mini|Lügnerturm in Dünkirchen

Die Freibeuter von Dünkirchen (, ) sind im 16. Jahrhundert auf Beschluss des Stadtrats von Dünkirchen (heute Dunkerque) gegründet worden, um die eigenen Fischer zu schützen, denn aufgrund der langen Kriege, die Kaiser Karl V. mit Frankreich führte, wurden die Schiffe aus Dünkirchen regelmäßig von französischen Freibeutern angegriffen. Sie traten besonders unter Karls Sohn, König Philipp II. (Spanien), und der weiteren spanischen Herrschaft in Erscheinung. Sie waren eine private Kriegsmarine für Spanien und schließlich für Frankreich. Sie kaperten hauptsächlich Schiffe aus den Vereinigten Niederlanden und England und profitierten von einem idealen Standort für ihre Aktivitäten, denn die Gewässer vor Dünkirchen waren mit ihren versteinerten Sandbänken eine natürliche Falle auf der wichtigen Handelsroute durch die Straße von Dover. Sie operierten hauptsächlich im Ärmelkanal und auf der Nordsee, aber gelegentlich auch auf der Ostsee oder an der Küste der Berberei. Dagegen waren sie bei den Filibustern in der Karibik nicht sehr präsent, da sich diese zunächst gegen Spanien richteten. Das sollte sich erst ändern, als Dünkirchen französisch wurde. Während des Achtzigjährigen Krieges, des Holländischen Krieges, des Pfälzischen Erbfolgekrieges und des Spanischen Erbfolgekrieges unterstanden sie der Admiralität von Dünkirchen und operierten somit von Dünkirchen, Ostende oder Nieuwpoort aus.Magosse, Reinoud, Al die willen te kap'ren varen, de Oostendse kaapvaart tijdens de Spaanse Succesieoorlog (1702-1713). Oostendse Historische Publicaties, Oostende (1999), S. 29–31. Die Stadt gehörte in dieser Periode meistens zu Flandern in den Spanischen Niederlanden. Ihre Beziehungen zu den unabhängigen Vereinigten Niederlanden, waren ambivalent, sie bestanden sowohl aus Nähe als auch Feindseligkeit. Ihre Tätigkeit endete 1713 mit der im Vertrag von Utrecht vorgesehenen Entmilitarisierung des Hafens von Dünkirchen.

Piraten, Kaperer, Freibeuter, Korsaren, Flibustiere, Bukaniere

Seeräuber werden auch Piraten genannt. Manchmal wurden private Reeder von Städten oder Staaten, die nicht in der Lage waren, ihre Schiffe ausreichend zu schützen, mit einer Lizenz zur Kaperei ausgestattet, d. h. die Schiffe ihrer Feinde durften unter bestimmten Bedingungen geplündert werden. Die Seeleute dieser Schiffe wurden Kaperer, Kaperfahrer, Freibeuter oder im französischen Kontext auch Korsaren genannt. Auf der Île de la Tortue, weit weg von der Europäischen Gerichtsbarkeit, entstand eine Zwischenform zwischen gewöhnlicher Piraterie und Kaperei, die Buccaneers (in englischen Diensten) und Flibustiers (in französischen Diensten).

Von Legenden umrankt: die Periode der Strandräuber

mini|Seekarte der Gegend vor Dünkirchen mit Sandbänken und Tiefenangaben1640, Kartographen Blaeu, Amsterdam

An der engsten Stelle der Nordsee gelegen, an einem unumgänglichen Punkt für reich beladene englische und niederländische Schiffe, war Dünkirchen aufgrund seiner Lage für Seeräuberei prädestiniert. Außerdem war es eine natürliche Falle. Man kann dort nur über sehr genau zu beachtende Fahrrinnen einfahren (heute durch Bojen gekennzeichnet), sonst stößt man auf gewaltige fossile Sandbänke, die mit der Zeit versteinert sind und ein Schiff zerstören können. Es heißt, dass Dünkirchen im Mittelalter eine Stadt der Strandräuber war. Der Turm de Leughenaer (Flämisch für: der Lügner) soll ein Feuer getragen haben, das die Schiffe in ihren Untergang zog.Julie Chaizemartin L'épopée maritime de Dunkerque et Boulogne à la conquête de l'océan Artikel in L’Express, 09/07/2016 Diese Geschichte ist durchaus glaubwürdig, denn diese Form der aktiven Strandräuberei war im Mittelalter weit verbreitet. Wenn es möglich ist, ein Schiff in eine Falle zu locken, ist das weniger riskant (und nicht unmoralischer oder moralischer), als es zu entern. Aufgrund seiner Lage ist Dünkirchen nun mal eine Falle.

