Geschichte der Philosophie in globaler Perspektive ist ein neuer Schwerpunkt in der Philosophiegeschichtsschreibung, der eine Dezentrierung und Pluralisierung der bisher auf Europa und Nordamerika eingeschränkten Erzählungen der Philosophiegeschichte anstrebt. Zwar kann an eine Tradition der Philosophiegeschichtsschreibung angeknüpft werden, die bereits seit der Spätantike (u. a. Clemens von AlexandriaClemens von Alexandrien: Teppiche: Wissenschaftliche Darlegungen entsprechend der wahren Philosophie (Stromateis). Aus dem Griechischen übersetzt von Otto Stählin. (Bibliothek der Kirchenväter, 2. Reihe, Band 17, 19, 20) München: Kösel u. Pustet 1936–1938. Andere Autoren der Spätantike, die von Philosophie bei einer Vielzahl von Völkern sprechen sind Jamblichus (vgl. De mysteriis Aegyptiorum, Chaldaeorum, Assyriorum, cum aliis platonicorum philosophorum opusculis. Venetiis 1497), Porphyrios oder Eunapios von Sardes. Viele weitere Beispiele lassen sich durch die Jahrhunderte anführen, wie Otto Heurnius: Barbaricae philosophiae antiquitatum libri duo: I Chaldaicus, II Indicus. Opus historicum et philosophicum. Leiden: Christophorus Raphelengius 1600 ; Johannes Geradus Vossius: De philosophorum sectis. Hagae Comitis: Adrianus Vlacq 1658; Hermann Conring: De antiquitatibus academicis. Helmstedt: Henningi Mulleri 1651; Gottlieb Stolle: Kurtze Anleitung zur Historie der Gelahrheit, anderer Theil, darinn von der Historia Litteraria der Philosophie überhaupt und der Instrumental- und Theoretischen Philosophie insonderheit gehandelt wird. Halle: Verlegung der Neuen Buchhandlung 1718; oder Nikolaus Heronymus Gundling: Historia philosophiae moralis. Halae Magdeburgicae: Renger 1706.) eine Vielfalt an Quellen und Traditionen der Philosophie in verschiedenen Regionen der Welt beschreibt, allerdings hat eine einschneidende Wende in der europäischen Philosophiegeschichtsschreibung Ende des 18. Jahrhunderts zu einem bis heute vorherrschenden eurozentrischen Bild der Geschichte der Philosophie geführt.Als zentrale Werke, in denen sich der Bruch mit allen Vorläufern griechischer Philosophie und das Postulat vom Ursprung der Philosophie im alten Griechenland in voller Ausprägung manifestieren, gelten Dietrich Tiedemanns (1748–1803) Der Geist der spekulativen Philosophie (1791–1797) und die Geschichte der Philosophie (1798–1819) von Wilhelm Gottlieb Tennemann (1761–1819). Abgesehen von einigen Vorläufern (u. a. Karl Jaspers Entwurf einer Achsenzeit) wird erst seit wenigen Jahren daran gearbeitet, diese eurozentrische Perspektive aufzubrechen und die Entwicklung philosophischer Traditionen in allen Regionen der Welt wieder in den Blick zu nehmen. In diesem Bemühen werden alte Einteilungen und Grenzziehungen durchbrochen und neue Methoden der Philosophiegeschichtsschreibung erprobt. Bisherige Ansätze der Philosophiegeschichtsschreibung

