Als Projekträume und selbstorganisierte Kulturinitiativen im Tessin werden eine Reihe von kulturellen Initiativen, Projekträumen (Offspaces) und Artist-run-space im Tessin bezeichnet. Der Schwerpunkt dieser nichtinstitutionellen Ausstellungsräume liegt auf der zeitgenössischen Kunst.
Beschreibung Die Projekträume sind ein wichtiger Teil der Tessiner Kultur und Kulturlandschaft. Da im Tessin die Galerien und Museen weniger präsent sind als zum Beispiel in Zürich, tragen die Projekträume einen wesentlichen Teil zur Kontextualisierung und Sichtbarmachung von jungen Künstlern bei. Kunsträume im Tessin bilden ein Netzwerk selbstorganisierter Initiativen, die trotz prekärer Finanzierung die zeitgenössische Kunstszene der Südschweiz prägen. Ihre Arbeit wird in der Publikation Unabhängig, prekär, professionell. Künstlerische Selbstorganisation in der Schweiz (Rachel Mader, Pablo Müller, 2023) als zentraler Bestandteil einer «florierenden, heterogenen Szene» analysiert, die künstlerische Experimente und kuratorische Risiken ermöglicht.
Die künstlerische Selbstorganisation im Kanton Tessin wird durch mehrere langfristige Projekte sowie neue Projekte und Aktionen einer jüngeren Generation getragen, die fehlende Austauschmöglichkeiten und Präsentationsorte gewährleisten. Da keine Ausbildungsmöglichkeiten im Bereich der bildenden Kunst im Tessin vorhanden sind, kommen Kunstschaffende nach ihrer Ausbildung in Italien oder in den Schweizer Sprachregionen mit diesem Hintergrund inspiriert und vernetzt in den Kanton zurück. Die Kulturpolitik bleibt bei der Finanzierung der Initiativen zögerlich, und Projekte orientieren sich entsprechend an selbsttragenden und selbstverwalteten Strukturen. Aufgrund des Kulturtourismus, des Film Festivals Locarno und anderer Festivals wie Babel für die Literatur gibt es im Tessin Möglichkeiten für internationale Kooperationen.
Geschichte Vor 2000 Im Jahr 1987 wurde das Museo Cantonale d’Arte (Kantonales Kunstmuseum) als Tessiner Institution gegründet.
Der interdisziplinäre und translokale Kulturort la rada wurde 1996 mit privater Finanzierung ins Leben gerufen, um verschiedenen Stimmen, Sprachen und Medien Raum zu geben. Hauptziel ist die Förderung junger und aufstrebender Kunst. Er bietet Ausstellungen und andere Aktivitäten und dient als fruchtbarer Boden für den Austausch zwischen Schweizer und internationalen Künstlern.
Ab 2000: Neue Räume, neue Netzwerke 2015 eröffnete die erste Institution in Lugano das LAC – Lugano Arte e Cultura. LAC ist ein interdisziplinäres Kulturzentrum für Musik, Theater und Kunst. Teil des neu gegründeten LAC ist das MASI Lugano (Museo d’arte della Svizzera italiana), eine Zusammenlegung des Museo Cantonale d’Arte Lugano mit dem Museo d’Arte della Città di Lugano.
Im Jahr 2013 erfolgte die Gründung des gemeinnützigen Raums für zeitgenössische Kunst und experimentelle Musik Sonnenstube als Experimentierfeld für eine aufstrebende Schweizer wie auch italienische Kunst- und Kulturszene.https://www.luganoregion.com/de/commons/details/Sonnenstube-Offspace/150575.html
Spazio Morel ist eine seit 2017 existierende kulturelle Zwischennutzung einer ehemaligen Automobilwerkstatt in Lugano, ein selbstorganisierter Ort der Produktion und Präsentation zeitgenössischer Kunst und Musik. Von 2018 bis 2020 hatte die Sonnenstube feste Räumlichkeiten innerhalb des Kulturzentrums Spazio Morel. Die Sonnenstube funktionierte innerhalb des Spazio Morel als eigenständige Initiative, verstand sich jedoch als Teil des Gesamtprojekts. Ab 2021 ist die Sonnenstube mit einem Caravan nomadisch ‹on tour› und zu Gast in verschiedenen Schweizer Kunstinstitutionen. Spazio Morel war bis 2020 als Veranstaltungsort und bis 2025 als Produktionsort aktiv.
Performative Kulturpolitik Seit 2020 arbeitet das Tessiner Kollektiv Ticino is Burning an interkulturellem Austausch zwischen dem Tessin und dem Rest der Schweiz. Hinter dem Projekt stehen die vier Tessiner Künstlerinnen und Künstler Elena Boillat, Camilla Parini, Francesca Sproccati und Simon Waldvogel. Sie machen mit Aktionen auf die geografische Randlage des südlichen Alpenraums, das Fehlen von Tessiner Vertretungen in der Kulturpolitik und das Lohngefälle im Vergleich zur übrigen Schweiz aufmerksam. Mit performativen Formaten und provokativer Kommunikation wurde die Diskussion über Produktionsbedingungen und Zusammenarbeiten im Kunstbereich angeregt. Angestrebt sind Zusammenarbeiten im Kulturbereich mit dem Tessin und anderen Regionen der Schweiz über den Rösti- und den Polentagraben hinaus.
