Das Kleinkastell Khirbet el-Kithara (arabisch: Khirbat, Chirba = Ruinenstätte) ist ein römisches und byzantinisches Militärlager an der während der Regierungszeit des Kaisers Trajan (98–117) im Jahr 106 n. Chr. durch die Legio III Cyrenaica errichteten Via Traiana NovaHans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Romanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 36. am Limes Arabicus. Die Garnison gehörte zunächst zur Provinz Arabia und wurde während der Regierungszeit des Kaisers Diokletian (284–305) der neugegründeten Provinz Palaestina Tertia zugeschlagen. Die in dieser Fortifikation stationierte, bisher unbekannte Einheit war unter anderem für die Überwachung und Sicherung eines Straßenabschnitts in dieser Grenzzone des Reiches verantwortlich. Khirbet el-Khalde befindet sich im Gouvernement Aqaba im Süden von Jordanien.
Lage Die zum Grenzschutz abkommandierten militärischen Verbände der römischen Streitkräfte kontrollierten an den Außenposten des Reiches Stammesbewegungen insbesondere entlang der wichtigen Migrationsrouten, da den örtlichen Grenzschutzkommandeuren das zyklische Muster des Nomadenlebens bewusst war. Die Nomadenstämme tendierten dazu, den von der Natur vorgegebenen Wegen und Trassen wie insbesondere den Wadis zu folgen, weshalb gerade dort Militärposten entstanden, wobei die fest stationierten Einheiten auch mittels berittener Patrouillendienste Überwachungs- und Sicherungsarbeit leisteten.Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier. (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1, S. 9.
Am Kleinkastell Khirbet el-Kithara wurde zudem der Verkehr entlang der Via Traiana Nova ob seiner Rechtmäßigkeit kontrolliert und vor Überfällen gesichert. Die verkehrstechnische Erschließung neuerrichteter Provinzen durch den Ausbau bereits vorhandener Wege beziehungsweise die Anlage vollständig neuer Trassen gehörte neben dem Neubau oder der Wiederbesetzung bereits vorhandener einheimischer Befestigungen zu den wichtigsten Aufgaben des Militärs. Gerade die Wachstationen und Garnisonen entlang der bedeutenden Verkehrswege, im Falle der Via Traiana Nova insbesondere auch in Hinblick auf ihre teils grenznahe Trassenführung, beleuchten den für Rom so wichtigen sicherheitspolitischen Gesichtspunkt. Damit gab das Militär dort neben seinen hoheitlichen Aufgaben wie dem Zollwesen, der straßenpolizeilichen Sicherung und dem Grenzschutz ganz allgemein ein wichtiges Signal für die anhaltende Präsenz der römischen Zentralgewalt innerhalb der Provinzen.Oliver Stoll: Ehrenwerte Männer. Veteranen im römischen Nahen Osten der Kaiserzeit. Frank & Timme, Universität Passau, Berlin 2015, ISBN 978-3-7329-0175-3, S. 34–35.
Die Region, in der das Kastell errichtet wurde, befindet sich in der Hisma-Wüste. Diese Wüste, die nördlich des Kastells Hauara beginnt, ist wesentlich heißer und trockener als die nördlich davon gelegenen Abschnitte des jordanischen Limes Arabicus. Fruchtbare Böden und Wasserressourcen sind in der Hisma-Wüste nur sehr begrenzt verfügbar. Anfänglich ist das Land sehr flach und nur durch gelegentliche felsige Erhebungen geprägt. Südlich des Kleinkastells el-Quweira geht die Wüste jedoch in ein bergiges Gebiet über und folgt unter anderem dem sich verengenden Tal des nach Süden hin abfallenden Wadi Yitm vorbei am Quadriburgium Khirbet el-Khalde (Praesidium) bis zu dem rund 16 Kilometer südwestlich gelegenen Khirbet el-Kithara.David L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 192. Dort nimmt das Wadi Yitm das Wadi Yitam al-Imran in sich auf, wird durch die Gebirgsformation nach Westen umgelenkt, um am Golf von Akaba, wenige Kilometer nördlich der Hafen- und Garnisonsstadt Aelana, Ailana oder Aila (heute Aqaba), in das Wadi Araba abzufließen.David L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 202–204; hier: S. 202.
