Das Kriegsende in der Steiermark und die letzten Kämpfe des Zweiten Weltkrieges im südöstlichen Bundesland Österreichs fanden im April 1945 statt. Es gelang der Roten Armee Ende März gegenüber der deutschen Heeresgruppe Süd, die Grenze der damaligen Ostmark trotz des ab Mitte 1944 errichteten Südostwalls im ersten Anlauf zu überwinden. Es zeichneten sich zwei sowjetische Hauptstoßrichtungen ab: einerseits über das Raabtal und Feldbach in Richtung auf Graz und andererseits ab 13. April südlich des Semmering gegen die Fischbacher Alpen. Die operativen Ziele der Fronttruppen des Marschalls Fjodor Tolbuchin wurden im Zuge der wichtigeren Wiener Operation schon wenige Tage nach Angriffsbeginn nicht mehr weiterverfolgt. Der Übergang der sowjetischen Streitkräfte in die Defensive und der Abzug der kampfkräftigsten Verbände ermöglichten der deutschen 6. Armee ab Mitte April eine letzte erfolgreiche Gegenoffensive im Joglland. Ende April wurden die Kämpfe von beiden Seiten eingestellt. Nach der allgemeinen Kapitulation der Wehrmacht wurde Graz am 8. Mai kampflos von der Roten Armee besetzt und am 23. Juli an die britischen Streitkräfte übergeben.
Vorgeschichte Vom 24. bis zum 26. März wurden in Ungarn im Raum nördlich des Plattensees mit Schwerpunkt bei Veszprém starke Angriffe der 2. und 3. Ukrainischen Front durchgeführt, die über Pápa zu einem auf breiter Front angelegten Durchbruch starker Panzerkräfte (6. Garde-Panzerarmee) nach Westen führten. Das ungarische II. und VIII. Korps wurden in Westungarn überrannt, Reserven der deutschen 6. Armee konnten die Frontlücke nicht mehr schließen und wurden mitgerissen. 42 Schützendivisionen und sechs mechanisierte Korps brachen fächerartig in Richtung Wien durch. Nacheinander wurden die Städte Devecser, Kapuvár, Güns und Steinamanger von Truppen der Roten Armee genommen. Das IV. SS-Panzerkorps zog sich mit seinen Divisionskampfgruppen (3. Panzer-Division und 5. SS-Panzer-Division „Wiking“) über Vasvár und Körmend nach Güssing zurück. Auch die Front der deutschen 2. Panzerarmee (General de Angelis) wurde bei Zalaegerszeg durch die Truppen der sowjetischen 57. Armee durchbrochen.
Zur Unterstützung der sowjetischen Bodenoffensive hatten amerikanische Bomberverbände wichtige Bahnknotenpunkte im rückwärtigen Heeresgebiet der Heeresgruppe Süd (bis zum 7. April unter General der Infanterie Wöhler) bombardiert, dabei wurden zuerst die Städte Steinamanger und Ödenburg mehrmals schwer getroffen. Zu Ostern erlebte auch Graz nach den ersten alliierten Großangriffen vom 1. November (382 Tote), 1. Dezember (102 Tote) und am 19. Februar (165 Tote) weitere Bombenangriffe. Am Ostermontag (2. April 1945, 95 Tote) erfolgte der bisher schwerste Angriff, welcher dem Grazer Hauptbahnhof galt und besonders die südlichen Bezirke verwüstete. Insgesamt wurde ein Drittel des Wohnraums getroffen und dabei wurden 946 Häuser total zerstört und 6274 leichter getroffen.
mini|hochkant|Julius Ringel Am 30. März zeigte sich der Südostwall wegen unzureichender Besetzung in den Zwischenabschnitten als nahezu wirkungslos und stürzte die militärischen und parteipolitischen Verantwortlichen in chaotische Zustände. Der fanatische Gauleiter der Steiermark Sigfried Uiberreither ließ umgehend spezielle Standgerichte gegen „Drückeberger und Pflichtvergessene“ bilden, befahl die Befestigung der Zugänge nach Graz, ließ Schützengräben im Stadtpark vorbereiten und beschwor in den Zeitungen die Verteidigung von Graz bis zum letzten Mann.
Am 29. März wurde die deutsche Reichsgrenze bei Rechnitz durch Einheiten des 37. Garde-Schützenkorps (Generaloberst P. V. Mironow) überschritten. Südlich davon erreichte die 26. Armee mit dem 135. Schützenkorps (Generalmajor P. W. Gnedin) die Grenze bei Steinamanger. Der Befehlshaber des Wehrkreises XVIII General der Gebirgstruppe Julius Ringel verlegte seine Befehlsstelle von Salzburg nach Graz und begann sofort im Einvernehmen mit dem Oberbefehlshaber der 6. Armee Alarmeinheiten zu sammeln.
