Wolf Solent ist der Titel eines 1929 in New York und London und 1930 erstmals in deutscher Übersetzung erschienenen Romans von John Cowper Powys und der Name des Protagonisten. Das umfangreiche, während eines längeren Aufenthalts von Powys in den USA verfasste Werk zählt zu den wichtigen, aber in Deutschland wenig bekannten und heute nur noch selten gelesenen englischen Romanen des 20. Jahrhunderts. Hinter der Fassade eines Entwicklungsromans, in dessen Fortgang der Protagonist immer tiefer in Skandalgeschichten verstrickt und zwischen zwei Frauen hin- und hergerissen ist, werden eine radikale Haltung und eine skeptische Weltanschauung des Autors deutlich, die das Streben nach intensiven subjektiven, ja mystischen Empfindungen über alle bürgerlichen Konventionen in den Mittelpunkt seines Lebens stellt und zugleich an dieser Empfänglichkeit leidet.
Inhalt Die in 25 Abschnitte gegliederte Handlung umfasst eine Periode von 15 Monaten in einer Zeit, in der es auf dem Lande offenbar noch keine Autos gab und nur Gas- und Petroleumlampen die Kleinstädte erleuchteten. Wolf Solent, einem Geschichtslehrer von 35 Jahren, wird von dem exzentrischen Müßiggänger Mr. Urquhart, Gutsherr auf King’s Barton im ländlichen Dorset eine Anstellung als Privatsekretär angeboten. Solent nimmt das von dem seiner Mutter nahestehenden und mit Urquhart verwandten Lord Carfax übermittelte Angebot an, nachdem er sich bei einem Vortrag äußerst abfällig über die moderne Zivilisation ausgelassen und dadurch unbeliebt gemacht hat. Ohne zu wissen, was sein konkreter künftiger Auftrag sein wird, will er, der Träumer, dem angespannten Londoner Großstadtalltag und dem Umkreis seiner energischen Mutter Ann Haggard Solent entfliehen und in die entspannte Umgebung seiner Kindheit zurückzukehren, wo sein Vater nach einem skandalträchtigen Leben als gebrochener Mann im Armenhaus von Ramsgard starb. Seine Mutter, die den verantwortungslosen Vater verließ und ihn ihr Leben lang verachtete, missbilligt Wolfs fehlenden Ehrgeiz und zunächst auch seine Umzugspläne. mini|Sherborne House, ein Herrenhaus in Dorset Schon auf der Bahnreise des Protagonisten nach Ramsgard, das er mit 10 Jahren zusammen mit seiner Mutter verlassen hatte, wird die überragende Rolle der Natur für sein Empfindungsvermögen deutlich. Er erblickt in allen Objekten am Wege Bedeutsames, Mythologisches und Belebtes. Diese Fähigkeit ist zu extremer Sensitivität gesteigert: „Es ist mir gleichgültig, ob ich Geld verdienen werde. Es ist mir gleichgültig, ob ich mir einen Namen machen werde. […] Alles, was ich wünsche, sind gewisse Empfindungen!“Wolf Solent, dt. Ausgabe 1960, S. 14. Die Zahlen in Klammern beziehen sich im Folgenden auf die Seiten dieser Ausgabe. Seine eigenen Gedanken und Gefühle sind für ihn ebenso materiell und real wie die äußere Welt.
Von Mr. Urquhart, Squire auf King’s Barton, erhält er den vage gehaltenen Auftrag, eine Chronik des Bezirks zu schreiben, die das Abseitige des menschlichen Zusammenlebens, also die Erinnerung an die Skandale und die Unmoral der Einwohner, in den Mittelpunkt stellt. Später stellt sich heraus, dass er von Urquhart gesammelte Gerichtsakten und obszöne Anekdoten in eine sprachlich und literarisch angemessene Form bringen soll und sich dabei auf die Skandale und Verbrechen konzentrieren soll. Solent wird eine Mietwohnung im Haus einer Mrs. Otter angeboten. Dort leben auch ihre Söhne Jason, ein hochnervöser, religiöser, dabei furchtsam-pessimistischer Dichter, der Gedichte voller Tiersymbolik schreibt, und Darnley, ein „Unterlehrer“, jedoch mit dem Benehmen eines Gentlemans. Solent zieht dort ein und befreundet sich mit Darnley.
