Susap (Tok Pisin, von englisch jew’s harp), auch bibo (Hiri Motu), ist eine idioglotte Rahmenmaultrommel aus Bambus in einer Form, die nur in Neuguinea und den umliegenden, zu Melanesien gehörenden Inseln vorkommt. Die unter vielen regionalen Namen bekannte Maultrommel wird überwiegend an einer am dicken unteren Ende befestigten Schnur angezupft. Wegen ihres leisen Tons ist sie das typische Soloinstrument für Männer und Jungen primär zur Liebeswerbung und ferner zur eigenen Unterhaltung. Häufig werden beim Spiel Sprachmuster verwendet, um die Illusion einer sprachlichen Verständigung mit musikalischen Mitteln zu erzeugen.
Herkunft und Verbreitung mini|Schlanke flaschenförmige Bambusmaultrommel mit keilförmiger Zunge und Schnur aus Flores, die dem Typ der susap entspricht. Vor 1890 Idioglott bedeutet, dass Zunge und Rahmen aus demselben Material herausgeschnitten wurden. Idioglotte Rahmenmaultrommeln sind hauptsächlich in Melanesien und Südostasien verbreitet, wo sie in Indonesien und Malaysia unter dem Namen genggong am bekanntesten sind, ferner in Nordasien, wo sich ihr Verbreitungsgebiet mit dem der qopuz und ähnlich genannten Bügelmaultrommeln überschneidet. Innerhalb Ozeaniens sind Maultrommeln am weitesten in der Musik Neuguineas und der anderen melanesischen Inseln verbreitet. Im Osten erstreckt sich das melanesische Verbreitungsgebiet bis zur Insel Nggela, die zu den Salomonen gehört,Hans Fischer, 1958, S. 28 und im Südosten bis Neukaledonien. Während die Menge und Vielfalt der Musikinstrumente in Melanesien von Westen nach Osten abnimmt, sind oder waren Maultrommeln auch in den an materieller Kultur ärmeren Gebieten anzutreffen.Paul Collaer, 1974, S. 39
Beide Typen von Maultrommeln sind nach der Hornbostel-Sachs-Systematik Zupfidiophone und unterscheiden sich grundlegend nach Form und Spielweise. Bei den Rahmenmaultrommeln liegen Zunge und Rahmen in einer Ebene, wobei die Zunge gerade und kürzer als der Rahmen ist. Die Zunge lässt sich deshalb nicht direkt mit dem Finger anregen, weshalb diese einfachen Maultrommeln meist mit einer am Rahmen oder an der Zungenbasis befestigten Schnur gezupft und so in Schwingung versetzt werden. Anders als bei den Bügelmaultrommeln mit aufgebogener, über den Bügel hinausragender heteroglotter (separater) Zunge zeigt die Zungenspitze stets in Richtung der Hand, die das Instrument hält.Regina Plate: Kulturgeschichte der Maultrommel (Orpheus-Schriftenreihe zu Grundfragen der Musik, Band 64). Verlag für systematische Musikwissenschaft, Bonn 1992, S. 17, ISBN 3-922626-64-5
Curt Sachs (1940) zählt die Maultrommeln in seiner kulturellen Einordnung der Musikinstrumente unter anderem mit Reibtrommeln, Gefäßrasseln, Quertrompeten und Xylophonen zur jüngsten von drei Schichten des Neolithikums.Curt Sachs: The History of Musical Instruments. W. W. Norton & Company, New York 1940, S. 64 In seiner Studie zu Maultrommeln von 1917 stuft Sachs Rahmenmaultrommeln als weniger komplex als die Bügelmaultrommeln und damit als entwicklungsgeschichtlich älter ein, auch weil sie ohne Kenntnis der Metallverarbeitung auskommen. Als Vorstufe der Rahmenmaultrommeln in Ozeanien erkennt Sachs ein acht Zentimeter langes Röhrchen von den Marquesas-Inseln, das an einem Ende gabelförmig eingeschnitten ist und eine dünne Zunge besitzt, die etwas über das Rohrende hinausragt. Die Zunge schlägt beim Anzupfen gegen die Rohrteile und gibt die Schwingungen an den Mundraum weiter. Den Namen dieses Instruments gibt Sachs mit utete an.Curt Sachs, 1917, S. 189 Utete ist einer der Namen für Maultrommeln auf den Marquesas und bezeichnete dort früher auch einen Mundbogen, entsprechend ukeke für beide Instrumententypen auf Hawaii.Mervyn McLean: ‘Ukēkē. In: Grove Music Online, 22. September 2015 In seiner „typologischen Vorstudie“ teilt Sachs die Rahmenmaultrommeln nach Merkmalen ihrer Form ein und unterstellt dabei in einem evolutionistischen Ansatz eine stetige Verfeinerung von einfachen zu komplexen Formen wie er zur damaligen Kulturkreislehre gehörte. Damit lassen sich auch Aussagen zu möglichen Verbreitungswegen der Rahmenmaultrommeln treffen.