Die Dünkirchener unter spanischem Kaperbrief

Der historische Kontext

Am Ende des Mittelalters gehörte Dünkirchen zu den Burgundischen Niederlanden, die im 16. Jahrhundert die Spanischen Niederlanden wurden. Mitte des 16. Jahrhunderts kamen die Niederlande in Aufstand gegen Philipp II. (Spanien). Das war der Anfang des Achtzigjährigen Krieges (1568–1648) gegen die Herrschaft der spanischen Habsburger. Diese Zeit führte zu einer Trennung des Landes. Der nördliche Teil erreichte in diesem Krieg seine Unabhängigkeit unter dem Namen Republik der Vereinigten Niederlande, aus denen die modernen Niederlande hervorgingen. Der Süden des Landes, also auch die niederländischsprachige Grafschaft Flandern einschließlich Dünkirchen, wurden wieder an Spanien und die Römisch-katholische Kirche gebunden. Nach dem Aussterben der Spanischen Habsburger und dem Spanischen Erbfolgekrieg wurden die südlichen Niederlande Österreichisch.

mini|1583: Eroberungen durch den Herzog von Parma in den Südlichen Niederlanden

Der Achtzigjährige Krieg bis zum Zwölfjährigen Waffenstillstand

Während des Aufstandes gelang es den Niederländern schließlich, fast alle Häfen zu befreien, auch die flämischen, darunter 1577 Dünkirchen. Die spanische Flotte konnte dadurch zunächst nur von Gravelines (damals: Grevelingen) aus operieren, doch nachdem der Herzog von Parma, Alessandro Farnese (1545–1592), Dünkirchen 1583 im Auftrag des Königs zurückerobert hatte, wurde die Flotte 1585 dorthin verlegt. Dünkirchen wurde damit der wichtigste spanische Marinestützpunkt in den Niederlanden. Ursprünglich bestand diese Flotte aus regulären Kriegsschiffen, den sogenannten Königsschiffen, aber diese wurden bald von privaten Reedern ergänzt, die vom Hohen Admiralitätsrat in Brüssel mit einem Kaperbrief ausgestattet wurden. Für eine solche Lizenz mussten sie 10 % der Beute als Steuer bezahlen und 35 % an die Armen (zu Gunsten des eigenen Seelenheils) spenden. Die ersten Kaperbriefe wurden am 4. Februar 1585 ausgestellt.L.C. Vrijman, Kaapvaart en zeerooverij, Uit de geschiedenis der vrije nering in de Lage Landen. 1938 S. 100 Schon nach wenigen Jahren standen fünfundzwanzig Dünkirchener Freibeuterschiffe zur Verfügung. Sie führten einundfünfzig Jahre lang, vom Zwölfjährigen Waffenstand unterbrochen, einen Seekrieg gegen die Nord-Niederländer.Vrijman, S. 97

Im Jahr 1600 wurde die Armee der Republik unter Statthalter Moritz von Oranien nach Dünkirchen geschickt, aber der Statthalter beschloss, die Stadt trotz eines Sieges in der Schlacht von Nieuwpoort am 2. Juli 1600 nicht einzunehmen. Er war bereits von den Generalstaaten gegen seinen Willen zu weit weggeschickt worden und befürchtete, abgeschnitten zu werden.Website Geschiedenis van Nederland, Duinkerkerkapers Die Generalstaaten waren die Generalversammlung der Staaten, d. h. der Ständevertretungen der einzelnen Provinzen. Sie waren somit eine Art Parlament.

Gegenseitige Behandlung von Gefangenen

Die Beziehungen zwischen den Dünkirchenern und den Staat’schen, wie die Leute der Republik der Generalstaaten im Norden genannt wurden, waren ambivalent. Viele Seeleute aus Dünkirchen hatten ihr Handwerk auf der Flotte der Republik gelernt, denn sie verstanden sich gegenseitig mühelos. Viele Holländer und Zeeländer dienten ihrerseits auf Schiffen aus Dünkirchen, besonders in Zeiten, als es dort bessere Verdienstmöglichkeiten gab. Einen nationalen Gegensatz empfanden sie nicht, denn die Dünkirchener sahen sich nicht als Spanier. Die unterschiedliche Religion, nachdem sich im Norden der Calvinismus durchsetzte und der Krieg von spanischer Seite immer stärker religiös motiviert war, spielte kaum eine Rolle. Johannes Snoepsius, der 1661 als Seelsorger auf dem Admiralsschiff „de Liefde“ der Republik war, beklagte sich über das Verhalten der Matrosen, ihre Grobheit, ihre Unwissenheit in Sachen Religion, ihr Fluchen, Streiten, Schimpfen und Prügeln, so dass er sich an Bord manchmal wie in einer ecclesia porcorum (Schweinekirche) vorkam. Auch das war gemeinsame Kultur!Vrijman, S. 146–147

