Große Freiheit (internationaler Titel: Great Freedom) ist ein österreichisch-deutscher Spielfilm von Sebastian Meise aus dem Jahr 2021 mit Franz Rogowski, Georg Friedrich, Thomas Prenn und Anton von Lucke. Premiere des Filmdramas war am 8. Juli 2021 im Rahmen der 74. Internationalen Filmfestspiele von Cannes, wo der Film in die Sektion Un Certain Regard eingeladen und mit dem Jurypreis ausgezeichnet wurde. Am 18. November 2021 kam Große Freiheit in die deutschen und am darauffolgenden Tag in die österreichischen Kinos.
Handlung Hans Hoffmann, ein homosexueller Mann, wird zwischen 1945 und 1969 mehrfach in westdeutschen Gefängnissen inhaftiert – aufgrund des § 175 StGB, der sexuelle Handlungen zwischen Männern kriminalisierte. 1968 wird Hans erneut verurteilt, nachdem er beim Cruising an einer öffentlichen Toilette, einer sogenannten Klappe, erwischt wurde. Im Gefängnis trifft er wieder auf Viktor Bix, einen früheren Zellengenossen, der wegen Mordes eine lange Haftstrafe verbüßt und inzwischen drogenabhängig ist.
1945 wird Hans nach der Befreiung eines Konzentrationslagers direkt in Haft überstellt, 1957 erneut wegen seiner Beziehung zu einem Mann, der in der Haft Suizid begeht. In der Gegenwart hilft Hans dem körperlich und seelisch angeschlagenen Viktor durch den Entzug. Kurz vor Hans’ Entlassung 1969 wird die Strafbarkeit homosexueller Handlungen teilweise aufgehoben. Nach seiner Freilassung besucht Hans einen schwulen Club, verlässt diesen jedoch, begeht absichtlich einen Diebstahl und wartet auf seine erneute Inhaftierung.
Produktion und Hintergrund Filmförderung Unterstützt wurde die Produktion vom Österreichischen Filminstitut, vom Filmfonds Wien, vom Deutschen Filmförderfonds, von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Mitteldeutschen Medienförderung und dem Medienboard Berlin-Brandenburg. Beteiligt waren der Österreichische Rundfunk und das ZDF. Der Film wurde paritätisch von der österreichischen FreibeuterFilm (Produzenten Oliver Neumann und Sabine Moser) und der deutschen Rohfilm Productions GmbH (Produzent Benny Drechsel) produziert.
Filmstab und Besetzung mini|hochkant=0.7|Franz Rogowski spielt Hans Hoffmann
Für Regisseur und Drehbuchautor Sebastian Meise war dies nach dem Spielfilm Stillleben (2011) und dem Dokumentarfilm Outing (2012) sein dritter Langfilm. Die beiden Hauptrollen von Hans Hoffmann und Viktor besetzte er mit dem deutschen Schauspieler Franz Rogowski und dem österreichischen Schauspieler Georg Friedrich.
Auf Geschichten wie der von Hans sei der Regisseur bei seinen Recherchen für den Film zuhauf gestoßen. Schwule hätten in Alliierten-Gefängnissen ihre Reststrafe absitzen müssen, weil Amerikaner und Briten in ihren Ländern ähnliche Gesetze gehabt hätten, somit sei die Verurteilung durch die Nazis in ihren Augen rechtens gewesen, so Meise. In der Nachkriegsgesellschaft sei es „absolut konsensfähig“ gewesen, männliche Homosexualität als Straftat zu betrachten, und immer wieder seien Versuche gescheitert, den Paragrafen 175 aus dem Strafgesetzbuch streichen zu lassen. Zwar sei die Gesellschaft heute diverser, und es habe sich viel geändert, dennoch sei es auch heute noch nicht so einfach, in der Schule sein Coming-out zu haben und zu sagen, dass man schwul ist.Dieter Kassel: Paragraf 175 im Kinofilm „Große Freiheit“: „Der Nährboden der Homophobie ist immer noch groß“. In: Deutschlandfunk Kultur, 17. November 2021.
