Der Stylus phantasticus (auch Stylus fantasticus; deutsch fantastischer Stil) ist eine aus Italien stammende Stilrichtung in der Musik des Barock, deren Anfänge auf Claudio Merulo zurückgehen und die in der norddeutschen Orgelschule des späten 17. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte.
Merkmale Im Stylus phantasticus gehaltene Werke zeichnen sich durch ein aus der Improvisationspraxis abgeleitetes dramatisches Spiel aus. Die Freiheiten erhalten ihren Sinn allerdings erst im Verhältnis zu den Regeln der Satztechnik.Bernd Sponheuer: Die norddeutsche Orgeltoccata und die „höchsten Formen der Instrumentalmusik“. Beobachtungen an der großen e-moll-Toccata von Nicolaus Bruhns. In: Schütz-Jahrbuch. 1986, S. 137–146, hier 141 ff.
Im Gegensatz zum Stylus phantasticus steht der Stile antico. Dieser strenge kontrapunktische Stil nimmt Rückbezug auf liturgische Werke aus der Renaissance, wobei die Messen Palestrinas oft als Vorbild dienten, wie beispielsweise in der Schrift Gradus ad Parnassum von Johann Joseph Fux (1725).Gilles Cantagrel (Hrsg.): Guide de la musique d’orgue. Éditions Fayard, Paris 1991, ISBN 2-213-02772-2.Karl Kaiser (Hrsg.): Basiswissen Barockmusik. Band 1: Zur Instrumentalmusik des Hoch- und Spätbarock. Verlag ConBrio, 2010, ISBN 978-3-940768-12-4.
Zeitgenössische Beschreibungen des Stils Der Begriff „stylus phantasticus“ begegnet erstmals in Athanasius Kirchers Werk Musurgia universalis (1650).Jörg Dehmel: Toccata und Präludium in der Orgelmusik von Merulo bis Bach. Bärenreiter, Kassel et al. 1989, ISBN 978-3-76180-938-9, S. 7. In Abhandlungen, die von Italienern verfasst wurden, fehlt die Bezeichnung völlig. Sébastien de Brossard erklärt sie in seinem Dictionnaire de musique nur rudimentär als freie und zwanglose Art zu komponieren. Eine genauere Bestimmung des Begriffs lässt sich erst wieder den Schriften Johann Matthesons entnehmen, besonders dem vollkommenen Capellmeister (1739). Die Auffassungen bei Kircher und Mattheson sind dabei ziemlich entgegengesetzt: Bei Kircher steht die kontrapunktische Kunstfertigkeit des Komponisten, bei Mattheson das improvisatorische Können des Ausführenden im Zentrum.
Kircher Definition des „Phantasticus stylus“ lautet:
Übersetzung:
Die Freiheit ist allerdings als innerhalb der handwerklich beherrschten Setzweise aufzufassen, unreflekriertes Improvisieren scheidet Kircher aus. Der Stylus phantasticus lockert die Gesetzlichkeiten der einzelnen angeführten Gattungen, wodurch ein neuer Affektgehalt entsteht. Kircher weist zwar im Kontext des Stylus phantasticus auf ein Kapitel über Sinfonien und Sonaten für Lauten und Violinen hin, das erläuternde Beispiel ist jedoch Johann Jakob Frobergers Hexachordfantasie, die „hochgradige Kontrapunktkunst zur Schau“ stellt. Durch die Wahl des Beispiels wird klar, dass für ihn „in erster Linie die Art der kontrapunktischen Arbeit für eine Zuordnung zum Stylus phatasticus maßgeblich war“. Es fehlt der Kontrast mit themenfreien und figurativen Abschnitten, der in anderen Werken Frobergers zu finden ist. Offenbar war dieser für Kircher nicht von Relevanz für die Zuordnung zum Stylus phantasticus. Stattdessen entstehen in der Hexachordfantasie über dem einfachen Thema, das von allen Stimmen imitiert wird, kontrastierende Abschnitte, die jedoch subtil verknüpft sind.
Im 18. Jahrhundert knüpft Mattheson zwar an Kirchers Definition an, fokussiert aber in seinen früheren Schriften auf solistische Zurschaustellung von Kunstfertigkeit mit improvisationsartigem Charakter. Erst im Capellmeister befasst er sich im Zusammenhang mit dem Stylus phantasticus mit den inzwischen nicht mehr aktuellen Formen der Ricercate, Toccate und Sonate, auch wenn er ihn weiterhin unter dem „Theaterstil“ einordnet. Er schreibt zum „fantastischen Styl“
Dabei verweist Mattheson auf Kompositionen von Tarquinio Merula, Froberger und Dieterich Buxtehude. Im Gegensatz zu Kircher ist nun der „freistimmige, figurativ-schweifende Improvisationscharakter“ typisch, die Gebundenheit an die „Harmonie“ bei Mattheson ist jedoch so aufzufassen, dass die Regeln des Kontrapunktes nicht aufgegeben werden. Matthesons Begriff beschreibt insbesondere die freien Abschnitte in Buxtehudes Präludien, „in denen die Schreibart sich je nach Lust und Laune des Komponisten ständig ändert, Fugatos und Quasi-Ostinatos nie gebührend ausgearbeitet werden und die Tonart zwischen Anfang und Ende oft wechselt“.
Johann Joachim Quantz (1697–1773) schrieb kritisch: „In diesem Stil findet man eher Frechheit und verworrene Gedanken, als Bescheidenheit, Vernunft und Ordnung.“
Komponisten Als Vertreter des Stylus phantasticus wurden unter anderen genannt: Claudio Merulo (1533–1604), Girolamo Frescobaldi (1583–1643), Giovanni Pandolfi (c. 1620–1669) und Johann Jakob Froberger (1616–1667). In verschiedenen Sonaten von Heinrich Ignaz Biber, Dietrich Buxtehude, Nicolaus Bruhns oder Francesco Maria Veracini erreicht der Stylus phantasticus Höhepunkte. Ein beeindruckendes Beispiel ist Johann Sebastian Bachs Chromatische Fantasie und Fuge. Aber auch Bachs Söhne setzten diesen Stil fort.
Einzelnachweise Kerala J. Snyder: Dieterich Buxtehude. Leben, Werk, Aufführungspraxis. Übersetzung: Hans-Joachim Schulze, Bärenreiter, Kassel et al. 2007, ISBN 978-3-7618-1836-7. Christine Defant: Kammermusik und Stylus phantasticus. Studien zu Dieterich Buxtehudes Triosonaten. Peter Lang, Frankfurt am Main et al. 1985 (= Europäische Hochschulschriften, Reihe XXXVI, Musikwissenschaft, Band 14), ISBN 3-8204-8514-7.
Kategorie:Musikalische Satzweise