Charles Floyd Delzell (* 6. März 1920 in Klamath Falls, Oregon; † 28. März 2011 in Santa Fe (New Mexico)) war ein US-amerikanischer Historiker. Er trat vor allem mit Arbeiten zur Geschichte Italiens im 19. und 20. Jahrhundert in Erscheinung. Sein 1961 erschienenes Buch Mussolini’s Enemies gilt als Standardwerk zur Geschichte des Antifaschismus und der Resistenza in Italien. Von 1952 bis über seine Emeritierung im Jahr 1989 hinaus lehrte Delzell an der Vanderbilt University.
Leben Charles Delzell wurde am 6. März 1920 als jüngstes von acht Geschwistern (vier Jungen und vier Mädchen) in Klamath Falls im Bundesstaat Oregan geboren. Sein Vater interessierte sich für Geschichte und Politik; 1930 kandidierte er erfolglos für den Kongress der Vereinigten Staaten gegen Willis C. Hawley. Charles Delzell schüttelte 1932 im Alter von 12 Jahren die Hand Franklin D. Roosevelts, als dieser in Portland auf Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen war.Ann Marie Deer Owens: Charles F. Delzell. In: Vanderbilt News, 30. März 2011; Samuel T. McSeveney: In memoriam: Charles F. Delzell (1920–2011). In: Perspectives on history. The newsmagazine of the Historical American Association, 1. November 2011.
1937 nahm Delzell ein Studium der Geschichte an der University of Oregon auf. Er wurde in die akademische Ehrengesellschaft Phi Beta Kappa aufgenommen und erhielt 1941 seinen Bachelorabschluss. Nach einem weiteren Jahr Studium in Oregon als Graduierter wechselte er zur Stanford University, an der er 1943 seinen Master of Arts in Geschichte und Politikwissenschaft absolvierte.Ann Marie Deer Owens: Charles F. Delzell. In: Vanderbilt News, 30. März 2011; Samuel T. McSeveney: In memoriam: Charles F. Delzell (1920–2011). In: Perspectives on history. The newsmagazine of the Historical American Association, 1. November 2011.
1943–45 diente Delzell als Agent der Criminal Investigation Divisions der United States Army in Nordafrika und Italien. Durch Besuche Mailands, Bolognas und Roms intensivierte sich sein Interesse für Italien und insbesondere für die antifaschistische Resistenza. 1946 kehrte Delzell im Auftrag der Hoover Institution and Library der Stanford University erneut nach Italien und in benachbarte Mittelmeerländer zurück, um Dokumente zur jüngsten politischen, sozialen und wirtschaftlichen Geschichte dieser Region zu sammeln. Während dieses Aufenthalts lernte Delzell zahlreiche Vertreter der Resistenza kennen, mit deren Hilfe es ihm gelang, eine beträchtliche Zahl an Büchern, Zeitungen, Zeitschriften und anderen Dokumenten zusammenzustellen. In Mailand wurde ihm gewährt, Mikrofilmaufnahmen von einigen der Dokumente aus den Archiven des Corpo Volontari della Libertà anzufertigen.Charles F. Delzell: I nemici di Mussolini. Storia della Resistenza armata al regime fascista. Castelvecchi, Rom 2013 (englisches Original 1961), S. 11–12. Delzell reiste mit dem ehemaligen Präsidenten Herbert Hoover nach Rom.Ann Marie Deer Owens: Charles F. Delzell. In: Vanderbilt News, 30. März 2011.
1947 kehrte Delzell an die Stanford University zurück, um dort als Dozent in Modern European History zu lehren und ein Ph.D.-Studium bei Ralph Haswell Lutz und Charles D. O’Malley aufzunehmen. Als Thema für seine Dissertation wählte er eine einführende Studie über die Resistenza. Dank eines Stipendiums des Istituto Italiano per le Relazioni con l’Estero verbrachte er das akademische Jahr 1948/49 am Istituto Italiano per gli Studi Storici in Neapel, wo ihn unter anderem Federico Chabod bei seiner Arbeit unterstützte.Charles F. Delzell: I nemici di Mussolini. Storia della Resistenza armata al regime fascista. Castelvecchi, Rom 2013 (englisches Original 1961), S. 12. 1951 erhielt Delzell den Ph.D.Samuel T. McSeveney: In memoriam: Charles F. Delzell (1920–2011). In: Perspectives on history. The newsmagazine of the Historical American Association, 1. November 2011.