Unter den idioglotten Maultrommeln gehört die susap zu den ausschließlich in Melanesien verbreiteten „Bambusmaultrommeln mit Keilzunge und Schnur“. Bei diesem Typ verjüngt sich die Zunge gleichmäßig bis zu einer Spitze, ebenso wie der Rahmen, der keilförmig die Zunge überragt. Diese Maultrommeln sind meist über 20 Zentimeter lang und am unteren Ende relativ breit. Die starke Keilform ist nötig, damit das obere Ende bequem an den Mund gelegt werden kann. Eine gerade äußere Keilform („Rübenform“) stellt die einfachste und damit nach Sachs älteste Umsetzung der Anforderungen an den Instrumententyp dar. Das spitze Rahmenende wurde in der Mitte gespalten, um die Herstellung zu vereinfachen, und anschließend mit einer Pflanzenfaser zusammengebunden. Die Schnur zum Anzupfen ist durch ein Loch im dicken Ende gezogen.Curt Sachs, 1917, S. 190 Ein solches „Instrument primitivster Art“ beschreibt der Marinestabsarzt Börnstein (1916) für Neumecklenburg und gibt den Namen ngab an. Die von ihm abgebildete Maultrommel, auf die sich Sachs bezieht, ist 22,5 Zentimeter lang. Auf der Willaumez-Halbinsel wurde diese Maultrommel gelegentlich als Kamm in den Haaren getragen.Börnstein: Ethnographische Beiträge aus dem Bismarck-Archipel. In: Baessler-Archiv. Beiträge zur Völkerkunde, Band 5, G.B. Teubner, Leipzig/Berlin 1916, S. 229–256, hier S. 238
mini|Maultrommel weto aus Palmholz von Zentralflores mit einer stark ausgeprägten Flaschenform und einer gestuften Stumpfzunge, die dem indonesischen Typ der genggong entspricht. Vor 1937 Ein ebenso einfacher Typ, der in Nordostindien und verstreut in Südostasien vorkommt, ist die „Bambusmaultrommel mit Stumpfzunge und Schnur“. Die auf den Sundainseln einschließlich Bali bekannte genggong ist eine „Bambusmaultrommel mit Stufenzunge und Schnur“, bei der, um gegenüber den vorgenannten Typen das Schwingungsverhalten der Zunge zu verbessern, die Spitze zunächst einseitig, später beidseitig durch eine rechteckige Abstufung verjüngt wurde. Über die asymmetrische Zwischenform, für die Beispiele unter anderem aus Java und Südost-Sulawesi erhalten sind, führt die Entwicklung zu symmetrischen Stufenzungen. Rahmenmaultrommeln mit Stufenzungen klingen lauter und sind leichter zu spielen als die älteren Typen mit Keilzunge oder Stumpfzunge.Curt Sachs, 1917, S. 198
In Anlehnung an die alte Keilform kann der Rahmen flaschenförmig sein. Die Flaschenform des Rahmens, etwa bei der Maultrommel weto auf der Insel Flores, stellt eine Weiterentwicklung des keilförmigen Rahmens dar, indem sie ein stabiles breites unteres Ende, an dem die Schnur befestigt ist, und eine schlanke Spitze, die an die Lippen passt, vereint.Curt Sachs, 1917, S. 191f
Eine Bambusmaultrommel mit Stufenzunge und einem langen schlanken Handgriff, mit dem sich das Instrument am spitzen Ende besser halten lässt, ist die hun in der nordostthailändischen Region Isan. Sie ist mit der 24 Zentimeter langen angkuoch in Kambodscha verwandt, deren Zunge mit einem Tropfen Bienenwachs gestimmt wird.Laurence Libin: Aṅkuoc. In: Grove Music Online, 3. September 2014 Auch die Dusun auf Borneo verwenden für ihre halb so lange, aus einem Palmwedel gefertigte bungkau Bienenwachs, um die Tonhöhe zu senken.Patricia Matusky: Bungkau. In: Grove Music Online, 13. Januar 2015 Im Norden der Philippinen sind idioglotte Rahmenmaultrommeln aus Bambus als afiw und mit zahlreichen weiteren Namen bekannt.José Macedo: Afiw. In: Grove Music Online, 1. Juli 2014
