Als Amerikanische Philosophie werden im engeren Sinne philosophische Arbeiten bezeichnet, die von Amerikanern innerhalb der geographischen Grenzen der Vereinigten Staaten verfasst wurden. In einem weiteren Sinn rechnet man auch außerhalb der USA entstandene Werke von Philosophen hinzu, die zumindest einen Teil ihres Lebens in den Vereinigten Staaten verbrachten. Dies gilt z. B. für die Arbeiten von Alfred North Whitehead und George Santayana. Bis vor kurzem wurde der Begriff verwendet, um sich auf Philosophen europäischer Abstammung zu beziehen.
Die verschiedenen amerikanischen Denkschulen und philosophischen Traditionen waren vielfältig und standen oft im Widerspruch zueinander. Ihre Anliegen und Themen verschoben sich zu den verschiedenen Zeiten. So erhielt z. B. die Analyse der Sprache erst im zwanzigsten Jahrhundert einen hohen Stellenwert, während davor die Beziehung zwischen Philosophie und Religion von großer Bedeutung war. Die Entwicklung der amerikanischen Philosophie wird häufig als Spiegel der Ausbildung der kollektiven amerikanischen Identität gesehen.
17. Jahrhundert mini|Der Mayflower Compact (1620) regelte die Beziehung zwischen Individuum und Gemeinschaft Die meisten Standardwerke zur amerikanischen Philosophiegeschichte beginnen diese mit der europäischen Kolonisation, insbesondere mit der Ankunft der Puritaner in Neuengland. Bereits in den frühen kolonialen Dokumenten wie dem Mayflower Compact (1620), den Fundamental Orders of Connecticut (1639) und dem Massachusetts Body of Liberties (1641) formulierten sie die sozio-politische Positionen, die für die neu gegründeten Gemeinschaften grundlegend wurden. Von besonderer Bedeutung war dabei die Beziehung zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft. Auch frühe Kolonialherren wie John Winthrop betonten den Vorrang des öffentlichen Lebens gegenüber dem privaten. Obwohl sehr einflussreich, waren solche Ansichten nicht universell. So vertraten der Maryland Toleration Act (1649) und die Schriften anderer einflussreicher Führer wie Roger Williams (Mitbegründer von Rhode Island) die Ansicht, dass religiöse Toleranz wichtiger sei als der Versuch, religiöse Homogenität in einer Gemeinschaft zu erreichen.
18. Jahrhundert Die amerikanische Philosophie des 18. Jahrhunderts kann in zwei Hälften unterteilt werden. Die erste Hälfte war von der vom Great Awakening beeinflussten Theologie des reformierten puritanischen Calvinismus geprägt sowie von der Naturphilosophie der Aufklärung. Die zweite Hälfte stand unter dem Einfluss der Moralphilosophie der stark mit dem politischen Denken der Gründerväter verbundenen amerikanischen Aufklärung, die an den amerikanischen Colleges gelehrt wurde und sich dort in den 1750er und 1770er Jahren stürmisch entwickelte.
Im 18. Jahrhundert strömten die Ideen Francis Bacons und der Aufklärungsphilosophen Descartes, Newton, Locke, Wollaston und Berkeley in das koloniale britische Amerika. Zwei gebürtige Amerikaner, Samuel Johnson und Jonathan Edwards, wurden zunächst von diesen Philosophen beeinflusst. Beide waren ursprünglich ordinierte puritanisch-kongregationalistische Geistliche, die sich viele der neuen Erkenntnisse der Aufklärung zu eigen machten. Sie waren in Yale ausgebildet und stark vom Idealismus Berkeleys beeinflusst. Beide prägten stark die weitere Entwicklung der politischen Philosophie Amerikas. Während aber Edwards seine reformierte puritanische Theologie auf Basis der calvinistischen Lehre gründete, konvertierte Johnson zur anglikanischen Episkopalreligion (der Church of England) und entwickelte dann seine neue amerikanische Moralphilosophie auf Basis von William Wollastons natürlicher Religion. Gegen Ende des Jahrhunderts ersetzte der schottische Common-Sense-Realismus die einheimischen Schulen dieser beiden Rivalen in den Philosophie-Lehrplänen der amerikanischen Colleges; er sollte bis zum Bürgerkrieg die dominierende Philosophie in der amerikanischen akademischen Welt bleiben.