Europäische Philosophiegeschichtsschreibung im Wandel

Unter dem Stichwort „Geschichte der Philosophie“ (siehe exemplarisch der Eintrag auf der deutschen Wikipedia-Seite) wird gewöhnlich die „europäische“ Geschichte der Philosophie von Thales bis zu den Philosophen der Gegenwart in Europa und Nordamerika verstanden. Diese Vorstellung ist ein Produkt der europäischen Philosophiegeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts.Ulrich Johannes Schneider: Philosophie und Universität. Historisierung der Vernunft im 19. Jahrhundert. Hamburg: Felix Meiner Verlag 1999. In der Spätantike ebenso wie in den Werken zur Philosophiegeschichte im 16. bis 18. Jahrhunderts war es durchaus üblich, ägyptische, arabische, chaldäische, chinesische, indische, japanische, persische, phönizische usw. Philosophien in die Philosophiegeschichtsschreibung einzubeziehen. Erst die an der kantischen Philosophie orientierte akademische Philosophiegeschichtsschreibung schließt zunehmend alle außereuropäischen Philosophien aus. Gleichzeitig entstand jedoch in verschiedenen neu in Europa etablierten Disziplinen wie der Indologie, Sinologie, Arabistik, Judaistik, Japanologie eine Geschichtsschreibung der indischen, chinesischen, arabisch-islamischen, jüdischen, japanischen Philosophie.Siehe dazu ausführlicher der Band: Rolf Elberfeld: Philosophiegeschichtsschreibung in globaler Perspektive. Hamburg: Felix Meiner Verlag 2017. Beispiele wären u. a.: Friedrich Schlegel: Ueber die Sprache und Weisheit der Indier. Ein Beitrag zur Begründung der Alterthumskunde. Heidelberg 1808; Karl Windischmann: Die Philosophie im Fortgang der Weltgeschichte. Erster Theil: Die Grundlagen der Philosophie im Morgenland. Bd. 1, China; Bd. 2, Indien, Bonn 1829-1834; Deussen, Paul: Allgemeine Geschichte der Philosophie, mit besonderer Berücksichtigung der Religionen. Bd. 1 Allgemeine Einleitung und Philosophie des Veda bis auf die Upanishad’s; Bd. 2 Die Philosophie der Upanishad's; Bd. 3 Die nachvedische Philosophie der Inder. Nebst einem Anhang über die Philosophie der Chinesen und Japaner. Leipzig: Brockhaus 1894 – 1917. Diese beiden Stränge der Philosophiegeschichtsschreibung sind erst im 20. Jahrhundert in ersten Ansätzen einer globalen Philosophiegeschichtsschreibung wieder zusammengeführt worden, in der versucht wird, philosophische Traditionen aus allen geografischen Räumen miteinzubeziehen.Beispielhaft seien hier für den deutschen Sprachraum genannt: Wundt, Wilhelm (Hrsg.): Allgemeine Geschichte der Philosophie. Berlin/Leipzig: Teubner 1909; Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Kohlhammer, Stuttgart 1950; Karl Jaspers: Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. München: Piper 1949 und Jaspers: „Die Achsenzeit der Weltgeschichte“. Der Monat 6 (1949), S. 3–9; Eichler, Klaus Dieter / Moritz, Ralf (Hrsg.): Wie und warum entstand Philosophie in verschiedenen Regionen der Erde? Berlin: Dietz 1988; Mall, Ram Adhar; Hülsmann, Heinz: Die drei Geburtsorte der Philosophie: China, Indien, Europa. Bonn: Bouvier 1989; Holenstein, Elmar: Philosophie-Atlas. Orte und Wege des Denkens. Zürich: Ammann-Verlag 2004. In anglophonen Raum kann verwiesen werden auf Plott, John C.: Global History of Philosophy. 5 Bände. Delhi: Motilal Banarsidass 1963-1989; Solomon, Robert C. and Higgins, Kathleen Marie (Hrsg.): World Philosophy: A Text with Readings. New York: McGraw-Hill 1995 oder Smart, Ninian: World philosophies. London: Routledge 1999.

Philosophiegeschichtsschreibung in außereuropäischen Sprachen In bisherigen Ansätzen einer globalen Philosophiegeschichte bleiben Traditionen der Philosophiegeschichtsschreibung in außereuropäischen Sprachen weitgehend unberücksichtigt. In einigen außereuropäischen Sprachen lassen sich jedoch Traditionen einer Philosophiegeschichtsschreibung bis in frühe Jahrhunderte zurückverfolgen. Sehr komplexe Geschichtsbilder ebenso wie komplexe Narrative von der Entwicklung philosophischen Denkens, eigene methodische Zugänge, Grundbegriffe oder auch Periodisierungen charakterisieren diese Traditionen. In der Konfrontation mit der europäischen Philosophie, insbesondere im Zuge der europäischen Expansion seit dem 15. Jahrhundert, begann in außereuropäischen Philosophietraditionen zudem ein Prozess der Auseinandersetzung mit den Erzählungen der europäischen Geschichte der Philosophie – ein Prozess, der in umgekehrter Weise nur wenig stattfand. Folgende Perioden lassen sich grob unterscheiden:

