mini|Heideckerei, 1889 mini|Blick von Nordosten, Anfang der 1890er Jahre Die Heideckerei, auch als Heydeckerei oder Zum Tempel bezeichnet, war ein historisches Gebäude in Magdeburg im heutigen Sachsen-Anhalt. Es galt bereits im 19. Jahrhundert als erhaltenswertes Baudenkmal,Eduard von Flottwell, Magdeburger Baudenkmäler, Herausgeber: Architekten- und Ingenieurverein und Kunstgewerbeverein zu Magdeburg, Magdeburg 1890 wurde jedoch trotzdem im Jahr 1900 für den Neubau eines Kaufhauses abgerissen.
Lage Das Gebäude befand sich in der Magdeburger Altstadt auf der Westseite des Breiten Wegs an der Adresse Breiter Weg 148, etwas nördlich gegenüber der Einmündung des Alten Markts auf den Breiten Weg. Unmittelbar nördlich des Hauses mündete die kleine Gasse Georgenplatz auf den Breiten Weg. Heute befindet sich an diesem Standort das Karstadt Warenhaus.
Geschichte und Architektur Frühe Eigentümer des Anwesens soll die Familie von Wanzleben gewesen sein, wobei diese Familie jedoch bereits um 1500 in Magdeburg ausgestorben war. Der direkte Vorgängerbau war im Jahr 1478 von Hans Mauritz dem Älteren errichtet worden. Die Familie hatte in diesem Jahr das Grundstück erworben, bis dahin hatte sie auf dem Land gelebt. Das Gebäude war unter dem Namen Zum bunten Löwen bekannt. Es gibt Angaben, die Hans Mauritz als Bürgermeister der Stadt Magdeburg benennen.Thomas Rastig, Hans Fuhrmann, Andreas Dietmann, Cornelia Neustadt: Die Inschriften der Stadt Magdeburg. Dr. Ludwig Reichert Verlag Wiesbaden 2020, ISBN 978-3-7520-0020-7, S. 389
mini|Frontseite mini|Die Heideckerei (links) im Straßenzug, vor 1890 Im Jahr 1593 riss der Urenkel des Erbauers, Thomas Mauritz der Jüngere (1552–1619), den Vorgängerbau ab und errichtete das repräsentativ gestaltete Gebäude im Stil der Spätrenaissance. Fälschlich wird zum Teil sein Vater, der Ratskämmerer Thomas Mauritz († 1553) als Bauherr angegeben.Thomas Rastig, Hans Fuhrmann, Andreas Dietmann, Cornelia Neustadt: Die Inschriften der Stadt Magdeburg. Dr. Ludwig Reichert Verlag Wiesbaden 2020, ISBN 978-3-7520-0020-7, S. 385 Möglicherweise wurde beim Neubau im Untergeschoss Bausubstanz aus dem 15. Jahrhundert des Vorgängerbaus genutzt.Erich Wolfrom: Die Baugeschichte der Stadt und Festung Magdeburg. Stadt Magdeburg, 1936, S. 26
Thomas Mauritz verstarb am 30. Dezember 1619 kinderlos und wurde in einem Gewölbe der Ulrichskirche neben seiner drei Jahre zuvor verstorbenen Ehefrau beigesetzt. Seiner Witwe, Marie Mauritz, geborene Gericke, gehörte das Haus dann nach seinem Tode bis zu ihrem versterben 1621. Kaufmann Johann Schenke war nachfolgend bis zu seinem Tod um 1627 Besitzer. Sein Erbe war sein Sohn Rittmeister Hans Gebhard (oder Gerhard) Schenke (auch Hans G. SchongkenOttomar Müller, Die Bauwerke der deutschen Renaissance in Magdeburg. in Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg, 8. Jahrgang, 1873, 4. Heft, Seite 358) . Während der Zerstörung Magdeburgs im Jahr 1631 brannte auch dieses Gebäude in Teilen ab. Da Gebhard im Dreißigjährigen Krieg verschollen war, erhielt der Sattler Nikolaus Krause vom Rat die Erlaubnis, auf dem wüsten Grundstück eine Hütte zu errichten. Allerdings bestand ein Vorbehalt bezüglich der Rechte der Erben Schenkes. Zumindest 1650 und 1653 lebte der Seiler Hans Leitzner in den Trümmern des Grundstücks. Der Handelsmann Tobias Hoffmann baute das Gebäude dann vermutlich in der Zeit um 1660 wieder auf. Er wird allerdings erst 1679 erstmalig als Besitzer erwähnt. Er soll das Anwesen vom Kurfürsten Friedrich Wilhelm gemeinsam mit Bauholz erhalten haben. Unklar ist, wie der Kurfürst zu dem Grundstück gekommen war. Regierungsgewalt übte er in Magdeburg erst ab 1681 aus. Zum Dank soll Hoffmann auf die Giebelspitze des Hauses einen Brandenburgischen Adler gesetzt haben. Hoffmann richtete ein Schenkhaus ein.