Bügeltrommeln aus Metall, wie sie in Europa, Nordasien (qopuz) und Indien (morsing) üblich sind, wurden durch die Europäer nach Melanesien eingeführt. Europäische Bügelmaultrommeln aus Metall gelangten mit den Europäern während der Kolonialzeit auch nach Mikronesien. Die auf der dortigen Insel Pohnpei früher gespielte Bambusrahmenmaultrommel ist als susap und mit dem lokalen Namen didipwiapw bekannt. Raymond F. Kennedy (1972) berichtet von einem noch aktiven Maultrommel-Ensemble auf dem Pohnpei benachbarten Pingelap-Atoll.Raymond F. Kennedy: Music of Oceania. In: Music Educators Journal, Band 59, Nr. 2 (Music in World Cultures) Oktober 1972, S. 59–72, hier S. 64
Maultrommeln gab es in Mikronesien außerdem auf Palau, den zentralen Karolinen-Inseln und auf Chuuk. Auf den Marianen und den Karolinen besaßen die Bambusmaultrommeln eine Stufenzunge, einen Griff und auf der anderen Seite einen Dorn, an dem das Instrument anstelle der Schnur gezupft wurde. Auf der Insel Guam hieß die längst verschwundene Bambusmaultrommel belemban-batchot. Sie wurde vor den halb geöffneten Mund (batchot) gehalten und mit dem Finger an der Zungenspitze angeregt.G. Fritz: Die Chamorro: Eine Geschichte und Ethnographie der Marianen. In: Ethnologisches Notizblatt, Band 3, Heft 3, 1904, S. 25–110, hier S. 60 Hatten die Bügelmaultrommeln mit den anderen kolonialzeitlichen Importen wie Gitarre, Akkordeon und Ukulele bis Anfang des 20. Jahrhunderts die wenigen einheimischen Musikinstrumente in Mikronesien verdrängt, so sind diese europäischen Instrumente selbst heute weitgehend verschwunden. An ihre Stelle sind zusammen mit einigen verbliebenen Gitarren elektronische Keyboards getreten. Die einheimischen Instrumente Bambusmaultrommel, Schwirrblatt (englisch leaf whizzer, auf Pohnpei parar) und eine Sanduhrtrommel (aip) sind kaum noch zu hören.Brian Diettrich: “Keeper-of-the-Drum”: Silent Objects and Musical Pasts of Pohnpei, Micronesia. In: The Galpin Society Journal, Band 64, März 2011, S. 219–242, 196f, hier S. 224
Von Polynesien wurden zwei einfache Formen von Maultrommeln beschrieben. Eine idioglotte Maultrommel aus einem Blatt, von dem die Mittelrippe als Zunge herausgelöst wurde, ist in Westpolynesien bis zu den Cookinseln verbreitet. Die Mittelrippe steht am Rand über und wird mit dem Finger direkt gezupft. In Tonga heißt diese Maultrommel utete, nach einer Beschreibung aus den 1920er Jahren wurde sie von kleinen Mädchen und Jungen gespielt.Hans Fischer, 1958, S. 27 Die zweite Form ist heteroglott: Bei der roria der Maori in Neuseeland wurde eine austauschbare elastische Zunge (aus Ripogonum scandens, einer Lianenart, Maori kareao) auf einem runden Stück Holz mit einer Schnurwicklung befestigt und mit dem Finger angezupft.Johannes C. Andersen: Maori Music. In: Transactions and Proceedings of the Royal Society of New Zealand, Band 55, 1924, S. 689–700, hier S. 689 Die von Hawaii (ukeke) und den Marquesas (utete, tioro oder tita’apu) bekannten Bambusmaultrommeln sind ebenfalls heteroglott und werden an der Zungenspitze angeregt. Auf den Marquesas werden sie Moulin (1997) zufolge noch von wenigen älteren Frauen gespielt.Jane Freeman Moulin: Gods and Mortals: Understanding Traditional Function and Usage in Marquesan Musical Instruments. In: The Journal of the Polynesian Society, Band 106, Nr. 3, September 1997, S. 250–283, hier S. 275, Fn. 3
Bauform und Spielweise