Die Hjemmestyre (wörtlich etwa „Heimverwaltung“) war die von 1979 bis 2009 vorliegende Regierungsform in Grönland. Sie markierte die erste Stufe grönländischer Autonomie und wurde im Jahr 2009 durch die Selvstyre („Selbstverwaltung“) ersetzt, durch die Grönland weitere Autonomierechte zugestanden wurden.

Der Begriff Hjemmestyre ist eine direkte Übersetzung des Begriffs Home Rule, der bis 1927 den Autonomiestatus Irlands innerhalb des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland bezeichnete.Frederik Harhoff: hjemmestyre. Danmarks Nationalleksikon. Im dänischen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff sowohl (üblicherweise in der unbestimmten Form „Hjemmestyre“) den Status Grönlands (bspw. Grønland har fået Hjemmestyre i 1979. „Grönland hat 1979 Hjemmestyre bekommen.“) als auch (üblicherweise in der bestimmten Form „Hjemmestyret“) die Regierung bzw. den grönländischen Staatsapparat und damit gewissermaßen Grönland selbst (bspw. Hjemmestyret har besluttet... „Die Hjemmestyret hat beschlossen...“).hjemmestyre. Den Danske Ordbog.

Vorgeschichte Grönland war 1953 aus der dänischen Kolonialherrschaft entlassen wurden und per Verfassungsänderung ein gleichwertiger Teil des dänischen Königreichs geworden und damit ein Teil der Rigsfællesskabet. Während Grönland in kolonialer Zeit immer eine unterentwickelte Jäger- und Fischergesellschaft gewesen war, bedeutete die Dekolonisierung das Streben, den grönländischen Entwicklungszustand auf den des restlichen Königreichs zu bringen. Einerseits führten Verbesserungen im Gesundheitssystem nahezu zur Ausrottung der Tuberkulose und damit zu einer Explosion der Bevölkerungszahl in den 1950er und 1960er Jahren, andererseits zeigte eine zunehmende „Verwestlichung“ auch negative Seiten. Zur Steigerung der wirtschaftlichen Effizienz und im Zuge der Industrialisierung führte Dänemark für Grönland eine aktive Konzentrationspolitik ein, die zur Urbanisierung der wachsenden grönländischen Bevölkerung führte, und damit zur Aufgabe zahlreicher Wohnplätze und der generellen Ersetzung der traditionellen Torfmauerhäuser durch Holzhäuser und Wohnblocks in den Städten. Da das grönländische Bildungsniveau in den 1950er Jahren gering war und Arbeiter fehlten, kam es zu einem starken Zuzug dänischer Arbeitskräfte, die schließlich rund 20 % der Bevölkerung Grönlands ausmachten. Zudem wurde das Geburtsortkriterium, das in Dänemark geborenen Personen für dieselbe Arbeit einen höheren Lohn zusprach als in Grönland geborenen Personen, eingeführt und auch von grönländischer Seite damit begründet, dass die finanzielle Schere zwischen Grönländern in „europäischen“ Berufen und den Fischern und Jägern nicht zu weit auseinanderklaffen sollte. Zur Verbesserung des Bildungsniveaus wurden Hunderte grönländische Jugendliche zum Schulbesuch oder zur Ausbildung nach Dänemark geschickt.

Die rasante Umwälzung in der postkolonialen Periode Grönlands führte schon nach rund zehn Jahren zu sichtbaren Problemen. Kriminalität, Gewalt und Suizid durch wachsende soziale Probleme nahmen zu, was üblicherweise mit einem Kulturschock infolge des Wandels von ruraler Jagdkultur hin zu urbaner Industriekultur erklärt wird. In den 1960er Jahren bildete sich eine grönländische Opposition, die sich gegen die Entwicklung aussprach und wieder ein „grönländischeres Grönland“ forderte. Die Grönlandpolitik erhielt dadurch neben den bisherigen wirtschaftlichen und infrastrukturellen Aspekten plötzlich auch einen auf Kultur und Identität ausgerichteten Diskurs.

Diese Opposition bildete sich Ende der 1960er Jahre vor allem in Dänemark, wo sich die junge Bildungselite in der Ausbildung befand. 1970 wurde in Sisimiut (dänisch Holsteinsborg) die Holsteinsborgkonferenz abgehalten, um unter Vertretern von Politik, Wirtschaft, Studenten und anderen Interessengruppen die zukünftige Entwicklung Grönlands zu diskutieren. Dabei dominierten vor allem die Jungen mit ihrer Haltung zu mehr Mitbestimmungsrecht für Grönländer und einer mehr grönländisch geprägten Kultur. Bei der Parlamentswahl in Grönland 1971 und der Folketingswahl 1971 setzten sich vor allem mit Jonathan Motzfeldt, Lars-Emil Johansen und Moses Olsen erstmals vermehrt junge Politiker durch, die die grönländische Politik später prägen sollten.

