Günter Berndt (* 9. April 1932 in Landeshut, Provinz Niederschlesien; † 3. Januar 2026 in Berlin) war ein deutscher evangelischer Theologe. Er war Direktor der Evangelischen Akademie Berlin, Vorstand der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, Aktivist für deutsch-polnische Versöhnung und Mitherausgeber des Buchs Polen – ein Schauermärchen. Er war Ehrendoktor der Christlichen Theologischen Akademie Warschau.
Lebenslauf Günter Berndt studierte Theologie in Bethel, Wien und Göttingen. Nach seiner Ordination zum evangelischen Geistlichen war er von 1959 bis 1965 Gemeindepfarrer und Schülerpfarrer in Wolfenbüttel. 1965 bis 1969 wirkte er dort als Landesjugendpfarrer der Braunschweigischen Landeskirche. Im Oktober 1969 wechselte er von Wolfenbüttel nach West-Berlin und nahm dort eine Tätigkeit als Studienleiter an der Evangelischen Akademie Berlin auf.Biografische Angaben bis 1969 nach Polen – ein Schauermärchen oder Gehirnwäsche für Generationen. Geschichtsschreibung und Schulbücher. Beiträge zum Polenbild der Deutschen. Herausgegeben von Günter Berndt und Reinhard Strecker. rororo aktuell Band 1500, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1971, S. 141 („Die Autoren“). 1972 übernahm er die Akademieleitung und blieb bis 1978 Direktor der Berliner Akademie.Biografische Angabe bis 1978 nach Wikipedia-Eintrag Evangelische Akademie zu Berlin Anschließend kehrte Berndt in den Pfarrdienst zurück. Von 1978 bis 1994 arbeitete er als Gemeindepfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Genezareth in Berlin-Neukölln, der damals größten Kirchengemeinde in West-Berlin, unter anderen zusammen mit Pfarrer Weckerling. In den Jahren 1978 bis 1991 engagierte er sich zudem ehrenamtlich als Vorstand in der Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste. Nach seiner Pensionierung 1994 zog er zunächst nach Friedersdorf, wo er und seine Ehefrau Brigitte weiter aktiv in der dortigen Kirchengemeinde mitwirkten. Seit 2010 lebte Berndt, nunmehr im Ruhestand, wieder in Berlin. Aus der Ehe sind drei Töchter und zwei Söhne hervorgegangen, eine Tochter starb 2019.Biografische Angaben seit 1978 nach Martin Berndt, Sohn von Günter und Brigitte Berndt, E-Mail-Auskunft vom 13. und 15. März 2021 sowie vom 28. April 2021. Brigitte Berndt, geb. Schöne, ist die ältere Schwester des Opernsängers Wolfgang Schöne.
Politisches Engagement Die Impulse der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und der Studentenbewegung erreichten in den späten 1960er-Jahren die Braunschweigische Landeskirche und regten dort lebhafte Diskussionen an, an denen sich Günter Berndt beteiligte. Innerkirchlich war es die kritische Theologie, die in die Gemeinden einzog und dort für heftige Auseinandersetzungen und persönliche Spannungen sorgte. „Mitarbeiter der damaligen Jugendarbeit sahen auf die Dauer in der Landeskirche keine Chance mehr, erfolgreich in ihrem Sinne zu arbeiten. Der Landesjugendpfarrer Günter Berndt ging nach Berlin“.Dietrich Kuessner: Die lesende Gemeinde. Der Grundsatzstreit: Wie ist die Bibel zu lesen und zu verstehen? Kapitel 5 in: Die Braunschweiger Landeskirche in den 70er Jahren und ihr Bischof Gerhard Heintze. Wendeburg 2014. Zitiert nach der Online-Fassung des Kapitels 5 auf der Website Kirche von unten – Die Braunschweiger Landeskirche in den 70er Jahren und ihr Bischof Gerhard Heintze. Hier engagierte sich Berndt in der West-Berliner Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste e.V., die sich der Aussöhnung besonders auch mit den östlichen Nachbarländern verschrieben hatte, nutzte seine neuen Möglichkeiten als Studienleiter der Evangelischen Akademie Berlin und gab seinerseits Impulse, indem er gleich zu Beginn seiner Amtszeit im November 1969 im Rahmen der Polnischen Wochen zu einer Studientagung mit dem Thema „Polen im Unterricht“ in die Akademie einlud. Die Schulbuchtagung der Evangelischen Akademie vom 25. bis 27. November 1969 endete mit der Verabschiedung einer Resolution, in der die Teilnehmer „die sofortige Vorbereitung einer polnisch-deutschen Schulbuchkonferenz zur Ausarbeitung neuer Kriterien für die Behandlung Polens im deutschen Schulbuch“ forderten.Resolution der Schulbuchtagung „Polen im Unterricht“ vom 27. November 1969, gezeichnet Günter Berndt, Studienleiter der Ev. Akademie. In: Polen – ein Schauermärchen oder Gehirnwäsche für Generationen. Geschichtsschreibung und Schulbücher. Beiträge zum Polenbild der Deutschen. Herausgegeben von Günter Berndt und Reinhard Strecker. rororo aktuell Band 1500, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1971, S. 108.
