mini|Luftbild des Parc La Grange am Genfersee Der Parc La Grange ist eine ehemalige private Domäne und seit 1918 ein öffentlicher Park der Stadt Genf in der Schweiz. Er liegt im Quartier Eaux-Vives auf einer Anhöhe südlich des Genfersees. Er hat mit etwa 21 Hektaren eine grössere Fläche als die historische Altstadt (Cité) von Genf, die sich ein Kilometer westlich des Parks befindet. Der Parc La Grange bildet zusammen mit dem unmittelbar nordöstlich anschliessenden Parc des Eaux-Vives die grösste öffentliche Grünfläche in der Stadt Genf. Vom Haupthaus Villa La Grange öffnet sich die Aussicht gegen Norden über den See zum Palais des Nations und auf die Bergkette des Juras. mini|In der Bibliothek der Villa La Grange: die Präsidenten Joe Biden und Wladimir Putin mit ihren Aussenministern In der Villa La Grange, die seit 1921 als monument historique geschützt ist, empfängt die Stadt Genf hohe Ehrengäste. Am 16. Juni 2021 fand dort, vermittelt durch den schweizerischen Bundesrat, ein Gipfeltreffen des US-amerikanischen Präsidenten Joe Biden mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin statt.Sylvia Revello: L’héritage centenaire du parc La Grange. Le Temps, 10. Juni 2021, abgerufen am 11. Juni 2021.
Der Park und das Herrschaftshaus La Grange zählen zu den Kulturgütern von nationaler Bedeutung im Kanton Genf. mini|Im Rosengarten des Parc La Grange
Geschichte Im Parkgelände sind bei archäologischen Ausgrabungen Siedlungsspuren aus mehreren Epochen von der Jungsteinzeit bis in die gallorömische Zeit zum Vorschein gekommen. Überreste römischer Gebäude sind in der Parkanlage sichtbar konserviert.Les vestiges du parc La Grange.Marc Haldimann (u. a.): Entre résidence indigène et domus gallo-romaine. Le domaine du Parc de la Grange (GE). In: Archéologie Suisse. 24, 2001, S. 2–15.
Das ausgedehnte Grundstück ausserhalb der Stadtmauern von Genf im Gebiet der ehemaligen Gemeinde Eaux-Vives befand sich im 17. Jahrhundert im Besitz von Jacques Franconi (1622–1702). Im Jahr 1706 kaufte der Bankier Marc Lullin (1671–1747), Angehöriger einer reichen, seit dem Mittelalter bezeugten Genfer Bürgerfamilie,«Chemin Lullin», auf Noms géographiques du canton de Genève, ge.ch. das Anwesen, das damals noch teilweise als landwirtschaftliche Anbaufläche genutzt wurde. Seine Söhne liessen im Areal um 1770 an der Stelle des alten Gehöfts (frz. grange) das repräsentative Landhaus La Grange bauen, das heute im Zentrum der Anlage steht.
Im Jahr 1800 kaufte der Genfer François Favre (1736–1814), der als Kaufmann sein Vermögen in Frankreich und im Orienthandel gemacht hatte, die Domäne von Jean Lullin (1745–1803). Die Familie Favre empfing auf dem schlossähnlichen Anwesen illustre Persönlichkeiten wie etwa Madame de Staël, die Schlossherrin in Coppet, den Philologen August Wilhelm Schlegel, den Historiker Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi, den Naturwissenschaftler Marc-Auguste Pictet und den Schriftsteller und Politiker Benjamin Constant.Edouard Favre: Guillaume Favre 1770–1851. Un érudit genevois. Genf 1940.
mini|Landung der Schweizer Truppen am Ufer des Genfersees bei der Domäne La Grange am 1. Juni 1814 In den Jahren 1814 und 1815 erlebten die Favre als Besitzer der Grange die politischen Ereignisse mit, die für Genf eine wesentliche Änderung mit sich brachten: Am 1. Juni 1814 landeten im Hafen Port Noir unmittelbar nördlich ihres Grundstücks die von den Schweizer Kantonen Solothurn und Freiburg zum Schutze Genfs entsandten Expeditionstruppen.Arrivée des Suisses au Port-Noir le 1er juin 1814., ge.ch. Und im darauffolgenden Jahr trat der Kanton Genf der Schweizerischen Eidgenossenschaft bei.
