Die Aue bei Wilhelmsglücksbrunn, südlich von Creuzburg im westlichen Thüringen, ist eine fast ebene Fläche, die von der Werra durchflossen wird. Ihr Bett besitzt hier eine Breite von dreißig bis fünfunddreißig Metern. Früher überflutete die Werra regelmäßig bei Hochwasser die in Flussnähe liegenden Wiesenbereiche. Auch heute noch ist die Aue ein natürliches Überschwemmungsgebiet und in der Raumnutzungskarte des Regionalplans Südwestthüringen als Hochwasserschutzbereich vorgesehen.Regionalplan Südwestthüringen. Herausgeber: Regionale Planungsgemeinschaft Südwestthüringen; abgerufen am 15. Februar 2023. Mehrere Gräben durchziehen das Gebiet, die die ehemals nasse Aue entwässern und auch Überflutungswasser abführen sollen. In dem relativ naturnahen Bereich hat sich eine Auenvegetation mit Feuchtwiesen, Schilfröhrichten und einer Binnensalzstelle entwickelt, die zum Lebensraum für Vögel und Amphibien geworden ist. Um diesen zu bewahren und Störungen von ihm fernzuhalten, wurden die Aue mit dem südöstlichen Teilgebiet „Nesselbusch“, einer nassen, flachen Senke am Rande der Aue, von dem Thüringer Landesverwaltungsamt im Oktober 2000 zum Naturschutzgebiet erklärt.210 „Wilhelmsglücksbrunn“. In: Holm Wenzel, Werner Westhus, Frank Fritzlar, Rainer Haupt und Walter Hiekel: Die Naturschutzgebiete Thüringens. S. 458 f.

Lage Die Flächen um das Gut Wilhelmsglücksbrunn liegen in einer beckenförmigen Talweitung der Werra im Norden des Wartburgkreises in Thüringen, in der Nähe zur hessischen Landesgrenze. Administrativ gehören sie zum Amt Creuzburg, einer Stadt, die durch den Zusammenschluss von Creuzburg mit den Gemeinden Ebenshausen und Mihla entstanden ist. Das Amt Creuzburg ist der Sitz der Verwaltungsgemeinschaft Hainich-Werratal.

In der naturräumlichen Gliederung Deutschlands, die auf der Geografischen Landesaufnahme des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg basiert, wird die die Aue zu dem Creuzburger Werradurchbruch (483.44) gerechnet. Westlich grenzen die Netra-Ifta-Talung (483.42) und der Südliche Ringgau (483.41) an und nach Osten geht der Bereich in den Creuzburg–Eisenacher Graben (483.45–47) über. Sie gehören alle zu der Haupteinheit der Nordwestlichen Randplatten des Thüringer Beckens (483).Hans-Jürgen Klink: Blatt 112 Kassel. In: Naturräumliche Gliederung nach der Geographischen Landesaufnahme des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg. Das innerthüringische, nur landesweit einteilende System der Landesanstalt für Umwelt und Geologie ordnet das Naturschutzgebiet der Einheit Werrabergland-Hörselberge (3.3) in der Landschaft Muschelkalk-Platten und -Bergländer zu.Die Naturräume Thüringens. In: Website des Thüringer Landesamtes für Landwirtschaft und Ländlichen Raum; abgerufen am 15. Februar 2023.

Fauna Eine besondere Bedeutung hat die Werraaue für die Erhaltung gefährdeter Wiesenvögel und als Rastgebiet für zahlreiche Zugvögel und Wintergäste aus dem Norden und Osten Europas. Bei Kartierungsarbeiten wurden Bekassine, Braunkehlchen, Kiebitz, Raubwürger, Schwarzmilan und Wiesenpieper gesehen. Wichtig ist das Gebiet nach den Schutzwürdigkeitsgutachten auch für Blaukehlchen, Eisvogel, Rebhuhn, Rohrweihe, Rotmilan, Schafstelze, Schlagschwirl, Schleiereule, Weißstorch und Wachtelkönig.

Bei Untersuchungen zur Schutzwürdigkeit in den 1990er Jahren wurden lediglich zwölf weitverbreitete Tagfalterarten festgestellt. In der Amphibienfauna gilt das Vorkommen des Seefrosch als bemerkenswert. Unter den acht im Gebiet beobachteten Heuschreckenarten waren die Feuchtigkeit liebenden Kurzflüglige Schwertschrecke und Weißrandiger Grashüpfer vertreten. Im „Nesselbusch“ wurden bisher vier Stillwasser-Libellenarten nachgewiesen.