5. Jahrhundert v. u. Z. bis 14. Jahrhundert u. Z. Zwischen dem 5. Jahrhundert v. u. Z. bis zum 14. Jahrhundert u. Z. lassen sich philosophiegeschichtliche Werke in den folgenden Sprachen finden: Altgriechisch, Arabisch, klassisches Chinesisch, Latein, Persisch, Sanskrit und Tibetisch. Auf Altgriechisch wird die Tradition der Philosophiegeschichtsschreibung zum Teil bereits bei Hippias von Elis (5. Jahrhundert v. u. Z.) angesetzt.Klaus Döring: Historia Philosophia. Grundzüge der antiken Philosophiegeschichtsschreibung. Sonderdruck der Stiftung „Humanismus Heute“ des Landes Baden-Württemberg, Freiburg i. B./Würzburg 1987. Auch Platon und Aristoteles werden als philosophiehistorische Quellen oft berücksichtigt. Als erstes einschlägiges philosophiehistorisches Werk gilt allerdings zumeist Diogenes Laertius (ca. 3. Jahrhundert u. Z.) Doxographie Leben und Meinungen berühmter Philosophen.Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Buch I–X. Aus dem Griechischen übersetzt von Otto Apelt. Zwei Bände (Philosophische Bibliothek. Bd. 53/54). Meiner, Leipzig 1921. Aber auch auf Chinesisch finden sich bereits in frühen Jahrhunderten Werke, die einen systematischen Überblick über Lehrmeinungen beinhalten. Dazu gehören: Unterm Himmel (Tianxia, ) im Zhuangzi (Zhuangzi, ) (350 v. u. Z.–250 v. u. Z.), Kritik an zwölf Philosophen (Fei shi‘er zi, ) im Xunzi (Xunzi, ) (475 v. u. Z.–221 v. u. Z.) und Prominente Lehre (Xianxue, ) im Hanfeizi (Hanfeizi, (475 v. u. Z.–221 v. u. Z.).Vgl. . : , 2018/Chai, Wenhua: Geschichte der chinesischen Philosophiegeschichtsschreibung. Peking: People’s Publishing House, 2018, S. 20–23. Auf Sanskrit kann die Philosophiegeschichtsschreibung im 6. Jahrhundert angesetzt werden, und zwar mit dem Werk भाविवेक – मध्यमकहृदयकारिका (Bhāviveka (500-578) / 490–570 oder 500–570): Madhyamakahṛdayakārikā, Verse über das Herz des Mittleren Weges).Vgl. Bouthillette, Karl-Stéphan: Dialogue and Doxography in Indian Philosophy: Points of View in Buddhist, Jaina, and Advaita Vedānta Traditions. London / New York: Routledge 2020. Auf Tibetisch lassen sich doxographische Werke wie པདྨཱ་ཀ་ར། རྙིང་མ། མན་ངག་ལྟ་བའི་ཕྲེང་བ། (Padmasambhava (Nyingma): Girlande der Ansichten: Eine Einweisung) oder རྣམ་པར་སྣང་མཛད། རྙིང་མ། ཐེག་པ་གཅོད་པའི་ཁོར་ལོ། (Vairocana (Nyingma): Ein Fahrzeug, um die zyklische Existenz zu trennen) ab dem 8. Jahrhundert nachweisen.Albion M. Butters: Illuminating the Goal: rDzogs chen and Doxography in 14th-century Tibet. Finnish Oriental Society: 2018, S. 221–223. Und auch in Korea, hier noch verfasst in klassischem Chinesisch, findet sich bereits mit , , (Kim, Tae-mun: Biographien berühmter Mönche) im 8. Jahrhundert ein philosophiehistorisches Werk. Auf Arabisch beginnt die Philosophiegeschichtsschreibung mit al-Fārābī im 10. Jahrhundert und auf Persisch ebenfalls im 10. Jahrhundert mit Abū ʿAbd ar-Rahmān as-Sulamī und seiner Geschichte des Sufismus. Dagegen beginnt die Philosophiegeschichtsschreibung auf Latein erst Anfang des 15. Jahrhunderts.Einen Überblick über philosophiegeschichtliche Werke in den genannten Sprachen finden sie in der Datenbank des Reinhart-Koselleck-Projekts „Geschichten der Philosophie in globaler Perspektive“

15. bis 19. Jahrhundert In Europa beginnt ab dem 15. Jahrhundert eine umfangreiche Produktion philosophiegeschichtlicher Werke in lateinischer Sprache. Zu den bekanntesten frühen Werken gehören (pseudo)Burleigh: De vitis et moribus philosophorum veterum (1472, ein Walter Burley zugeschriebenes Werk) oder Hermann von dem Busche (Buschius): Spicilegium philosophorum pene omnium quotquot per Graeciam Italiamque clari habiti sunt illustria dicta complectens (1507). Diese Tradition wird bis ins 18. Jahrhundert fortgesetzt und verschwindet dann im 19. Jahrhundert langsam. Dafür setzt im 17. Jahrhundert und insbesondere im 18. Jahrhundert das Schreiben von Philosophiegeschichten in den verschiedenen europäischen Nationalsprachen ein. Aber auch auf Chinesisch, Koreanisch, Persisch und Tibetisch lassen sich in jenen Jahrhunderten weitere philosophiegeschichtliche Werke finden, die ab dem 19. Jahrhundert zunehmend in Auseinandersetzung mit der europäischen Geschichte der Philosophie stattfinden. Auf Türkisch setzt die Philosophiegeschichtsschreibung im 19. Jahrhundert ein, ebenso auf Japanisch, wo eine starke Rezeption der europäischen Philosophie zu verzeichnen ist, verbunden mit dem Beginn der Übersetzung einschlägiger philosophiegeschichtlicher Werke auf Deutsch, Englisch oder Französisch ins Japanische.

Ab dem 20. Jahrhundert