2021 traten sie als Palmen verkleidet in der Gessnerallee in Zürich in Erscheinung und 2022 beim Schweizer Theatertreffen 2022 in Chur. Im Jahr 2023 beteiligten sie sich an La Straordinaria – Tour Vagabonde, einem temporären Raum in Lugano, der den Diskurs zu Kulturpolitiken in der Schweiz lanciert. Im Jahr 2022 erhielt Ticino is Burning für ihr vielseitiges Wirken den Swiss Performing Arts Awards.
Sie waren Mitinitianten bei der Ausarbeitung der Carta della Gerra, einer zentralen 5-Punkte-Erklärung zur Förderung der unabhängigen Kultur im Tessin, die von mehr als 700 Persönlichkeiten unterzeichnet und offiziell an die zuständigen Behörden übergeben wurde.
Liste der Projekträume Projektraum Aktivität Seit Standort Beteiligtela radainterdisziplinäres Kunstraum für Literatur, Performance, Musik und Medien2015LocarnoTina Stolz war bis Anfang der 2000er Jahre allein für das Programm von la rada als Ort für den Austausch über verschiedene Medien, Sprachen, Kunst und Poesie verantwortlich. Noah Stolz übernahm das Kuratorium und versuchte den Kulturort breit abzustützen und einen Schwerpunkt auf zeitgenössische Kunst und Gastausstellungen zu setzen, um zu versuchen Synergien mit der Schweizer und internationalen Kunstszene zu aktivieren. Unter der Leitung von Riccardo Lisi 2012 wurde der Fokus auf aufstrebende Kunst verstärkt und gleichzeitig die Präsenz von Künstlern aus der italienischen Schweiz erhöht. Seit 2022 besteht das Team von la rada aus den Vorstandsmitgliedern Alessio Binda (Co-Präsident), Geo Quadri (Co-Präsident), Carolina Sanchez, Rafael Kouto, Neda Zanetti unter der künstlerischen Leitung von Yimei Zhang.OnArteAusstellungsplattform und Videolounge für Gegenwartskunst mit Positionen der bildenden Kunst gezeigt und neuen gesellschaftlich intervenierenden Formaten2016–2019MinusioKunstschaffende und Künstlerkollektiven aus dem Tessin, aus der Schweiz und aus dem internationalen Umfeld, Kooperationen mit anderen Ausstellungsinitiativen und für Kontakte mit den Tessiner und Schweizer Kunst(hoch)schulenSpazio Elleinterdisziplinärer Raum zwischen Kulturzentrum, Residenz und kultureller Vermittlung.2017LocarnoSonnenstubezeitgenössische Kunst, experimentelle Musik, Experimentierfeld für eine aufstrebende Schweizer wie auch italienische Kunst- und Kulturszene2013Via Mazzini 20, 6900 LuganoGiacomo Galletti (1993, Künstler), Marta Margnetti (1989, Künstlerin), Damiano Merzari (1980, Grafiker und Musiker), Giada Olivotto (1990, Kurator), Sandro Pianetti (1987, Künstler und Interactions-Design), Gabriel Stöckli (1991, Künstler), Gianmaria Zanda (1985, Künstler und Musiker)Spazio LampoRaum für Kunstschaffende aus der Region, interdisziplinäre Kultur und gemeinsame Ideen. Grande Velocita ist ein gemeinnütziger Verein, der sich um die kulturellen Veranstaltungen des Spazio Lampo kümmert.2015ChiassoAline d’Auria, Francesco Giudici, Alfio Mazzei, Gianmaria Zanda, Gabriel StöckliSpazio MorelSpazio Morel ist eine seit 2017 existierende kulturelle Zwischennutzung einer ehemaligen Automobilwerkstatt in Lugano, ein selbstorganisierter Ort der Produktion und Präsentation2017– 2025LuganoNoah Sartori, Giacomo Galletti & asso. Drunken Sailors
Liste der Projektinitiativen Projektinitiative Aktivität Seit Standort BeteiligteTicino is BurningKollektiv von Kunstschaffenden, das sich für kulturelle Diversität und die Förderung des Austauschs in den darstellenden Künsten einsetzt2020LuganoElena Boillat (* 1988), Performerin und Choreografin, Camilla Parini (* 1984), Tänzerin und Kulturaktivistin, Mitglied des Kollektivs Treppenwitz, Francesca Sproccati (* 1984), Performancekünstlerin mit Fokus auf Klang und Installationen, Simon Waldvogel (* 1987), Theatermacher, Mitglied des Kollektivs Treppenwitz, Alan Alpenfelt (* 1982, Mitglied 2020), Musiker und Performer
Literatur Jasmin Glaab: The Swiss Artist-Run Scene 2020. In: Supermarket Art Magazine. Nr. 10, Stockholm 2020, , S. 39–48. Pascale Grau, Katrin Grögel, Andrea Saemann (Hrsg.): Selbst ist die Kunst! Kunstvermittlung in eigener Regie –kaskadenkondensator Basel seit 1994. Kaskadenkondensator, edition fink, Basel/Zürich 2004, ISBN 978-3-906086-68-2. Danilo Bruno, Tommy Cappellini, Giovanna Caravaggi, Andrea Plata: Umfrage zur Tanz- und Theaterbranche im Kanton Tessin. Referenzjahr: 2016. Kulturobservatorium des Kantons Tessin, Republik und Kanton Tessin, November 2018.
Einzelnachweise
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