Vegetation mini|links|Zur Offenhaltung der Flächen werden Teilbereiche mit Galloway-Rindern beweidet Große Flächen des Gebiets werden von artenarmen Mähweiden eingenommen. Mit der Beweidung durch Rinder, Pferde und Wasserbüffel sollen Bereiche in der Landschaft offen gehalten werden, um die Lebensräume für Vögel und Amphibien zu erhalten. In nassen Senken haben sich Knickfuchsschwanz-Rasen mit Zierlichem Tausendgüldenkraut sowie Fuchsseggen-Riede entwickelt. Kleinflächig treten Binnensalzstellen mit Salzbinsen-Rasen auf. Die Teilfläche des „Nesselbusch“ wird von Schilf-Landröhrichten, Schlankseggen-Rieden, Staudenfluren sowie Grünlandbrachen besiedelt.

Für die Wissenschaftler der projektbegleitenden Arbeitsgruppe des Managementplans für das FFH-Gebiet „Werra bis Treffurt mit Zuflüssen“ sind in der Wilhelmsglücksbrunner Aue großflächige Erdbeerklee-Kriechstraußgras-Flutrasen (Trifolio fragiferi-Agrostietum stoloniferae Sykora 1982 nom. inv.) charakteristisch. Entsprechend häufig sind Erdbeer-Klee und Kriech-Straußgras anzutreffen. Auch die Salz-Binse ist recht verbreitet, ebenso wie die Spießblättrige Melde und der Rote Gänsefuß. Als die artenreichste Fläche überhaupt wird das östliche Weideland bewertet, wo neben den genannten Arten auch vereinzelt Strand-Dreizack, Graugrüner Gänsefuß und Wiesengerste vorkommen.RANA - Büro für Ökologie und Naturschutz Frank Meyer: Managementplan für das FFH-Gebiet „Werra bis Treffurt mit Zuflüssen“, Abschlussbericht. S. 140.

Solequellen mini|links|Brunnenhäuschen mit dem Brunnenschacht der Karolinenquelle Die Aue liegt im Bereich des Creuzburger Grabenbruchs, durch dessen Spaltensystem aus dem Steinsalzlager des Oberen Buntsandsteins Salzwasser an die Oberfläche dringt. Im Bereich um das Gut Wilhelmsglücksbrunn treten mehrere Solequellen auf. Ein erster Nachweis über die Nutzung dieser salzhaltigen Quellen findet sich in einer Urkunde aus dem Jahr 1426. Landgraf Friedrich der Friedfertige vergab die Siederechte an vier Creuzburger Bürger, unter der Bedingung, dass sie Steuern und Zölle an die landesherrliche Kammer zahlen. Im Jahr 1452 wurden die Rechte durch Herzog Wilhelm abermals vergeben. Nachdem das Salzwerk 1525 in den Wirren des Bauernkrieges zerstört wurde, ruhte 200 Jahre lang die Salzproduktion wegen schlechter Rentabilität. Erst Herzog Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach ließ die Saline 1726 neu errichten und nannte sie „Wilhelmsglücksbrunn“. Mit den Bohrungen neuer Quellen und dem Einsatz moderner Technik konnte der Salinenbetrieb mehr als 100 Jahre lang, bis zur Einstellung der Salzproduktion im Jahr 1843, erfolgreich wirtschaften.

Nach dem Niedergang wurde versucht, das Salzwasser in anderer Weise zu verwerten. Ein in 1874 gebildeter „Badeactienverein“ wollte erfolglos die heilkräftige Sole bei rheumatischen Krankheiten, Gicht und chronischen Hautkrankheiten in einem Kurbad in Creuzburg nutzen. Später, im Jahr 1905 gründete der damalige Besitzer der Saline, Kommerzienrat Nikolaus von Dreyse, ein Enkel des Unternehmers und Erfinders des Zündnadelgewehres Johann Nicolaus von Dreyse, mit der Stadt Eisenach und sechs weiteren Gesellschaftern die Kurbad-Eisenach-Gesellschaft. Das Wasser der Hauptquelle, die nun Karolinenquelle hieß, wurde über eine Rohrleitung in den Eisenacher Kartausgarten geleitet und in der dortigen Wandelhalle zu Trink- und Badezwecken verabreicht. Mit dem Ausbleiben der Kurgäste in der Zeit des Ersten Weltkriegs und der Weltwirtschaftskrise konnte sich ein dauerhafter gewinnbringender Kurbetrieb jedoch nicht etablieren. Er wurde 1938 eingestellt. Der artesische Überlauf des noch bestehenden Brunnenschachts der Karolinenquelle ergießt seither die Sole in die Umgebung des rekonstruierten Brunnenhauses.Constantin Kronfeld: Landeskunde des Großherzogthums Sachsen-Weimar-Eisenach. Zweiter Theil: Topographie des Landes. Weimar 1879. S. 34.Informationen von den Schautafeln im Schutzgebiet.