Einführung der Aufklärung in Amerika mini|Samuel Johnson war eine Schlüsselfigur der amerikanischen Aufklärung Die ersten etwa 100 Jahre der College-Ausbildung in den amerikanischen Kolonien wurden in Neuengland von der puritanischen Theologie William Ames’ und „den logischen Methoden des sechzehnten Jahrhunderts von Petrus Ramus“ dominiert. Im Jahre 1714 traf dann eine Schenkung von 800 Büchern aus England, gesammelt vom Kolonialagentem Jeremiah Dummer, in Yale ein. Sie enthielten das, was als The New Learning bekannt wurde. Darunter waren die Werke von Locke, Descartes, Newton, Boyle, Shakespeare und anderen Autoren der Aufklärungszeit, die den Tutoren und Absolventen der puritanischen Colleges in Yale und Harvard nicht bekannt waren. Sie wurden erstmals von einem achtzehnjährigen Studenten aus Guilford, Connecticut, dem jungen Amerikaner Samuel Johnson, geöffnet und studiert, der gerade auch Lord Francis Bacons Advancement of Learning gefunden und gelesen hatte. Johnson schrieb in seiner Autobiographie, dass „all dies wie eine Flut des Tages für seinen niedrigen Geisteszustand war“ und dass „er sich wie einer fühlte, der sofort aus dem Schimmer des Zwielichts in den vollen Sonnenschein des offenen Tages auftauchte“. Er betrachtete nun das, was er in Yale gelernt hatte, als „nichts als die scholastischen Spinnweben einiger kleiner englischer und holländischer Systeme, die man kaum noch auf der Straße aufgreifen würde.“
Johnson wurde 1716 zum Tutor in Yale ernannt. Er begann dort, den Lehrplan der Aufklärung zu unterrichten. Einer seiner Schüler war für eine kurze Zeit der fünfzehnjährige Jonathan Edwards. „Diese beiden brillanten Yale-Studenten jener Jahre, von denen jeder ein bekannter Denker und College-Präsident werden sollte, legten die fundamentale Natur des Problems“ der „Unstimmigkeiten zwischen der alten Lehre und der neuen“ offen, aber jeder hatte eine ganz andere Ansicht zu den Themen Prädestination versus freier Wille, Erbsünde versus das Streben nach Glück durch das Praktizieren von Tugend und die Erziehung von Kindern.
Reformierter Calvinismus mini|Jonathan Edwards verband die Ideen der Aufklärung mit dem Calvinismus Jonathan Edwards gilt als Amerikas wichtigster und originellster philosophischer Theologe. Bekannt für seine energischen Predigten, wie z. B. Sinners in the Hands of an Angry God (dt.: Sünder in den Händen eines zornigen Gottes) – von der gesagt wird, dass sie das „erste große Erwachen“ eingeleitet hat –, betonte Edwards „die absolute Souveränität Gottes und die Schönheit von Gottes Heiligkeit“. In seinem Bestreben, den christlichen Platonismus mit einer empiristischen Erkenntnistheorie zu vereinen, war Edwards stark von George Berkeley beeinflusst, der selbst Empiriker war. Von ihm übernahm Edwards die Bedeutung des Immateriellen für die Gewinnung der menschlichen Erfahrung.
Der nicht-materielle Geist besteht für Edwards aus Verstand und Willen. Der Verstand, interpretiert in einem Newtonschen Rahmen, führt zur grundlegenden metaphysischer Kategorie des Widerstands. Welche Eigenschaften ein Objekt auch immer haben mag, es hat diese Eigenschaften, weil das Objekt Widerstand leistet. Widerstand selbst ist die Ausübung von Gottes Macht. Diese kann in Newtons Bewegungsgesetzen gesehen werden, wo ein Objekt „unwillig“ ist, seinen aktuellen Bewegungszustand zu ändern: ein Objekt in Ruhe wird in Ruhe bleiben und ein Objekt in Bewegung wird in Bewegung bleiben.
Obwohl Jonathan Edwards die puritanische Theologie reformierte, indem er Ideen der Aufklärung aus der Naturphilosophie und von Locke, Newton und Berkeley übernahm, blieb er ein Calvinist und harter Determinist. Edwards lehnte auch die Freiheit des Willens ab und sagte: . Nach Edwards führen weder gute Werke noch ein aus sich selbst heraus entstehender Glaube zur Erlösung, sondern es ist die bedingungslose Gnade Gottes, die allein über das menschliche Glück entscheidet.
