miniatur|Villa Sorra bei Castelfranco Emilia Die Villa Sorra ist ein Landhaus aus dem 17. Jahrhundert in barockem Stil. Es liegt in der Via Prati 50 in der Gemeinde Castelfranco Emilia in der italienischen Region Emilia-Romagna. Seit 1972 gehört das Anwesen den Gemeinden Castelfranco Emilia, Modena, Nonantola und San Cesario sul Panaro.
Der historische Garten der Villa ist einer der bedeutendsten Beispiele eines romantischen Gartens in der Emilia-Romagna. Die Villa Sorra ist ein vorbildliches Zeugnis für das „Vita in Villa“ (dt.: Leben in einem Landhaus), eine alte Tradition, die sehr weit, bis ins römische Zeitalter, zurückgeht, mit dem Sturz des Imperiums außer Mode kam und danach, ab dem 14. Jahrhundert, in vielen italienischen Anwesen wieder aufgenommen wurde, auch infolge des Einflusses von Francesco Petrarca. Wenn wir uns auf das Gebiet der Emilia beschränken, so begann diese Praxis sich vor allen Dingen ab dem 16. Jahrhundert wieder zu verbreiten, als das Gebiet von Bologna unter die Herrschaft des Heiligen Stuhls kam. Die Villa wurde beim Erdbeben in Norditalien 2012 beschädigt, aber im Dezember 2013 wurden die Restaurierungsarbeiten abgeschlossen und die Unbrauchbarkeitsverordnungen konnten für alle Gebäude wieder aufgehoben werden.
Geschichte Von der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts an kaufte Francesco Sorra, aus Modena verschiedene Grundstücke in Castelfranco Emilia in den Ortsteilen Gaggio und Panzano. Die Gemeinde gehörte damals zum Kirchenstaat und lag an der Grenze zum Herzogtum der D’Estes. 1681 erhielt Sorra vom Senat von Bologna das Bürgerrecht und danach die Villa Sorra, die für ihn, den Bürgen von Modena und Bologna und reichen Kaufmann mit wirtschaftlichen Interessen in beiden Städten, an der Grenze zwischen den beiden Territorien gebaut wurde; sogar symbolisch wurde sie so ein Zeichen dieses seines Zustandes. Vielleicht war auch daher sein Wunsch so groß, dass das Anwesen wache und im Laufe der Zeit den Ruhm der Familie weitergebe. Seine testamentarischen Verfügungen von 1690 verpflichteten tatsächlich den zweitgeborenen Sohn, Antonio, (Erbe der väterlichen Güter auf dem Gebiet von Bologna, wogegen der Erstgeborene, Andrea, die auf dem Gebiet von Modena erhielt) die Dimensionen des Anwesens zu vergrößern und durch einen Familienfideikommiss, beschränkt auf die direkten, männlichen Nachkommen, die Nachfolge unveräußerlicher Vermögenswerte einem Erben, der dem Familiennamen Sorra trage, zu garantieren. 1698 verlieh der Herzog von Modena allen Söhnen von Francesco Sorra den Titel eines Grafen und es war genau in diesen Jahren, dass Antonio damit begann, Land zu kaufen und in der Villa in Panzano ein „Casa da Padroni per necessario commodo di villegiare e sopraintendere personalmente alle detti beni“ (dt.: Herrenhaus mit der notwendigen Bequemlichkeit, um die genannten Güter zu beaufsichtigen und persönlich zu überwachen) bauen und einen sehr schönen Garten anlegen zu lassen, der heute noch einer der bemerkenswertesten in der Emilia ist, von dem wir Kenntnis haben.
Antonio Sorra starb 1739 und benannte seinen Neffen Francesco Maria, den Sohn seines Bruders Andrea, als Erben. Francesco Maria starb, ohne direkte Erben zu hinterlassen: Seine Güter im Gebiet von Bologna erbte so Cristoforo Munarini, der erstgeborene Sohn seiner Nichte, Eleonora Sassi, die mit dem Grafen Camillo Munarini verheiratet war. Dem damals minderjährigen Cristoforo wurde auferlegt, seinen Familiennamen in den Namen „Sorra“ zu ändern, aber tatsächlich führte er beide Familiennamen und die Villa Sorra wurde auf damaligen Landkarten auch nur als „Villa Munarini“ bezeichnet.