Im Zwickel unmittelbar über den von Nordosten und Süden kommenden Wadis Yitm und Yitam al-Imran befindet sich auf einer überschwemmungssicheren Anhöhe die kleine Fortifikation Khirbet el-Kithara, die mit ihrem Rundumblick nicht nur die beiden Trockentäler beherrscht, sondern auch den weiteren Verlauf des Wadis Yitm in Richtung Westen. Die modernen Fernstraßen verlaufen an dieser Stelle in einer Entfernung von rund zwei Kilometern nordwestlich zum Garnisonsort,Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier (= American Schools of Oriental Research, Dissertation Series 6), Eisenbrauns, Winona Lake, Indiana 1986, ISBN 0-89757-106-1. S. 109. doch der Eisenbahnbau hat die Anlage kompromisslos durchschnitten und dabei die südliche Umfassungsmauer sowie einen nicht unbedeutenden Teil des Innenraums vollständig zerstört.
Forschungsgeschichte Nach einer Feststellung des österreich-ungarischen Orientalisten Alois Musil (1868–1944) war zu seiner Zeit die Befestigung als „Qasr el Kithara“ bekannt. Der französische Epigraphiker, Ausgräber und Pater Antoine Raphaël Savignac (1874–1951) von der École biblique et archéologique française de Jérusalem sowie der britische Archäologe George Horsfield (1882–1956) besuchten die Anlage, wie Savignac 1932 berichtete.Antoine Raphaël Savignac: Notes de voyage. Le sanctuaire d'Allat à Iram. In: Revue biblique 43, S. 581–597; hier: S. 594–595. Am 6. April 1934 reiste der Biblische Archäologe Nelson Glueck (1900–1971) im Rahmen mehrjähriger Expeditionen der American School of Oriental Research in Jerusalem an dem Fundgelände vorbei. Ein von ihm beabsichtigter Besuch der Fortifikation kam in diesem Jahr nicht zustande. Glueck berichtete, dass die Anlage wohl derselbe Ort sei, der von Lawrence von Arabien (1888–1935) während der Arabischen Revolte gegen das Osmanische Reich (1916–1918) als „Kethera“ beziehungsweise „Kethira“ erwähnt wird. Des Weiteren nahm der Archäologe an, in den Ruinen eine ursprünglich nabatäische und später römische und byzantinische Karawanserei erkennen zu können. 1936 konnte Glueck dann die Garnison, die für ihn immer noch eine Karawanserei war, doch in Augenschein nehmen. Er bezeichnete die Anlage als den wichtigsten nabatäisch-römischen Posten an der Hauptstraße zwischen den nabatäisch-römischen Stätten von el-Kuweirah und Aila.Nelson Glueck: Explorations in Eastern Palestine III (= The Annual of the American Schools of Oriental Research 18/19), 1937–1939, S. 13–15; hier: S. 13.