Aufklärung Während die amerikanische philosophische Tradition des 17. und frühen 18. Jahrhunderts dezidiert von religiösen Themen und der reformatorischen Vernunft von Petrus Ramus geprägt war, kam es im 18. Jahrhundert zu einer stärkeren Hinwendung zu den Wissenschaften und den neuen Erkenntnissen des Zeitalters der Aufklärung. Dies war verbunden mit einem idealistischen Glauben an die Perfektibilität des Menschen durch Ethik und Moralphilosophie, Laissez-faire-Ökonomie und einem neuen Fokus auf politische Fragen.
Samuel Johnson wurde häufig als eigentlicher „Begründer der amerikanischen Philosophie“ und als erster bedeutender Philosoph im kolonialen Amerika bezeichnet. Er war der Autor des ersten in Amerika veröffentlichten Philosophie-Lehrbuchs. Johnson interessierte sich nicht nur für Philosophie und Theologie, sondern auch für Bildungstheorien und Wissensklassifizierungsschemata, die er für das Verfassen von Enzyklopädien, die Entwicklung von College-Lehrplänen und die Erstellung von Bibliotheksklassifizierungssystemen nutzte. Johnson war ein Befürworter der Ansicht, dass „das Wesen der wahren Religion die Moral ist“. Er glaubte, dass „das Problem des Konfessionalismus“ gelöst werden könnte, indem man eine nicht konfessionell gebundenen, gemeinsame Moralphilosophie lehrt, die für alle Religionen akzeptabel ist. So entwarf er eine Moralphilosophie, die stark von Descartes, Locke, William Wollastons Religion of Nature Delineated und dem idealistischen Philosophen George Berkeley beeinflusst war. Mit Berkeley hatte Johnson zwischen 1729 und 1731 in Rhode Island studiert. Johnson lehnte Calvins Doktrin der Prädestination entschieden ab. Er glaubte, dass die Menschen autonome, mit einem freien Willen und den Locke’schen Naturrechten ausgestattete moralische Akteure sind. Seine Philosophie der Verschmelzung von natürlicher Religion und Idealismus, die als „amerikanischer praktischer Idealismus“ bezeichnet wurde, entwickelte Johnson als eine Reihe von College-Lehrbüchern in sieben Ausgaben zwischen 1731 und 1754. Diese Werke und sein Dialog Raphael, or The Genius of the English America, der zur Zeit der Stamp-Act-Krise geschrieben wurde, gehen über die Einflüsse von Wollaston und Berkeley hinaus. So enthält der Dialog Raphael Abschnitte über Ökonomie, Psychologie, den Unterricht von Kindern und politische Philosophie.
mini|hochkant|right|Kings College (Columbia University) 1770 Die Moralphilosophie definiert Johnson in seinem College-Lehrbuch Elementa Philosophica als . Sie wurde von Präsident Thomas Clap von Yale, Benjamin Franklin und Propst William Smith an der Academy and College of Philadelphia gefördert und am King's College (heute Columbia University) gelehrt. Samuel Johnson war zu seiner Zeit sehr einflussreich: Man schätzt, dass etwa die Hälfte der amerikanischen College-Studenten zwischen 1743 und 1776 und mehr als die Hälfte der Männer, die zur Unabhängigkeitserklärung beitrugen oder über sie debattierten, Johnsons Moralphilosophie eng verbunden waren. Drei Mitglieder des Fünferkomitees, das die Unabhängigkeitserklärung redigierte, waren enge Vertraute Johnsons: sein Förderer, Freund und Verleger Benjamin Franklin, sein King's-College-Schüler Robert R. Livingston und der juristische Protegé seines Sohnes Roger Sherman. Johnsons Sohn William Samuel Johnson war der Vorsitzende des Stilkomitees, das die US-Verfassung schrieb.
Die politische Philosophie der Gründer mini|hochkant|Thomas Jefferson war der Haupt-Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung Etwa zur Zeit des Stamp Act stieg das Interesse an der politischen Philosophie. Viele der Gründerväter schrieben ausgiebig über politische Themen, darunter John Adams, John Dickinson, Alexander Hamilton, John Jay, Thomas Jefferson, Benjamin Franklin und James Madison. In Fortführung der Hauptanliegen der Puritaner im 17. Jahrhundert diskutierten die Gründerväter über die Beziehung zwischen Gott, dem Staat und dem Individuum. Daraus resultierten die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten (1776) und die Verfassung der Vereinigten Staaten (1788).