mini|Die unter Kaiser Claudius im 1. Jhdt. n. Chr. errichtete Steinfassade der Porta Iovia, heute Porta Borsari – Agrum Seite Die Römische Stadtmauer von Verona wurde im 1. Jahrhundert v. Chr. errichtet und war die erste Stadtmauer, mit der die oberitalienische Stadt Verona in Venetien umgeben wurde. Die im Laufe der Geschichte mehrmals ausgebauten Stadtmauern machen Verona laut der UNESCO zu einem außergewöhnlichen Beispiel für eine in Europa in mehreren Schritten entstandene Festungsstadt.

Geschichte Die städtebauliche Entwicklung Veronas unter den Römern ist eng mit dem Bau der römischen Stadtmauern verbunden und gab ihr einen entscheidenden Anstoß.Annamaria Conforti Calgani: Le mura di Verona: la città e le sue difese dalla fondazione romana all’unità d’Italia. S. 13.

Römische Republik Eine erste Stadtmauer wurde noch während der römischen Republik um 89 v. Chr. nach der Verabschiedung der Lex Pompeia de Transpadanis durch den Konsul Gnaeus Pompeius Strabo errichtet.Margherita Bolla: Verona romana. S. 24–25. Mit dem Gesetz wurde den Bewohnern der im 3. Jahrhundert v. Chr. von den Römern eroberten Gallia Cisalpina das latinische Bürgerrecht verliehen. In der Folge wurde die am linken Etschufer gelegene römische Siedlung Ouéron am Colle San Pietro zum Oppidum ausgebaut, die an der im 2. Jahrhundert v. Chr. erbauten Römerstraße Via Postumia entstanden war. Die erste Stadtmauer umschloss vermutlich den gesamten Hügel San Pietro. Sie fiel der radikalen Umgestaltung dieses Bereiches unter Kaiser Augustus um 10 v. Chr. zum Opfer, der am Colle San Pietro einen Monumentalbereich errichten ließ, zu dem neben Tempelanlagen auch das römische Theater gehörte.Giuliana Cavalieri Manasse, Dario Gallina: “Un documento di tanta rarità e di tanta importanza.” Alcune riflessioni sull’iconografia rateriana. S. 74.

Mit der Ernennung zum Municipium und der Verleihung des römischen Bürgerrechtes 49 v. Chr. durch Gaius Iulius Caesar erfuhr Verona eine radikale städtebauliche Veränderung, die nach einigen Autoren von Caesar selbst ausging.Margherita Bolla: Verona romana. S. 28. Es entstand nun auf der rechten Flussseite innerhalb der Flussschleife der Etsch die römischen Stadt mit ihren insulae und den Stadtachsen decumanus maximus – den heutigen Corso Porta Borsari und Corso Sant’Anastasia – und dem cardo maximus – der heutigen Via Capello und Via Leone. Die Stadterweiterung wurde umgehend mit Stadtmauern geschützt, die das neue Siedlungsgebiet im Südwesten und Südosten eingrenzten, während auf den übrigen Seiten die Etsch natürlichen Schutz bot.Annamaria Conforti Calgani: Le mura di Verona: la città e le sue difese dalla fondazione romana all’unità d’Italia. S. 15–17. Nach Marchini war die Neuanlegung innerhalb der Flussschleife gerade darauf ausgelegt gewesen, den Schutz und die Verteidigung wesentlich zu verbessern.Gian Paolo Marchini: Verona romana e paleocristiana. S. 32.

Die aus Mauerziegeln errichtete Stadtmauer besaß am decumanus maximus mit der Porta Iovia, heute Porta Borsari, und der Porta Leoni am cardo maximus zwei Torburgen, die als Haupttore fungierten. Sie bestand aus zwei mehr oder weniger geradlinig verlaufenden Abschnitten und verlief vom Etschufer am westlichen Ortsrand auf Höhe des Stadttores Porta Borsari zunächst in südöstlicher Richtung. Auf Höhe der Porta Leoni bog sie anschließend im fast rechten Winkel in nordöstlicher Richtung ab, bis sie wieder das Etschufer erreichte. Die Mauer war insgesamt etwa 940 Meter lang, bis zu 11 Meter hoch und besaß am Fuß eine Stärke von 3,6 Metern.Margherita Bolla: Verona romana. S. 41. Sie war damit eine der größten römischen Stadtmauern in OberitalienAnnamaria Conforti Calgani: Le mura di Verona: la città e le sue difese dalla fondazione romana all’unità d’Italia. S. 17. und schützte insgesamt eine Fläche von 43 Hektar, auf denen sich die Stadt entwickeln konnte.Fiorenzo Meneghelli: Le mura e i forti di Verona: itinerari e percorsi. S. 8. Neben den beiden Haupttoren gab es an den Nebenstraßen weitere kleinere Durchgänge, die von darüber liegenden Tortürmen geschützt wurden.Giuliana Cavalieri Manasse, Dario Gallina: “Un documento di tanta rarità e di tanta importanza.” Alcune riflessioni sull’iconografia rateriana. S. 73.

