennen, auch Valentin nicht; es muß auf die Behandlung gehen, Goethe nennt seinen naturderben Jugendstil gemein.
Quasi als Gegenteil zu diesem gemeinen naturderben Jugendstil verhält sich Goethes Altersstil, den Vischer als ein Produkt der Steigerung des klassisch-typischen Schönheitsbegriff zu dem ästhetischen Prinzip der bloßen Formschönheit begreift. Dieser Altersstil ist dafür verantwortlich, dass der höhere Schauplatz zwar betreten wird, aber nicht als Schauplatz handelnden Lebens, sondern nur zu dem Zwecke, das humanistische Bildungsthema in undramatischer, poetisch unerquicklicher Weise des klassizierenden und allegorisierenden Stils aufzunehmen. Demzufolge versieht Vischer den Faust II immer wieder mit Attributen wie zusammenhanglos, unorganisch, trübselig, verschnörkelt, manchmal unfreiwillig komisch, kindisch, affektiert, manieriert usw., bezeichnet ihn als seltsame Sprachperücke (…) in voller Lockenpracht, als große, ruppige Warze, als blutloses, lebensunfähiges Gebild wo so stark, so bunt und kurios das Schnitzelkräuseln waltet. Ähnlich drückt dies der Unbekannte aus: Ich find in Eures Dramas zweitem Teile fast keinen Satz, fast keine Zeile, die nicht kurios, nicht manieriert, so daß es mir im Kopfe rädelt, surrt, summt, kitzelt, krabbelt, schwirrt und schnurrt.
Hier sei nebenbei noch erwähnt, dass sich Vischer zumindest in zwei Punkten Faust II gegenüber anerkennend äußert: zum einen ist ihm Das Schönste und Tiefste der Gedanke, seinen Helden als Herrscher eines tätig ringenden Volkes endigen, in dem Augenblick sterben zu lassen, wo er in eine Zukunft schaut, da er mit freiem Volke auf freiem Grunde steht (Vischer: Goethes Faust, S. 51), zum anderen sieht er hinter den komischen Partien noch die Goethesche Genialität, obwohl jene die Ausführung durch eine zitternde Greisenhand verraten. Das besondere an Vischers Kritik ist, dass zu ihrer Rechtfertigung die Person Goethes in einer fiktionalen Zusammenkunft mit Vischer als Retter des jungen bzw. männlichen vor dem alten Goethe funktionalisiert wird:
(…) genug, ich wollte dieser Retter sein, ich wollte Goethe vor Goethe retten und ich lebe des Glaubens, daß er im Elysium mir dankt; denn Goethe im Elysium ist ja der verjüngte, der wahre Goethe, nicht der Allegorientrödler und Geheimnisdüftler von 70-82 Jahren. (Vischer: Pro Domo, in: Kritische Gänge, 2. Bd., S. 354f)
Es stellt sich nun die Frage, wie hier der Bezug zu Faust III hergestellt werden kann, da bis jetzt nur Allgemeineres betrachtet wurde. Im letztgenannten Zitat steckt schließlich der wesentliche Grund, der Vischer veranlasste, seine Parodie zu schreiben. Er, der als ein Hegels System mehr verändernder als fortsetzender Vertreter der Wissenschaft vom Schönen (Mahal 1981, S. 55) bekannt ist, leidet persönlich an der dialektischen Spannung zwischen Faust erster und zweiter Teil, welche sich durch die ästhetische Diskrepanz bzw. den Stilbruch aufbaut. Das Bestreben diese Spannung zu lösen – er muß, um leben zu können, alle Kraft aufwenden zur geistigen Synthese (Schlawe 1953: S. 17) –, drückt sich gerade in seinem Faust III aus, welcher ihm als therapeutisches Mittel dient, sich selbst vom Alb zu befreien, aber auch um die Vorzüge des Faust I zu honorieren, beispielsweise durch die Verwendung der Figur Valentins innerhalb der Parodie, worauf noch einzugehen sein wird.
Superlativisierte Sprachaffektationen