Delzell lehrte je ein Jahr an der University of Hawaii und der University of Oregon, bevor er 1952 der Fakultät der Vanderbilt University beitrat. Das Manuskript des 1961 veröffentlichten Buchs Mussolini’s Enemies, das aus Delzells Dissertationsschrift hervorging, erhielt 1960 den Borden Award der Hoover Institution and Library. Im Folgejahr erhielt Delzell für Mussolini’s Enemies den George Louis Beer Prize der American Historical Association für das beste Buch des Jahres 1961 über europäische internationale Geschichte seit 1895Norman Kogan: [Rezension zu Delzell: Mussolini’s Enemies]. In: The annals of the American Academy of Political and Social Science, Bd. 342, Juli 1962, S. 172 f.. 1964–65 erhielt Delzell ein Fulbright-Forschungsstipendium für einen Aufenthalt in Rom, 1973–74 ein National Endowment for the Humanities Research Fellowship. 1973 erhielt er ein Sommerstipendium für einen Aufenthalt an der American Academy in Rome, 1978 für einen Aufenthalt am Rockefeller Foundation's Study and Conference Center in Bellagio.Samuel T. McSeveney: In memoriam: Charles F. Delzell (1920–2011). In: Perspectives on history. The newsmagazine of the Historical American Association, 1. November 2011.
Delzell war an der Vanderbilt University von 1970 bis 1973 und von 1983 bis 1986 Vorsitzender des Fachbereichs Geschichte und für ein Jahr Vorsitzender des Senats der Fakultät. 1985 erhielt Delzell für seine Verdienste gegenüber der Vanderbilt University den Thomas Jefferson Award for Distinguished Service to Vanderbilt. 1989 ging Delzell in Pension. Danach lehrte er noch als emeritierter Professor im fledgling Retirement Learning at Vanderbilt program. 1990 erhielt Delzell den Dean's Alumni Achievement Award vom College of Arts and Sciences der University of Oregan als „perhaps the leading American scholar of twentieth-century Italian history“. 1992 erhielt er einen Verdienstorden der Italienischen Republik.Samuel T. McSeveney: In memoriam: Charles F. Delzell (1920–2011). In: Perspectives on history. The newsmagazine of the Historical American Association, 1. November 2011.
1998 zog Delzell mit seiner Frau Eugenia nach Santa Fe (New Mexico). Er war Vater von drei Kindern.Samuel T. McSeveney: In memoriam: Charles F. Delzell (1920–2011). In: Perspectives on history. The newsmagazine of the Historical American Association, 1. November 2011.
Werk Mussolini’s Enemies Delzells 1961 erstmals publiziertes Buch Mussolini’s Enemies: the Italian Anti-Fascist Resistance behandelt in zwei Teilen die italienische Opposition zum Faschismus während der Jahre 1922 bis 1945: Der erste Teil stellt unter dem Titel „The clandestine Resistance“ die Geschichte des Antifaschismus während des faschistischen Regimes dar, während der zweite Teil „The Armed Resistance“ die Geschichte der bewaffneten Resistenza nach dem Waffenstillstand von Cassibile zum Thema hat. Die Darstellung endet mit dem Fall der Regierung Ferruccio Parris. Wo immer möglich, versuchte Delzell sich bei seiner Analyse auf Primärliteratur zu stützen. Charles F. Delzell: I nemici di Mussolini. Storia della Resistenza armata al regime fascista. Castelvecchi, Rom 2013 (englisches Original 1961), S. 13. Delzells Urteil über die Resistenza ist positiv: Er ist der Meinung, dass die Resistenza die Vorbedingung für eine stärkere Demokratie im zukünftigen Italien darstellte, zum guten internationalen Ruf Italiens beitrug und die Grundlage der republikanischen Verfassung von 1948 war.Norman Kogan: [Rezension zu Delzell: Mussolini’s Enemies]. In: The annals of the American Academy of Political and Social Science, Bd. 342, Juli 1962, S. 172 f., hier S. 173.