Auf der Basis bei archäologischen Grabungen gesammelter Daten konnte mit Hilfe von Computerrekonstruktionen festgestellt werden, dass die republikanische Stadtmauer sehr große Ähnlichkeiten mit der in Teilen noch stehenden römischen Stadtmauer in Turin gehabt haben muss. Die zur Stadt gerichtete Innenseite der Mauer war geradlinig angelegt. An der Außenseite befanden sich dagegen in Abständen von jeweils sechs Ziegelreihen Mauerabsätze, so dass die Stärke der Mauer nach oben hin abnahm. Eine Bauweise, die bereits zu Beginn des 1. Jahrhunderts v. Chr. geläufig war und in der Gallia Cisalpina im Laufe des 1. Jahrhunderts v. Chr. Verbreitung fand. An Stellen, die der Abnutzung besonders stark ausgesetzt waren, wurden statt Mauerziegeln Bruchsteine aus Kalk aus dem nördlich gelegenen Valpolicella verbaut.Giuliana Cavalieri Manasse: Verona. S. 8–11. Die Fundamente, auf denen die Mauern ruhten, bestanden aus unterschiedlich großen Flusskieselsteinen.Gian Paolo Marchini: Verona romana e paleocristiana. S. 33.

Nach Bolla lassen die für eine Verteidigungsanlage zahlreichen Durchgänge den Schluss zu, dass die ersten Stadtmauern vor allem eine symbolische Aufgabe erfüllten, wie auch im Falle anderer römischer Städte in Oberitalien. Sie waren primär nicht als defensives Bollwerk ausgerichtet gewesen, sondern sollten der Siedlung vielmehr nach außen hin den Anschein einer Stadt vermitteln.

Kaiserreich Während der konfliktlosen Anfangszeit des Kaiserreichs wurden die Stadtmauern vernachlässigt. An mehreren Stellen wurden sie abgetragen, um Platz für die expandierende Stadt zu schaffen. In diese Periode fällt auch die unter Kaiser Claudius in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. durchgeführte Neugestaltung der Haupttore. Die Porta Iovia und die Porta Leoni sowie die zwei nicht erhaltenen Stadttore nördlich und südlich der Ponte Pietra erhielten 44 n. Chr. jeweils eine reich dekorierte Steinfassade, die vor der ursprünglichen Ziegelfassade hochgezogen wurde.Annamaria Conforti Calgani: Le mura di Verona: la città e le sue difese dalla fondazione romana all’unità d’Italia. S. 25 Fußnote 21. Auslöser des pompösen Umbaus war vermutlich die Erhebung der Stadt zur Colonia.

Im Vierkaiserjahr 69 n. Chr. schlugen die Legionen des Vespasian vor der Stadtmauer ihr Lager auf, um hier die Legionen des Vitellius zu stellen. Zur Entscheidungsschlacht im römischen Bürgerkrieg kam es jedoch nicht vor den Toren Veronas, sondern weiter südwestlich in der Po-Ebene in der Zweiten Schlacht von Bedriacum. Aus den Schriften des Tacitus geht hervor, dass die Truppen des Vespasian zum Schutz einen Graben mit einer Palisade errichteten, der auf Höhe des heutigen Castelvecchio von einer Seite der Etschschleife zur anderen führte. Das lässt den Schluss zu, dass die einige hundert Meter dahinter liegende Stadtmauer aufgrund der Stadterweiterungen bereits sehr löchrig gewesen sein muss und keinen ausreichenden Schutz mehr bot.Annamaria Conforti Calgani: Le mura di Verona: la città e le sue difese dalla fondazione romana all’unità d’Italia. S. 18–19.