1864 fand in der Villa La Grange auf Einladung des Juristen und Gutsbesitzers Edmond Favre (1812–1880) die Schlusssitzung der von Henry Dunant geleiteten Konferenz statt, auf der die erste Genfer Konvention unterzeichnet wurde. Edmond Favre wurde 1867 in das Internationale Komitee des Roten Kreuzes gewählt.Le Colonel Edmond Favre., icrc.org. Vom 1864er Ereignis in ihrer Jugendzeit geprägt, engagierte sich die Tochter des Hauses Alice Favre (1851–1929) später als Präsidentin der Gesellschaft des Genfer Roten Kreuzes und im Rat des Schweizerischen Roten Kreuzes.Avenue Alice et William-FAVRE, ge.ch.Mademoiselle Alice Favre †. In: Das Rote Kreuz. La Croix-Rouge, 37, 1929, S. 57–60. Fotografie einer Konferenz des Roten Kreuzes, versammelt bei der Villa La Grange: Genève, parc de la Grange: Congrès de la Croix-rouge devant la villa la Grange, um 1900, bge-geneve.ch.
Die Domäne La Grange blieb bis 1918 im Familienbesitz, als sie gemäss einem 1917 abgeschlossenen Schenkungsvertrag aus dem Besitz des Politikers und Mäzens William Favre (1843–1918) mitsamt der Gebäudegruppe und deren Inventar an die Stadt Genf kam. geneva.urboxed.com, abgerufen am 14. Juni 2021.Porträtfotografie von William Favre, bge-geneve.ch.
Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete die Stadt Genf im Bereich des Parc La Grange nahe am Genfersee den grössten städtischen Rosengarten ein, die Roseraie du Parc La Grange. Den Plan für diese Zier- und Musterpflanzung, die teilweise in einer Pergola aus dem 19. Jahrhundert liegt, entwarf der Gartenarchitekt Armand Auberson, der auch die «Genfer Blumenuhr» im Jardin anglais gestaltete. Im Genfer Rosengarten organisierte die Société genevoise d’horticultureDie Société genevoise d’horticulture vereinigte sich 2018 mit der Société Romande des Amis des Roses zur neuen Gesellschaft Société romande des amis des roses et de l’horticulture. während Jahrzehnten den Wettbewerb Concours international de roses nouvelles de Genève.Roseraie du parc La Grange, geneve.ch, abgerufen am 11. Juni 2021.
Am 10. Juni 1969 feierte Papst Paul VI., als er auf Einladung des Ökumenischen Rates der Kirchen eine Reise nach Genf unternahm, im Park La Grange vor ungefähr 70'000 Menschen eine Messe.Les voyages des papes à Genève, cath.ch, abgerufen am 14. Juni 2021.Genève, parc de la Grange: messe donnée par le pape Paul VI, Fotografie von Christian Murat, bge-geneve.ch.
Der Parc La Grange ist ein bedeutendes Objekt der Gartendenkmalpflege und des Naturschutzes. Im Jahr 2020 gab es im bewaldeten Südostabschnitt des Parks schwere Sturmschäden. Im bisherigen Rotbuchenwald lässt die Stadt Genf im Zuge einer neuen Grünzonenplanung, die das Mikroklima in der Stadt verbessern soll, mehr als tausend neue Bäume verschiedener Sorten, die trockeneren Bedingungen besser angepasst sind, setzen.Raphael Laine: Le bois-de-la bâtie et le parc de la Grange s’offrent quelques retouche. genevesecrete.com, 24. Februar 2021, abgerufen am 11. Juni 2021.
mini|Das Landhaus La Grange
Villa La Grange Das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichtete zweistöckige Hauptgebäude wird wegen grosser stilistischer Ähnlichkeit mit dem Château de CransChâteau de Crans, swisscastles.ch. bei Nyon dem Architekten Jean-Louis Bovet zugeschrieben. Es besteht aus einem Mittelbau und zwei kurzen seitlichen Flügeln sowie einem späteren Anbau auf der Ostseite mit einer Pergola. Am Dreiecksgiebel der Hoffassade ist das Familienwappen Lullin angebracht, am runden Giebel über dem Mittelrisaliten auf der Seeseite das von Löwen gehaltene Wappen der Favre. Im Erdgeschoss befinden sich ein Speisesaal, mehrere Salons sowie die Bibliotheksräume und im Obergeschoss die Zimmer des ehemaligen Wohnbereichs. Die Küche und ein Aufenthaltsraum für die Angestellten waren im Untergeschoss eingerichtet, das auf der Nordseite unter der breiten Freitreppe ovale Fensteröffnungen und eine Diensttüre aufweist; der Dachraum enthielt ursprünglich Zimmer für die Bediensteten. An den Treppen, Terrassen und Kelleröffnungen der Nordwestseite sind kunstvoll gearbeitete schmiedeeiserne Geländer angebracht.