In Vorbereitung auf den Film hatten er und sein Mitautor Thomas Reider Berichte von schwulen Männern gelesen, die nach dem Krieg aus dem KZ kamen und direkt vom KZ aus ins Gefängnis transferiert wurden, um dort gemäß dem Paragrafen 175 ihre Reststrafe abzusitzen. In Österreich habe es einen ähnlichen Paragrafen gegeben, den Paragrafen 129, so der Regisseur. Die Recherchen hätten gezeigt, mit welchem unglaublichen Aufwand der Staat damals agierte.Sebastian Meise: "Erzähle gern von Außenseitern". In: Wiener Zeitung, 14. November 2021. Man traf in Berlin und Wien von der Verfolgung betroffene ältere Schwule, die wegen des deutschen oder des österreichischen Paragrafen im Gefängnis saßen.Kulturjournal: Gespräch mit Sebastian Meise zu „Große Freiheit“. In: orf.at, 17. November 2021. (Audio)
Der Film spielt 1945, 1957 und 1968 und somit in Jahren, die für die Befreiung vom Nationalsozialismus beziehungsweise für die sexuelle Revolution stehen, jedoch nicht für Hans, der von einem System, das ihn verfolgt, in das nächste gerät und den Film so fast dystopisch wirken lässt. Auch der Schauplatz Deutschland sei für die erzählte Geschichte austauschbar, so Meise.
Dreharbeiten, Szenenbild und Kostüme Die Dreharbeiten fanden an 32 Drehtagen ab Februar 2020 in einem leerstehenden Gefängnis in Magdeburg statt. Die Rückblicke in die Freiheit erzählt der Film über Super-8-Bilder aus einer Überwachungskamera. So werden die Figuren in ständiger Überwachung gezeigt, die sich ihre kleinen Freiräume erkämpfen müssen. Die Kamera führte Crystel Fournier. Für den Ton zeichnete Jörg Theil verantwortlich, für das Kostümbild Tanja Hausner und Andrea Hölzl und für das Szenenbild Michael Randel.
Veröffentlichung Die Premiere war am 8. Juli 2021 im Rahmen der 74. Internationalen Filmfestspiele von Cannes,The Screenings Guide 2021. In: festival-cannes.com, 1. Juli 2021 (abgerufen am 2. Juli 2021). wo der Film in die Sektion Un Certain Regard eingeladen wurde. Dort sicherte sich der Streamingdienst MUBI die Rechte für Nordamerika und weitere Territorien.Michael Müller: Mubi kauft „Große Freiheit“ für Nordamerika und weitere Territorien. In: Blickpunkt:Film, 12. Juli 2021.
Am 30. September 2021 eröffnete Große Freiheit das Filmfest Hamburg.Jochen Müller: „Große Freiheit“ eröffnet Filmfest Hamburg. In: Blickpunkt:Film, 27. Juli 2021. Ebenfalls im September 2021 wurde er bei der Filmkunstmesse Leipzig gezeigtJochen Müller: „The French Dispatch“ eröffnet Filmkunstmesse Leipzig. In: Blickpunkt:Film, 17. August 2021., hiernach beim Busan International Film Festival2021 Program. In: biff.kr. Abgerufen am 17. September 2021. und Ende Oktober 2021 im Rahmen der Viennale.Große Freiheit. In: viennale.at. Abgerufen am 10. November 2022. Der deutsche Kinostart erfolgte am 18. November 2021, in Österreich am 19. November 2021. In Deutschland wurde der Film von der FSK ab 16 Jahren freigegeben. In der Freigabebegründung heißt es, der Film konzentriere sich ganz auf die sehr einfühlsam gezeichneten Figuren und schildere eindringlich die brutale historische Verfolgung von Homosexualität. In diesem Kontext zeige er auch Gewalt und sexuelle Handlungen, die jedoch gut in die Erzählung eingebettet und nicht voyeuristisch inszeniert seien.https://www.spio-fsk.de/?seitid=2737&tid=469&Vers=1&FGID=6035
Im ORF wurde der Film am 8. Juni 2023 erstmals ausgestrahlt. Im Rahmen der Edition österreichischer Film von Hoanzl und dem Standard wurde der Film 2023 auf DVD veröffentlicht.
Einsatz im Unterricht und der Erwachsenenbildung Das Onlineportal kinofenster.de empfiehlt Große Freiheit ab der 11. Klasse für die Unterrichtsfächer Geschichte, Politik, Ethik, Religion, Sozialkunde/Gemeinschaftskunde und Deutsch und bietet Materialien zum Film für den Unterricht. Jan Künemund schreibt dort, obwohl der Film historisch genau situiert ist, rücke er sein Thema des staatlichen Eingriffs in die individuellen Freiheiten durch die Abstraktion des Ortes und die Konkretion der Beziehung sehr nah an die Gegenwart heran. Genau hier liege auch ein möglicher Einstieg für Filmanalysen im Rahmen des Oberstufenunterrichts. Dazu könne man Foucaults Begriff des Panoptismus recherchieren und diskutieren, wie permanente Überwachung zur Internalisierung von Machtbeziehungen führt.Jan Künemund: Große Freiheit. In: kinofenster.de, 17. November 2021.
