Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten rückte Mitte der 1980er Jahre in das Bewusstsein der Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten, als der Priester Gilbert Gauthe wegen vielfachen sexuellen Missbrauchs vor Gericht stand (1984–1985) und der National Catholic Reporter über das Thema sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche zu berichten begann (1985). Die römisch-katholische Kirche in den Vereinigten Staaten reagierte in den 1990er Jahren mit ersten Maßnahmen zur Aufarbeitung.

Eine neue Dynamik entstand durch den Skandal, den der Boston Globe auslöste, als er im Jahr 2002 eine Serie von Artikeln über sexuellen Missbrauch im Erzbistum Boston veröffentlichte und die Strategie der katholischen Kirche beschrieb, Missbrauchsfälle durch die Versetzung belasteter Priester zu vertuschen. In der Folge wurden tausende Missbrauchsfälle bekannt. Laut der John-Jay-Studie (2004) gab es im Zeitraum 1950 bis 2002 landesweit 10.667 Fälle von Anschuldigungen gegen katholische Priester und Diakone wegen sexuellen Missbrauchs. Entschädigungszahlungen von insgesamt mehreren Milliarden US-Dollar führten dazu, dass eine Reihe von Bistümern Insolvenz anmelden mussten.

Fälle und Fallzahlen Entwicklung bis 2001 1978 wurde der damals 31-jährige Priester Stephen Kiesle im Bistum Oakland wegen Kindesmissbrauchs zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Bischof John Stephen Cummins verbot ihm die Amtsausführung (Suspension).Bischof Salvatore Cordileone: Bishop details local, Vatican actions in Kiesle case catholicvoiceoakland.org, 26. April 2010. (Cordileone war von März 2009 bis Juli 2012 Bischof von Oakland.) und wollte ihn aus dem Priesteramt entfernen. Obwohl dies im Kirchenrecht grundsätzlich vorgesehen war, waren die Verfahrenshürden so hoch, dass es sich in der Praxis nicht umsetzen ließ. Daher wandte sich Bischof Cummins und Kiesle 1981 an die Glaubenskongregation und baten um die freiwillige Laisierung. Ein Jahr zuvor hatte allerdings Papst Johannes Paul II die Laisierung von Priestern unter 40 untersagt. Daher wurde der Antrag 1982 von Joseph Ratzinger mit Hinweis auf das Alter Kiesles zunächst abgelehnt. Erst 1987 stimmte er, einen Tag vor Kiesles 40. Geburtstag, der Entlassung zu.Papst wehrt sich gegen neue Vorwürfe aus USA welt.de, 10. April 2010.Dokumente zum Fall Stephen Kiechle bei documents.nytimes.com. 2004 wurde Kiesle wegen Missbrauchs eines 15-jährigen Mädchens zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt. Das Bistum Oakland entschädigte im Jahr 2005 acht Opfer Kiesles und wurde danach von weiteren Opfern Kiesles verklagt.

Stephen Joseph Rossetti benannte als ersten öffentlichkeitswirksamen Fall in den USA denjenigen des Priesters Gilbert Gauthe im Bistum Lafayette, Louisiana.Stephen Joseph Rossetti: A tragic grace, 1996, S. 5. Gauthe wurde 1985 wegen sexuellen Missbrauchs in mehr als 30 Fällen zu einer 20-jährigen Haftstrafe verurteilt.

Im Juni 1985 berichtete der National Catholic Reporter erstmals und mit einem Editorial auf der Titelseite über Kindesmissbrauch in der katholischen KircheEditorial: Pedophilia problem needs tackling und Artikel: Priest child abuse cases victimizing families; bishops lack policy response National Catholic Reporter, 7. Juni 1985. (kurz danach wurde der Bischofskonferenz ein kircheninterner Bericht vorgelegt). Den Autoren Thomas C. Fox und Jason Berry wurde vorgeworfen, sie wollten die katholische Kirche zerstören, bis Berrys Buch Lead us not into temptation (1992)Jason Berry: Lead us not into temptation: Catholic priests and the sexual abuse of children, 1992, ISBN 978-0-252-06812-6. für den Pulitzer-Preis nominiert wurde.Barbara Jentzsch: Pyjama-Party mit Father Gilbert freitag.de, 2. August 2002. 1987 wollte ein Jesuiten-Priester im Vorstand der Zeitung Fox per Misstrauensantrag kündigen, fand aber keine Unterstützung und wurde selbst entlassen.Laura Bauer, Eric Adler: Catholic paper recalls covering child sex scandal a generation ago. news-leader.com, 17. April 2010, dokumentiert bei bishop-accountability.org.