Beteiligte Truppen Heeresgruppe Süd (General der Infanterie Otto Wöhler, ab 7. April Generaloberst Lothar Rendulic)
6. Armee (General der Panzertruppe Hermann Balck)
Kampfgruppe Semmering (Oberstleutnant Ludwig Lang, ab 11. April Oberst Heribert Raithel, ab 9. Gebirgs-Division Ost) SS-Gebirgs-Jäger-Ausbildungs- und Ersatz-Bataillon 13 Landesschützen-Bataillon 851 Luftwaffen-Bau-Ersatz-Bataillon 17 Ersatz- und Ausbildungs-Abteilung 48 Gebirgs-Jäger-Schule Admont Gebirgs-Jäger-Ersatz-Regiment 136 Gebirgs-Artillerie-Schule Dachstein-Obertraun
mini|hochkant|General der Panzertruppe Hermann Breith III. Panzerkorps (General der Panzertruppe Hermann Breith) 1. Volks-Gebirgs-Division, Generalleutnant August Wittmann 1. Panzer-Division, Generalleutnant Eberhard Thunert (ab 13. April) 117. Jäger-Division, Generalmajor Hans Kreppel Sturm-Panzer-Abteilung 219 Schwere Panzer-Abteilung 509 Volks-Werfer-Brigade 17 und 19 Heeres-Sturmartillerie-Brigade 303 Heeresartillerie-Abteilung 171 Divisionsgruppe „Krause“ (Generalleutnant Walter Krause, am 20. April aufgelöst) SS-Panzergrenadier-Ausbildungs- und Ersatz-Bataillon 11 K.Gr. Siegers (Gebirgsjäger-Ersatz- und Ausbildungs-Bataillon 138) K.Gr. Gottwald (Bataillon Büttner, Volkswerfer-Regiment 24) Feldersatz-Bataillon 75 SS-Polizei-Regiment 13 (Sperrverband Motschmann)
IV. SS-Panzerkorps (SS-Obergruppenführer Herbert Otto Gille) 3. Panzer-Division, Generalmajor Wilhelm Söth K.Gr. 5. SS-Panzer-Division „Wiking“, SS-Oberführer Karl Ullrich K.Gr. 9. SS-Panzer-Division „Hohenstaufen“, SS-Oberführer Sylvester Stadler 14. SS-Grenadier-Division, Generalmajor Fritz Freitag
I. Kavallerie-Korps (General der Kavallerie Gustav Harteneck) 3. Kavalleriedivision, Oberst Peter von der Groeben 4. Kavalleriedivision, Generalleutnant Helmuth von Grolman 23. Panzerdivision, Generalleutnant Josef von Radowitz
3. Ukrainische Front (Marschall Fjodor Tolbuchin)
26. Armee (Generalleutnant Nikolai Alexandrowitsch Gagen)
mini|hochkant|Marschall Fjodor Iwanowitsch Tolbuchin 135. Schützenkorps, Generalmajor Pjotr Wissarionowitsch Gnedin 151. Schützendivision, Generalmajor Denis Protasowitsch Podschiwajlow 155. Schützendivision, Oberst Nikephori Batluk 74. Schützendivision, Oberst Fjodor Iwanowitsch Sinowjew
30. Schützenkorps, Generalmajor Generalmajor Grigori Semenowitsch Laz'ko 36. Garde-Schützendivision, Generalmajor Georgi S. Lilenkow 68. Garde-Schützendivision, Generalmajor Iwan Michailowitsch Nekrassow
104. Schützenkorps, Generalmajor Michail Sergejewitsch Filipowski 93. Schützendivision, Oberst Konstantin Sergejew 233. Schützendivision, Generalmajor F. P. Bereschnoje 66. Garde-Schützendivision, Generalmajor Sergei Frolowitsch Frolow
5. Garde-Kavalleriekorps, Generalleutnant Sergei Iljitsch Gorschkow 11. Garde-Kavalleriedivision, Generalmajor D. N. Pawlow 12. Garde-Kavalleriedivision, Generalmajor A. P. Smirnow 63. Kavalleriedivision, Oberst P. M. Krutowski Panzerregimenter 57, 60 und 71, Garde-Panzerregiment 150 Sturmgeschütz-Regiment 1896
mini|Generaloberst Sergei Georgijewitsch Trofimenko 27. Armee (Generaloberst Sergei Georgijewitsch Trofimenko)
33. Schützenkorps, Generalmajor Alexei Iwanowitsch Semenow 206. Schützendivision, Oberst Fjodor Iwanowitsch Dremenkow 337. Schützendivision, Oberst Taras P. Gorobez 3. Garde-Luftlandedivision, Generalmajor Iwan Nikititsch Konew