„Polen – ein Schauermärchen“ und die Gründung der deutsch-polnischen Schulbuchkommission Nach der Tagung vom November 1969 „beschlossen einige Teilnehmer, eine gründlichere Untersuchung zu erarbeiten, statt nur die Protokolle und Ergebnisse der Tagung zu publizieren“Das schreiben Günter Berndt und Reinhard Strecker im Juni 1971 in ihrem Vorwort zu dem von ihnen herausgegebenen Sammelband Polen – ein Schauermärchen, S. 7, der diese „gründlichere Untersuchung“ beinhaltet. und gründeten einen Arbeitskreis, „der unter dem Namen Arbeitskreis Nachbar Polen bekannt wurde“.Das berichtet Krzysztof Ruchniewicz in seinem Online-Essay Die politischen Hindernisse im Kulturaustausch zwischen der Volksrepublik Polen, der Bundesrepublik Deutschland und der DDR – am Beispiel der Arbeit der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission in den Jahren 1972-1989. Text vom 2. Januar 2013, veröffentlicht auf bpb online – Bundeszentrale für politische Bildung. „Ein Jahr später, im November 1970, organisierte Berndt eine zweite Konferenz zum Thema ‚Deutschland im polnischen Schulbuch’. An dieser Konferenz nahmen zum ersten Mal polnische Wissenschaftler teil.“Krzysztof Ruchniewicz, ebenda. Drei Wochen später, am 7. Dezember 1970, ereignete sich der Kniefall von Warschau, als der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt die Stadt besuchte, um dort den Warschauer Vertrag zu unterzeichnen.
Die Unterzeichnung des Vertrags zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen über die Grundlagen der Normalisierung ihrer gegenseitigen Beziehungen am 7. Dezember 1970 „schuf in beiden Ländern günstige politische Rahmenbedingungen und ein positives Klima zum Beginn einer systematischen Zusammenarbeit von Wissenschaftlern, Pädagogen und Schulbuchautoren.“Krzysztof Ruchniewicz, ebenda. Seit Beginn des Jahres 1971 ging es in bilateralen Verhandlungen um die Gründung einer Expertenkommission und einer Kommission der Schulbuchverleger. Im August 1971 erschien der rororo-aktuell-Band 1500 Polen – ein Schauermärchen mit einem Umschlagfoto, das Bundeskanzler Willy Brandt „kniend am Ehrenmal für die jüdischen Toten in Warschau“Copyright-Information des im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, veröffentlichten rororo-aktuell-Bandes 1500 vom August 1971. zeigt, und einem nachdrücklichen Plädoyer für die Einrichtung „ständiger“ deutsch-polnischer Schulbuchkonferenzen. So lautete die Forderung der im Dokumententeil des Bandes veröffentlichten Erklärung zur Tagung der Evangelischen Akademie vom 13.–15. November 1970 zum Thema „Deutschland im polnischen Schulbuch“.Erklärung zur Tagung der Evangelischen Akademie vom 13. bis 15. November 1970 „Deutschland im polnischen Schulbuch“ vom 15. November 1970, gezeichnet Günter Berndt, Armin Dross, Dr. Immanuel Geiss, Dr. Jörg Hoensch, Dr. Enna Meyer, Reinhard Strecker. In: Polen – ein Schauermärchen, S. 108–109.
Und tatsächlich wurde, nur ein halbes Jahr nach dem Erscheinen von Polen – ein Schauermärchen, im Februar 1972 die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission „unter dem Dach der UNESCO-Kommissionen beider Länder gegründet“.Geschichte der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission. Online-Publikation, veröffentlicht auf der Website der . Die Schulbuchkommission „war ein früher Versuch, nationale Sichtweisen auf die Geschichte zu überwinden, sowohl konfliktbeladene als auch verbindende Elemente der Geschichte zum Thema zu machen und zu einer gemeinsamen Darstellung zu kommen.“Geschichte der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission, ebenda. Nach vier Jahren Dialog verabschiedete die Gemeinsame Kommission 1976 schließlich ihre Empfehlungen für die Schulbücher der Geschichte und Geographie in der Bundesrepublik Deutschland und in der Volksrepublik Polen.Empfehlungen für die Schulbücher der Geschichte und Geographie in der Bundesrepublik Deutschland und in der Volksrepublik Polen. unter Geschichte der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission.