Unterschutzstellung Naturschutzgebiet mini|Die Teilfläche des „Nesselbusch“ besiedeln Schilfröhrichte, Seggenriede, Staudenfluren und Grünlandbrachen Nach einer einstweiligen Sicherstellung, in den Jahren von 1990 bis 1995, wurde mit Verordnung vom 13. September 2000 des Thüringer Landesverwaltungsamtes in Weimar die Werraaue bei Wilhelmsglücksbrunn zum Naturschutzgebiet erklärt.Thüringer Verordnung über das Naturschutzgebiet „Wilhelmsglücksbrunn“ vom 13. September 2000. In: Thüringer Staatsanzeiger, Ausgabe: Nr. 41/2000 vom 9. Oktober 2000, S. 1978–1981. Das Schutzgebiet mit der thüringeninternen Kennung 210 besitzt eine Größe von 77,3 Hektar und hat den WDPA-Code 319334.„Wilhelmsglücksbrunn“. In: Weltdatenbank zu Schutzgebieten; abgerufen am 15. Februar 2023. Die formulierten Ziele der Festsetzung als Naturschutzgebiet waren neben anderen: Die Bewahrung des relativ naturnahen Abschnitts der Werra mit ihren Uferbereichen und der angrenzenden Brachfläche, auf der sich eine Auenvegetation entwickelt hat. Der Schutz der extensiv genutzten Grünlandflächen mit ihren Gräben und kleinflächigen Hochstaudenfluren. Die Sicherung der vorkommenden Solequellen und der begleitenden halophytischen Vegetation mit ihren zum Teil gefährdeten Pflanzengesellschaften. Die Erhaltung des „Nesselbusch“ mit seinen Brachen, Hochstaudenfluren, Schilfröhrichten und Seggenbeständen sowie der Schutz vor nachteiligen Veränderungen, um die durch die dortigen Lebensgemeinschaften bestimmte Eigenart des Gebietes zu bewahren.

Vogelschutzgebiet Das Naturschutzgebiet liegt vollständig in dem Europäischen Vogelschutzgebiet „Werra-Aue zwischen Breitungen und Creuzburg“ mit der EU-Nummer 5127-401, der thüringeninternen Kennung 18 und dem WDPA-Code 555537614. In dem mehrteiligen, rund 2500 Hektar großen Schutzgebiet, ist die Wilhelmsglücksbrunner Aue die nördlichste Teilfläche.„Werra-Aue zwischen Breitungen und Creuzburg“. In: Weltdatenbank zu Schutzgebieten; abgerufen am 15. Februar 2023. Das im Jahr 2007 an die EU-Kommission gemeldete Gebiet schützt Vogelarten, für die nach Anhang I der Vogelschutzrichtlinie besondere Maßnahmen ergriffen werden müssen sowie die in Artikel 4 Abs. 2 der Vogelschutzrichtlinie genannten Zugvögel.Steckbrief des EU-Vogelschutzgebiets 5127-401 „Werra-Aue zwischen Breitungen und Creuzburg“. Auf der Website des Bundesamtes für Naturschutz (BfN); abgerufen am 15. Februar 2023. Übergreifende Ziele für die großflächigen Grünlandbereiche entlang der Werra sind die Erhaltung oder gegebenenfalls die Wiederherstellung des naturnahen Flusslaufs und der Stillgewässer mit ihren Verlandungsröhrichten, als Lebensraum für Eisvogel, Gänsesäger, Flussregenpfeifer, Graugans, Knäkente, Wasserralle, Kleinem Sumpf- und Teichhuhn, Zwergdommel, Rohrweihe und Lachmöwe, der extensiv genutzten Grünlandflächen mit ihren feuchten Bereichen, als Brut- und Nahrungshabitat für Wiesenbrüter wie Bekassine, Wachtelkönig, Kiebitz, Braunkehlchen und Wiesenpieper sowie für Weißstorch, Wachtel und Wendehals, der mit den Auengewässern verbundenen Auwaldreste, Gehölz- und Sumpfhabitate, als Lebensraum für Blaukehlchen, Gelbspötter, Schlagschwirl und Schwarzmilan sowie die störungsarme und durch periodische Überschwemmungen geprägten Werraaue, für die zahlreichen Watvogel- und Entenarten, für Brand- und Waldsaatgans, Singschwan, Kormoran, Tüpfelsumpfhuhn, Zwergmöwe, Trauerseeschwalbe, Schwarzstorch, Grau- und Silberreiher, Fischadler und Kornweihe.„Werra-Aue zwischen Breitungen und Creuzburg“ in der Thüringer „Verordnung zur Festsetzung von Europäischen Vogelschutzgebieten, Schutzobjekten und Erhaltungszielen“ vom 29. Mai 2008.

Flora-Fauna-Habitat-Gebiet