35. Garde-Schützenkorps, Generalleutnant Sergei G. Gorjatschew 163. Schützendivision, Generalmajor F. W. Karlow 202. Schützendivision, Oberst Iwan Michailowitsch Chochlow Sturmgeschütz-Regiment 1691
37. Schützenkorps, Generalmajor Fjodor Samoilowitsch Koltschuk 108. Schützendivision, Oberst Sergej Illarionowitsch Dunajew 316. Schützendivision, Oberst Gregori S. Chebotarew 320. Schützendivision, Oberst Josip S. Burik
18. Panzerkorps, Generalmajor Pjotr Dmitrijewitsch Goworunenko 110. Panzerbrigade, Oberst Iwan Fomitsch Reschetnikow 170. Panzerbrigade, Oberst Nikolai Petrowitsch Chunikhin 181. Panzerbrigade, Oberstleutnant Anatoli Kusmitsch Kublanow 32. mechanische Schützen-Brigade, Oberst Michail Iwanowitsch Khwatow Sturmgeschütz-Regimenter 1438, 1453, 1479 und 1894
57. Armee (Generaloberst Michail Nikolajewitsch Scharochin)
6. Garde-Schützenkorps, Generalmajor Nikolai Michailowitsch Drejer 20. Garde-Schützendivision, Oberst Georgi Stepanowitsch Iwanitzew 61. Garde-Schützendivision, Oberst Pjotr Iwanowitsch Kasatkin 113. Schützendivision, Generalmajor P. N. Naidjeschew
64. Schützenkorps, Generalmajor Iwan Kondratjewitsch Krawtzow 299. Schützendivision, Generalmajor N.G. Trawnikow 73. Garde-Schützendivision, Oberst Wassili Iwanowitsch Schcherbenko 104. Schützendivision, Generalmajor I. W. Objdenkin
133. Schützenkorps, Generalmajor Pawel Alexejewitsch Artjuschenko 84. Schützendivision, Generalmajor P. I. Bunjaschin 122. Schützendivision, Generalmajor A. N. Belischko
Kämpfe in der Südost-Steiermark (Raab-Abschnitt und Radkersburg) Die deutsche 6. Armee verlor Ende März nach dem sowjetischen Durchbruch die Verbindung zu der südlich des Plattensees kämpfenden deutschen 2. Panzerarmee, eine Frontlücke von 30 Kilometern klaffte auf. Im mittleren Abschnitt des Durchbruchraums nahm das sowjetische 18. Panzerkorps (General Govorunenko) als Stoßgruppe der 27. Armee über Tapolca und Sankt Gotthart an der Raab die Verfolgung des deutschen Kavalleriekorps Harteneck auf. Einheiten des deutschen IV. SS-Panzerkorps versuchten südlich davon entlang der Raab eine neue Sicherungslinie nach Süden aufzubauen, die nach Osten an den Südostwall angelehnt war. Am 2. April übernahm die Kampfgruppe des Generalmajor Wolf die Verteidigung im Raabtal.
Die sowjetische Hauptstoßgruppe des Generals Govorunenko verfolgte das zurückgehende IV. SS-Panzerkorps parallel zur Raab über Neuhaus nach Jennersdorf und drangen bei Kalch über die Staatsgrenze in das Deutsche Reich vor. Am 31. März drangen etwa 50 sowjetische Panzer südlich von Kapfenstein nach Bad Gleichenberg durch, drehten nach Nordwest und besetzten am 1. April Fehring und Feldbach. Damit endete der 110 Kilometer tiefe sowjetische Panzerraid nach einwöchigem Vorstoß durch das Raabtal an der Linie zwischen Kirchberg und Riegersburg; am 3. April wurde das kampfkräftige 18. Panzerkorps abgezogen und nach Norden über St. Pölten westlich von Wien verlegt.
Dadurch entspannte sich die Situation im Raabtal, denn der von den Stäben der 6. Armee befürchtete sowjetische Vorstoß auf Graz wurde nicht ausgeführt. Den leeren Raum des abgezogenen 18. Panzerkorps füllte das 33. Schützenkorps der aufschließenden 27. Armee aus. Die deutsche 3. Panzerdivision konnte die Orte Vasszentmihály und Rönök zurückerobern, dem Panzer-Grenadierregiment 113 gelang die Wiedereroberung von Heiligenkreuz im Lafnitztal. Zwischen Deutsch Minihof und Inzenhof konnte der Südostwall wieder erreicht und bis 11. April gehalten werden.