Der Erinnerungsort Badehaus (Eigenschreibweise BADEHAUS) ist ein zeitgeschichtliches Museum am Kolpingplatz in Waldram, einem Stadtteil von Wolfratshausen, etwa 30 km südlich von München. Es dokumentiert die Geschichte der Siedlung seit ihrer Gründung 1939. Das Museum ist ein außerschulischer Lernort und eine Begegnungsstätte für unterschiedliche Generationen, Nationen und Religionen. Besitzer und Betreiber ist der Verein Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald e. V., der das Gebäude vor dem Abriss rettete, sanierte und als Museum konzipierte.Geschichte, auf eigenheimerverband.de, abgerufen am 10. Oktober 2021Föhrenwald – ein Schtetl in Bayern Verschwiegene Nachkriegsgeschichte, auf deutschlandfunkkultur.de, abgerufen am 24. April 2022 Das Museum wird ehrenamtlich betrieben.Ein Haus und seine ehrenamtlichen Stützen. erinnerungsort-badehaus.de, abgerufen am 10. Oktober 2021. 2022 wurde das Museum mit dem Obermayer-Award für herausragendes Engagement zur Bewahrung jüdischer Geschichte und zur Bekämpfung von Vorurteilen in der heutigen Zeit ausgezeichnet.
Geschichte des Gebäudes Das Gebäude wurde 1939 als Sanitäranlage für die männlichen Bewohner des Lagers Föhrenwald erbaut,Erinnerungsort BADEHAUS. jewish-places.de, abgerufen am 31. Oktober 2021. sabine-weigand-mdl.de, abgerufen am 31. Oktober 2021. weil es in den einfachen Häusern der Fabrikarbeiter der nahe gelegenen Munitionsfabriken keine Badewannen oder Duschen gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Lager Föhrenwald für Displaced Persons genutzt wurde, war es das zentrale Sanitärgebäude für alle Bewohner. Es wurde an unterschiedlichen Tagen von Frauen und Männern genutzt. Weil das Lager ab Oktober 1945 auf Beschluss der amerikanischen Militärverwaltung ausschließlich von jüdischen Überlebenden des NS-Regimes bewohnt wurde, richtete man auf Anregung des Rabbiners Jekusiel Jehuda HalberstamDie Wipfel unterm Dach. In: Süddeutsche Zeitung. 26. Dezember 2019, abgerufen am 1. November 2021. im Keller des Gebäudes zusätzlich eine Mikwe, ein jüdisches Ritualbad, ein.Die Kinder vom Lager Föhrenwald. In: Bayerische Staatszeitung. 1. März 2013, abgerufen am 10. Oktober 2021.Ein Badehaus gegen das Vergessen. In: Merkur. 1. Februar 2016, abgerufen am 10. Oktober 2021.Majer Szanckower gibt Einblicke in DP-Lager Föhrenwald. stadtpost.de, abgerufen am 29. Oktober 2021.Erinnerungen an Föhrenwald. In: Jüdische Allgemeine. 22. Oktober 2021, abgerufen am 10. Oktober 2021.Bei den Recherchen zur Geschichte des Hauses fanden die Initiatoren auch Handwerkerrechnungen, in denen die Arbeiten für den Einbau „eines koscheren Bades am Independence Place im Lager Föhrenwald“ in Rechnung gestellt werden. Sie befinden sich im dortigen Archiv. Spätestens Anfang März 1946 ist sie dokumentiert.Jekusiel Jehuda Halberstam. talmud-thora.de, abgerufen am 10. Oktober 2021. mini|Badehaus des ehemaligen Lagers Föhrenwald vor dem Umbau zum Museummini|Badehaus des ehemaligen Lagers Föhrenwald vor dem Umbau zum Museum, Hangseite
Als das katholische Gemeinnützige Siedlungswerk 1955 das gesamte Gelände übernahm und nach und nach alle Häuser renovieren und mit Badezimmern ausstatten ließ, verlor das Badehaus seine Funktion als Sanitärgebäude. Die neuen Eigentümer beseitigten das Mikwe-Becken und installierten im Keller eine neue Heizungsanlage. Mit der Übernahme des gesamten Areals mussten die jüdischen Displaced Persons das Lager nach und nach räumen, die Siedlung wurde in Waldram umbenannt.
