mini|hochkant|Benigna von Watteville beim Spiel auf der Cister

Henriette Benigna Justine von Watteville (geborene Henrietta Benigna Justine Zinzendorf und Pottendorf, auch Benigne; * 28. Dezember 1725 in Berthelsdorf; † 11. Mai 1789 in Herrnhut) war eine deutsche Missionarin der Herrnhuter Brüdergemeine. Sie war die Gründerin des ersten Internats für Mädchen in den britisch-amerikanischen Kolonien, das später zum Moravian College wurde. Außerdem unterstützte sie ihren Vater sowie später ihren Ehemann bei der Gründung weiterer Gemeinen, bei Visitationen, Synoden und der Missionsarbeit in Europa und Nordamerika. Innerhalb der Brüdergemeine wurde sie mehrfach zur „Ältestin“ (Vorsteherin) für Mädchen- oder Frauengruppen unterschiedlicher ChorzugehörigkeitChöre sind quasi-autonome, für die Herrnhuter charakteristische Gliederungen der Gemeine je nach Geschlecht, Stand und Alter (zum Beispiel Kinder, Mädchen, ledige Schwestern, Verehelichte und Witwen). gewählt.

mini|Geburtsort Herrenhaus Berthelsdorf Frühe Lebensjahre

Benigna von Zinzendorf war die Tochter des Grafen Nicolaus Zinzendorf (1700–1760) und der Gräfin Erdmuthe Dorothea geborene Reuß-Ebersdorf (1700–1756).Johann Friedrich Wilhelm Ritter: Leben des Freyherrn Johannes von Watteville, Bischofs der evangelischen Brüderkirche und dessen Gemahlin Frau Henriette Benigna Justine, Freyfrau von Watteville, gebohrne Gräfin von Zinzendorf. Jacob Schultz, Altona 1800. Neunzehnter Abschnitt: Leben seiner Gemahlin Frau Henriette Benigna Justine Freyfrau von Watteville gebohrner Gräfin von Zinzendorf. Ihre Geburt und ersten Kinderjahre. Von 1725 bis 1736. S. 589–594. Sie gehörte zu den vier von zwölf Kindern des Ehepaars, die älter als fünf Jahre wurden. Von diesen zwischen 1725 und 1740 geborenen Kindern war Benigna das älteste. Danach folgten Renatus (1727–1752), Maria Agnes (1735–1784) und Elisabeth (1740–1807). (12. August 2019, englisch, abgerufen am 9. Juni 2026)A. Kathrine Miller (1992): A short history of the life of Benigna, Baroness von Watteville, nee Countess von Zinzendorf. Transactions of the Moravian Historical Society 27: S. 53–61.

Ihre pietistischen Eltern lebten im Herrenhaus des Gutes Berthelsdorf, das Zinzendorf 1722 von seiner Großmutter Henriette Catharina von Gersdorff geborene Freiin von Friesen erwarb. Auf dem Gut siedelten schon seit dieser Zeit Glaubensflüchtlinge, die vorwiegend aus Mähren stammten und Anhänger des Reformators Jan Hus waren.Stephanie Böß: Gottesacker-Geschichten als Gedächtnis. Eine Ethnographie zur Herrnhuter Erinnerungskultur am Beispiel von Neudietendorfer Lebensläufen. Waxmann, Münster 2016. ISBN 978-3-8309-3357-1, S. 16. Die so genannten Böhmischen Brüder wurden infolge der Gegenreformation Anfang des 18. Jahrhunderts aus ihrer Heimat vertrieben. Als Benigna zwei Jahre alt war, zog die Familie in die benachbarte Siedlung Herrnhut der im gleichen Jahr gegründeten Herrnhuter Brüdergemeine. Als junges Mädchen war Zinzendorf ein beliebtes und fröhliches Mädchen, litt aber nach einer schweren Krankheit unter Schwäche. Sie hatte eine Gouvernante, von der sie ihre Ausbildung erhielt, war eine gute Sängerin und spielte die Cister, eine barocke Kastenhals-Laute.Benigna auf moravian.edu (abgerufen am 8. Juni 2021)