Mussolini’s Enemies wurde in zahlreichen Fachzeitschriften positiv besprochen. Laut den Rezensenten Robert B. Holtman und Norman Kogan, letzterer Verfasser einer Studie über das Verhältnis der Alliierten zu Italien, verdiente das Buch die oben genannten Auszeichnungen.Norman Kogan: [Rezension zu Delzell: Mussolini’s Enemies]. In: The annals of the American Academy of Political and Social Science, Bd. 342, Juli 1962, S. 172 f., hier S. 172; Robert B. Holtman: [Rezension zu Delzell: Mussolini’s Enemies]. In: Journal of Church and State, Bd. 4, H. 2, November 1962, S. 231–233, hier S. 233. Kent Roberts Greenfield pries Mussolini’s Enemies 1962 in The American Historical Review als „a first-rate book on an important subject which puts that subject on a new footing“.Kent Roberts Greenfield: [Rezension zu Delzell: Mussolini’s Enemies]. In: The American Historical Review, Bd. 67, H. 3, April 1962, S. 718 f. ( Vorschau) Auch Joseph Lapalombara bezeichnete das Buch im American Political Science Review als erstklassig.Joseph Lapalombara: [Rezension zu Delzell: Mussolini’s Enemies]. In: American Political Science Review, Bd. 57, H. 1, März 1963, S. 211–212, hier S. 211 ( Vorschau). Ernst Nolte konstatierte Delzell in der Historischen Zeitschrift eine „bewundernswerte Literaturkenntnis“.Ernst Nolte: [Rezension zu Delzell: Mussolini’s Enemies]. In: Historische Zeitschrift, Bd. 196, H. 2, April 1963, S. 457–460. Dante Germino sprach in The Journal of Politics von einem „important book about an important subject“.Dante Germino: [Rezension zu Delzell: Mussolini’s Enemies]. In: The Journal of Politics, Bd. 24, H. 2, Mai 1962, S. 404 f. William C. Askew vertrat in The Journal of Modern History die Ansicht, das Buch werde wahrscheinlich für viele Jahre das Standardwerk zum Widerstand gegen den Faschismus in Italien bleiben.William C. Askew: [Rezension zu Delzell: Mussolini’s Enemies]. In: Journal of Modern History, Bd. 35, H. 2, Juni 1963, S. 213 f. (Vorschau) Ähnlich äußerten sich David G. Farrelly in The Western Political Quarterly und Robert Spencer im International Journal.David G. Farrelly: [Rezension zu Delzell: Mussolini’s Enemies]. In: The Western Political Quarterly, Bd. 15, H. 2, Juni 1962, S. 368–370 (Vorschau); Robert Spencer: [Rezension zu Delzell: Mussolini’s Enemies]. In: International Journal, Bd. 18, H. 4, Herbst 1963, S. 550–552, hier S. 552. Max Salvadori, selbst Verfasser einer Geschichte der Resistenza, charakterisierte Delzells Arbeit als „scholarly, well-documented, accurate narrative“ und „a valuable piece of historical reconstruction“.Max Salvadori: [Rezension]. In: The Canadian Historical Review, Bd. 43, H. 1, März 1962, S. 65 f. (Vorschau). 2003 bezeichnete Stanislao G. Pugliese Delzells Studie rückblickend als „groundbreaking and monumental“ und bemerkte, es gebe bis dato keine vergleichbare übergreifende Synthese.Stanislao G. Pugliese: Review of Gallo, Patrick, For Love and Country: The Italian Resistance. In: H-Italy, H-Net Reviews. März 2004. Über den sprachlichen Stil gingen die Meinungen auseinander: Während Farrelly Mussolini’s Enemies einen „highly readable style“ zusprachDavid G. Farrelly: [Rezension zu Delzell: Mussolini’s Enemies]. In: The Western Political Quarterly, Bd. 15, H. 2, Juni 1962, S. 368–370 (Vorschau). und Askew von „beautiful prose“William C. Askew: [Rezension zu Delzell: Mussolini’s Enemies]. In: Journal of Modern History, Bd. 35, H. 2, Juni 1963, S. 213 f. (Vorschau) sprach, meinte Lapalombara, der Stil sei „often less than felicitous“Joseph Lapalombara: [Rezension zu Delzell: Mussolini’s Enemies]. In: American Political Science Review, Bd. 57, H. 1, März 1963, S. 211–212, hier S. 211 ( Vorschau)., und Holtman kritisierte Delzells Vorliebe für ungebräuchliche WorteRobert B. Holtman: [Rezension zu Delzell: Mussolini’s Enemies]. In: Journal of Church and State, Bd. 4, H. 2, November 1962, S. 231–233, hier S. 232..
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