mini|Milan Kundera (1980) Abschiedswalzer (tschechisch: Valčík na rozloučenou) ist der Titel eines 1972 vollendeten und 19791976 erschien eine französische Übersetzung, La valse aux adieux, nachdem Kundera 1975 emigriert war. Die endgültige genehmigte Fassung wurde 1986 ebenfalls auf Französisch bei Gallimard veröffentlicht. in tschechischer Spracheim Exilverlag Sixty-Eight Publishers in Toronto veröffentlichten Romans des tschechisch-französischen Schriftstellers Milan Kundera. Erzählt wird vor dem Hintergrund der politischen Situation des Landes die tragische Beziehungsgeschichte einer Krankenschwester und eines Musikers. Die erste deutsche Übersetzung von Franz Peter Künzel erschien 1977,im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; . eine neue Übersetzung von Susanna Roth wurde 1989 veröffentlicht.im Carl Hanser Verlag München, Wien; .
Überblick Die Handlung spielt, den Romankapiteln entsprechend, an fünf Tagen in einem nicht namentlich benannten böhmischen Bade- und Kurort. Dessen heilender Sprudel soll Frauen angeblich der Fruchtbarkeit zuträglich sein. Einzig die geographischen Beschreibungen Gebirge und Tal sowie die beiden Hotels Marxhaus und Richmond deuten auf Karlsbad hin. Rosa, die als Krankenschwester arbeitet und an diesem Ort geboren wurde, hat den Traum, dass sie eines Tages fortgehen kann aus dem öden Fleckchen. Bei der Erkenntnis, dass sie schwanger ist, meldet sie sich beim Trompeter Klima in Prag, der Auftritte im Richmond hatte, mit dem sie eine Nacht verbracht hat, und behauptet, das Kind sei von ihm. Der Musiker, der verheiratet ist, drängt zur Abtreibung. Zwei Monate zuvor hatte sie tatsächlich eine kurze Affäre mit dem Trompeter Klima, als dieser in der Stadt gastierte. Am dritten Tag tritt mit der Ankunft des Regimekritikers Jakub und seines Mündels Olga eine weitere schwierige, durch die politische Vergangenheit belastete personale Beziehung in die Handlung ein, und dies führt in einer Zufallskette auf tragische Weise zu Rosas Tod. Zwei weitere Protagonisten, der Arzt Skreta und der Patient Bertlef, greifen indirekt, als Katalysatoren, in das Geschehen ein.
Handlung Dreieck Klima–Rosa–Franta Der ca. 30-jährige prominente Kapellmeister und Trompeter Klima erhält von der Krankenschwester Rosa (Růžena) die Nachricht (Kap. 1), sie sei von ihm schwanger, als Folge von zwei Nachtstunden vor zwei Monaten nach einem Konzert im Kurort. Damals hatte der reiche Amerikaner Bertlef die Musiker und einige Krankenschwestern zu einer Party in sein Appartement im Jugendstil-Gästehaus „Richmond“ eingeladen. Vater des Kindes könnte jedoch auch der Monteur Franta (František) sein. Er liebt Rosa und will sie heiraten. Sie sieht in ihm aber nur einen Sexualpartner und keinen Mann für ihre Zukunft: Er ist jünger als sie, sie findet ihn nicht attraktiv und lehnt eine mit ihm zu erwartende langweilige Provinzehe ab. Ihre intimen Kontakte versucht sie geheim zu halten. Wenn er sie in der Öffentlichkeit anspricht, reagiert sie verärgert und sagt ihm, dass sie sich nicht an ihn gebunden fühlt. Klima ist im Gegensatz zu ihm gutaussehend und als Prager interessant. Sie hat sich deshalb für ihn als Vater entschieden. Beiden Partnern gegenüber leugnet sie ihre sexuellen Beziehungen mit anderen Männern.