Auf der vom österreichischen Filmverleih Filmladen initiierten Website „Kino macht Schule“, die sich an Lehrerinnen und Lehrer richtet, die mit dem Medium Film im Unterricht vertiefend arbeiten wollen, werden Materialien und Bilder für Schulzwecke als Download angeboten.Große Freiheit. In: kinomachtschule.at. Abgerufen am 9. April 2022. Das Institut für Kino und Filmkultur hat zudem Material für die Schule und die Erwachsenenbildung erarbeitet.Große Freiheit. In: kinomachtschule.at. Abgerufen am 9. April 2022. (PDF)
Kritiken Der Film konnte bislang 97 Prozent aller bei Rotten Tomatoes erfassten Kritiken überzeugen und erhielt hierbei eine durchschnittliche Bewertung von 8,1 der möglichen 10 Punkte. Auf Metacritic erhielt der Film einen Metascore von 89 von 100 möglichen Punkten.
Von der Filmzeitschrift epd Film wurde Große Freiheit zum Film des Monats November 2021 bestimmt.Film des Monats November: »Große Freiheit«. In: epd Film, 22. Oktober 2021. Zudem war der Film der Kinotipp desselben Monats der Jury der katholischen Filmkritik des Filmdiensts. Die Jury überzeugte Große Freiheit als herausragendes Schauspielerkino, auch wenn der Film keine leichte Kost sei. An dem Protagonisten Hans beeindruckte die Jury die Tatsache, dass dieser trotz Unrecht, Ausgrenzung und Ablehnung nicht verbittert, sondern „grundsätzlich anderen Menschen zugewandt bleibt“. Anhand der Figur formuliere der Film eindringlich „die existenzielle Frage nach dem, was den Menschen zum Menschen macht“.Neuer Kinotipp: „Große Freiheit“ von Sebastian Meise. In: Filmdienst, 16. November 2021. mini|hochkant=0.7|links|Sebastian Meise bei der Vorstellung des Films beim Film Fest Gent Guy Lodge von Variety schreibt, in Sebastian Meises und Thomas Reiders elegant strukturiertem Drehbuch, das sich in und aus Zeitlinien gräbt, vergingen die Jahre im Handumdrehen, um das Gefühl zu vermitteln, dass die Zeit gleichzeitig vergeht und ins Stocken gerät. Meise schaffe Momente taktiler Intimität inmitten dieser strengen Umgebung, und der wichtigste von ihnen sei, als Viktor seinem Mitgefangenen Hans anbietet, die Lagernummer auf seinem Unterarm zu entfernen, so Lodge. Meise interessiere sich nicht besonders für saubere moralische Aussagen, Große Freiheit handele vielmehr von diesen beiden Verbündeten, jeder mit seinen eigenen Fehlern, aber beide unter verzweifelten Umständen lebend. So sei es Meise gelungen, den anhaltenden Schaden zu verdeutlichen, den der Paragraf 175 in einer vermeintlich befreiteren Nachkriegsgesellschaft verursacht hat.Guy Lodge: 'Great Freedom' Review: A Gay Convict Bides His Time for Change in This Terrific German Prison Drama. In: Variety, 26. Juli 2021.
Katja Nicodemus schreibt in der Zeit, Große Freiheit sei ein Film der Körper, der Rebellion und der Hoffnung, obwohl er fast ausschließlich im Gefängnis spielt. Franz Rogowski verströme in der Rolle des Hans den Stolz eines Menschen, der sich die Liebe nicht verbieten lässt. Dabei bildeten Szenen, in denen Hans zur Strafe für sein „Fehlverhalten“ in eine lichtlose Einzelzelle gesperrt wird, eine Art Scharnier der Jahre und Jahrzehnte. Was ihn und Viktor verbindet, so als ihm dieser durch die Klappe Zigaretten und Streichhölzer in die Dunkelheit wirft, könne man Freundschaft, Zuneigung, Liebe oder Erotik nennen, oder aber man vergisst die Bezeichnungen und schaut sich diesen beeindruckenden Film und seine großartigen Schauspieler einfach an.Katja Nicodemus: "Große Freiheit": Die Rebellion des Begehrens. In: Zeit, Nr. 47/2021, 17. November 2021.