Carl Cannon schrieb 1987 in der lokalen Zeitung San Jose Mercury News eine preisgekrönte Serie über den Kirchenskandal. 2002 war er Präsident der White House Correspondents Association und sagte: „Vor 20 Jahren hatten die Medien Schwierigkeiten, Stories zum Thema Vergewaltigung von Chorknaben zu bringen. Heute ist das anders, weil vor allem die Opfer inzwischen eine andere Haltung haben. Früher glaubten die meisten von ihnen noch, die Kirche werde sich des Problems schon annehmen …“

1989 wurde von einigen Betroffenen die erste Organisation für Missbrauchsopfer gegründet, das Survivors Network of those Abused by Priests (SNAP).

Nach dem Bekanntwerden des Falls von Pater James Porter im Jahr 1992 stellten ehemalige Opfer 79 Strafanzeigen. Gegen den Pater wurde ein Verfahren eröffnet.»Gott würde es billigen« spiegel.de, 13. März 1995. Die Journalisten Elinor Burkett und Frank Bruni sammelten und dokumentierten daraufhin weitere Fälle von Missbrauch in der katholischen Kirche und veröffentlichten sie 1993 als Buch, das 1995 mit dem Titel Das Buch der Schande auch auf Deutsch erschien.Elinor Burkett, Frank Bruni: Das Buch der Schande. Kinder, sexueller Missbrauch und die katholische Kirche. Europa Verlag, Wien 1995, ISBN 3-203-51242-4.

1993 wurde der irische Priester Oliver O’Grady wegen Missbrauchs von zwei Brüdern in Kalifornien zu 14 Jahren Haft verurteilt. Im Jahr 2000 kam er auf Bewährung frei und kehrte nach Irland zurück. Der Dokumentarfilm Deliver Us from Evil (2006) schildert den Fall O’Grady und wirft Kardinal Roger Mahony Vertuschung vor.

Eine Untersuchung aus dem Jahr 1993 bezüglich der St.-Anthony-Schule in Kalifornien ergab, dass im Zeitraum 1964 bis 1987 elf Täter mindestens 34 Opfer im Alter zwischen sieben und 14 Jahren missbraucht hatten.Santa Barbara Franciscans report decades of sex abuse In: National Catholic Reporter, 10. Dezember 1993 (archivierte Webseite). Der Bericht wies auch auf die seelischen Folgen für die Opfer hin.St. Anthony’s Seminary Report, November 1993 (PDF).

Nachdem sich Vorwürfe gegen den Priester Lawrence C. Murphy im Erzbistum Milwaukee gehäuft hatten, veranlasste Erzbischof Rembert Weakland 1993 eine eingehende Befragung des Priesters. Murphy gab zu, dass er zwischen 1950 und 1974 an einer Schule für Gehörlose bis zu 200 Jungen sexuell missbraucht hatte. 1996 leitete der Erzbischof ein kircheninternes Verfahren ein. Murphy starb 1998 während des Verfahrens.Die Mär vom reuigen Leben des Pater Murphy zeit.de, 7. April 2010.