Nachdem Dänemark 1967 um die Aufnahme in die Europäische Gemeinschaft gebeten hatte, hatte sich in Grönland der Widerstand dagegen verstärkt, da man keine wirtschaftlichen Nachteile dadurch erhalten wollte, weil man durch die Zugehörigkeit zu Dänemark zwangsweise ebenfalls Mitglied werden musste. Im Frühjahr 1972 bat Grönland um eine eigene Volksabstimmung zum EG-Beitritt, die aber nicht gewährt wurde. Im Herbst 1972 fand in Dänemark und Grönland eine Volksabstimmung stand, bei der sich die Mehrheit der Dänen für den Beitritt aussprach, die im Vergleich zu Dänemark geringe Bevölkerung Grönlands jedoch mehrheitlich dagegen. Dennoch musste Grönland sich der Mehrheitsentscheidung beugen und wurde am 1. Januar 1973 Mitglied der Europäischen Gemeinschaft.

Entstehung Hjemmestyreudvalg Aufgaben Im September 1972 forderte Jonathan Motzfeldt angesichts der drohenden Entscheidung bezüglich des dänisch-grönländischen EG-Beitritts die Errichtung eines Gremiums, um die Möglichkeiten für mehr grönländische Mitbestimmung zu untersuchen. Der gesamte Landesrat stimmte zu und am 27. Oktober 1972 wurde der Vorschlag beim (grönländischen) dänischen Grönlandminister Knud Hertling eingereicht, der die Unterstützung von dänischer Seite erhielt. Am 10. Januar 1973 wurde schließlich der Hjemmestyreudvalg („Hjemmestyreausschuss“) gegründet, der nur aus grönländischen Mitgliedern bestand, und die Wünsche Grönlands für den zukünftigen politischen Status formulieren sollte.

Zusammensetzung Folgende Personen gehörten anfangs dem Ausschuss an: Lars Chemnitz, Landesratsmitglied, Landesratsvorsitzender, Ausschussvorsitzender Ole Berglund, Landesratsmitglied Lars-Emil Johansen, Landesratsmitglied Jonathan Motzfeldt, Landesratsmitglied Otto Steenholdt, Landesratsmitglied Knud Hertling, grönländisches Folketingsmitglied, Grönlandminister Moses Olsen, grönländisches Folketingsmitglied

Während der laufenden Arbeit kam es zu folgenden Änderungen: Am 5. Oktober 1973 wurde Agnethe Nielsen als Vertreterin des Gemeindeverbands KANUKOKA in den Ausschuss berufen. Am 8. November 1973 ersetzte Jørgen C. F. Olsen den aus dem Landesrat ausgeschiedenen Ole Berglund. Nach der Folketingswahl 1973 schieden Knud Hertling und Moses Olsen aus und wurden am 4. Dezember 1973 durch Lars-Emil Johansen und Nikolaj Rosing ersetzt. Da Lars-Emil Johansen zuvor bereits als Landesratsvertreter Mitglied des Ausschusses war, übernahm Niels Carlo Heilmann seinen Platz.

Ergebnisse Am 18. Februar 1975 schloss der Ausschuss seine Arbeit mit der Herausgabe einer 23-seitigen Verhandlungsgrundlage/Teilgutachten („Forhandlingsoplæg/Delbetænkning“) ab. Sie enthielt eine kurze Zusammenfassung des Gründungsbeschlusses des Ausschusses, eine Zusammenfassung des damaligen verfassungsmäßigen Status und der wirtschaftlichen Lage Grönlands, eine Erläuterung der Autonomiesysteme der Färöer, Ålands und der Nordwest-Territorien. Anschließend folgt eine Beschreibung der Ausschussarbeit und anschließend als Hauptteil die Vorschläge für eine grönländische Hjemmestyre. Es wurden Gründe dafür genannt, warum Grönland autonom werden sollte: Grönländer sind ein eigenes Volk, unterschiedlich vom dänischen Volk. Grönland ist geografisch stark von Dänemark abgetrennt. Durch Kopenhagen als Entscheidungszentrum fühlt sich Grönland machtlos. Grönländisch und Dänisch sind unterschiedliche Sprachen mit unterschiedlichen Gedankengängen. Eine Auslöschung der grönländischen Sprache wäre ein Auslöschen des grönländischen Volks. Grönland fühlt sich nach über 200 Jahren dänischer Kolonialherrschaft auch 20 Jahre nach der Dekolonisierung noch von Dänemark aus ferngesteuert. Grönländer fühlen sich als Zuschauer der Entwicklung im eigenen Land, ohne dass grönländische Politiker auf diese Entwicklung Einfluss ausüben können.