Im Winter 1736 begleitete die damals zehn Jahre alte Benigna ihren Vater auf eine Reise nach Amsterdam und Leeuwarden. Im Princessehof besuchten sie die verwitwete Fürstin von Oranien. Auf der Rückreise erfuhren sie in Kassel von der bevorstehenden Verbannung des Vaters aus Sachsen, da seine Brüdergemeine der lutherischen Orthodoxie zu selbstständig geworden war und als Bedrohung der einheitlichen Landeskirche angesehen wurde.Johann Friedrich Wilhelm Ritter: Leben des Freyherrn Johannes von Watteville, Bischofs der evangelischen Brüderkirche und dessen Gemahlin Frau Henriette Benigna Justine, Freyfrau von Watteville, gebohrne Gräfin von Zinzendorf. Jacob Schultz, Altona 1800. Zwanzigster Abschnitt: Der Comtesse Benigna von Zinzendorf Reise nach Holland, über Cassel zurück nach Ebersdorf, die Wetterau und nach Herrnhut, Berlin etc. Vom Jahr 1736 bis 1741. S. 594–605. Während der Verbannung aus Sachsen ging Zinzendorf in die südliche Wetterau und gründete dort die Gemeine Marienborn in der Grafschaft Ysenburg-Büdingen-Meerholz. Nahe der ebenfalls zur Grafschaft gehörenden Burg Ronneburg wurde außerdem 1738 die Kolonie Herrnhaag gegründet.Wilhelm Wibbeling: Zinzendorf auf der Ronneburg. In: Hanau Stadt und Land. Ein Heimatbuch für Schule und Haus. Hanau 1954, S. 464–466.

mini|Gedenktafel für die Herrnhuter (Moravians) in der Londoner Fetter Lane

Erste Reise nach Nordamerika

1741 reisten die Eltern mit Benigna in die Niederlande und nach London. Während die Mutter in London zurückblieb, bestieg Benigna zusammen mit ihrem Vater Ende September im Hafen Gravesend ein Segelschiff, um als Missionarin nach Nordamerika zu gehen.Johann Friedrich Wilhelm Ritter: Leben des Freyherrn Johannes von Watteville, Bischofs der evangelischen Brüderkirche und dessen Gemahlin Frau Henriette Benigna Justine, Freyfrau von Watteville, gebohrne Gräfin von Zinzendorf. Jacob Schultz, Altona 1800. Einundzwanzigster Abschnitt: Der Comtesse Benigna von Zinzendorf Reise über Holland, England, nach Nordamerika. Auffenthalt daselbst. Reise unter die Wilden. Rückreise bis in die Wetterau, Schlesien, Herrnhut u. s. w. Wie auch ihre Verlobung mit dem Freyherrn Johannes von Watteville. Von 1741 bis 1746. S. 606–623. Während der Reise über den Atlantik half sie ihrem Vater, indem sie die Hymnen aufschrieb, die er während der Reise komponierte. Ende November erreichten sie den New Yorker Hafen und reisten weiter nach Philadelphia. Von dort aus begaben sie sich in die Mährische Siedlung, die am Lehigh River lag und sich damals Forks of the Delaware nannte. Sie fanden dort Brüder und Schwestern, die aufgrund blutiger Kämpfe mit den Spaniern und anderer Streitigkeiten aus Georgia geflüchtet waren. Außerdem trafen sie die ein Jahr zuvor nach Nordamerika gereisten Herrnhuter Vater David Nitschmann, dessen Tochter Anna sowie den Bischof David Nitschmann. Anna Nitschmann arbeitete schon seit 1734 im Haushalt der Zinzendorfs als Benignas Erzieherin. Zusammen gründeten sie einen Ort, den Zinzendorf am Heiligabend 1741 Bethlehem nannte. Nach einer kurzen Rundreise mit ihrem Vater, während der unter anderem die Oley Moravians und Radikale Pietisten in Ephrata Cloister besucht wurden, kehrten sie zurück nach Philadelphia.Thomas J. McCullough (2020): Benigna von Zinzendorf's Reports about Her American Travels, 1741–1742. Journal of Moravian History 20 (2): 149-189.

Mädchenschule Bethlehem

Benigna Zinzendorf ging ins nahe gelegene Germantown und gründete dort am 4. Mai 1742 mit 25 Mädchen eine Mädchenschule, die kurze Zeit später nach Bethlehem verlegt wurde.College History auf moravian.edu (abgerufen am 8. Juni 2021) Die Schule mit dem Namen Bethlehem Female Seminary war das erste Internat für Mädchen in den britisch-amerikanischen Kolonien. Der Lehrplan umfasste Schreiben, Lesen, Hauswirtschaft und Religion. 1785 wurde die Schule auch für Schülerinnen außerhalb der Brüdergemeine geöffnet und als Moravian Female Seminary bekannt. Zusammen mit der ebenfalls 1742 gegründeten Schule für Jungen bildete es die Grundlage für das heutige Moravian College, das als die sechstälteste Hochschule der Vereinigten Staaten gilt.