Der traufständige Bau war durch einen dreigeschossigen, mittig angeordneten Staffelgiebel geprägt. Die Fassade des dreigeschossigen Hauses war horizontal durch zumeist paarweise angeordnete Fenster gegliedert. Das mittig angeordnete Portal weist Formen auf, die auch im Braunschweigischen üblich waren. Ähnlichkeiten weist das später entstandene Portal des Wolfenbütteler Zeughauses auf.Alfred Hentzen: Magdeburger Barockarchitektur. Dessau, 1927, S. 13 Umbauten erfolgten in den Jahren 1650 bis 1660, 1782, 1842 und 1859. Die unteren Stockwerke waren recht hoch, während das obere, ursprünglich mit zum Boden gehörende, eine geringere Höhe hatte.Ottomar Müller, Die Bauwerke der deutschen Renaissance in Magdeburg. in Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg, 8. Jahrgang, 1873, 4. Heft, Seite 357
Beim Wiederaufbau konnten vermutlich größere Teile der historischen Bausubstanz genutzt werden. Neben dem Tor betraf dies auch andere Teile. Bei Umbauten im Jahr 1859 wurde im Erdgeschoss ein zwischen zwei Fenstern stehender Pfeiler entfernt. Dabei fand man hinter einer Ummauerung des Pfeilers Schwärzungen von Rauch und Feuer, die wohl auf die Zerstörungen des Jahres 1631 zurückgingen. Auch für Mauern der oberen Geschosse wurde eine Entstehung im 16. Jahrhundert angenommen.Ottomar Müller, Die Bauwerke der deutschen Renaissance in Magdeburg. in Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg, 8. Jahrgang, 1873, 4. Heft, Seite 358
mini|Hofseite mit Treppenturm, links Nebengebäude mit säulengerahmter Tür Der hofseitige Treppenturm mit seinen altertümlich anmutenden Fensteröffnungen, dürfte ebenfalls zu den älteren Teilen des Hauses gehören. Der markante Dacherker entstand jedoch erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Er wurde maßgeblich von verblendeten hölzernen Ständern getragen, mit dem Dachstuhl verbunden waren. An der Fassade befanden sich Verzierungen in Form von Frucht- und Blumenschnüren. Am Dacherker waren sie in Stein gemeißelt und wohl gemeinsam mit diesem entstanden. An anderen Teilen der Fassade waren sie aus Stuck gefertigt und vermutlich später in Nachahmung der älteren Teil ausgeführt. Zum Teil wurden sie im 19. Jahrhundert erneuert.Ottomar Müller, Die Bauwerke der deutschen Renaissance in Magdeburg. in Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg, 8. Jahrgang, 1873, 4. Heft, Seite 359
Auf dem Hof des Anwesens befanden sich in einem nach 1651 entstandenen Nebengebäude zwei bemerkenswerte Türen. Ihnen waren hölzerne Säulen samt verziertem Gebälk vorgesetzt. Sie dürften ursprünglich im Vorderhaus gestanden haben und bei Umbauarbeiten an den neuen Standort gelangt sein. Eine der Türen zeigte ein fensterartiges Gewände mit horizontalem Sturz. Sie wurde vermutlich erst nachträglich in den Bau eingefügt. Zum Georgenplatz hin war über einer Tür die Jahreszahl 1772 eingehauen, wobei davon ausgegangen wurde, dass die Jahreszahl sich nur auf die Erneuerung der Tür bezog, das Seitengebäude selbst jedoch älteren Datums war. Das Seitengebäude ruhte als Fachwerkbau auf einer massiven Untermauer.Ottomar Müller, Die Bauwerke der deutschen Renaissance in Magdeburg. in Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg, 8. Jahrgang, 1873, 4. Heft, Seite 360 Die Fenstereinfassungen waren aus Holz gebaut und mit einer geschnitzten karniesförmigen Gliederung versehen und waren noch in den 1870er Jahren in ursprünglicher Form erhalten.Ottomar Müller, Die Bauwerke der deutschen Renaissance in Magdeburg. in Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg, 9. Jahrgang, 1874, 4. Heft, Seite 351
Hoffmanns Erben verkauften das Gebäude für 3400 Taler 1688 an den Weinhändler Konrad Rumpf, der bis 1725 Eigentümer blieb. Das Gebäude blieb länger im Eigentum der Familie Rumpf. Es folgte zunächst Tobias Rumpf und dann von 1759 bis 1801 Johann Tobias Rumpf. 1817 war der Weinhändler Joh. Tob. Rumpf Eigentümer, auch 1845 wurde ein Rumpff als Eigentümer genannt.