Bald lernt er Menschen kennen, die seinen Vater noch gekannt haben. Die auffallend hässliche Selena Gault hält eine positive Erinnerung an den Vater, den sie offenbar geliebt hat, aufrecht und pflegt sein verunkrautetes Grab. Solent erfährt, dass sein Vorgänger als Privatsekretär, ein junger Mann namens Redfern, sich im Lenty Pond ertränkt haben soll. Von Urquhart erhält Wolf Solent die Aufträge, ein bestimmtes Buch vom Antiquariatsbuchhändler Malakite zu beschaffen und sich beim Steinmetz Torp in Blacksol um die Fertigstellung von Redferns Grabstein zu bemühen, da die Arbeit offenbar seit längerem nicht vorankommt. In Torps Haus erliegt Solent auf der Stelle der erotischen Anziehung von dessen 18-jähriger Tochter Gerda. Sofort schmiedet er Pläne, wie er sie rasch wiedersehen kann, und fasst den Entschluss, sie um jeden Preis zu „besitzen“ (73). Allerdings stellt er fest, dass er einen Rivalen hat, den Ladengehilfen Mr. Weevil, dem Gerdas junger Bruder Lob ein privates erotisches Bild von ihr beschafft hat, welches sie rittlings auf einem Grabstein sitzend zeigt.
Ein weiterer Besuch führt ihn zu Malakite, von dem das Gerücht umgeht, dass er ein Kind mit seiner inzwischen „aus Scham“ verstorbenen älteren Tochter gezeugt habe. Beim Tee trifft er auf Malakites jüngere Tochter Christie, der er ohne jede Hemmung seine Betörung durch Gerda gesteht, welche Christie gut kennt. Diese macht ihn darauf aufmerksam, dass er bei Gerda viele Rivalen habe, doch bisher sei jedoch keiner bei Gerda erfolgreich gewesen. Christie, eine intellektuell interessierte Hegel- und Spinoza-Leserin, die in einer inzestuösen Atmosphäre ihres Vaterhauses eingeschlossen ist und für die die Lektüre philosophischer Schriften ein Ersatz für das Leben draußen ist, ist bereit, Wolf bei der Eroberung der mit ihr befreundeten Gerda unterstützen; sie bringt den Stein durch einen Brief an diese mit ins Rollen.
Schon beim zweiten Treffen Wolf Solents mit Gerda kommt es zu einem stundenlangen gemeinsamen Waldspaziergang. Das Erlebnis der Natur löst bei Wolf einen tranceartigen Zustand aus, eine „mystische Ekstase“ (124), eine Form von Glückseligkeit, welche anders als die Liebe keine Gegenleistung verlangt. Gerda eröffnet Solent, dass sie sich vorstellen könne, ihn zu heiraten. Eine geheimnisvolle Atmosphäre entwickelt sich auch bei seinem gemeinsamen Gang mit Jason Otter zum Lenty Pond, in dem sich Mr. Redfern ertränkt haben soll. Jason hat ein Gedicht über den Teich und eine Wasserschlange oder Nymphe geschrieben, die die Männer in den Teich zieht. Dabei treffen sie Roger Monk, den Gärtner und Hausdiener Urquharts. Wolf fragt Monk nach einer Unterkunft für seine Mutter, die ihrem Sohn brieflich angekündigt hatte, ihn bald zu besuchen und vielleicht bleiben zu wollen. Mr. Monk bietet Solents Mutter ein Zimmer in seinem Gartenhäuschen an, was Mr. Urquhart beunruhigt. Solent fragt sich, ob er mit seiner Präsenz im Ort an den Rand eines psychischen Abgrundes krankhafter Konflikte, eines Strudels von Unmoral rührt.
Die Ankunft von Solents dominanter Mutter löst Panik bei Selena Gault aus und stößt Wolf aus seinen Phantasien in die Wirklichkeit zurück. Die erste Nacht im Ort verbringt Ann Haggard bei dem Hutmacher Albert Smith in Ramsgard, dessen verstorbene Frau Solents Vater gut gekannt hat. Smiths Tochter Mattie kümmert sich um ihre Nichte Olwen, die Tochter ihrer verstorbenen Schwester. Olwen erzählt Solent, dass Smith nicht ihr wirklicher Großvater sei; das habe sie von ihm selbst gehört. Die laute Unbefangenheit, mit der Ann mit dem betreten wirkenden Smith umgeht, erweckt in Solent den Verdacht, dass sie sich nach 27 Jahren der Abwesenheit an den Dorfbewohnern für irgendetwas rächen wollen.
Erst eine Woche ist nach Wolf Solents Ankunft vergangen, da lässt sich Gerda, die sich mit ihm zu einem Waldspaziergang verabredet hat, in ihrer „unheilvollen Passivität“ (161) von ihm in einer Scheune auf verblasstem gelben Farnkraut verführen. Sie versprechen sich die Ehe. Solent spinnt sich in eine reiche Pflanzenmetaphorik ein. Er ist tiefer berührt von Gerda, als er es in seinen bisherigen oberflächlichen Beziehungen in London je war.