In der anschließenden längeren friedlichen Phase wurde den städtischen Verteidigungsanlagen keine größere Beachtung geschenkt. Daran änderten auch die Markomannenkriege im 2. Jahrhundert nichts, obwohl sie die Einwohner Veronas wohl eine Zeit lang beunruhigten.Margherita Bolla: Verona romana. S. 41–44. Erst in der Reichskrise des 3. Jahrhunderts unter den Soldatenkaisern änderte sich die Lage, auch wenn zunächst die 249 bei Verona stattgefundene Schlacht zwischen Kaiser Philippus Arabs und seinem Usurpator und Nachfolger Decius zu keinem Umdenken führte. Es war schließlich der seit 253 regierenden Kaiser Gallienus, der Hand an die Stadtbefestigung legte und unter anderem die bis dahin vor den Stadtmauern gelegene Arena von Verona durch die Verlängerung der Mauern ebenfalls in die städtische Verteidigung mit einbezog.Giuliana Cavalieri Manasse, Dario Gallina: “Un documento di tanta rarità e di tanta importanza.” Alcune riflessioni sull’iconografia rateriana. S. 75. Ausschlaggebend für den Ausbau war der Einfall der Alamannen im Jahr 259 nach Oberitalien gewesen. Zwar wurden die Alamannen von Gallienus in der Schlacht von Mediolanum geschlagen, es wurden aber weitere Einfälle befürchtet. Gallienus ließ deshalb Verona zur Festungsstadt ausbauen, wie es bereits einige Zeit vorher mit Aquileia der Fall geschehen war. Dass die Befürchtung berechtigt war, zeigt der Einfall der Alamannen im Jahr 268, die unter seinem Nachfolger Claudius Gothicus am nahen Gardasee in der Schlacht am Lacus Benacus geschlagen wurden.Margherita Bolla: Verona romana. S. 44.

Nach dem Geschichtsschreiber Herodian musste die zum Großteil abgetragene Stadtmauer unter Kaiser Gallienus mehr oder weniger neu aufgebaut werden. Eine noch erkennbare Inschrift an der Porta Borsari erinnert an den Neubau zwischen dem 3. April und 4. Dezember 265. Die an dem Stadttor angebrachte Inschrift täuscht dabei ohne Zweifel einen Neubau vor, von dem bis in die 1990er Jahre auch ausgegangen wurde. Erst danach haben Archäologen bei Grabungen festgestellt, dass unter Gallienus vielmehr die republikanische Mauer wieder aufgebaut wurde.Annamaria Conforti Calgani: Le mura di Verona: la città e le sue difese dalla fondazione romana all’unità d’Italia. S. 20. Lediglich die 550 m lange Mauer, mit der die Arena miteinbezogen wurde, stellte einen kompletten Neubau dar.Giuliana Cavalieri Manasse, Peter John Hudson: Nuovi dati sulle fortificazioni di Verona (III-XI secolo). S. 75 Letztere schließt in der Tat an die ältere republikanische Mauer an. Dass die Arbeiten unter der ständigen Bedrohung eines weiteren Einfalls der Alamannen und damit unter einem gewissen Zeitdruck durchgeführt wurden, ist an der mangelnden Sorgfalt zu erkennen, mit der die Arbeiten ausgeführt wurden. So wurde im Gegensatz zum gleichmäßig errichteten Mauerziegelbau aus der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. beim Bau 265 jedes verfügbare Baumaterial, unter anderem Grabsteine, zusammengerafft.Annamaria Conforti Calgani: Le mura di Verona: la città e le sue difese dalla fondazione romana all’unità d’Italia. S. 21–22.

Auch in der Folge sollte sich die militärische Bedeutung Veronas, an dem neben der Via Postumia noch die Via Gallica und die Via Claudia Augusta vorbeiführten, zeigen. So 285, als Kaiser Carinus den Usurpator Marcus Aurelius Iulianus in der Schlacht bei Verona schlug.Margherita Bolla: Verona romana. S. 46. Ist der Austragungsort der letztgenannten Schlacht umstritten, gibt es keine Zweifel über die 312 stattgefundene Schlacht von Verona. In der zwischen den Truppen Konstantins des Großen und den Truppen des Marcus Aurelius Valerius Maxentius unter dem Kommando des Prätorianerpräfekten Ruricius Pompeianus ausgetragenen Schlacht erzielte Konstantin einen bedeutenden Sieg auf seinem Weg zur Machtergreifung.Margherita Bolla: Verona romana. S. 47–48.

Bei der Belagerung durch die Truppen Konstantins wurden Breschen in die Stadtmauer geschlagen, die womöglich zunächst nicht geschlossen wurden.Annamaria Conforti Calgani: Le mura di Verona: la città e le sue difese dalla fondazione romana all’unità d’Italia. S. 23. Im Laufe des 5. Jahrhunderts müssen die Mauern zu Ende des römischen Reiches noch mit Mauerspornen und Wehrtürmen verstärkt worden sein, wie bei archäologischen Grabungen festgestellt wurde.Davide Gangale Risoleo: Da un fiume alle mura: Le radici della romanità di Verona. From river to walls: the Roman roots of Verona. S. 39. Allerdings widerstanden sie weder dem Ansturm der Westgoten unter Alarich I. 402 noch dem Angriff der Hunnen unter Attila 452.Guida Barbetta: Le mura e le fortificazioni di Verona. S. 31.