Sowohl Savignac als auch Glueck kamen nach ihren Recherchen überein, die heute sichtbaren Mauern von Khirbet el-Kithara im Allgemeinen als eine römische Konstruktion zu betrachten, wobei beide einschränkend annahmen, dass das Bauwerk ursprünglich nabatäisch gewesen sein könnte oder, wie Glueck weiter ausführte, zumindest über einem nabatäischen Vorgängerbau errichtet wurde. Der deutsche Theologe Albrecht Alt (1883–1956), der die Anlage ebenfalls besucht hatte, sah in dem architektonischen Konzept der Fortifikation einen genuin römischen Bautypus, der als Zentralhofkastell an die regional gebotenen Umständen angepasst worden war. Glueck schrieb mit Blick auf Khirbet el-Kithara im Jahre 1939: „Unser Wissen über die nabatäische Architektur ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass wir zweifelsfrei zwischen nabatäischen und frührömischen Bauten in Südtransjordanien unterscheiden können; vielleicht wird das nie möglich sein. Die Keramikfunde weisen jedoch, abgesehen von anderen Überlegungen, unmissverständlich auf eine ursprüngliche nabatäische Besiedlung der Stätte hin.“ Er ließ jedoch auch die Möglichkeit offen, das Vorhandensein der nabatäischen Keramik durch die Annahme erklärbar zu machen, dass dieses Bauwerk von den Römern mithilfe nabatäischer Handwerker errichtet wurde, wobei die gelieferten Töpferwaren gleichfalls aus nabatäischen Produktionsstätten stammten.Nelson Glueck: Explorations in Eastern Palestine III (= The Annual of the American Schools of Oriental Research 18/19), 1937–1939, S. 13–15; hier: S. 14.
Im Jahre 1976 nahm der amerikanische Provinzialrömische Archäologe Samuel Thomas Parker (1950–2021) mit seinem Limes-Arabicus-Survey-Project eine erste systematische Feldbegehung am Kleinkastell vor. Anklingend an Mutmaßungen der frühen Forscher kam er 1979 zu dem Schluss, dass Khirbet el-Kithara als ein römisches Bauwerk anzusehen ist, das seiner Meinung nach um die Zeit der römischen Annexion des Nabatäerreiches während der Herrschaft TrajansHans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Romanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 76. errichtet worden war.Samuel Thomas Parker: Towards a history of the Limes Arabicus. In: Roman frontier studies 1979. Papers presented to the 12th International Congress of Roman Frontier Studies (= BAR International Series 71) BAR Publishing, Oxford 1980, S. 865 ff.; hier: S. 866. Dieser Aussage steht in Teilen neueren Überlegungen entgegen, die, ähnlich wie von Savignac und Glueck gemutmaßt, an diesem Ort eine ursprünglich nabatäische Gründung sehen, die in römisch-byzantinischer Zeit erneut genutzt wurde.
Baugeschichte Die auf rund 457 Höhenmetern errichtete Befestigung wurde auf dem nördlichen Ende einer stark erodierten Geländezunge errichtet, die südlich an ein über tausend Meter hohes Bergmassiv anschließt. Die Anlage folgt dabei in groben Zügen den Konturen des unregelmäßig geformten Untergrunds. Der historische und architektonische Aufbau dieser Anlage gestaltet sich archäologisch weniger komplex, als es die Befunde am Kleinkastell Khirbet el-Khalde zulassen. In dieser Hinsicht herrscht in der Wissenschaft weitgehende Einigkeit. Lediglich AltAlbrecht Alt: Studien aus dem Deutschen evang. Institut für Altertumswissenschaft in Jerusalem. 46: Der südliche Endabschnitt der römischen Straße von Bostra nach Aila. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 59, Heft 1/2, 1936, S. 92–111; hier: S. 104–105. sowie teilweise der österreichisch-britische Archäologe Aurel Stein (1862–1943),Shelagh Gregory, David L. Kennedy (Hrsg.): Sir Aurel Stein’s Limes Report. (= BAR International Series 272) BAR Publishing Oxford 1985, ISBN 0-86054-349-8, S. 306–308; 431. der 1939 vor Ort war, wollten anstelle der rechteckigen Wehrtürme runde Grundrisse gesehen haben. Trotz kleiner Unterschiede im Detail stimmen die bei Alt und Stein wiedergegebenen Grundrisse und Abmessungen der Fortifiation sowohl bei Alt als auch bei Stein weitgehend überein. Etwas weiter nördlich des Ruinengeländes befindet sich die Quelle Ain el-Kharaq.