Da der Seekrieg und die gegenseitigen Blockaden eine wichtige Rolle spielte, wurde der Marinehafen Dünkirchen immer stärker ausgebaut und auch die privaten Freibeuter gefördert. Der Schifffahrt der Utrechter Union wurde bald ein so enormer Schaden zugefügt, dass 1587 die Generalstaaten beschlossen, die Besatzungen dieser Schiffe als Piraten zu behandeln und das „Recht der Fußspülung“ anzuwenden, d. h. verhaftete Besatzungsmitglieder von Kaperschiffen ohne ordentliches Verfahren über Bord zu werfen oder zu Knüppeln.Duinkerker kapers op de kust, Artikel im Blog ‘Media en Macht in de Gouden Eeuw’ der Universiteit van Amsterdam im Amsterdamse Courant Dieser Befehl stieß in der Republik auf zunehmenden Widerstand. Es hatte sich zwar noch kein allgemein gültiges Seerecht durchgesetzt, aber viele Seeleute wechselten oft die Seiten – auch das war einer der Beweggründe für die harte Maßnahme seitens der Generalstaaten und der Admiralitäten. Die Seeleute zogen es dagegen vor, die Beziehungen so freundschaftlich wie möglich zu halten, da man ja auch selbst in eine solche Lage kommen könnte. Wenn Dünkirchener Gefangene in den Hafen gebracht wurden, wurden sie von den Admiralitäten allerdings meistens gehängt. Als Vergeltung war auch den Schiffen von Dünkirchen bereits befohlen worden, die Besatzung niederländischer Kriegsschiffe vor dem Versenken nicht zu retten.

Die Kapitäne der Republik umgingen oft den Befehl, indem sie die Dünkirchener bei Flut mit einem Boot auf eine der sehr vielen Sandbänke vor der flämischen Küste absetzten. Auf diese Weise wurden ihre Füße gespült und sie konnten bei Ebbe einfach zum Festland gehen. Von einem Beispiel dieser Praxis in umgekehrter Richtung berichtet Vrijman. Ein Fischer aus dem holländischen Katwijk wurde nach Dünkirchen geholt, um die Heringfischerei wieder in Schwung zu bringen. Da das durch die holländische Dauerblockade nicht klappte, fuhr auch er als Freibeuter raus und erwischte zufällig eine Heringbüse aus Katwijk, mit seinem Bruder an Bord. Die Büse wurde versenkt, die Besatzung wurde über Bord gejagt, allerdings bei einer Wassertiefe von anderthalb Fuß. Auf diese Weise bekam sie die obligatorische Fußspülung.Vrijman, S. 137

Nach dem Zwölfjährigen Waffenstillstand

Der zwölfjährige Waffenstillstand (1609–1621) brachte nur eine vorübergehende Unterbrechung der Kriegshandlungen. Ambrogio Spinola ließ zwölf neue Schiffe bauen und Erzherzogin Isabella von Spanien verlegte 1626 die Exekutivadmiralität der spanischen Niederlande von Sint-Winoksbergen (heute Bergues) nach Dünkirchen.

Die Frage der Behandlung der Kriegsgefangenen blieb wichtig. Die Dünkirchener boten Kriegsgefangene gegen Lösegeld an. Die Sitzungen der Admiralitätsräte waren in der Republik öffentlich und wurden regelmäßig von Delegationen klagender Matrosenfrauen besucht, die sich das Lösegeld für ihre Männer nicht leisten konnten. Darum wurde 1623 in Roosendaal einmalig ein Austauschvertrag geschlossen. Der Befehl zum Recht auf Fußspülung bestand aber weiterhin. Als die Umgehung dessen im weiteren Laufe des Krieges eher die Regel als die Ausnahme zu werden drohte, musste 1625 jeder Kapitän einen Eid leisten, die Kriegsgefangenen zu töten. Dieser Eid sollte jedes Jahr erneuert werden. Denn der Druck wuchs, die Häftlinge grundsätzlich für einen Austausch zu nutzen.