mini|Taufe dreier Lenni Lenape durch einen Herrnhuter Priester um 1750

Missionarin

Ab Juli 1742 reiste Benigna mit ihrem Vater zu den Lenni Lenape (Delawaren), um bei der indigenen nordamerikanischen Bevölkerung zu missionieren. Zinzendorfs waren erfolgreich bei der Verbreitung des Christentums, einige Lenni Lenarpe und bei ihnen siedelnde Mohegan (einer der Stämme, die als Mohikaner bezeichnet werden) wurden sogar Prediger. Unter anderem trafen Zinzendorfs auch den wohl 1742 durch Christian Heinrich Rauch auf den Namen Bruder Johannes (englisch John) getauften Mohikanerhäuptling Tschop. Tschop bildete 80 Jahre später die Vorlage für Chingachgook (Great Snake, Old John, John Mohegan), eine der Hauptfiguren in Coopers Romanzyklus Lederstrumpf.James Fenimore Cooper: The Pioneers, or the Sources of the Susquehanna; a Descriptive Tale. By the Author of "Precaution". Wiley, New York 1823. (Roman von 1823 auf Wikisource englisch) In den Kapiteln XII (S. 163 , 168 ), XIII (S. 192 ) und XXXVIII [Vol. 2, Ch 19] finden sich auch Hinweise auf die Moravians, wie die Herrnhuter auf Englisch heißen. Ende des Jahres 1742 konnten die Herrnhuter schon 31 getaufte Mohegan verzeichnen.Georg Heinrich Loskiel: Geschichte der Mission der evangelischen Brüder unter den Indianern in Nordamerika. Brüdergemeine, Barby 1789. II. Theil S. 251. Digitalisat

Anfang 1743 reisten die Zinzendorfs zunächst zurück von New York nach Dover. Nach Besuchen von Brüdergemeinen in England und Holland ging es wieder in die Wetterau. Auf dem Herrnhaag gab es schließlich ein Wiedersehen mit der Ehefrau und Mutter, die unterdessen für ihren Mann in Sankt Petersburg, Livland und Kopenhagen finanzielle und andere Angelegenheiten der Brüdergemeine erledigt hatte. Auf der in Marienborn abgehaltenen Brüdersynode wurde Johann Michael Langguth, Benignas späterer Ehemann, zu einem engen Mitarbeiter Zinzendorfs. Benigna selbst, die schon Gemeindevorsteherin und Ältestin der ledigen Schwestern und Mädchen war, bekam auf der Synode zusätzlich die Aufsicht über die Herrenhaager Mädchenanstalt übertragen.

Johann Michael Langguth wurde 1744 vom Bischof Friedrich von Watteville adoptiert und somit zu einem von Watteville. Auf der 1746 abgehaltenen Synode im niederländischen Zeist konnten der nun adlige Johannes Baron von Watteville und Benigna Gräfin von Zinzendorf endlich heiraten. Von Watteville wurde außerdem zum Bischof ernannt. 1747 endete das zehnjährige Exil, Zinzendorf durfte wieder nach Sachsen und die Familie besuchte Herrnhut und Berthelsdorf in der Oberlausitz.Johann Friedrich Wilhelm Ritter: Leben des Freyherrn Johannes von Watteville, Bischofs der evangelischen Brüderkirche und dessen Gemahlin Frau Henriette Benigna Justine, Freyfrau von Watteville, gebohrne Gräfin von Zinzendorf. Jacob Schultz, Altona 1800. Zweiundzwanzigster Abschnitt: Comtesse Benigna von Zinzendorf Reise nach Holland. Ihre Vermählung daselbst mit Johannes Freyherrn von Watteville. Auffenthalt in England, Holland, die Wetterau, Voigtland, Oberlausitz, Schlesien, Barby. Ihre Reise nach Nordamerika und wieder zurükke u. s. w. Von 1746 bis 1756. S. 623–644.

Da ihr Ehemann zu einer Synode nach Nordamerika musste und Visitationen in Dänisch-Westindien (heute Amerikanische Jungferninseln) anstanden, reiste Benigna Anfang 1748 mit ihm nach Nordamerika. Benigna blieb in Bethlehem, frischte alte Freundschaften auf und schloss sich auch wieder der Mädchenschule an, die sie gegründet hatte. Ihr Ehemann bereiste unterdessen die Inseln Saint Thomas mit Neu-Herrnhut, Saint Croix und Saint John. Ende 1749 ging es zurück nach Europa. Nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in London war man im Januar 1750 wieder auf den Herrnhaag.

mini|Herrnhaag vor 1835

Von Herrnhaag nach Herrnhut