Dreieck Rosa–Klima–Kamila Klima trennt in seinem Leben Sex und Liebe. Er hatte schon viele kurze Affären, aber er liebt allein seine schöne Frau Kamila, die wegen ihrer schwachen Gesundheit ihre Karriere als Sängerin aufgeben musste. Sie ist krankhaft eifersüchtig und vermutet ständig die Untreue ihres Mannes, aber ihr fehlen die Beweise. Ob er die Wahrheit sagt oder nicht, sie misstraut all seinen Erklärungen über seine Abwesenheit wegen unaufschiebbarer Termine, stellt ihm aber Fragen über seine angeblichen oder tatsächlichen Konferenzen, um ihm zu beweisen, dass sie nicht an deren Existenz zweifelt. Er weiß das, spielt aber das Versteckspiel mit und tut so, als ob sie ihm glaube. Nach Rosas Anruf berät Klima sich mit seinen Kollegen darüber, wie er reagieren soll. Sie nennen ihm drei Möglichkeiten: Er könnte die Verantwortung wegen Ungewissheit der Vaterschaft ablehnen. Sie wären bereit, vor Gericht zu beeiden, ebenfalls mit Rosa Sex gehabt zu haben. Er könnte sie mit Hinweis auf seine Ehe oder Karriere zu einer Abtreibung bewegen. Er entscheidet sich für die dritte Variante, spielt ihr am Telefon seine Verliebtheit vor und kündigt seinen Besuch am nächsten Tag an. Im Gespräch will er sie zum Abbruch überreden.
Klima reist am nächsten Tag (Kap. 2) in den Badeort und erklärt Bertlef, der durch das Fest indirekt Klima und Rosa zusammengebracht hat, jeder Seitensprung sei eine Verstärkung seiner Liebe zu seiner Frau. Rosa sei nur eine Bekräftigung seiner monogamen Liebe gewesen. Der Amerikaner sieht als Ursache für Klimas Ablehnung Rosas seine übergroße Liebe zu seiner Frau und verurteilt dies als Versündigung und Verachtung aller anderen Kreaturen. Er rät ihm, Mitleid mit Rosa zu haben. Er solle versuchen, sie zu lieben, dann würde sie nichts unternehmen, was ihm schaden könnte. Bertlef ist aus religiösen Gründen zwar gegen Schwangerschaftsabbrüche, er geriet aber als junger Mann in eine ähnliche Situation und arrangiert deshalb ein Gespräch mit dem Frauenarzt Skreta. Der ist zu dem Eingriff bereit und fordert als Gegenleistung ein gemeinsames Konzert des Profis mit zwei Amateuren: Klima als Trompeter, er als Schlagzeuger und der Apotheker am Klavier.
Anschließend trifft Klima Rosa im Restaurant und spielt ihre seine Liebe vor. Sie reagiert verärgert: Erst habe er sich zwei Monate nicht um sie gekümmert und jetzt trete er als Verliebter auf. Sie merkt, welche Macht sie durch ihre Schwangerschaft über ihn hat, und lehnt eine Abtreibung ab. Er verstärkt seine Versprechungen: Er verschaffe ihr einen Arbeitsplatz in Prag. Dort könnten sie ihre Beziehung aufbauen, allerdings zuerst ohne Kind, um sich auf ihre Partnerschaft zu konzentrieren. Sie sieht in diesem Plan für sich eine Perspektive und stimmt zu. Im Lauf der Romanhandlung ändert sie jedoch noch zweimal ihre Meinung (Kap. 3 und 4). Ihre Kolleginnen warnen sie nämlich davor, auf Klimas Vorschläge einzugehen. Nach der Abtreibung habe sie kein Druckmittel mehr und er werde sie nicht mit nach Prag nehmen und nicht heiraten. Damit Rosa das Gespräch unaufgeregt führen kann, geben sie ihr ein Röhrchen mit Beruhigungstabletten. Beim nächsten Treffen mit Klima weigert sich Rosa, das Kind abtreiben zu lassen, mit der Begründung, dies wäre unmoralisch. Am Ende des Romans stimmt sie wieder zu, nachdem sie durch eine zufällige Begegnung mit der schönen Kamila ihre Hoffnung auf eine Ehe mit Klima aufgegeben und eine echte Liebesnacht mit Bertlef verbracht hat (Kap. 4). Sie möchte nun ein eigenständiges Leben führen. (Kap. 5)
Zur Begegnung Rosas mit Kamila kommt es durch deren Fahrt in den Kurort. Sie will sich diesmal mit eigenen Augen von Klimas Untreue überzeugen (Kap. 4), denn sie glaubt nicht an sein Konzert. Im Kurort trifft sie auf ein Filmteam, das für die Wochenschau den Badebetrieb gefilmt hat. Es sind alte Bekannte aus ihrer Theaterzeit, und sie feiert, auch um ihre Probleme zu vergessen, mit ihnen das Wiedersehen in einem Lokal. Rosa kommt vorbei und wird vom Regisseur, der sie von den Dreharbeiten her kennt, zum Mittrinken eingeladen. Aus dem Gespräch heraus wird ihr klar, dass ihr Frau Klima gegenübersitzt. Alkoholisiert flirten alle miteinander und der Kameramann umarmt Rosa. Sie spielt zuerst mit, weist ihn aber zurück, als er zudringlich wird, und es kommt zu einem Streit. Plötzlich taucht Bertlef auf, nimmt Rosa in Schutz, fordert für sie einen respektvollen Umgang und lädt alle zum versöhnlichen Umtrunk ein. Nachdem sich die Situation beruhigt hat, geht Bertlef mit Rosa zum Konzert und anschließend in sein Appartement. Er sagt ihr, dass er sie schon lange beobachte und sie liebe. Ihr gefällt seine gefühlvolle Art und sie werden miteinander intim. Rosas Selbstwertgefühl steigt durch Bertlefs Zuwendung, und sie fühlt sich von Klima und Franta befreit.