Es war Cristoforo Munarini-Sorra, der seiner Gattin, der Markgräfin Ippolita Levizzani aus Modena, erlaubte, den Garten im „romantisch-englischen“ Stil umzugestalten. Munarini-Sorra starb 1830 und hinterließ seine Güter zu gleichen Teilen seiner Tochter Costanza und seinem Neffen Giacomo Malvasia, gewährte seiner Witwe aber den Nießbrauch der Villa und des Gartens, die so ihre Arbeiten fortsetzen konnte. Darüber hinaus legte er fest, dass Costanza der vorgenannten Giacomo nachfolgen sollte und ihm seine andere Nichte Eleonora, Schwester von Giacomo und Gattin von Alessandro Fròsini. Schließlich legte er fest, dass nach dem Tod letzterer das Erbe zu gleichen Teilen unter ihren Nachkommen aufgeteilt würde, und folgte so nicht dem von Francesco Sorra verfügten Familienfideikommiss, der vorschrieb, dass ein einziger, männlicher Erbe bestimmt werde, um so das Anwesen unter dem Namen „Sorra“ ungeteilt zu halten. So verkauften die Nachkommen von Eleonora Malvasia Fròsini das Anwesen an Ludovico Cavazza aus Modena.
Nach dem Tod von Ludovico Cavazza 1894 folgte diesem sein Sohn Ercole nach. Dieser verschwand 1926, ohne direkte Erben zu hinterlassen: Seine testamentarischen Verfügungen sahen vor, dass das Anwesen den Nachkommen seines Bruders Gian Battista zufalle, oder, im Falle ihrer Nichtexistenz einer Körperschaft zugunsten der Armen. So geschah es, und 1933 wurde die gemeinnützige Körperschaft „Pio Istituto Coniugi Cavazza“ (dt.: Gemeinnütziges Institut der Eheleute Cavazza) gegründet und vom Erzbistum Modena verwaltet, das 1972 einen Teil des Anwesens, bestehend aus der Villa, dem Garten und den Bauernhöfen „San Cristoforo“, „Conserva“ und „Gruppo“, an die Provinz Modena und an die Gemeinden Modena, Castelfranco Emilia, Nonantola und San Cesario sul Panaro abgab. Die letzte Besitzänderung erfolgte 1983, als die Provinz Modena ihren Anteil an dem Anwesen für einen symbolischen Preis von 100 Lire an die Gemeinde Castelfranco Emilia verkaufte.
Beschreibung Das Landhaus liegt in der Mitte des Anwesens und den Auftrag zu seinem Bau gab Graf Antonio Sorra, dessen Name es heute noch trägt, Anfang des 18. Jahrhunderts an den Planer Giuseppe Antonio Torri. Die Villa besteht aus einem zentralen Baukörper mit quadratischem Grundriss, der in einem Söller kulminiert. Ursprünglich hatte die Villa ein sechseckiges Türmchen, das nach dem Krieg abgerissen wurde. Kürzlich durchgeführte, verlässliche Studien ergaben, dass der Bau in den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts dem Planer Giuseppe Antonio Torri (1655–1713) zugeschrieben werden können, unterstützt von seinem Schüler Francesco Maria Angelini. Ersterem, der zusammen mit seinem Vater an der Spitze des damals bedeutendsten Planungsbüros von Bologna stand, ist die Ausarbeitung des Gesamtprojektes zu verdanken, letzterem die Leitung der Arbeiten und ihre Fertigstellung. Nicht nur Archivdokumente begründen diese neue Hypothese: Auch der stilistische Vergleich lässt diese These wahrscheinlich erscheinen, besonders überzeugend im Falle der Monumentaltreppe des Palazzo Caprara in Bologna und darüber hinaus, der Kirche San Domenico in Modena. Wenn man die generelle Ausstattung betrachtet, erscheint diese auf den ersten Blick als typologischer Hinweis, zum Beispiel auf den Palazzo Albergati in Zola Predosa, aber eine genauere Analyse zeigt, wie hier die Flüssigkeit und die Kontinuität der für die Senatsvillen in Bologna typischen Innenräume fehlen, und es sind noch mehr Hinweise auf die Entstehung im 16. Jahrhundert zu finden, auch illustre; dafür nur ein Beispiel: La Rotonda. Die Teile der Dekoration, die eine aktuellere Kultur zeigen, einen barocken Stil, der von der sehr starken Gestaltung des typologischen Systems befreit ist, können wir dagegen den Arbeiten der Angellinis zuschreiben.