Die Verwicklungen eskalieren in den nächsten Episoden: zunächst durch einen Kneipenstreit, der fast in einer Schlägerei endet, und bei dem Jason behauptet, dass Urquhart seine Seele an Monk verkauft habe, während es Solent dämmert, dass Mattie die Tochter seines Vaters, also seine Halbschwester ist; auf dem Pferdemarkt, wo Solent Miss Gault trifft und sie aus einer Eingebung heraus fragt, ob Olwen das Kind von Malakites verstorbener Tochter Lorna sei. Darauf reagiert Miss Gault, die als Vertreterin der Behörde für die Trennung des Kindes von seiner Mutter verantwortlich war, feindselig. Schließlich eröffnet Mattie Wolf auf dem Jahrmarkt, dass sie tatsächlich seine (Halb-)Schwester ist. Sie war es, die ihren Stiefvater Mr. Smith genötigt hat, Olwen nicht ins Heim zu geben, sondern zu sich zu nehmen, da Olwen ihre Tante Christie hasst und nicht im Haus Malakites leben wollte. Die Tatsache, dass Solent auf dem Jahrmarkt aktiv nach einer Begegnung mit Christie sucht, kaum dass er seit einem Tag mit Gerda zusammen ist, führt dazu, dass Mrs. Torp ihm vorwirft, sich wie sein Vorgänger Mr. Redfern an allen Mädchen des Ortes vergreifen zu wollen. Als Solent die einsame Christie auffindet, registriert er bei sich ein Gefühl der platonischen Gefühlseinheit, jedoch keine erotische Anziehung, während ihm Gerda immer fremder wird und er sich fragt, ob seine Entscheidung, sie zu heiraten, richtig war.
Nach einem Zeitsprung zeigt die nächste Episode Wolf Solent, der sich eine Teilzeitbeschäftigung als Lehrer in der städtischen Lateinschule gesucht hat, mit Gerda zusammen in einem gemieteten Arbeiterhäuschen im ärmeren Teil von Blacksod. Wolf muss erkennen, dass Gerdas Gefühle „einem Wesen von einem anderen Stern“ (246) zugehören, da sie keine Ahnung davon hat, was in ihm vorgeht. Als Gerda wegen des angekündigten Besuchs ihrer Mutter die Wohnung putzt, Wolf des Raumes verweist und sich seinen Annäherungen entzieht, reagiert er gekränkt und sucht Christie auf, die seine schüchternen ersten Annäherungen passiv zulässt. Beide fühlen erneut eine platonische Seelengemeinschaft. Bei der Teerunde mit Gerda, Christie, Mrs. Solent und Mrs. Torp erscheinen auch Lob und Mr. Weevil, der Gerda an frühere gemeinsame Ausflüge mit ihm erinnert. Mrs. Solent ist irritiert, Wolf spürt Anflüge von Eifersucht; um dieser zu entgehen, beschließt er, sich künftig zu teilen in ein körperliches Wesen, das Gerda gehört, und ein geistiges Leben, welches nur Christie zum Zweck und Ziel hat. Scheinbar befreit vom Entscheidungszwang fühlt er sich „auf magische Art gut“ (313).
In einer weiteren Episode trifft man Wolf im Haus der Smiths an. Mr. Smith erleidet einen Schlaganfall und stirbt – hohe Schulden und kein Geld für seine Familie hinterlassend – mit Verwünschungen gegen „Bastarde“ auf den Lippen. So stellt sich die Frage, was mit Olwen geschehen soll. Als Miss Gault die Trauergemeinde Smith besucht, schlägt sie vor, Mattie und Olwen – die, wie immer deutlicher wird, einer inzestuösen Verbindung Malakites mit seiner Tochter entstammt – in ein Armenhaus im entfernten Taunton zu bringen. Scheinheilig führt die Tiernärrin Miss Gault aus, sie selbst könne das Mädchen nicht aufnehmen, da sie vielleicht ihre Katze quälen könnte. Miss Gault erscheint nun plötzlich roh und bösartig. Da Mrs. Otter und Darnley Mattie und Olwen angeboten hatten, bei ihr zu wohnen, was Mattie zunächst abgelehnt hatte, interveniert Wolf und nötigt Mattie, das Angebot der Otters anzunehmen, um die unwürdige Ausweisung aus dem Ort zu verhindern.