Bibliothek Guillaume Favre Im Herrschaftshaus befindet sich in drei Bibliotheksräumen die sehr umfangreiche, zur Hauptsache vom Genfer Gelehrten und Politiker Guillaume Favre (1770–1851) im frühen 19. Jahrhundert zusammengetragene Privatbibliothek mit Werken seit dem 15. Jahrhundert und einigen Frühdrucken. Favre erforschte als erster die Geschichte der Inkunabeln in Genfer Besitz. Für die rasch wachsende Bibliothek liess er im Jahr 1822 einen einstöckigen Annexbau an die Villa La Grange anfügen, dessen Räume mit verzierten Bücherwänden, Malereien und Kunstobjekten ausgestattet sind.Edouard Favre: Guillaume Favre 1770–1851. Un érudit genevois. Genf 1940.
Die über 12'000 Bücher blieben nach dem Übergang der Liegenschaft in städtischen Besitz im Jahr 1918 weiterhin an ihrem Standort. Die historische Hausbibliothek von Guillaume Favre gehört heute zu den bedeutendsten buchgeschichtlichen Beständen der Bibliothek von Genf.Bibliothèque La Grange, ville-geneve.chBibliothèque La Grange, ville-geneve.ch.
Mit andern Gegenständen aus dem Besitz der Familie Favre besitzt das Musée d’art et d’histoire in Genf auch ein von der Genfer Künstlerin Amélie Munier-Romilly (1788–1875) um 1830 gemaltes Bild, das den Gelehrten Guillaume Favre in seiner Bibliothek zeigt.Portrait de Guillaume Favre dans sa bibliothèque, Musée d’art et d’histoire, Genf.
Parkanlage mini|Grange Park, am Ufer des Genfersees, Genf Das weitläufige Areal des Parks mit einer Fläche von 213'097 Quadratmetern (gut 21 Hektar) liegt südlich des Lac de Genève, wie die Genfer Bucht des Genfersees (Léman) auch genannt wird. Er erstreckt sich von der Seeuferstrasse, dem Quai Gustave-Ador (früher Quai des Eaux-Vives)Quai Gustave-Ador mit der darin einmündenden Quartierstrasse Rue des Eaux-Vives, etwa 600 Meter gegen Südosten bis an die Route de Frontenex. Die Villa La Grange befindet sich ungefähr in der Mitte des Areals, dessen nordwestlicher Bereich sich zum See hin senkt und eine weite Rasenfläche und den Rosengarten umfasst. Im Osten grenzt das Parkareal an das Gebiet von Genfs Nachbargemeinde Cologny.
Auf der südwestlichen Seite verläuft die schnurgerade Quartierstrass, die zum Gedächtnis des Donators des Parks an die Stadt früher Avenue William-Favre hiess, neben der Parkgrenze.Avenue William-Favre, ge.ch. Im Jahr 2021 benannte die Stadt die Strasse im Rahmen der Initiative «100Elles*»100Elles* in Avenue Alice et William-Favre um, um damit auch William Favres Schwester Alice (1851–1929), Präsidentin des Genfer Roten Kreuzes, zu ehren.Avenue Alice et William-Favre, ge.ch.
mini|Nördliches Eingangstor des Parks Aus den Genfer Katasterplänen des 18. und 19. Jahrhunderts und den genauen Plänen des Parks geht hervor, dass die Parkanlage des 18. Jahrhunderts offenbar nach der französischen Tradition der Gartenarchitektur einen rechtwinklig angeordneten Plan aufwies. Dieser wurde im 19. Jahrhundert unter Edmond Favre und William Favre von einem englischen Landschaftsgarten mit einem frei gestalteten Netz geschwungener Wege abgelöst.Genève, parc de la Grange: Plan du domaine d’Edmond Favre, bge-geneve.ch. In Genf war die englische Gartenbaukunst um 1854 im Jardin anglais im Stadtzentrum erstmals zum Zuge gekommen. Die lange, gerade Allee der Hauptzufahrt von Südosten blieb vom alten Parkkonzept von La Grange erhalten.La Grange. Patrimoine de la Ville de Genève. (PDF; 2,2 MB)