Durch Umbauten im Jahr 1963 entstanden im Gebäude Wohnungen für Lehrer im Erdgeschoss und Zimmer im DachgeschossUmbaupläne fand die damalige Kreisheimatpflegerin Maria Mannes bei der Recherche zur Umgestaltung zum Museum. für Schüler des Spätberufenenseminars St. Matthias„Das war ein Privileg“. In: Süddeutsche Zeitung. 24. Januar 2020, abgerufen am 10. Oktober 2021.Sorge um Waldramer Zeitzeugnis. In: Süddeutsche Zeitung. 19. September 2011, abgerufen am 10. Oktober 2021., das im September 1957 in unmittelbarer Nachbarschaft der ehemaligen Sanitäranlage eingerichtet worden war.Festschrift 50 Jahre St. Matthias 1927–1977. Hrsg.: Seminar St. Matthias Damals nannten die Mitglieder des Spätberufenenseminars das Gebäude Badebau. Die Bezeichnung ging im Laufe der Zeit in Waldram in den allgemeinen Sprachgebrauch über.Ort der Erinnerung, der Begegnung und des Lernens. stmelf.bayern.de, abgerufen am 1. November 2021.
2011 zogen die letzten Bewohner aus dem Gebäude aus. Die Erzbischöfliche Finanzkammer plante den Abriss des Gebäudes und die Errichtung von Mehrfamilienhäusern auf dem Areal. Dagegen setzte sich eine Bürgerinitiative zur Wehr, die den ortsbildprägenden Charakter des Kolpingplatzes bedroht sah.Coenen, Jonathan/Krafft, Sybille et al.: Erinnerungsort Badehaus 2012–2019.
Im September 2012 wurde der Verein Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald e. V. unter dem Vorsitz der Historikerin und Journalistin Sybille Krafft gegründet. Mitglieder des Historischen Vereins Wolfratshausen e. V. und der Siedlungsgemeinschaft Waldram e. V. taten sich zusammen, um das historische Gebäude vor dem Abriss zu retten und dort eine Begegnungs- und Dokumentationsstätte aufzubauen.Baurecht für 8.500 Quadratmeter-Grundstück in Waldrams Mitte beschränkt - Die Bebauung festgezurrt, auf dasgelbeblatt.de, abgerufen am 10. Oktober 2021 Zeugnisse der Waldramer und Föhrenwalder Geschichte wurden gesammelt, um sie in einer multimedialen Präsentation der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Prominente Unterstützung erhielt das Projekt von Max Mannheimer (1920–2016), der als Überlebender des Holocausts eine besondere Beziehung zu Föhrenwald hatte. Er hatte sich in der Nachkriegszeit unter anderem im Lager Föhrenwald um jüdische Displaced Persons gekümmert, die durch ihre Erlebnisse während der Zeit des Dritten Reiches traumatisiert waren.„Die Welt reparieren“ – im BADEHAUS Waldram-Föhrenwald. blog.wolfratshausen.de, abgerufen am 10. Oktober 2021. 2012 wurde er das erste Mitglied des Vereins. mini|Ramadama (= Aufräumaktion) 2012 im Badehaus des ehemaligen Lagers Föhrenwald als Auftakt der Umgestaltung des Hauses zum Erinnerungsort Badehaus
2015 übereignete die Seminarstiftung St. Matthias dem Verein das Gebäude mit der Auflage, darin einen Gedenkort zu errichten.Jonathan Coenen, Sybille Krafft et al.: Erinnerungsort Badehaus 2012–2019, S. 51Segen für Badehaus. In: Münchner Kirchenzeitung. 28. Oktober 2018. Daraufhin gestaltete der Verein das Haus um.Jonathan Coenen, Sybille Krafft et al.: Erinnerungsort Badehaus 2012–2019, S. 58Karin Hammermaier: Ort der Begegnung: Interview mit Sybille Krafft. In: Münchner Kirchenzeitung. 13. Januar 2019, Seite 13 In mehr als 20.000 ehrenamtlichen Arbeitsstunden wurde mit professioneller Hilfe sowie mit finanzieller Unterstützung der Kommune Wolfratshausen, des Landkreises Bad-Tölz-Wolfratshausen, des Freistaats Bayern und der Europäischen Union das Gebäude saniert und als Museum gestaltet.Susanne Hauck: Ort der Versöhnung. In: Süddeutsche Zeitung. 5. Mai 2021, abgerufen am 10. Oktober 2021.
Am 21. Oktober 2018 wurde der Erinnerungsort Badehaus als Museum eröffnet.Predigt: Suchet der Stadt Bestes (Jer 29,4-14). In: Sonntagsblatt. 21. Oktober 2018, abgerufen am 10. Oktober 2021. Es entwickelte sich zu einem Ort gegen das Vergessen, den Einheimische, Gäste aus aller Welt, Zeitzeugen und deren Nachkommen besuchen.Magdalena Höcherl: „Unser Kind ist bereit für die Welt“: Badehaus Waldram wird offiziell eröffnet. In: Merkur. 19. Oktober 2018, abgerufen am 10. Oktober 2021. Anfang 2025 hatten bereits über 22.000 Menschen den Ort besucht.