Nachdem Kamila auch im Konzert keine Spur von einer Geliebten Klimas gefunden hat, geht sie mit ihm auf sein Zimmer im „Richmond“ und versucht ihn zum Sex anzuregen und seine Erektion zu testen. Dass er dazu nicht in der Lage ist, sieht sie als Beweis für seine Untreue an. (Kap. 4). Andererseits ist sie im Kurbad von anderen Männern umworben worden. Auch Jakub macht ihr, als er ihr auf dem Weg aus der Stadt begegnet, Komplimente wegen ihrer Schönheit. Sie hat erkannt, dass sie durch ihre Eifersucht nur auf Klima konzentriert war, der diese Zuwendung nicht verdient hat, und den Blick für die Welt verlor. (Kap. 5)
Jakub und Olga Im 3. Kapitel treten weitere Personen in die Handlung ein, setzen neue thematische Akzente und vernetzen sich mit dem bereits bekannten Personal.
Der 45-jährige Jakub war während der stalinistischen Säuberungen zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Er gilt als Dissident und hat jetzt endlich die Ausreisegenehmigung erhalten. Er ist in den Kurort gekommen, um sich von Skreta und seinem Mündel Olga zu verabschieden. Skreta hatte ihm, als Jakub vor mehr als 15 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde, eine Giftpille für den Fall einer neuen Inhaftierung oder eines harten Verhörs hergestellt, Jakub hat sie immer bei sich getragen und will sie ihm vor seiner Ausreise zurückgeben. Doch Skreta erwidert, er solle sie behalten, sie könne ihm noch einmal nützlich sein.
Olga ist die Tochter eines alten Freundes von Jakub. Als sie 7 Jahre alt war, wurde der kommunistische Vater im Rahmen der Säuberung verhaftet, saß zusammen mit Regimekritikern, die er vorher bekämpft hatte, im Gefängnis und wurde schließlich hingerichtet. Auch auf Olga wirkte sich die Verurteilung aus: Sie musste mit ihrer Mutter die Stadt verlassen und in ein Bergdorf ziehen. Sie durfte nicht studieren. Jakub nahm sich später des verwaisten Kindes an und besorgte ihr wegen ihrer psychischen Probleme einen Behandlungsplatz bei Skreta. Jetzt, nach der Rehabilitierung des Vaters, darf sie studieren. Sie spricht mit Jakub über die Vergangenheit und will wissen, ob ihr Vater vor seiner Verhaftung als kommunistischer Politiker an Prozessen gegen Regimegegner und deren Verurteilung beteiligt war. Jakub will sie schonen und verschweigt ihr, dass der alte Freund, ein halbes Jahr vor seiner eigenen Inhaftierung, ausgesagt hat, er sei ein Feind der Revolution, und damit zu seiner Verurteilung beigetragen und sogar seine Hinrichtung in Kauf genommen hat (Kap. 5).
Olgas Gesundung ist gut vorangeschritten und sie steht am Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Deshalb ist sie über die Auswanderung ihres Ersatzvaters nicht unglücklich. Sie will studieren und möchte von Jakub nicht wie eine Tochter, sondern als Frau behandelt werden. Deshalb geht sie nach dem Konzert mit ihm auf sein Zimmer und verführt ihn gegen seinen Willen. Ihr geht es dabei nicht um Liebe, sondern um Selbstbestätigung und Befreiung aus der Pflegetochter-Rolle. Während sie die Initiative ergreift, denkt er an das Gift in Rosas Tasche. (Kap. 4)
Die Gifttablette mini|Marxhaus in Karlsbad oder Karlovy Vary, heute wieder Olympic Palace