Das Herrenhaus, das aus einem zentralen Baukörper mit darüberliegendem Söller besteht, hatte ursprünglich eine ausgeprägtere Pyramidenform, da es einen aufgesetzten, dritten Baukörper in Gestalt eines sechseckigen Türmchens hatte, der nach dem Krieg als einsturzgefährdet abgerissen und später nie wieder aufgebaut wurde. Die Villa verfügt über einen kompakten Block an der Basis und zwei Vorbauten, die die Eingangsfassade flankieren und so leicht zurückgesetzt sind. Innen hat die Villa eine große, ovale Mittelhalle mit doppelter Stockwerkshöhe, nach oben abgeschlossen durch ein großes, elliptisches Klostergewölbe, ein Dreh- und Angelpunkt, um den herum die Zimmer und Nebenräume symmetrisch und ordentlich angeordnet sind. Tatsächlich gruppieren sich zwei kleinere Säle, vier Appartements (genannt „a Rasetto“, „Rosso“, „Verde“ und „Giallo“), die Kapelle, die Kaisertreppe und zwei Eingangsloggien in der Hauptachse in Ost-West-Richtung und die Mittelhalle herum. Das Innere des Landhauses ist reich mit Bildern geschmückt. Erwähnenswert sind das Dekor des Musikzimmers, das Minerva darstellt, die die Künste krönt, ein Werk des Bolognesers Pietro Fancelli (1764–1850) aus dem 19. Jahrhundert, und das Dekor der Kapelle (Der Glaube und die vier Evangelisten, letztere auf den Eckbeschlägen platziert), das dem Modeneser Francesco Vellani (1688–1766) zugeschrieben wird. In der Mittelhalle gibt es vier großartige Ansichten an den Wänden, die den großen Raum betonen, also „Architettura Fantastica“ (in zwei Versionen), „Atrio Magnifico“ und „Padiglione con Fontana“, im Wesentlichen in barockem Stil. Man kann auch die dekorative Partitur der Kapelle oder die raffinierte Eleganz des „chinesischen“ Saals anführen, ein Ausdruck lebendigen Rokokos, um nicht die vergoldete Täfelung zu erwähnen, die sich die Wände der Apsis in der Kapelle hinaufzieht, oder die in einigen Räumen vorhandenen Ramagen oder Kartuschendekoration mit floralen Einsätzen.
Schließlich verdienen sicherlich die zwölf Temperagemälde auf Jute, die einst die beiden Säle des Hauptgeschosses zierten und vermutlich zwischen 1730 und 1740 entstanden sind, große Beachtung. Heute sind sie nach ihrer Restaurierung im Palazzo Ducale in Sassuolo aufbewahrt und warten auf den Abschluss der Restaurierungsarbeiten am Landhaus. Während die sechs Gemälde, die im kleinen Saal auf der Südseite aufgehängt sind, allegorische Ansichten, dörflichen Müßiggang und Szenen aus dem Landleben darstellen („Veduta fantastica“, „Prospettiva con Rovine“, „Paesaggio e Fontana“, „Veduta con Castello“, „Marina“, „Paesaggio con Architettura“), sind vor allen Dingen die Gemälde des Nordsaales, der sogenannten Camera dipinta a Giardino (dt.: Gemaltes Gartenzimmer) von größerem Interesse, weil sie ganz getreu, sozusagen fotografisch, die Ausstattung des Gartens im 18. Jahrhundert abbilden. In dem Saal, der früher als Speisezimmer und später als Billardsaal diente, der einzige mit Holzboden, sind im Uhrzeigersinn zu sehen: „La Peschiera“, „Facciata orientale della Villa“, „Il Giardino visto dai Cancelli“, „Zona centrale del Giardino“, „Facciata occidentale della Villa“, „La Prospettiva sulla Montagnola“. Auf einem dieser Bilder können wir besonders die raffinierte Eleganz der Villa Sorra beim Bau bewundern. Das Gebäude, das schon zwischen 1766 und 1775 umgebaut wurde, ist auch heute noch, trotz der nachfolgenden Schwülstigkeit und Überlagerungen, sowie übereilter Restaurierungen und der Entfernung der Laterne ein Werk von relevantem Interesse.