Bostoner Skandal (2002) Ein Team investigativer Journalisten der Tageszeitung The Boston Globe deckte Anfang 2002 auf, dass der Priester John Geoghan, der mehr als 100 Kinder missbraucht hatte, von Erzbischof Bernard Francis Law und anderen Verantwortlichen im Erzbistum Boston lange gedeckt worden war. Wiederholt hatten sie Geoghan innerhalb des Erzbistums versetzt und damit weiteren Missbrauch ermöglicht.Church allowed abuse by priest for years bostonglobe.com, 6. Januar 2002.Boston: Der Skandal, um den es in "Spotlight" geht sueddeutsche.de, 29. Februar 2016. Der Boston Globe fragte: „Warum brauchten drei aufeinanderfolgende Kardinäle und viele Bischöfe 34 Jahre, um Kinder von Geoghan fernzuhalten?“ Auch in anderen Fällen war die Kirchenführung Hinweisen auf Fehlverhalten nicht juristisch nachgegangen, sondern versetzte die Priester nur in andere Gemeinden.Millionen für Missbrauchsopfer: US-Kirche kauft sich frei n-tv.de, 16. Juli 2007. Kritiker in den eigenen Reihen brachte die Kirche im Erzbistum Boston zum Schweigen, zum Beispiel indem sie protestierende Pfarrer ebenfalls in andere Gemeinden versetzte. Erzbischof Law gab im Februar 2002 auf öffentlichen Druck hin die Namen von 90 Priestern preis, die des sexuellen Missbrauchs von Kindern beschuldigt wurden. Im Dezember 2002 trat er zurück.Presseamt des Heiligen Stuhls: Bollettino vom 13. Dezember 2002 (italienisch) und Erklärung von Bernard Francis Law (englisch), vatican.va.

Der Boston Globe veröffentlichte im Jahr 2002 mehr als 20 Artikel über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche und löste damit einen Skandal aus, der „die katholische Kirche in den USA in ihren Grundfesten erschüttern sollte“, wie die Süddeutsche Zeitung rückblickend schrieb. Fünf Priester des Erzbistums Boston, darunter Geoghan, kamen vor Gericht. In der Folge tauchten tausende weitere Missbrauchsfälle auf, auch in anderen Ländern wie Irland, Australien und Kanada. Dabei zeigte sich immer wieder die Strategie der katholischen Kirche, Missbrauchsfälle möglichst zu vertuschen. Der Bostoner Skandal stürzte die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten in eine schwere Krise. Sie war nun genötigt, sich ernsthaft um Aufarbeitung und Prävention zu bemühen (siehe Reaktionen auf den Bostoner Skandal).

Der Boston Globe wurde im Jahr 2003 für seine bahnbrechende Artikelserie mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.The 2003 Pulitzer Prize Winner in Public Service: The Boston Globe pulitzer.org Die Recherchearbeiten des Boston Globe werden in dem Spielfilm Spotlight nachgezeichnet, der im September 2015 Premiere hatte. Das Filmdrama wurde 2016 mit dem Oscar als Bester Film und dem Oscar für das Beste Originaldrehbuch ausgezeichnet.

Entwicklung seit 2002 Im Jahr 2004 wurden laut einer Erklärung der Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten 1092 neue Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs gegen 756 Priester und Diakone erhoben. Die meisten Beschuldigten waren schon gestorben oder übten ihr Amt nicht mehr aus. Gegen etwa die Hälfte der Beschuldigten hatte es schon in vorigen Jahren Missbrauchsvorwürfe gegeben.Bishops report over 1,000 abuse claims nbcnews.com, 18. Februar 2005.

Im Jahr 2005 wurde Prälat Carlos Urrutigoity, ein früheres Mitglied der Priesterbruderschaft St. Pius X., vom Bistum Scranton wegen sexuellen Missbrauchs eines Jugendlichen suspendiert. Durch die Zahlung einer Entschädigung von 450.000 US-Dollar an sein Opfer entging er einer strafrechtlichen Verurteilung. Danach wurde er im Bistum Ciudad del Este in Paraguay wieder als Priester eingesetzt, von 2012 bis 2014 außerdem als Generalvikar von Bischof Rogelio Ricardo Livieres Plano.Millonaria indemnización salvó a Urrutigoity, acusado de pedofilia abc.com.py, 7. Juni 2014. Im Jahr 2014 wurden Urrutigoity von Livieres Plano und Letzterer von Papst Franziskus abgesetzt.Fr Lombardi on the situation in Ciudad del Este, Paraguay Radio Vatikan, 30. Juli 2014.Rinunce e nomine press.vatican.va, 25. September 2014.