Anschließend folgte ein Vorschlag für die Bereiche, die Grönland selbst verwalten sollte, sowie für die Bereiche, die Grönland nicht übernehmen sollte. Danach folgte eine Überlegung zur Finanzierung der Hjemmestyre sowie Pläne für den zukünftigen Aufbau politischer und administrativer Strukturen.

Der Ausschuss empfahl auf das Gutachten aufbauend eine Weiterbehandlung des Themas in einer Kommission mit dänischer Teilhabe.

Hjemmestyrekommission Aufgaben Am 9. Oktober 1975 gründete Grönlandminister Jørgen Peder Hansen die Hjemmestyrekommission, um die Arbeit des Hjemmestyreudvalgs gemeinsam mit Dänemark weiterzuführen. Zu den Aufgaben gehörten die Untersuchung von politischen Aufgabenbereichen, die in Zukunft direkt durch grönländische Politiker gesteuert werden können, die Schaffung einer gesetzlichen Grundlage hierfür, die Aufstellung eines Zeitplans und die Skizzierung eines Verwaltungsapparats, der mit der Einführung der Hjemmestyre vonnöten würde.

Zusammensetzung Der Hjemmestyrekommission gehörten grönländische und dänische Politiker sowie eine Gruppe von Funktionären als Beobachter und für verwaltungstechnische Aufgaben an. Folgende Personen saßen anfangs in der Kommission: Isi Foighel, Juraprofessor, Vorsitzender Lars Chemnitz, Landesratsvorsitzender Niels Carlo Heilmann, Landesratsmitglied Severin Johansen, Landesratsmitglied Jonathan Motzfeldt, Landesratsmitglied Otto Steenholdt, Landesratsmitglied Lars-Emil Johansen, grönländisches Folketingsmitglied Nikolaj Rosing, grönländisches Folketingsmitglied Helge Dohrmann, Folketingsmitglied Holger Hansen, Folketingsmitglied Svend Haugaard, Folketingsmitglied Søren B. Jørgensen, Folketingsmitglied Erik Ninn-Hansen, Folketingsmitglied Svend Erik Sørensen, Folketingsmitglied Bernhardt Tastesen, Folketingsmitglied Ado Lynge, Vertreter von KANUKOKA Peter Mathiassen, Vertreter von KANUKOKA Torben Hede Pedersen, Sekretariatschef von KANUKOKA Jørgen Gersing, Departementchef des Staatsministeriums Erik Hesselbjerg, Departementchef des Grönlandministeriums Jakob Karup Pedersen, Sekretariatschef des Landesrats Eva Barnekow, Sekretärin Gunnar Martens, Sekretär Ole Olesen, Sekretär Jakob Janussen, Informationsmitarbeiter Peter Kreutzmann, Dolmetscher

Während der laufenden Arbeitsperiode kam es zu folgenden Änderungen in der Zusammensetzung der Kommission: Nikolaj Rosing verstarb am 16. August 1976. Sein Nachfolger wurde Ole Berglund als dessen Stellvertreter im Folketing. Torben Hede Petersen wurde am 1. September 1976 Bürochef des Grönlandministeriums. Sein Nachfolger wurde Frederick Williams. Wegen der Folketingswahl 1977 kam es im Februar 1977 zu mehreren Änderungen: Otto Steenholdt wurde anstelle von Ole Berglund ins Folketing gewählt und wechselte somit seinen Platz als Landesratsvertreter mit dem als grönländischer Folketingsvertreter. Sein Nachfolger als Landesratsvertreter wurde sein Bruder Konrad Steenholdt. Holger Hansen wurde durch Poul Hartling ersetzt und Steen Folke ersetzte den nicht wiedergewählten Svend Erik Sørensen. Am 10. Januar 1978 wurde Poul Hartling zum UN-Hochkommissar für Flüchtlinge ernannt. Sein Nachfolger wurde Ivar Hansen.

Ergebnisse Im April 1978 veröffentlichte die Kommission ein vierbändiges Gutachten mit insgesamt rund 460 Seiten. Der Hauptteil war der erste Band, der den Vorschlag für die Hjemmestyre samt Gesetzesentwürfen enthielt. Der zweite Band war eine Sammlung für politischen und administrativen Schreiben und Reden, die in die Arbeit der Kommission eingeflossen sind. Band drei enthielt Vorschläge für Aufgaben, die die Hjemmestyre zeitnah übernehmen sollte. Der vierte Band enthielt eine Erläuterung der Folgen der Einführung der Hjemmestyre auf längere Sicht. Genaueres zum Inhalt des Gutachtens wird weiter unten genannt.

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