Die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission – sie besteht bis heute (Stand: 2021) – würdigte 2007 aus Anlass ihres 35-jährigen Bestehens in einer Ausstellung zur Geschichte ihres Zustandekommens den Beitrag von Polen – ein Schauermärchen.Ausstellung „Schulbücher im Fadenkreuz von Wissenschaft und Politik: 35 Jahre Gemeinsame deutsch-polnische Schulbuchkommission“, erstmals im Februar 2007 in Berlin gezeigt und . Banner 7 trägt die Überschrift Polen – ein Schauermärchen? (mit Fragezeichen) und zeigt den Buchumschlag des rororo-Bandes. Der eine titelgebende Text dieses Sammelbandes von 1971, Polen ein Schauermärchen – Das Polenbild der Deutschen, stammte aus der Feder von Günter Berndt, der andere, Gehirnwäsche für Generationen, aus der von Reinhard Strecker.Günter Berndt: Polen ein Schauermärchen – Das Polenbild der Deutschen. In: Polen – ein Schauermärchen, S. 8–15. Reinhard Strecker: Gehirnwäsche für Generationen. Ebenda, S. 16–53. In dem Sammelband gibt es zwei weitere längere Beiträge, Eine Analyse der Sozialkundebücher, S. 67–91, und Eine Analyse der Erdkundebücher, S. 54–66. Koautor der letzteren war Norbert H. Weber, seinerzeit Doktorand für Erziehungswissenschaft an der FU Berlin, der später Professor für Erziehungswissenschaft / Allgemeine Didaktik an der TU Berlin wurde und bis zu seiner Emeritierung „Aktivitäten im deutsch-polnischen Dialog“ entfaltete, für die er 2006 das Bundesverdienstkreuz erhielt.
Die Evangelische Akademie Berlin als Ort der Begegnung und des Ost-West-Gesprächs Bald nach der Veröffentlichung des Polen-Buchs wurde Günter Berndt 1972 zum Direktor der Evangelischen Akademie Berlin berufen und konnte sein Anliegen, die Ostverträge mit Leben zu erfüllen, aus einer Leitungsposition heraus umsetzen und Begegnungsmöglichkeiten von Ost und West schaffen. Er machte die West-Berliner Akademie in den 1970er-Jahren zu einem Ort der Begegnung und des Austauschs mit Funktionsträgern aus den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang einschließlich der Sowjetunion.
Diese Veranstaltungspolitik wusste sich im Einklang mit dem damaligen Landesbischof Kurt Scharf, der sich seinerseits besonders für die Versöhnung mit Polen einsetzte. Als Scharf 1976 aus dem Amt schied und ihm Martin Kruse als Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg folgte, mehrten sich jene Stimmen innerhalb der Kirche, die bereits Ende der 1960er-Jahre Vorbehalte gegenüber dem Dialog mit APO und Studentenbewegung, seit Beginn der 1970er-Jahre Bedenken gegenüber dem Ost-West-Dialog geäußert hatten, weil zu der Zeit überwiegend privilegierte Parteikader und loyale Kirchenfunktionäre aus dem Osten in den Westen reisen durften – und kaum Abgesandte aus dem gemeinen Kirchenvolk.
Das Jahr 1976 war nicht nur hinsichtlich des Bischofswechsels innerkirchlich ein Wendejahr, sondern auch, weil die Evangelische Akademie seit Februar 1976 „aus Rentabilitätsgründen keine selbständige Einrichtung mehr“ war, sondern dem Evangelischen Bildungswerk als einer von fünf Fachbereichen zugeordnet wurde.Der Tagesspiegel vom 12. Februar 1977. Der Artikel mit der Überschrift Kritische Phase zum 25jährigen Jubiläum der Akademie ist mit dem Kürzel (Tsp) unterzeichnet, das für Tagesspiegel steht. Der Verlust der Selbstständigkeit machte es Kritikern des Konzepts der „politischen Diakonie“, wie Berndt sie verstand, leichter, ihrem Unbehagen an der „Einseitigkeit“ der politischen Orientierung der Akademie Abhilfe zu verschaffen.