Museumskonzept Die Konzeption der Gedenkstätte fußt auf mehreren Säulen.Museum. erinnerungsort-badehaus.de, abgerufen am 16. November 2021. Sie wird durch ein wissenschaftlich und pädagogisch geschultes Team multimedial umgesetzt.
Museum mit Dauerausstellung Führungen für Einzelpersonen und Gruppen durch das Museum, durch den Ort und zu den Resten der Munitionsfabriken im ehemaligen Wolfratshauser Forst Museums-App mit Audioguides und Außenführungen Veranstaltungsreihe Begegnungen im Badehaus Veranstaltungsreihe Künstlerische Interventionen Sonderausstellungen Zeitzeugeninterviews Wanderausstellungen, die ausgeliehen werden können Sonderprojekte
Raumaufteilung des Gebäudes Das Museum präsentiert auf 900 m² verteilt über drei Stockwerke Dokumente, Fotos, Filme und Exponate sowie Zeitzeugeninterviews.Dauerausstellung, auf erinnerungsort-badehaus.de, abgerufen am 26. Oktober 2021 Ein Zeitstrahl im Treppenhaus setzt über alle drei Stockwerke hinweg die regionale Geschichte in den deutschen bzw. internationalen Kontext. mini|Erinnerungsort Badehaus Geschichte der Displaced Persons mini|Erinnerungsort Badehaus: Geschichte der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge
Erdgeschoss In einer multimedialen Dauerausstellung wird die Orts- und Migrationsgeschichte mit europäischen Dimensionen in der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit in Deutschland nach 1945 dargestellt. Die einzelnen Phasen werden ortsübergreifend, dabei am Beispiel der lokalen Geschichte von Föhrenwald und Waldram beleuchtet: der Beginn 1939 als NS-Mustersiedlung für Rüstungsarbeiter; die Zwischennutzung für Überlebende des Todesmarsches von KZ-Häftlingen 1945; die Umnutzung zum jüdischen DP-Lager Mitte 1945; die erneute Umnutzung 1956 zur Siedlung von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen aus den osteuropäischen Gebieten und schließlich die Entwicklung zum Wohnviertel Waldram der Gegenwart.mini|Dachgeschoss im Erinnerungsort Badehaus: Wald der Erinnerungen
Dachgeschoss Im Dachgeschoss vermittelt die Inszenierung Wald der ErinnerungenTexttafel im Museum. zuletzt gesehen am 1. November 2021 Einblicke in Einzelschicksale der Zeitzeugen des Lagers Föhrenwald und aus Waldram. Die verschiedenen Stationen sind als stilisierte Bäume gestaltet, an denen die Lebenswege von deutschen Dienstverpflichteten, Zwangsarbeitern, Todesmarsch-Überlebenden, jüdischen und nicht-jüdischen Displaced Persons, Heimatvertriebenen und heutigen Migranten mit unterschiedlichen Medien dargestellt werden. Die Bäume wurden als Symbol gewählt, weil Föhren den Ort prägten und Bäume als Archetypen des Lebens eine große Bedeutung in allen Religionen haben. An den Wänden sind Namen und Fotografien von Zeitzeugen zu sehen. Viele dieser Personen wurden interviewt und so dem Museumsbesucher Einblicke in deren Lebenswege ermöglicht.
Gartengeschoss Wegen der Hanglage des Gebäudes hat auch das Untergeschoss einen Ausgang ins Freie und wird deswegen von den Initiatoren des Museums als Gartengeschoss bezeichnet.
Im Gartengeschoss wird das religiöse Leben im Lager Föhrenwald dokumentiert und ein Film über die Mikwe gezeigt, die während der Nachkriegszeit im Keller eingerichtet war und als rituelles Bad von den jüdischen Lagerbewohnern genutzt wurde.Weisenfisz-Rudel, Margret: Margret Weisenfisz-Rudel, zusammengestellt aus einem Gespräch am 27.4.1997. In: Marianne Balder: Lager Föhrenwald: Erinnerungen; Dokumentation des Stadtarchivs Wolfratshausen, Seite 39; abgerufen am 26. Oktober 2021.
In dieser Etage befindet sich auch das mehrfach ausgezeichnete Hörstück Föhrenwald von Michaela Melián. Zeichnungen der Künstlerin erweitern es zur multimedialen Installation. Die im dunklen Raum schwebenden Bilder überblenden einander und imaginieren kombiniert mit Musik, Texten sowie Zitaten einen Spaziergang durch den Ort.
Außerdem befindet sich im Gartengeschoss ein Raum für Sonderausstellungen, der unter anderem von der örtlichen Volkshochschule genutzt wird.
Außenraum