Bei den Umbauten von 1782 und 1842 war vermutlich nur das Gebäudeinnere betroffen. Nur auf der Hofseite wurden wohl 1782 die alten Sandsteingewände der Fenster entfernt und durch neue im Geschmack der damaligen Zeit ersetzt. Der Umbau von 1859 führte dann zur Modernisierung des Erdgeschosses, wobei das Portal nicht verändert wurde. In der Zeit zwischen 1859 und 1873 stürzte ein rippenloses Kreuzgewölbe im Laden südlich des nicht überwölbten Hausflurs ein. Es wurde durch eine Holzdecke ersetzt.Ottomar Müller, Die Bauwerke der deutschen Renaissance in Magdeburg. in Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg, 8. Jahrgang, 1873, 4. Heft, Seite 358
Genutzt wurde das Haus im Jahr 1800 durch die Bauersche Buchhandlung. Von 1812 bis 1886 war die Heideckerei Sitz der Großhandlung für Leinen- und Baumwollwaren Eduard Baensch. Stadtrat Baensch wurde 1870 dann auch als Eigentümer geführt. Später wurde der Kaufmann Otto Klavehn Eigentümer. Er ließ das Haus im Jahr 1900 abreißen, um ein neues Warenhaus im Stil des Historismus zu errichten. Seitens der Stadt Magdeburg gab es letztlich erfolglose Bemühungen die Heideckerei, als zum damaligen Zeitpunkt ältestes erhaltenes profanes Gebäude der Stadt zu erhalten. Das Portal der Heideckerei wurde jedoch gesichert und im Hof des Kaiser-Friedrich-Museums, dem heutigen Kulturhistorischen Museum wieder aufgebaut, wo es sich noch heute befindet. Im Besitz des Museums befand sich auch ein Rekonstruktionsmodell des Hauses. Auch der Giebel blieb zunächst erhalten und fand Verwendung beim gegenüber liegenden Neubau des Gebäudes von Dankwarth & Richters im Breiten Weg 55, ursprünglich einmal im Eigentum von Georg Kühlewein, das jedoch nicht erhalten ist. Als Verweis auf die Heideckerei war dort neben der Jahreszahl 1903 auch die Zahl 1593 angebracht.
Aus der Schlussphase des Hauses, nach Auszug der letzten Mieterin sei es nur noch als Möbellager genutzt worden, gibt es die Erzählung, dass es jeweils in den Nachmittagsstunden laute Spukgeräusche gegeben habe, denen man dann nachging. Unter einer Diele des Flurs habe man einen flachen Gang entdeckt, der nur in gebückter Haltung begehbar war, unter dem Flur entlanglief und sich seitlich hinter den Wänden verlor. Dort habe man dann mehrere Kinder, die am benachbarten Georgenplatz wohnten, als Ursache der Spukerei festgestellt.Gustav Wolff, Leben in den Vitrinen in Magdeburger General-Anzeiger Heimatkalender 1939, Seite 53 mini|Kaufhaus Barasch (links) mini|Leuchtreklame des Warenhauses Gebrüder Barasch (links) in den 1920er Jahren Am 2. September 1902 eröffnete im Neubau an der Stelle der ehemaligen Heideckerei eine Filiale der aus Breslau stammenden Warenhauskette Gebrüder Barasch. 1907 war eine Verbindung zum Erdgeschoss des Nachbarhauses Breiter Weg 149 hergestellt. In den Jahren 1928/29 erfolgte ein Um- und Neubau des Komplexes durch den Berliner Architekten C. Schranns, beauftragt durch den Eigentümer Werner Klavehn für den Nutzer Warenhaus Gebrüder Barasch. Die Arbeiten umfassten den Häuserblock Breiter Weg 148–150. Es entstand nun ein moderner Warenhausbau, der durch Fensterbänder geprägt war. Die jüdischen Eigentümer des Warenhauses Gebrüder Barasch wurden in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt. 1936 fand eine sogenannte Arisierung statt, in deren Folge das Warenhaus dann vom Kaufmann W. Lemke aus Kolberg betrieben wurde.
Der Neubau wurde im Zweiten Weltkrieg zum Teil zerstört. Insbesondere in der Südhälfte wies das Gebäude starke Beschädigungen an der Tragwerkkonstruktion des dritten Obergeschosses auf. Im Jahr 1950 war weiterhin Werner Klavehn als Eigentümer geführt. Kaufmann Lemke floh 1953 nach Westdeutschland. Die Ruine des Kaufhauses diente dann als HO-Verkaufsstelle.
Ende der 1960er Jahre wurde das Gebäude im Zuge der veränderten Neubebauung des Nordabschnitts des Breiten Wegs abgerissen. Später entstand an der Stelle ein Centrum Warenhaus, das dann von Karstadt übernommen wurde.
Portal der Heideckerei mini|Portal in der Fassade mini|Portal